„Bedürfnis“, ein rein menschlicher Begriff? Ein Meinungsaustausch

Auf der Tagung „Ökonomien tierischer Produktion“ am Institut für Europäische Ethologie in Wien durfte ich an einer Podiumsdiskussion zur Frage einer Nutztierethik teilnehmen. Ich argumentierte u.a. mit meiner Beziehung zu meinem Hundefreund für Tierrechte und Autonomie. Da wurde mir die Frage gestellt, ob „Bedürfnis“ nicht nur ein menschlicher Begriff sei und wieso ich dieses Konzept so einfach auf nichtmenschliche Tiere anwende. Daraus entspann sich der folgende Emaildialog, den ich mit Zustimmung meines Diskussionspartners hier vollständug und unverändert wiedergebe:

Lieber Herr Nieradzik,

vielen Dank für die Organisation dieser spannenden Tagung und dass Sie mich dazu eingeladen haben. Ich habe viel daraus mitgenommen.

Doch zu einem Kommentar von Ihnen im Rahmen der Podiumsdiskussion würde ich gerne nachfragen. Sie sagten, dass „Bedürfnis“ ein „menschlicher Begriff“ sei und daher auf Hunde entweder gar nicht oder nur in anthropozentrischer Weise anwendbar sei. Wie haben Sie das gemeint?

Teilen Sie meine Ansicht, dass es eine objektive Realität außerhalb von mir bzw. „dem menschlichen Bewusstsein“ gibt, und unsere Sprache und Begrifflichkeit diese lediglich und unzureichend versucht abzubilden? Mit anderen Worten, ich kann sehr wohl über das Verhalten und die Gefühle von meinem Hundefreund sehr viel erfahren, nur muss ich aufpassen, wenn ich meine subjektiven bzw. alle „menschlichen“ Erfahrungen da extrapoliere, genauso, wie ich aufpassen muss, dass nicht alle Menschen unter „Bedürfnis“ dasselbe verstehen werden wie ich?

Oder meinen Sie in irgendeinem Sinn kreiert das „menschliche Bewusstsein“ durch seine Begrifflichkeit erst eine Realität und daher gibt es nicht nur das Bedürfnis von Hunden sondern auch die Hunde selbst nur in Form „menschlicher Begriffe“? Diese Sicht, so absurd sie mir scheint, finde ich immer wieder z.B. in geschichtswissenschaftlicher Literatur, wenn dort tatsächlich behauptet wird, Zeit sei ein Konzept des „menschlichen Bewusstseins“, das außerhalb überhaupt nicht existiert.

Die Anführungszeichen führen mich zur nächsten Frage: wer oder was ist „Mensch“ bzw. „menschliches Bewusstsein“? Eine biologische Definition über Gene und Evolution werden Sie vermutlich nicht wollen. Woran erkenne ich dann, wer Mensch ist und warum teile ich mit diesen Wesen ein „menschliches Bewusstsein“? Provokant gefragt: warum ist mein Hundefreund kein Mensch, aber irgendwelche mir unbekannten und völlig fremden Wesen, die ich überhaupt nicht verstehe und deren Verhalten mir völlig rätselhaft ist und die meinem Eindruck nach auf mich überhaupt keinen Einfluss haben, schon? In wiefern gibt es ein gemeinsames Bewusstsein aller wie auch immer definierter Menschen? Was teilen wir da genau? Konzeptuell scheint es mir Sinn zu machen, solipsistisch von MEINEM Bewusstsein und MEINEN Begriffen wie „Bedürfnis“ zu sprechen, aber nicht von einem „menschlichen“.

Ist es nicht so, dass der Begriff „Bedürfnis“ und mit ihm alle kulturelle Prägung von mir ohne mein Zutun durch meine Sozialisation auf mich gekommen ist? Aber dasselbe trifft auf meinen Hundefreund zu. Er steht doch überhaupt nicht außerhalb der Gesellschaft, quasi als Naturobjekt in einer ihm fremden Kultur, sondern er ist genauso viel oder wenig Kultur- und Naturwesen wie ich und er ist genauso viel oder wenig kulturell geprägt, wie ich. Auch er hat Begriffe, wie z.B. „Stocki“, die ich nicht erfunden habe, sondern die Kulturgut sind. „Bedürfnis“ ist daher genauso viel oder wenig mein Wort wie sein Wort, und daher nicht irgendwie für mich passend und für ihn nicht. Ich würde sagen: wir beide HABEN so etwas wie Bedürfnisse, die von diesem Begriff nur sehr vage und unscharf getroffen werden, aber durch unsere in diesen Dingen viel vertrauenswürdigere nonverbale Kommunikation verstehen wir uns an diesem verbalen Begriff vorbei sowieso viel besser.

