Akzeptierte Gewalt in den USA

P1000376„USA-bashing“ wird es genannt, wenn man die prävalente Gewalt in den USA anspricht und kritisiert. In Europa sei es auch nicht so anders und überhaupt solle man die Kirche im Dorf lassen. Umgekehrt herrscht in weiten Kreisen der europäischen Jugend und vielleicht weltweit eine große Begeisterung und Bewunderung für die USA. Europäische Hersteller drucken manchmal US-amerikanische Flaggen auf ihre Produkte, weil sie sich dann besser verkaufen. Technologische Produkte werden vornehmlich aus den USA bezogen und im Internet dominiert die USA sowieso auf allen Bereichen, von Facebook und Dropbox über Google und Yahoo bis zu Microsoft und Apple. Gleichwertige europäische Entwicklungen wurden auch in Europa nicht gekauft – obwohl wir durch die Enthüllungen von Snowden lernen, wohin das führt.

Die dänische Firma Lundbeck ist die einzige der Welt, die das Anästheticum Pentobarbital herstellt. Diese Chemikalie wird von ausnahmslos allen Gefängnisses mit Todestrakten in den USA bezogen, um damit ihre TodesstrafenkandidatInnen zu töten. Anfang November 2013 hat die dänische Firma einen neuen ethischen Standpunkt bezogen: sie liefert nicht mehr an Staaten, die die Todesstrafe erlauben. Einige US-Bundesstaaten, wie Arkansas, haben daraufhin alle Tötungen ausgesetzt. Andere Bundestaaten, wie Ohio z.B., führen nun Menschenversuche durch und töten ihre BürgerInnen mit einem Chemiemix, der noch nie ausprobiert worden ist, so z.B. am 14. November 2013 Ronald Phillips durch eine Mischung von Midazolam und Hydromorphon. Proteste gibt es kaum hörbar.

Das New Scientist vom 9. November 2013 berichtet auf Seite 5 von den Ergebnissen der Task Force on Preserving Medical Professionalism in National Security Detention Centers. Diese hatte ÄrztInnen interviewt, die in CIA-Gefängnissen bei der Folter von Terrorverdächtigen assistiert haben. Die Schlussfolgerung dieser Untersuchung war: „US intelligence services demanded doctors to participate in inhumane and degrading treatment of detainees“. Keine Reaktion der Öffentlichkeit. Die Mehrheit im Land scheint dieses Vorgehen ihrer Behörden zu begrüßen.

Im New Scientist vom 28. September 2013 wird der medizinische Spezialist für Schusswunden, Garen Wintemute, aus den USA befragt. Mehr als 30.000 Menschen würden dort jährlich erschossen und mehr als 100.000 angeschossen. Sie sterben unter großen Schmerzen. Der Mediziner sagt, er würde gerne seine Forschungsergebnisse dazu veröffentlichen, aber in den USA ist es eine mit Gefängnis zu ahndende Straftat, wissenschaftliche Forschungsergebnisse zu verbreiten, die eine Beziehung zwischen dem freien Zugang zu Waffen und einer hohen Gewaltrate herstellen. Wörtlich darf Forschungsgeld nicht dazu verwendet werden „to advocate or promote gun control“. Man darf dort also gar nicht öffentlich gegen den freien Waffenzugang argumentieren, selbst wenn man wissenschaftlich abgesicherte Fakten dazu hat!

Kürzlich im Radio: Die USA hält ihre Mitgliedsbeiträge zur UNESCO zurück. Der Grund ist, dass Palästina als Mitgliedsland gegen den Willen der USA aufgenommen wurde. Die BürgerInnen erwarten in den USA von ihrer Regierung, ihre weltweite Dominanz mit solchen Drohgebärden durchzusetzen. Ganz anders Europa: Obwohl die Mehrheit hier Aufdecker Edward Snowden Asyl gewähren will, traut sich auch Deutschland nicht. Die USA würde sicherlich scharfe Sanktionen setzen. Europa dagegen sanktioniert gar nichts, weder die Bespitzelung durch die NSA, noch den Verkauf von Pelzen in Europa aus dem Fallenfang in den USA, obwohl dieser Fallenfang in Europa seit 1991 verboten ist. Dieses Verbot hat damals auch den Import von Pelzen aus Ländern ab 1995 umfasst, die Fallenfang erlauben. Die USA hat sich durchgesetzt: Gegen das Votum des EU-Parlaments wurde das Gesetz von der EU-Kommission und dem EU-Rat geändert.

Die EU-Justizkommissarin sagte im Radiointerview, Europa müsse mehr Selbstvertrauen zeigen und den Schnüffeleien durch den USA-Geheimdienst die Stirn bieten. Schwer, dafür eine Mehrheit zu gewinnen, solange die USA so bewundert wird und Kritik an ihr nicht zulässig sei, weil „bei uns ist es auch nicht besser“. Ich bin mir da nicht so sicher.

4 thoughts on “Akzeptierte Gewalt in den USA

  1. Das hat wohl andere Gründe. Die USA sind nun einmal militärisch überlegen und deshalb können sie in verschiedenen Ländern Regierungen unterstützen, oder stürzen, je nachdem ob sie die Interessen der USA vertreten, oder nicht. Sie sind auch wirtschaftlich mächtig. Niemand will mit den USA einen Handelskrieg. Überall sitzen Lobbyisten, man erhofft sich Vorteile wenn man ihnen Geschenkle macht und fürchtet sich vor negativen Konsequenzen. International Konzerne die eigentlich amerikanische sind, bieten Arbeitsplätze und Gewinne für alle die mitmachen. Wer von den normalen Leuten die USA liebt, oder nicht, ist egal. Wer erfolgreich und mächtig ist, wird natürlich von vielen bewundert, hat dafür aber auch viele Feinde. Die Russen und die Chinesen machen auch dasselbe in ihren Einflussgebieten. Unsere Politiker sind nicht mehr als Hampelmänner der echten Politiker. Und selbst die werden von Wirtschaftsbossen gegängelt.

  2. Christoph G. says:

    Die „akzeptierte Gewalt“ und die „übertriebene Prüderie“ merkt man auch in sozialen Netzwerken made in USA, z.B. Facebook.
    Während neonationalsozialistische Gruppierungen, rumänische Hundemord-Gruppen, und gewalt-inhaltliches oder Bildmaterial durchwegs toleriert werden, und auch nicht gegen die vielzitierten sozialen Richtlinien verstoßen zu scheinen, werden Künstler und Fotografen, beim nur kleinsten Anzeichen sexueller Merkmale auf ihren Bildern, für mehrere Tage von FB ausgeschlossen.

    Während die USA Mitteleuropa politisch im ethisch-moralischen Würgegriff hält, scheinen einige der für die restliche Welt aufgestellte Regeln, im eigenen Land nicht zu gelten.

    „Wasser predigen und Wein saufen“ trifft’s da ziemlich genau.

  3. Bernd says:

    Danke für den Artikel Martin…

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