Weiterer offener Brief an die Profilredaktion zu Tierversuchen

Sehr geehrter Herr Rainer,
sehr geehrter Herr Schönberger,
sehr geehrte Redaktion,

wie zu erwarten haben Sie auf mein untiges Email nicht geantwortet, obwohl Sie sehr wohl auf andere Emails antworten, die sich zu diesem Tierversuchsartikel kritisch äußern. Aber mir ist nicht entgangen, dass Sie ganz gezielt diese „Diskussion“ daran aufhängen, dass Sie Tierschützer_innen als emotional gesteuert darstellen wollen, während die Tiernutzungsseite (ob Tierversuche oder auch bei Ihrem Artikel zur Gatterjagd) als intellektuell und objektiv präsentiert wird. So macht man sich die eigene Realität zurecht. Das Email unten passt daher nicht in das Konzept Ihrer „Bubble“ und wird entsprechend einfach ignoriert.


Ich sage Ihnen auf den Kopf zu, dass in Wahrheit die Situation genau umgekehrt ist. Sowohl die Tierversuchsindustrie als auch die Gatterjägerschaft scheuen das objektive, rationale Argument wie der sprichwörtliche Teufel das Weihwasser. Der von Ihnen präsentierte Herr Gatterjägermeister Mayr-Melnhof z.B. sagt öffentlich, dass er nur ein armer ungebildeter Bauer sei, der nicht mit mir, einem Doppeldoktor, öffentlich diskutieren werde. Kein Wunder, hat er doch gegen unsere 4 Fachgutachten, gegen die biologischen und chemischen Wasseranalysen seiner Gattergewässer und gegen die beiden Fachgutachten der Salzburger Landesregierung, die klar wissenschaftlich bestätigen, dass sein Jagdgatter die Natur vernichtet, keine Argumente vorzubringen. Erschütternd ist dabei nur, dass Sie in Ihrem Magazin diese Tatsache verschweigen und gezielt ins Gegenteil verkehren. Emotional kann eben nur der Tierschützer agieren, rational der Tiernutzer. So muss die Welt sein.

Dasselbe gilt für das Tierversuchsargument. Wie gesagt, unten habe ich zahlreiche Argumente und Fakten vorgebracht, für die sich ein Magazin, das vorgibt, kritischen Journalismus zu betreiben, doch eigentlich interessieren müsste, oder? Wenn das Tierversuchsgesetz nach Belieben gebrochen wird, ist das nicht einen Artikel wert? Stattdessen helfen Sie vorsätzlich mit, diese Kritik zu vertuschen und so zu tun, als sei bei Tierversuchen alles in bester Ordnung. Sind Sie eigentlich von Werbeeinschaltungen der Pharmaindustrie abhängig oder gibt es da inhaltliche Vorgaben von Raiffeisen? Wo, bitte schön, sind hierzulande noch unabhängige und kritische Medien zu finden? Man fühlt sich schon wie in Ungarn!

Sollten Ihnen noch weitere kritische Argumente zu Tierversuchen abgehen, dann darf ich aus dem New Scientist, das sicher alles Andere als ein Tierschutzmagazin ist, zitieren. Ausgabe vom 29. Oktober 2016, im Original siehe hier: http://www.martinballuch.com/new-scientist-sagt-tierversuche-sind-der-falsche-weg-in-der-forschung-fuer-menschen/. Selbst im Editiorial der Chefredaktion wird harsche Kritik an Tierversuchen geübt. Die gentechnischen Möglichkeiten, so steht dort, hätten dazu geführt, dass überall neue Krankheitsmodelle für Menschen in verschiedenen Tierarten entwickelt werden, die zwar ähnliche Symptome zeigen, aber ganz andere Ursachen haben, als die menschlichen Krankheiten. Daher wirken die Medikamente, die so entstehen, bei Menschen gar nicht. Was sagen Sie dazu? Besteht die Chefredaktion des New Scientist auch nur aus Menschen, die emotional überreagieren?

Oder kennen Sie eigentlich die wissenschaftliche Publikation „The costs and benefits of animal experiments“ von Dr. Andrew Knight, Fellow of the Oxford Centre for Animal Ethics and Member of the European Veterinary Specialist College of Animal Welfare and Behavioural Medicine? Ich denke heute kann man nicht mehr über die Ethik von Tierversuchen schreiben, ohne auf die wissenschaftlichen Forschungsergebnisse aus diesem Buch einzugehen. Darin wird z.B. belegt, dass Umstände wie die Nähe des Käfigs der Versuchstiere zu einem Ventilator oder einer Leuchtstoffröhre, dem Telefon oder der Tür sehr große Auswirkungen auf das Ergebnis eines Tierversuchs haben. Bei Tieren aus Käfigen nahe der Klimaanlage setzt die Giftwirkung eines Stoffes z.B. früher ein, als bei Tieren, deren Käfig weiter weg platziert ist, weil der Lärm der Anlage die Tiere so stresst. Sie sprechen von Wissenschaft: also wenn das Resultat einer Berechnung davon abhängt, wie nahe der Computer, der zur Berechnung verwendet wurde, dabei an der Tür gestanden ist, dann würde ich das Ergebnis wegwerfen. Sie nicht? Warum sollten wir dann auf solche Tierversuche etwas geben?