Es würde mich freuen, wenn Sie mir dazu kurz Ihre Ansicht erläutern könnten.

Mit freundlichen Grüßen,

Martin Balluch

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Lieber Herr Balluch,

vielen Dank für Ihre Email und Ihre Anregungen, Anmerkungen und Kritiken.
Ich möchte gerne darauf Bezug nehmen und sehe ein grundsätzliches Problem
in der grundsätzlichen Positionierung des eigenen Standpunktes. Mein
Kommentar, ein Bedürfnis sei menschlicher Provenienz, rekurriert auf einen
praxistheoretischen Standpunkt. Das heißt, ich sehe es für nicht
gewinnbringend, zwei häufig antithetisch zueinander formulierte
Standpunkte gegeneinander auszuspielen. Das wäre zum einen ein Standpunkt,
der von der Welt und Existenz von Dingen als einem ahistorischen Apriori
ausgeht, in dem Sinne, die Welt sei allem vorgeordnet, auch der
Wahrnehmung.
Der zweite, diesem entgegengesetzte Standpunkt könnte als ein radikal
kulturalistischer beschrieben werden, demnach nur das, worüber wie
sprechen, was wir benennen, existiert, das heißt: Indem ich etwas benenne,
erschaffe ich es. In Argumentation eines solchen (radikal) performativen
(performativ magischen) Ansatzes könnte man folgerichtig behaupten: Vor
Darwin kein Darwinismus, vor Marx kein Klassenkampf etc. Aber, wie gesagt,
grundsätzlich halte ich es nicht für nützlich, diesen beide Perspektiven,
Standpunkte etc. gegeneinander auszuspielen.

