Bewusstsein, Künstliche Intelligenz und der Anthropozentrismus

Typisch New Scientist. In der Ausgabe vom 18. Mai 2013 findet sich ein Special Issue über Bewusstsein. Darin schreibt Daniel Bor über die hohe Komplexität von verschalteten Nervenbahnen, die Bewusstsein voraussetze und von den zwei Modellen im Rahmen der Erforschung Künstlicher Intelligenz, die es von Bewusstsein gebe. In einem entspricht das Gehirn einem Computer und das Bewusstsein dem Arbeitsspeicher, im anderen entspreche Intelligenz einfach der computerisierten Verarbeitung von sehr viel Information auf einmal. Seltsam, meine ich, weil in beidem übertreffen Computer heute schon bei weitem das menschliche Gehirn. Und haben die Bewusstsein?

Ja, antwortet ein Autor in dieser Ausgabe. Wenn sich ein Computer so verhält, als hätte er Bewusstsein, dann müsse man – verschwiegene Voraussetzung: wenn man PositivistIn ist – das auch Bewusstsein nennen. Immerhin würde man anderen Menschen gegenüber auch nicht anders handeln, von denen wisse man auch nicht mehr.

Und die Tiere? Werden wie so oft, wenn es um Bewusstsein geht und wenn ein offen anthropozentrisches Magazin darüber schreibt, ausgeschlossen. Daniel Bor spricht von den 3 Gehirnzentren Thalamus, lateral präfrontaler Cortex und posteriorer parietaler Cortex, deren Informationen für Bewusstsein integriert werden müssen, und kommt dann zu den Tieren: Satisfyingly, while many animals have a thalamus, the two cortical brain areas implicated in consciousness are nothing like as large and well developed in other species as they are in humans. This fits with the common intuition that, while there may be a spectrum of consciousness across the animal kingdom, there is something very special about our own form of it.

Das „satisfied“ Herrn Bor also, sprichts und beißt in seine Wurstsemmel. Meiner „common intuition“ entspricht das allerdings nicht, weil ich im engen Zusammenleben mit meinem Hund ganz andere Erfahrungen mache. Ich käme nie auf die Idee zu meinen, er hätte im Vergleich zu mir ein unterentwickeltes Bewusstsein. Vielleicht weniger abstrakte Intelligenz, aber „weniger“ Bewusstsein? Ich wüsste gar nicht, was damit gemeint sein könnte.

Vor einiger Zeit hatte ich ein sehr intensiv bewusstes Erleben, ich habe in meinem Blog davon berichtet, http://www.martinballuch.com/?p=1688: Zahnschmerz. Ein Schmerz, der von den Zähnen ausstrahlt und das gesamte Bewusstsein umfasst und durchdringt. Nichts mehr, gar nichts mehr anderes war zu denken oder zu empfinden, alles war nur noch Schmerz. Das ist ein sehr intensiver Bewusstseinszustand. Sollen andere Tiere davon „weniger“ haben? Meint New Scientist, ein Hund würde den Zahnschmerz weniger stark spüren? Das wäre doch evolutionär völlig unsinnig, der bewusst erlebte Schmerz soll das Wesen mit Bewusstsein warnen, der starke Schmerz soll es sehr intensiv warnen. Das subjektiv empfundene Schmerzmaximum wird also ziemlich gleich sein: so stark wie möglich. Wie soll sich ein „unterentwickeltes“ Bewusstsein bei starkem Zahnschmerz äußern? Ich habe das Gefühl, New Scientist ist wieder einmal seinem Anthropozentrismus aufgesessen.

Und dass Bewusstsein einem Arbeitsspeicher oder der Integration von sehr viel Information entsprechen soll – bei ausreichend viel Information wechselt ein Computer in den bewussten Zustand – ist in diesem Beispiel lachhaft. Ich hatte nur eine einzige Information: Schmerz vom Zahn her. Keine Integration, kein Arbeitsspeicher. Das Resthirn kam sozusagen gänzlich zur Ruhe, mehr Information war nicht nötig. Handlungsanweisung: komplettes Abschalten aller sonstigen Tätigkeiten, von der Bewegung bis zur Sinneswahrnehmung.

Wie würde ein Modell von Künstlicher Intelligenz diesen sehr intensiven Bewusstseinszustand simulieren? Es reicht eine einzige Information aus einer einzigen Nervenbahn. Ich vermute, diese TechnikerInnen vom New Scientist wüssten gar nicht, was sie da simulieren sollten. Und das beweist mir, dass die Künstliche Intelligenz Forschung dem Phänomen Bewusstsein keinen Schritt näher gekommen ist. Es geht dabei nämlich um das subjektive Empfinden auch schon von ganz simplen und primitiven Wahrnehmungen, u.U. sogar nur von einer einzigen, und nicht um die Integration von möglichst viel Information.

Insofern gilt Stuart Sutherland’s Zitat von 1989 über das Bewusstsein ungebrochen: Nothing worth reading has been written on it. Zumindest in diesem Special Issue des New Scientist.

