Aufarbeitung der Nazizeit: Schindler, Göth und das Zwangsarbeitslager Plaszow

Ich stehe auf dem Gelände des ehemaligen Zwangsarbeitslagers und später auch KZs Plaszow in Krakau, Polen. Etwa 10.000 Lagerinsassen wurden hier ermordet, zusätzlich zahlreiche Personen zur Erschießung auf diesen Hügel im Lager gebracht. Dort oben steht heute zwar ein Denkmal, aber das Lagerareal ist ein Erholungsgebiet. Im Gelände spielen Kinder, ein Mann übt Schüsse mit Pfeil und Bogen, eine Familie lässt sich ein Picknick in der Sonne schmecken. Auf dem Hügel waren die Erschossenen von ZwangsarbeiterInnen zunächst vergraben, dann wieder herausgeholt und verbrannt worden. Die Erde muss von Blut getränkt sein. Heute genießen hier die Menschen unbekümmert ihre Freizeit.

P1030902kleinDas Lagergelände war riesengroß. Betrachtet man alte Pläne, kann man alles noch in der Landschaft erkennen. Von einer SS-Baracke stehen 1 m hohe Grundmauern, mit Gras überwachsen. Darauf liegt ein junger Mann und liest ein Buch. Sämtliche Lagerstraßen bestehen heute noch praktisch unverändert. Das Haus der SS-Wache am Haupteingang wurde renoviert. Wo noch vor 70 Jahren die Hacken in den schweren SS-Stiefeln bei der Ankunft der Lagerführung zusammengeschlagen wurden, spielen jetzt lachende Kinder, ein älterer Mann blickt aus dem Fenster.

P1030910kleinAuch der alte Bahnhof, wo viele der ArbeitssklavInnen ankamen, ist deutlich zu erkennen, die Schienenstränge verrosten im Boden. Die Bahnhofshalle von damals steht noch, wird aber ebenfalls als Wohnhaus genutzt. Von hier ging die sogenannte „SS-Straße“ den Hang hinauf, gesäumt von Häusern der Lagerelite. Am Ende der Straße stand Amon Göths Villa. Und dort steht sie heute noch, siehe Bild ganz oben. Ich bin fassungslos. Unverändert hat sie die 70 Jahre überdauert, nun verfällt sie. Hier ist der Balkon, von dem er aus ins Lager geschossen hat. Heimlich betrete ich das Gebäude. Die Stiegen führen in den Keller, in dem Göth seine Arbeitssklavinnen gehalten hat. Durch Schindlers Liste konnten sie letztlich überleben.

P1030913kleinZurück im Lager kann ich den Appellplatz deutlich identifizieren. Ein Teil davon ist von Göths Balkon einzusehen, das Bild zeigt den Blick über den Appellplatz hinweg zu seiner Villa hinüber. Hier muss er damals also hergeschossen haben, wie von verschiedenen ZeugInnen kolportiert wird. Mindestens 500 Menschen soll er eigenhändig in seinen 550 Tagen absoluter Herrschaft über Leben und Tod als Lagerkommandant umgebracht haben, für zigtausende weitere Ermordungen gab er den Befehl. Auch hier wandern Liebespaare Hand in Hand, radeln fröhliche Menschen vorbei. Das Leben geht weiter.

P1030894klein10 km mussten jene Insassen von Plaszow, die in der Emailfabrik von Oskar Schindler arbeiten durften, täglich hin und zurück marschieren. Ich folge ihren Spuren. Von dieser Fabrik steht noch ein zweistöckiges Gebäude, der Eingang ist unverändert, Haufen von alten Emailwaren aus der Zeit sind noch vorhanden. Die Fabrik beherbergt seit einigen Jahren ein großartiges Museum, über die Besetzung von Polen durch das Dritte Reich, über die Herrschaft von Hans Frank im Generalgouvernement, die von Krakau ausging, aber auch über Schindlers Einsatz, durch den letztlich mehr als 1000 jüdische Menschen aus den Händen der Nazis gerettet werden konnten. Sein Schreibtisch in seinem Büro ist ebenfalls ausgestellt. Und über die Geschichte des Arbeitslagers Plaszow kann man hier alles erfahren. Im Lagergelände gibt es dagegen lediglich an einer versteckten Stelle eine winzige Tafel mit Erklärungen, alles in Polnisch.

P1030886klein70 Jahre nach der Befreiung von der Nazi-Diktatur sagt nach Angaben der Tageszeitung Österreich eine Mehrheit der Menschen hierzulande, man solle die Aufarbeitung dieser Zeit nun beenden und einen Schlussstrich ziehen. Interessant, dass die Größe dieser Mehrheit über die Jahrzehnte abgenommen hat. Unmittelbar nach dem Krieg meinte das noch fast jedeR, heute ist es gerade noch die Hälfte. Nur so ist zu erklären, dass z.B. die Tötungsanstalt in Schloss Hartheim in Oberösterreich erst vor sehr kurzer Zeit zum Museum wurde. Ich habe sie noch als Wohnhaus von MieterInnen gesehen, selbst in der Gaskammer, in der gut 40.000 Menschen umkamen, schliefen Menschen unbekümmert.

Was für ein Kontrast zwischen dem Museum in Schindlers ehemaliger Fabrik und dem Lager Plaszow, das dem Vergessen anheimfällt. Wie können wir aus der Geschichte lernen, wenn wir sie nicht aufarbeiten? Islamophobie und Fremdenfeindlichkeit sind in ihrer Gefahr für die Gesellschaft erst einschätzbar, wenn sie mit der geschichtlichen Entwicklung zur Nazidiktatur in Beziehung gesetzt werden. Genauso muss man natürlich den Austrofaschismus und die kommunistischen Diktaturen in die geschichtliche Perspektive einarbeiten. Als Gesellschaft sollten wir nicht dieselben Fehler noch einmal machen. Wer demokratiemüde wird, wäre gut beraten, sich mit der Geschichte des 20. Jahrhunderts in unseren Breiten näher auseinander zu setzen. Daher sollten wir nicht nur keinen Schlussstrich ziehen, sondern die Bemühungen zur Aufarbeitung wesentlich verstärken, bevor die letzten ZeitzeugInnen verstorben und historische Gebäude, wie die Villa von Göth, in sich zusammengebrochen sind.

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