„Anima. Zeitschrift für Tierrechte“ nach 31 Jahren eingestellt

Sie blieb immer in kleinem Rahmen, mit bescheidenem Layout, ohne Kaufpreis, die Anima, Zeitschrift für Tierrechte. Doch sie hatte einen treuen Leserstamm. So auch mich. Gegründet wurde sie in Graz 1985, wo sie nach einem sehr kurzen Zwischenspiel in Wien bis zuletzt blieb. 31 Jahre lang, kein schlechtes Alter für eine Zeitung im Internetzeitalter. Mit der Ausgabe 32. Jahrgang Nr. 1 vom Frühjahr 2016 wurde sie nun eingestellt, wie ihr Chefredakteur Erwin Lauppert bekannt gibt.

Ich lese sie erst seit 20 Jahren und kann mir daher kein Bild von ihr vor dieser Zeit machen. Ich habe aber mit Chefredakteur Lauppert sowohl im Juli 2014 (http://cba.fro.at/265618) als auch im November 2007 (http://cba.fro.at/8281) Interviews geführt. Wir waren in Vielem nicht derselben Meinung, aber durch die konstruktive Auseinandersetzung ohne Denunziation wird eine Bewegung erst lebendig.

Da ist z.B. das ewig wiederholte Mantra der Anima, dass es utilitaristisch gesehen schlecht sei, vegan zu leben, weil dadurch weniger Milchkühe gehalten werden und deshalb weniger Rindfleisch produziert würde und so mehr Schweine und Hühner als Rinder gegessen würden. Und das sei schlecht, weil Rinder tendenziell besser gehalten würden und vor allem größer seien, sodass dieselbe Menge Fleisch nur weniger Tiere betreffe. Naja, das Argument ist schwach, sehr schwach. Erstens haben wir seit Jahrzehnten kaum noch Zweitnutzungsrinder, sonst würde man nicht die männlichen Milchkälber, wie wir dokumentiert haben, in großer Zahl ununterbrochen für Peanuts in den Süden schicken. Und zweitens steht nicht die Tiergröße, sondern ihre Nutzung per se im Vordergrund. Die Aussage, es sei verwerflicher Hühner als Rinder zu essen, weil sie kleiner sind, setzt einen platten Utilitarismus voraus, den ich nicht teile. Und zuletzt ist es nicht richtig, dass Mastrinder oder auch Kälber dauerangebundener Milchkühe besser gehalten würden als Schweine. Sie stehen letztlich genauso auf Vollspaltenböden ohne Stroheinstreu im dichten Gedränge herum. Utilitaristisch gesehen ist das sogar schlechter, weil sie im Schnitt gut 3 x solange leben wie Schweine und daher 3 x so lange leiden. Nicht, dass ich diese Art der Leidensrechnung vertreten würde.

Die Anima hat auch ständig unsere Jagdkampagnen kritisiert, und zwar wieder utilitaristisch, weil die bejagten Tiere ja im Freiland gelebt hätten und daher Kritik an der Jagd wie Kritik an der Freilandhaltung zu sehen sei. Auch das empfinde ich als falsch. Die Jagd ist eine Nutzungsform von Tieren und hat ihre eigenen grotesken Auswüchse, wie die Gatterjagd oder die Massentierhaltung von Zuchtfasanen, die entsprechend kritisiert werden müssen. Es geht nicht darum, wieviele Tiere wieviel leiden, sondern darum, auf allen Ebenen den Umgang mit Tieren zu hinterfragen und gewaltfreiere Lösungen zu finden und Verbote zu erreichen, wo es bereits Mehrheiten dafür gibt. Auch in der letzten Ausgabe der Anima steht wieder, dass es besser wäre, ein spanischer Kampfstier zu sein, als ein österreichischer Maststier und wir deshalb nicht gegen den Stierkampf, sondern gegen die Maststierhaltung vorgehen sollten. Nein, sehe ich nicht so. Es macht einen wesentlichen Unterschied, warum jemand ein Tier misshandelt. Ist es, wie im Stierkampf und der Gatterjagd, nur zum Spaß – auch wenn in beiden Fällen die Opfer danach manchmal gegessen werden – dann ist es politisch gesehen prioritär, diese Auswüchse abzustellen. Eine Gesellschaft kann nicht Tierschutz in der Verfassung stehen haben und gleichzeitig zulassen, dass Tiere aus Jux und Tollerei leiden müssen. Das widerspricht der Würde der Tiere so grundlegend, dass das der erste Schritt im Tierschutz sein muss.

Aber die Anima hat auch unseren Kampagnenstil kritisiert. Unsere Demos wären zu laut und emotional, unsere Jagdbeobachtungen würden die Jägerschaft unnötig provozieren. Ein bisschen, auch wenn nicht explizit ausgesprochen, schienen wir selbst am Tierschutzprozess schuld zu sein. Stattdessen hätten wir ausschließlich auf die Macht der KonsumentInnen setzen sollen. Wenn die nicht mitmachen, dann ändere sich, so der Plan, der Umgang mit den Tieren von selbst. Ja und nein. Ja, über Bewusstseinsbildung bei KonsumentInnen konnten wir pflanzliche Alternativen oder auch Eier aus besserer Legehennenhaltung am Markt positionieren, und damit Pionierarbeit für die Zukunft leisten. Aber nein, ohne Gesetze, die nur durch öffentlichen Druck gegen die Wirtschaftsinteressen zustande kommen, geht gar nichts. Und da kommt man geradewegs in Konflikt mit den Mächtigen im Staat, daran führt kein Weg vorbei.

Also, die Anima hat die Arbeit des VGT regelmäßig kritisiert. Aber deshalb habe ich sie dennoch geschätzt. Die Kritik blieb immer respektvoll und sachlich. Und, wie gesagt, Meinungsvielfalt ist der Schlüssel zu einer Massenbewegung, die die gesamte Gesellschaft erfasst. Vieles, was in der Anima stand, hatte auch Hand und Fuß, das möchte ich nicht schlechtreden. Oftmals fanden sich historisch interessante Ausführungen oder Belletristisches über Tierleid aus der Weltliteratur. Ich finde es daher sehr traurig, dass dieses Kapitel nun abgeschlossen und die Anima eingestellt werden soll. Schade, dass niemand einer jüngeren Generation bereit war, das Licht ein Stück weiter zu tragen.

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