Vielmehr, dies ist mein Standpunkt, kommt es darauf an zu versuchen, die
Dinge mit den Augen der Leute zu sehen (ich bin ein Kulturanthropologe und
stelle eine anthropologische Differenz nicht grundsätzlich infrage), das
heißt: Ziel einer Kulturanalyse muss es sein, sich der Innenperspektive,
der emischen Sicht auf die Dinge anzunähern. Wie nehmen wir die Welt wahr?
Wie deuten wir sie? Was ist für uns von Bedeutung usw.?
Die Frage nach der Wahrnehmung führt zur Frage nach dem
Selbstverständlichen, dem vermeintlich Natürlichen. Ich vertrete absolut
den Standpunkt, dass Nichts selbstverständlich oder gar natürlich ist,
sondern vielmehr Ergebnis bzw. Produkt eines langwierigen historischen,
soziokulturellen Prozesses. Nichts ist in meinen Augen von der
menschlichen Wahrnehmung und Weltbeschreibung unabhängig. Jeder von uns
glaubt, dass so manches es schon immer gegeben habe, es sozusagen
ahistorisch sei. Ich denke das nicht. Die Frage sollte nicht diejenige
sein, jemanden zu überführen, indem man behauptet „Du hast unrecht“,
sondern: „Warum denkt jemand, dieses und jenes sei selbstverständlich“.
Das zumindest ist der Grundstandpunkt einer empirischen
Kulturwissenschaft, als deren Vertreter ich mich sehe.
So ist auch das Bedürfnis, wie jedes Wort, eine Benennung und daher
anthropologischer Provenienz. Ich schreibe einem Tier, das ich erst als
ein Tier klassifiziere, ein Bedürfnis zu, und gehe davon aus, dass alle
Lebewesen Bedürfnisse haben. Das ist eine genuin anthropologische Setzung,
die einmal die „kultürliche“ Grenzziehung zwischen Mensch und Tier
voraussetzt und zugleich negiert, indem ich einem Nichtmenschen etwas
zuschreibe, worüber nur ich die Macht habe, nämlich die Macht/Privileg der
verbalisierten und verschriftlichten Zuschreibung. Grundsätzlich negieren
auch Sie in meinen Augen die anthropologische Grundannahme in ihrer
Argumentation. Argumente, die auf Bewusstsein rekurrieren, haben als
Vorgeschichte eindeutig kognitionsbiologische Studien. Bewusstsein ohne
Gehirn ist undenkbar, so die Argumentation, die nicht natürlich ist, aber
als selbstverständlich wahrgenommen wird (!). Folglich sei die Differenz
nicht diejenige zwischen Menschen und Tieren, sondern zwischen bewussten
und unbewussten Lebewesen. Wo ziehen Sie hier die Grenze und warum ist das
Bewusstsein die Referenzebene? Es geht um die Aufnahme von nichthumanen
Tieren in den Kreis der humanen. Bezugspunkt bleibt der Mensch, das Tier
hingegen eine Defizitkategorie. Beispiel: der Tintenfisch, ein Weichtier,
der im speziezistischen Ranking ja vor einigen Jahren aufgerückt ist.  Ich
denke, ein Beispiel aus der Geschlechterforschung könnte hier hilfreich
sein. Die Frage, ob es Mann und Frau als biologische
Geschlechter gebe, halte ich für irrelevant, um mit Judith Butler zu
sprechen. Wichtig ist, wie jede_r von uns sich selbst wahrnimmt, sich
selbst verortet (was ausschießlich nur über Prozesse des Othering möglich
ist), oder anders gesagt: Wenn angenommen werden kann, dass
Geschlechtsidentität die kulturellen Ausprägungen bedeutet, die der
sexuell konnotierte Körper annehmen kann, dann kann im Umkehrschluss
niemals Geschlechtsidentität auf ein biologisches Geschlecht zurückgeführt
werden. Die Frage ist dann nicht „Gibt es Geschlechter oder nicht?“,
sondern: „Warum nehmen die Menschen so oft eine
Geschlechterheteronormativität als natürlich wahr?“. Diese Argumentation,
so meine Position, kann auch auf den Bereich der Human-Non-human-Animal
Studies übertragen werden. Das in etwas wäre meine Antwort auf Ihre Frage
und Ihren Kommentar.

Abschließend möchte ich noch anmerken, dass mich Ihr Kommen wirklich sehr
gefreut hat. Ich habe gemerkt, dass Ihnen häufig ein Gegenwind entgegenkam
in den beiden Tagungstagen, was ich auch sehr schade finde. Auch wenn ich
zugegeben Ihren Positionen nicht immer zustimme und auch gerne
widersprechen möchte (Ihr Standpunkt, wenn ich mir diese Bemerkung noch
erlauben darf, scheint in meinen Augen radikal und in Anbetracht meiner
oben genannten Ausführungen mitunter auch sehr kritikwürdig), so halte ich
ihre Perspektiven für anregend und – ohne hier darauf näher einzugehen –
die Existenz und Arbeit des VGT für notwendig.

Ich hoffe, auch in Zukunft im Austausch mit Ihnen zu bleiben!

Liebe Grüße

Lukasz Nieradzik

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Ich fürchte da tun sich Klüfte auf, die weder in einer Emaildiskussion
noch, vermutlich, überhaupt zu schließen sind. Meine Sicht auf die
Realität ist ganz klar: Menschen – wie auch immer definiert – sind für
das, was Realität ist, völlig irrelevant. Es gibt ein Universum, das vor
15 Milliarden Jahren entstanden ist, schließlich die Sonne und die Erde
gebildet hat, wo vor 4 Milliarden Jahren Leben entstand, das vor etwa
400 Millionen Jahren ein Bewusstsein und damit eine subjektive Sicht
entwickelt hat. So kamen Werte auf die Welt. Tierarten gibt es nicht,
damit auch keine biologische Definition der Tierart Mensch – oder ist es
nicht doch eine Gattung homo? Vielmehr sind überall fließende Übergänge,
die verschiedenen tierlichen Individuen (wie Menschen) kommen und gehen.
Das, was als Tierart homo sapiens bezeichnet wird, ist eine temporär
existierende, künstlich so bezeichnete Gruppe genannt Gattung/Art von
Lebewesen, die, je nach Definition des Begriffs, vor 120.000 Jahren
begonnen hat und in weniger als dieser Zeit wieder verschwunden sein
wird. Nichts Besonderes, ein kurzes Augenzwinkern auf einem der Myriaden
von Staubkörnchen in diesem Universum. Vermutlich gibt es momentan
Millionen von anderen Planeten voller Lebewesen, die sich vielleicht
auch Gedanken über das Universum machen, und die genauso kommen und
gehen. In ca. 1 Milliarde Jahren wird die Sonne so groß aufgeblasen
sein, dass alles Leben auf der Erde stirbt. Das wird aber absolut gar
nichts am Weiterbestehen des Universums ändern, im Großen ist nicht nur
die sogenannte „Menschheit“, sondern die ganze Erde und ihre Geschichte
vollkommen egal.