3 thoughts on “Bewusstsein, Künstliche Intelligenz und der Anthropozentrismus

  1. susanne v. sagt:

    Und jetzt noch ein Nachtrag, weil das gerade aktuell ist:

    Es gibt eine neue, grausame Studie die beweist, dass die Forscher sehr wohl an ein Bewusstsein bei Tieren glauben.

    http://science.orf.at/stories/1722989

    Man hat Ratten getötet und die Hirnströme gemessen um herauszufinden was „Nahtoderlebnisse“ sind. Offenbar haben auch die Ratten solche Erlebnisse und somit auch Bewusstsein.

    „Seine Kollegin Jimo Borjigin fügt an: „Der Abfall von Sauerstoff und Glukose kann das Gehirn offenbar stimulieren. Die Gehirnaktivität war charakteristisch für bewusste Wahrnehmungen.“

    Erregungswellen hatten übrigens eine Frequenz von mehr als 25 Hertz. Die Gammawellen sind wohlbekannt. Sie treten laut neurobiologischen Untersuchungen nicht nur im bewussten Wachzustand auf, sondern auch während der Meditation und im REM-Schlaf.“

    Vielleicht wird man irgendwann auch feststellen, dass es eine Seele gibt – und dass auch Tiere eine Seele haben.

  2. susanne v. sagt:

    Jetzt muss ich noch ewas anfügen, weil ich das zufällig gerade gelesen habe. Es gibt Menschen die so gut wie kein Gehirn haben und trotzdem intelligent sind. Wer sich dafür interessiert kann hier nachlesen. http://wissenschaft3000.wordpress.com/berichte-der-autorin/denken-ohne-gehirn/
    Sind solche Menschen also keine Menschen?

  3. susanne v. sagt:

    „Eine allgemein gültige Definition des Begriffes ist aufgrund seines unterschiedlichen Gebrauchs mit verschiedenen Bedeutungen schwer möglich. Die wissenschaftliche Forschung beschäftigt sich vor allem mit den klarer definierten Bewusstseinszuständen.“ (wikipedia)

    Was genau ist Bewußtsein? Lebewesen bestehen nicht nur aus „Bewußtsein“ sondern auch aus „Nichtbewußtsein“. Sie haben körperliche Prozesse die nicht bewußt sind und solche die bewußt sind. Schmerzbewußtsein kann man z. B. auch „ausschalten“. Durch Medikamente, Hypnose, Selbsthypnose (Ablenkung). Also indem man das Bewußtsein teilweise abschaltet. Schaltet man das Bewußtsein komplett ab, dann geht das mithilfe einer Narkose. Nachweislich kann man das alles auch bei Tieren machen. Also müssen sie Bewußtsein haben, sonst könnte man es ja nicht abschalten.

    Kann man das angebliche „Bewußtsein“ eines Computers abschalten? Erstens ist der Computer ein Objekt welches die Gedanken seines Schöpfers hat. Er besteht aus Metall und Plastik, etc. und diese Teile sind nicht schmerzempfindlich, weil sie nicht lebendig sind. Sie sind tot, denn sie können nicht wachsen, sich nicht vermehren (was Zellen tun), in keiner Weise reagieren, also auch nicht empfinden und auf der Ebene der Empfindungen nicht lernen. Es ist ihm egal ob sein „Körper“ zerstört wird, weil er eigentlich keinen hat.

    So viel ich weiß ist der Computer dem Menschen nicht überlegen. Aber selbst wenn – er wäre doch nur eine Nachempfindung wie alles was der Mensch „geschaffen“ hat. Denn Menschen schaffen nichts, sie imitieren nur die Natur. Sie bauen nach was es schon gibt.

    Ein Lebewesen hat einen lebendigen Körper und dieser Körper ist auch lebendig wenn die Nervenstränge unterbrochen sind. Ist er tot, gibt es auf Dauer kein Bewußtsein. Wer nicht bewußt ist, liegt im Koma, oder schläft (auch da kann er bewußt sein) und selbst Menschen im Wachkoma sind mitunter bewußt und können nachträglich erzählen was sie in diesem Zustand gedacht und „erlebt“ haben. Da alle Lebewesen gleich funktionieren, ist es logisch, dass auch Tiere Schmerz empfinden, wenn sie die dafür notwendigen Nerven haben. Sonst würden sie die Nerven ja nicht brauchen. Es gibt Menschen die haben das nicht wie es gehört, und die greifen auf eine heiße Herdplatte und merken es nicht. Sie können in einer natürlichen Umwelt nicht überleben. Auch wer keine Angst hat kann nicht überleben. Das „Nichtbewußtsein“ steuert mittels Hormonen Emotionen und diese haben auch einfache Lebewesen. Ein Computer hat keine Emotionen, er hat kein „Nichtbewußtes“, er hat nichteinmal eigene Gedanken, denn seine Gedanken sind ja nicht seine Gedanken, sondern die des Programmierers.

    Menschen die Tieren Bewußtsein absprechen sind entweder Idioten oder Psychopathen, aber keine Wissenschaftler. Alleine die Tatsache dass Tiere sehr häufig Opfer von Sadisten werden zeigt ja deutlich, dass alle Menschen genau wissen dass Tiere Schmerz empfinden, also bewußt Angst und Schmerz erleben. Denn deshalb tun die das ja, das Tier vertritt den Menschen, der eigentlich gemeint ist. Niemand würde auf die Idee kommen einen Computer quälen zu wollen. Weil der eben kein Bewußtsein hat – außer in der Fantasie mancher „Wissenschaftler“.

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