Sehr spannend auch Knights Analyse von 10 Jahren Tierversuchen an Schimpansen zu AIDS und Hepatitis. Ihnen ist sicher bekannt, dass die entsprechenden Tierversuche in Österreich, die seit den 1970er Jahren gelaufen sind, wegen vollkommener Ergebnislosigkeit 1999 abgesetzt wurden. Ein ähnliches Bild zeigt sich weltweit. In den Jahren 1995-2004 gab es 749 Tierversuche an Schimpansen, die publiziert worden sind. Die Ergebnisse von 49,5% davon sind nie in irgendeiner anderen wissenschaftlichen Arbeit zitiert worden, waren also komplett irrelevant. Die Ergebnisse von 15 % davon haben es immerhin in medizinische Journale gebracht, wurden dort aber nie dahingehend zitiert, dass dadurch Heilungsmöglichkeiten für Menschen entwickelt worden wären. Knight schlussfolgert, dass alle diese Tierversuche an Schimpansen unterm Strich komplett sinnlos waren. Und das, obwohl Schimpansen 99,4% des menschlichen Genoms teilen. Also wenn es bei denen nichts wird, wie soll es bei entfernter verwandten Tieren ausschauen? Wieviel Tierleid haben diese erwiesenermaßen sinnlosen Tierversuche bedeutet! Und das ist Ihnen kein kritisches Wort wert?

Knight hat sich aber auch die allerbesten Tierversuchsergebnisse angesehen, also jene, die mehr als 500 Mal in medizinischen Fachjournalen zitiert worden sind. 18,4% der Ergebnisse wurden am Menschen falsifiziert, 36,8% der Ergebnisse wurden am Menschen bestätigt, und die restlichen 44,7% nie auf den Menschen angewandt. Dabei konnte nicht nur lediglich ein Drittel der tollsten Tierversuchsergebnisse am Menschen bestätigt werden, es fanden sogar nur 10,5% davon den Weg auf den Markt. Also selbst von den allerbesten Tierversuchen sind 90% ohne Bedeutung für die menschliche Medizin! Wenn man die Statistik über alle Tierversuche durchführt, dann kommt man auf die sehr stabile Zahl von 92%: das ist jener Prozentsatz aller Arzneimittel, die im Tierversuch erfolgreich waren, aber nie zur klinischen Anwendung beim Menschen gekommen sind, weil sie beim Menschen eine ganz andere Wirkung entfalteten.

Von all dem erfährt man im kritischen Politmagazin Profil nichts. Stattdessen hemmungslos Werbung für die Tierindustrie und die Kritik wird als emotionale Überreaktion von ein paar unpolitischen alten Damen dargestellt, die vor lauter trauriger Tieraugen die objektive Realität übersehen und die wissenschaftlichen Fakten ignorieren. In Wahrheit ist es umgekehrt: Sie ignorieren vorsätzlich die wissenschaftlichen Fakten und versuchen jene Proponent_innen, die sie präsentieren, ins diskutative Abseits zu drängen.

Sollten Sie dieser Analyse nicht zustimmen, machen wir doch die Probe aufs Exempel. Stellen Sie sich einer offenen, rationalen und fairen Diskussion mit objektiver Moderation. Es wird Ihnen nichts kosten, sämtlichen finanziellen Aufwand trägt der VGT. Ich vertrete die kritische Seite und Sie können, gerne auch mit Hilfe anderer Personen, versuchen, den Tierversuchen das Wort zu reden. Ich würde mich sehr freuen. Nur leider kann ich mir kaum vorstellen, dass Sie darauf einzugehen bereit sind. Soviel Kritik verträgt das Profil dann auch wieder nicht. Lieber vertuschen und totschweigen. Ich trau mich wetten.

Aber belehren Sie mich doch eines Besseren!

Mit freundlichen Grüßen,

Martin Balluch

PS: Ich diskutiere mit Ihnen, Ihren Journalist_innen oder beliebigen von Ihnen gestellten Expert_innen auch gerne über die Gatterjagd, wenn Sie dazu bereit sind. Sie werden sehen und staunen, wie rational das Argument gegen die Gatterjagd ist. Ganz im Gegensatz zur Darstellung im entsprechenden Artikel im Profil.

——– Forwarded Message ——–
Subject:     Ihr Pro Tierversuchsartikel im Profil
Date:     Mon, 26 Feb 2018 13:45:50 +0100
From:     VGT Obmann <obmann@vgt.at>
To:     rainer.christian@profil.at

Sehr geehrter Herr Chefredakteur,

… siehe http://www.martinballuch.com/titelstory-pro-tierversuche-im-profil-offener-brief-an-die-chefredaktion/

One thought on “Weiterer offener Brief an die Profilredaktion zu Tierversuchen

  1. Martin C. says:

    Es gibt offenbar keinen freien und kritischen Journalismus (mehr), die Medien sind alle in ein enges wirtschafliches Korsett geschnürt, da bleibt kein Platz für Unabhängigkeit und Objektivität. Bleibt nur zu hoffen, dass zumindest die Mehrzahl der Leser den Artikel nicht unreflektiert als Tatsache hinnimmt.

    Eine Antwort der Redaktion oder gar die Teilnahme an einer Diskussionsrunde ist sehr unwahrscheinlich, es fehlt schlicht und einfach an sachlich fundierten Argumenten pro Tierversuch. Und, wer will sich schon blamieren und die zahlende Kundschaft vor den Kopf stoßen?

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