Konkret zum „Bedürfnis“. Zunächst ist das ein Begriff, und zwar keiner
„menschlichen Sprache“, sondern der deutschen Sprache. Der Inhalt dieses
Begriffs wird von Subjekt zu Subjekt anders verstanden werden.
Tatsächlich gibt es real Gedanken, Gefühle und Affekte in uns Lebewesen
mit Bewusstsein. Manche von uns versuchen diese Realitäten durch verbale
Ausdrücke zu vermitteln, und dafür verwendet wiederum ein Teil dieser
Wesen den Begriff „Bedürfnis“. Der Begriff ist also nur eines von vielen
Versuchen, real existierende, innere Zustände zu kommunizieren, und
passt entsprechend schlecht auf die Realität. Diese Kommunikation
dessen, was real als „Bedürfnis“ existiert, funktioniert umso besser, je
besser sich diese Wesen kennen. Entsprechend habe ich ein wesentlich
besseres Verständnis davon, was bei meinem Hundefreund ein Bedürfnis
ist, als bei sonst einem anderen Wesen, inklusive jene, die deutsch
verbalisieren. Die Sprache als Kommunikationsmittel ist eben gerade für
Gefühle sehr schlecht geeignet.

Mit anderen Worten: ich bin mir wesentlich sicherer, dass mein
Hundefreund so etwas wie Bedürfnisse real hat, und woraus die bestehen
und wie sie sich subjektiv für ihn anfühlen, als ob Sie so etwas haben,
woraus das bei Ihnen besteht und wie es sich für Sie anfühlt. Die
soziale Beziehung vermittelt mir derlei viel besser als das gesprochene
Wort.

Sie sind mir schuldig geblieben zu definieren, was „Mensch“ eigentlich
sein soll. Wenn das nicht – völlig willkürlich – biologisch definiert
wird, dann kann ich diesem Begriff überhaupt keinen Sinn mehr geben. Ist
mein Hundefreund ein Mensch? Und wenn nein, wieso nicht? Das kann doch
wohl nicht daran liegen, dass er nicht verbal kommuniziert? Das tun
viele „Menschen“ auch nicht, soweit ich das verstehe. Sind Mbuti Pygmäen
Menschen? Und wenn ja, wieso? Mit ihnen und ihrer Denkweise und ihrer
Sprache habe ich nun wirklich praktisch gar nichts gemein, mit ihnen
haben weder ich noch meine VorfahrInnen zusammen ein Bewusstsein oder
Begriffe entwickelt. Ich teile unendlich mehr mit meinem Hundefreund als
mit Mbutis. Also wenn ich mitreden darf, dann ist mein Hundefreund ein
Mensch. Er gestaltet genauso meine „Sprache“ mit, er gestaltet die
Gesellschaft mit, er gestaltet die Kultur mit. Also warum wird er da
ausgeschlossen?

