8 Jahre mit Stephen Hawking, dem genialen Physiker, in Cambridge

Was mich an Isaak Newton fasziniert, ist, dass er die Mathematik, mit der er seine physikalischen Erkenntnisse formuliert und belegt hat, vorher selbst entwickeln musste. 300 Jahre später nahm ein anderer genialer Physiker denselben Lehrstuhl wie Isaak Newton ein, den Lucasian Professor of Mathematics an der Uni Cambridge in England. Und für seine fundamentalen Erkenntnisse musste er auch die entsprechende Mathematik erst entwickeln. Während es bei Isaak Newton um die Schwerkraft und die dafür notwendige Differentialmathematik ging, entwickelte Hawking die Mathematik der „closed trapped surfaces“, um zu beweisen, dass es einen Urknall gegeben hat. Jedenfalls dann, wenn man innerhalb Einsteins Relativitätstheorie bleibt.

Ich traf Stephen Hawking erstmals im Jahr 1989 an jenem Institut, das die nächsten 8 Jahre mein Arbeitgeber sein sollte, am Department of Applied Mathematics and Theoretical Physics in Cambridge. Er konnte damals noch selbst sprechen, obwohl seine Krankheit schon weit fortgeschritten war. Verständlich war er allerdings nur für Insider_innen. Ein bisschen später schon musste er auf einen Sprachcomputer umsteigen, der anfangs zu seinem Leidwesen einen amerikanischen Akzent hatte. Bewegen konnte er praktisch nur noch seinen kleinen Finger. Doch das reichte nicht nur aus, um seinen elektrisch betriebenen Stuhl zu fahren und um ganze Vorlesungen zu halten, sondern auch, um weiterhin in der mathematischen Physik bahnbrechende Forschung zu betreiben.

Besonders hatte es mir die Idee einer kosmischen Zensur angetan. Hawking hatte bewiesen, dass es zwar echte Singularitäten (wie den Urknall) gibt bzw. geben muss, er wollte aber zeigen, dass diese Singularitäten durch Naturgesetze immer von der Außenwelt abgeschottet bleiben. Der Kosmos zensuriert diese Singularitäten sozusagen. Doch ein entsprechender Beweis gelang nicht. Vielmehr wurde zunehmend klar, dass in unserer physikalischen Welt Singularitäten und echte grundsätzliche Unberechenbarkeiten ein normales Phänomen sind. Eine wirklich erstaunliche Entdeckung! Die berechenbare Mathematik beweist die Unberechenbarkeit des Kosmos. Erinnert an den österreichischen Logiker Kurt Gödel und sein Unvollständigkeitstheorem.

In den Seminaren am Institut war es etwas mühsam, mit ihm zu diskutieren. Er benötigte eine lange Zeit für relativ kurze Antworten. Ganz anders seine öffentlichen Vorträge. Da konnte er die Texte im vorhinein speichern und flüssig sprechen. Die populärwissenschaftlichen Events mit ihm waren wahnsinnig gut besucht, die Säle voll, Hawking ein echter Superstar. Sprach er wieder einmal in der Öffentlichkeit, mussten 6 weitere Hörsäle für eine Liveübertragung gebucht werden, um seiner Popularität Rechnung zu tragen!

Berührt hat mich seine Aussage über seine populärwissenschaftlichen Bücher, wie „a brief history of time“. Die müsse er schreiben, meinte er, um die Kosten für seine Pflege zu begleichen. Das ginge sich mit dem Professorengehalt nicht aus. Spöttisch fügte er hinzu, dass er keine Mathematik verwenden habe können, da jede Gleichung im Buch laut seinem Verlag die Anzahl der Leser_innen halbiere. Also zitierte er nur die berühmte Einsteingleichung E=mc². Ich bezweifle allerdings, dass irgendjemand seine Ausführungen ohne mathematischen Unterbau verstanden haben kann.

Für Tierschutz und Tierrechte hatte Hawking leider nicht viel übrig. Er war Positivist. Zu einem gegebenen Experiment die Resultate mathematisch vorherzusagen sei interessant, aber nicht über eine objektive Realität an sich zu spekulieren. Und wie solche Leute oft, reduzierte er Bewusstsein auf computerartige Informationsverarbeitung und nahm entsprechend Tiere ethisch nicht Ernst. Ein Regenwurm sei ohne höheren ethischen Wert als ein Computer, der ihn vollständig simulieren könne, wozu wir bereits in der Lage wären, meinte er. Sein Doktorvater und Mentor Roger Penrose widersprach ihm. Für Penrose als Platonist waren mathematische Strukturen real und das Bewusstsein grundsätzlich unberechenbar. In diesen Disputen war ich vollständig auf der Seite von Penrose.

Im Mai 1994 wollte mich die britische Regierung deportieren, weil ich mich nicht nur gegen die hochherrschaftliche Jagd und für Tierrechte eingesetzt hatte, sondern auch die Tierversuche des eigenen Arbeitgebers zu kritisieren wagte. An der Uni wurde daraufhin eine echte Kampagne zu meinem Schutz ins Leben gerufen. Auch Hawking schrieb an den Innenminister und forderte, ich solle im Land bleiben dürfen. Der Brief ist oben abgebildet. Hawking war damals 52 Jahre alt, jünger als ich heute. Auch die österreichischen Medien berichteten übrigens von meinem Fall und die damalige Bundessprecherin der Grünen, Madeleine Petrovic, reiste sogar zu mir nach England, um mich zu unterstützen. Die Kampagne war erfolgreich, ich durfte bleiben. Und blieb noch weitere 3 Jahre.

Stephen Hawking starb am 14. März 2018 im Alter von 76 Jahren.

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