Ich finde Menschen und menschliche Kulturen vergleichsweise sehr
uninteressant. Eben weil ich der Ansicht bin, „menschliche“ Kulturen
spiegeln nur wider, was irgendwelche Menschenaffen sich von der Realität
einbilden, sind sie völlig ohne Relevanz. Nur die Naturwissenschaft kann
sich von diesem subjektiven Standpunkt lösen und der objektiven
Wirklichkeit nähern. Sie ist in meinen Augen das einzig Interessante,
das Menschen so von sich geben. Nur Naturwissenschaften würden mir
abgehen, wenn ich nie wieder mit menschlichen Gesellschaften zu tun
hätte, alle anderen Kulturleistungen sind Schall und Rauch.
Mathematische Theoreme sind wahr, hier und jetzt, sie waren es schon
immer und werden es immer sein, ob auf der Erde oder in einer fernen
Galaxie. Mathematik hat nichts mit Menschen zu tun, Primzahlen können
auch von ganz anderen Lebewesen auf ganz anderen Planeten gefunden
werden. Mathmatik betreibt auch der Löwe, wenn er 2 Zebras zur
Wasserstelle gehen sieht, und 1 zurückkommt, und er 2-1=1 rechnet und
zur Wasserstelle geht, weil dort noch 1 Zebra sein muss. Deshalb finde
ich Mathematik so interessant.

Es gibt meinem subjektiven Empfinden nach nichts Begeisternderes,
Erhabeneres, mehr Respekt Gebietenderes, als einen Urwald, als von
Kulturleistungen völlig unbeeinflusste Natur. Deshalb würde ich sofort,
wenn das nur möglich wäre, 30.000 Jahre in die Vergangenheit
zurückreisen und dort bleiben. Dafür würde ich auch in Kauf nehmen, ohne
medizinische Hilfe zu leben und ohne Technik verschiedenen Gefahren
ausgesetzt zu sein. Aber das Gefühl, in einem scheinbar unendlichen
Urwald zu stehen, würde mich glücklicher machen, als sonst irgendetwas,
das ich mir denken könnte. Wie ich in meinem Buch schreibe: ich sehe
mich als Wildtier, nicht als Mensch in einer Kultur. Mir sind Menschen
und ihre seltsamen Bedürfnisse völlig fremd. Ich habe damit nichts zu
tun. Mir stehen Wildtiere viel näher.

Ich frage mich nur, wie Sie vor Gericht agieren würden, wenn Sie
fälschlich einer Straftat angeklagt wären. Würden Sie dann
naturwissenschaftliche Fakten zusammenstellen und auf die Konsistenz der
objektiven Realität pochen, oder würden Sie damit argumentieren, was
menschliches Bewusstsein und Kultur für Realitäten schaffen? Letzteres
würde mich an Hexenprozesse erinnern – damals war Hexenzauber auch eine
Realität in den Augen fehlgeleiteter Menschenaffen. Die Bedürfnisse
meines Hundefreundes existieren genauso real, wie der Baum am
Straßenrand. Beides können Sie nicht wegdefinieren oder durch
irgendwelche Kulturleistungen entfernen. So, wie Sie, auch wenn Sie ihn
wegdefinieren wollen und weiterfahren, trotzdem gegen den Baum krachen,
so bleiben auch Bedürfnisse und subjektive Empfindungen meines
Hundefreundes von menschlichen Begriffen, Kulturleistungen oder
bewussten Überzeugungen völlig unberührt. Das ist für mich
selbstverständlich.

MfG, Martin Balluch

————————–

Guten Tag Herr Balluch,

ich bin erschrocken über die Radikalität und apostrophierte
Unhinterfragbarkeit, mit der Sie Ihre Sicht auf die Dinge vortragen. Ich
werde nicht auf Ihre rhetorischen Fragen eingehen, sondern versuchen, den
Hintergrund Ihrer Argumentation zu beleuchten und vor allem die
Legitimität anderer Perspektiven zu nennen. In einzelnen Fragen stimme ich
zu (Bsp. Bedürfnisse von Lebewesen, die auch, Stichwort: A. Damasio,
diejenigen ohne Bewusstsein haben), die perspektivische Grundierung geht
Ihnen jedoch völlig ab. Und das wahrlich ist eine starkes Stück.

Ihre Abwehr gegenüber selbstreflektiver Anstrengung scheint überaus
fragwürdig. Sie erinnern mich ein wenig an einen Lebensreformer im Fin de
Siecle. Sie gehen von einer hypothetischen Realität aus, die niemandem
zugänglich ist (Das ist ganz zentral, und das ignorieren Sie vollkommen!),
desgleichen könnten wir behaupten, es existierte ein Weltgeist o.Ä. Zu
Ihrem „Bedürfnis“-Tutorial: Eindeutig eine Poppersche Argumentation, die
nur eine unter vielen ist. Kritische Theorie, Diskurstheorie, vom
Poststrukturalismus und den Debatten um die Krise der ethnographischen
Repräsentation in der Postmoderne ganz zu schweigen, blenden Sie aus! Das
ist viel zu einseitig und verabsolutierend. Sie verschleiern ihre
Argumentationsstruktur und machen im Grunde das, was sie ablehnen, eine
strategie d’universalisation, eine Argumentation, die partikularistisch
daherkommt, den Anspruch auf Allgemeingültigkeit beansprucht, ersteres
aber verschleiert!
Insgesamt berufen Sie sich nur auf naturwissenschaftliche Erkenntnisse,
deren Konstruktivität und Geschichte (!) sie vollkommen leugnen, ähnlich
wie Karl Mannheim für die Sozialwissenschaften, der über den Dingen zu
schweben glaubte. Der Ahistorismus ihres naturwissenschaftlichen
Verständnisses ist hanebüchen, kein ernstzunehmender Biologe vertritt eine
solche Ansicht! Und die Legitimität sprechen sie den gesamten Sozial- und
Kulturwissenschaften ab, das alles ist sehr enttäuschend.  Dadurch begeben
Sie sich in eine scheinbar unangreifbare und mit Verlaub arrogante
Position, von der sie jegliche Kritik als illegitim abwehren. Wie wollen
Sie auf einer solchen Grundlage einer Diskussion gestalten? Zu behaupten,
es gebe eine objektive Wirklichkeit und nur die Naturwissenschaft könne
sie erklären, ist ein wirklich starkes Stück. Ich empfehle Ihnen ein wenig
Weberlektüre und die Anthologie von Fuchs/Berger (Text, Kultur, Praxis).
Nur weil sie die Welt deuten, sind sie der Wahrheit nicht näher. Im
Grundstudium lernen unsere Studierenden, dass Wahrheit im Singular nicht
existiert.

Mit besten Grüßen
Lukasz Nieradzik

———————————————

Lieber Herr Nieradzik,

also hinter den Berg halte ich mit meinen Voraussetzungen nicht, ich
habe sie „Metaphysik der Naturwissenschaften“ genannt und sie bilden die
Basis meiner Argumentation, wie ich überall erwähne, sowohl in meinem
Philosophiebuch, wie auf meinem Blog oder in meinen Vorträgen. Deshalb
hieß meine Dissertation in Philosophie auch „DAS naturwissenschaftliche
Argument für Tierrechte“, wohlgemerkt im Singular. Als Mathematiker und
mathematischer Physiker hatte ich mich viel mit Erkenntnistheorie zu
beschäftigen, und die Wahrheitsfindung da ist völlig unabhängig von
Wesen, die sich Menschen nennen, oder deren Diskurse oder Modelle. Ich
habe in meiner mathematischen Forschung ein Theorem entdeckt und einen
Beweis gefunden. Ganz allein. Und, übrigens, nicht-verbal. Mein
mathematisches Denken ist ganz grundsätzlich nicht-verbal. Es fällt
einem sehr schwer, mathematische Erkenntnisse in Worte zu fassen, Worte
sind eine sehr fehlerhafte Übersetzung. Wenn ich – ganz allein – einen
Beweis für ein Theorem finde, dann bin ich mir 100 % sicher, dass dieses
Theorem wahr ist. Und zwar ganz absolut wahr. Und zwar wahr, heute hier
auf der Erde genauso, wie in 5000 Lichtjahren Entfernung in 5 Milliarden
Jahren. Interessanter Weise sind mathematische Beweise für wahre
Theoreme zu allen Zeiten und in jeder Kultur – egal ob Kommunismus,
Kapitalismus oder Nationalsozialismus – gleichermaßen als wahr erkannt
worden, und von jedem Wesen, das ausreichend reflektieren kann, um den
Beweis nachzuvollziehen. Wahre Theoreme der BabylonierInnen sind heute
wahr wie damals. Es gibt ganz offensichtlich eine Universalität der
mathematischen Wahrheit, die kulturunabhängig ist, und Sie werden
niemanden aus der Mathematik finden, der das bestreitet. Es gibt nur
eine einzige Mathematik.

Aber auch die naturwissenschaftliche Realität ist doch überall in
unserer Gesellschaft anerkannt. Bei jedem Gerichtsprozess zählen
ausschließlich naturwisenschaftliche Beweise für Schuld und Unschuld,
und auf dieser Basis werden Menschen unter Umständen lebenslang in
Gefängnisse gesteckt, so sicher sind wir uns, dass das so richtig ist.
Wie würden Sie sich vor Gericht verteidigen? Mit Rekurs zur
Vielschichtigkeit von Wahrheit, mit der Behauptung, man könne diese
Leiche oder diese DNA-Spuren nicht als real ansehen? Würden Sie dem
Gericht etwas von Weber erzählen, oder der Postmoderne? Oder würden Sie
nicht doch, wenn Sie unschuldig sind, auf exakte naturwissenschaftliche
Beweise für Ihre Unschuld Rekurs nehmen und dann in Ihrem Plädoyer mit
Überzeugung sagen, dass es grundsätzlich ausgeschlossen ist, dass Sie
schuldig sind, dass es also nur eine absolute Wahrheit gibt, und diese
ist Ihre Unschuld? Ist das nicht bemerkenswert, dass wenn es um Leben
und Tod geht, plötzlich doch die Naturwissenschaft zählt und alles doch
real und wahr ist, was sich naturwissenschaftlich zeigen läst?

Das gilt auch für die Schulmedizin. Auch da gehts um Leben und Tod und
auch da verlassen wir uns doch auf die naturwissenschaftlichen
Erkenntnisse. Wenn es ein Röntgenbild Ihrer Lunge mit deutlichen
Anzeichen eines Krebses gibt, werden Sie das auch nicht in Zweifel
ziehen. Deshalb riecht für mich die Rede von mehreren Wahrheiten und vom
Bezweifeln der Realität sehr nach akademischem Elfenbeinturm. Müssten
Sie mit einer konsequenten Kritik an der Realität nicht eigentlich beim
Solipsismus landen? Davon höre ich Sie aber nicht sprechen.

Leider haben Sie meine Frage, wer oder was denn nun Menschen sind, als
rhetorisch abgetan. Meiner Ansicht nach liegt hier die Crux. Ich
behaupte, naturwissenschaftlich gesehen gibt es keine Menschen. Die
Kategorie „Tierart“ oder „Tiergattung“, von denen der Mensch eine ist,
gibt es nicht. Darwin schreibt zurecht in seinem Buch 1859 „There is no
such thing as species“. Wenn ich versuche Ihre Position zu
rekonstruieren, dann scheinen Sie mir davon auszugehen, dass es
Vernunftwesen genannt Menschen gibt, die verbal miteinander
kommunizieren und sich sozusagen zusammen gemeinschaftlich eine
vorgebliche Realität konstruieren. Kommt das in etwa hin? Wenn ja, dann
habe ich einige Zweifel an diesem Zugang. Mein Hundefreund ist ein
Vernunftwesen, mit dem ich kommuniziere. Aber Sie meinen offenbar, er
ist kein Mensch. Ähnlich mein Schimpansenfreund Hials, obwohl er sich
vermutlich mit Menschenfrauen fortpflanzen könnte. Es kann Ihnen auch
nicht nur um Vernunftwesen gehen, weil meine Oma mit Alzheimer
seinerzeit nicht darunter gefallen wäre, aber trotzdem von Ihnen als
Mensch angesprochen wird. Also wer oder was ist ein Mensch?
Naturwissenschaftlich gibts eine sehr stupide Definition: man nehme
einen paradigmatischen Menschen – wie den Urmeter in Paris – und
definiere alle Wesen als Mensch, die sich im gesamten Genom nicht mehr
als 0,2% unterscheiden. So fallen auch die Neandertaler raus,
sicherheitshalber. Aber einer derartig seltsam definierten Kategorie
einen irgendwie relevanten Wert bzw. eine Rolle zu geben, ist für mich
überhaupt nicht nachvollziehbar. Was, bitte schön, ist an Menschen so
besonders oder so relevant oder erwähnenswert? Ich fürchte, wie gesagt,
Sie haben gar keine Definition, sondern Sie gehen einfach axiomatisch
von der Existenz von Menschen aus und leiten den Rest daraus her. Nur,
selbst dann müsste sich im nachhinein eine Definition ergeben, die auch
das umfasst, was Sie Menschen nennen. Aber wie soll diese lauten?

Ein Richter am deutschen Bundesverfassungsgericht in Karlsruhe hat
gerade eben in einem Interview mit der Zeit behauptet, Rechte könnten
nur Menschen haben, weil sie ein Konzept sind, das von Menschen erfunden
wurde. Also das finde ich tatsächlich total hanebüchen. Wie kann man so
einen Unsinn von sich geben? Nicht ALLE Menschen, egal wie definiert,
haben Rechte erfunden. Sind dann jene, die das nicht erfunden haben,
ausgeschlossen? Indigene Völker zum Beispiel? Oder bekommen die
sozusagen gnadenhalber Rechte verliehen, weil man ihnen den Status
„Menschen“ verleiht, aber mangels Definition genauso hätte entziehen
können, je nachdem wie gerade die Stimmung in der Gesellschaft ist? Was
wäre mit einem Mischlingswesen zwischen Mensch und Schimpanse? Gibts
dann auch so Tafeln zu Mischlingen und als was sie gelten, wie
seinerzeit im Dritten Reich bzgl. Juden? Oder ist ein
Mensch-Schimpanse-Mischling sozusagen konzeptuell ausgeschlossen, d.h.
so etwas darf es nicht geben, weil sonst das Weltbild Risse bekommt?

Also wie ich es drehe und wende, mit der Kategorie „Mensch“ ist nichts
anzufangen, da gibt es keine sinnvolle Definition und keine menschliche
Gemeinsamkeit, die in irgendeiner Form relevant sein könnte. Am besten
formuliert es noch die Bibel: Menschen sind jene, die im Ebenbild eines
menschlichen Gottes von diesem geschaffen worden sein sollen. Ich
fürchte tatsächlich, dass man religiös sein muss, um dem Menschbegriff
einen Sinn geben zu können.

Ich würde gerne meine Ausführungen auf meinen Blog setzen. Wären Sie
damit einverstanden, dass ich auch Ihre dazusetze, mit oder ohne Ihren
Namen, wie auch immer Sie das wollen?

MfG, Martin Balluch

———————-

Lieber Herr Balluch,

es geht nicht darum, was existiert, was wirklich ist, sondern um die
Vorstellung von Menschen, die sie sich über die Welt machen. Sie bspw.
machen sich einen bestimmten Begriff über die Welt, den sie
verabsolutieren und keine anderen Perspektiven zulassen resp. diese als
illegitim degradieren. Das ist sehr ärgerlich und einer Diskussion nicht
sehr förderlich. Ziel einer Diskussion, die den Anspruch der
Wissenschaftlichkeit erhebt, muss es doch sein, die Bedingungen der
Möglichkeit der eigenen Argumentation transparent zu machen und nicht in
ideologischen Grabenkämpfen zu verharren. Anders macht eine Diskussion,
die als eine solche dann auch nicht bezeichnet werden kann, keinen Sinn.
Paradigmatische Verengungen gegeneinander auszuspielen ist ermüdend und
von geringem Erkenntniswert. Warum wehren Sie sich so vehement gegen
andere Perspektiven? Das wirkt auf mich leider überaus dogmatisch.

Zu Ihrem Vorhaben, unsere Kommunikation öffentlich zu machen: Das sehe ich
überaus als kritisch. Auch der Emailverkehr unterliegt schließlich dem
Briefgeheimnis, aber ein Freund von Zensur bin ich nicht. Wogegen ich bin,
ist eine selektive Auswahl meiner Beiträge und die absolute Autorenschaft
bei der Publikation auf Ihrer Seite. Dabei spielt es nicht die Rolle, ob
mein Name auftaucht oder nicht.
Daher mein Vorschlag, mit dem Sie, so hoffe ich, einverstanden sind. Ich
stimme einer Veröffentlichung nur zu, wenn diese unseren Emailverkehr eins
zu eins und komplett wiedergibt, das heißt: Publizieren Sie doch bitte
unsere Mails komplett auf Ihrem Blog, in der Reihenfolge, in der diese
verfasst wurden, ohne Kürzungen und ohne einen wertenden und
positionierenden Prolog oder Epilog.

Viele Grüße
Lukasz Nieradzik

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