Tierrechte

Autonomie der primäre Wert: das theoretische Argument

In letzter Zeit ist es immer öfter zu hören, obwohl ich es schon längst für völlig diskreditiert halte: der primäre Wert in der Ethik sei Leidvermeidung bzw. Leidminimierung. Wirklich seltsam, dass das so vielen Menschen so leicht über die Lippen kommt. Vielleicht minimieren gewisse Tierversuche das Gesamtleid aller Wesen auf der Erde, aber ist das den benutzten Tieren gegenüber gerecht? Warum schließen wir dann Menschenversuche zum Vorteil der Menschheit aus? Tierrechte schützen genau davor, unschuldig für den Vorteil anderer herhalten zu müssen. Tierrechte und Leidminimierung schließen sich also gegenseitig aus. Gar nicht zu reden von Tierbefreiung, d.i. die soziale Befreiung von menschlicher Dominanz und menschlichem Paternalismus. Nun, was soll es sein, Leidvermeidung oder Tierrechte bzw. Tierbefreiung? Ist das einfach Sache der persönlichen Vorliebe?

(mehr …)

Wenn ein Hund bewusst entscheidet

In meinem Buch „Der Hund und sein Philosoph“ argumentiere ich, dass Hunde autonome und vernünftige Wesen sind, die bewusst entscheiden können, ganz unabhängig von ihrer Konditionierung. Ich hatte eigentlich gedacht, dass die Argumente dafür klar und deutlich dargelegt wurden und kein Zweifel mehr bestehen bleibt. In der Praxis begegnet mir dennoch ununterbrochen auch unter Tierschützer- und TierrechtlerInnen die Idee, dass Hunde nur mit Versuch und Irrtum auf Basis von Konditionierung lernen können, dass ihre Handlungsantriebe nur Reizreaktionen oder Triebe und Instinkte sind, dass es da keine Freiheit zur Entscheidung hinter diesen Schlappohren gibt.

(mehr …)

10.500 Jahre alte Menschenrasse gefunden – was sagt der Humanismus dazu?

Der Humanismus, und damit meine ich die Idee, dass die gesamte Menschheit eine große Familie prinzipiell gleicher Individuen bildet, ist natürlich eine sehr positive Neuerung gegenüber dem Aristotelischen Perfektionismus, und eine Antwort auf den Sozialdarwinismus. Er hat aber auch eine Kehrseite. Wenn alle Menschen gleich sind, dann sind die Tiere eben anders. Z.B. ist die Antwort des Humanismus auf den Rassismus nicht, dass es ethisch irrelevant sein muss, wie intelligent oder leistungsfähig ein Mensch ist, sondern dass es überhaupt keine Rassen gäbe. Letztere These wird damit begründet, dass Menschen schwarzer Hautfarbe untereinander eine größere Genvariation zeigen, als z.B. einzelne unter ihnen im Vergleich zu Menschen mit weißer Hautfarbe. Ebenso wird das Prinzip des „Survival of the fittest“ nicht an sich ethisch abgelehnt, sondern der Mensch als Sonderwesen einfach aus der Natur herausgenommen. Für ihn gäbe es keinen Kampf um Ressourcen, der Hunger wäre nur ein Verteilungsproblem. Deshalb ist es typischer Weise HumanistInnen auch sehr wichtig zu behaupten, dass es Kannibalismus nie gegeben habe. Alle diese „tierischen“ Aspekte des Lebens seien auf den Menschen nicht anwendbar. In Wahrheit seien die Unterschiede zwischen den Menschen nur kulturell und sozial geprägt, im Grunde wären alle Menschen gleich.

(mehr …)

„Die Würde des Tieres ist unantastbar“ – ein neues Buch zur christlichen Tierethik von Kurt Remele

Für einen katholischen Theologen muss das Kapitel Christentum und Tierethik sehr heikel sein. Kurt Remele löst diese Quadratur des Kreises souverän. Ja, das Christentum und insbesondere die katholische Kirche haben weder eine besonders tierfreundliche Tradition, noch präsentieren sie sich heute als die Speerspitze im Tierschutz, oft im Gegenteil. Aber auch nein, dennoch darf man das Christentum nicht einfach als tierfeindlich abtun, gibt es zahlreiche Menschen, die explizit auf christliches Gedankengut rekurrieren und tierethisch vorangehen. Wer kennt schon den Heiligen Philip Neri (1515-1595), der sogar im Katechismus lobend erwähnt wird und aus Tierschutzgründen, und nicht zur Askese, vegetarisch gelebt hat? Aber auch Johannes Ude (1874-1965), ebenfalls aus Graz wie Remele, katholischer Priester und Theologe, gleichzeitig Tierschutz-Vegetarier und Tierversuchsgegner, ist hier zu nennen, sowie zahlreiche andere. Die vermutlich bekannteste christliche Tierethik stammt aus der Feder von Andrew Linzey in Oxford und fordert, Tiere ethisch wie Kinder zu bewerten, hilfs- und schutzbedürftig, bis zu dem Punkt, die eigenen Bedürfnisse zurück zu stellen, um ihnen beizustehen.

(mehr …)

„Ein Beitrag zur Jagdethik“ von Rudolf Winkelmayer

Im Österreichischen Jagd- und Fischereiverlag ist 2014 dieses dünne Heftchen erschienen. Das ist eigentlich ein Verlag, von dem ich mir keine lesenswerten Beiträge erwarten würde, aber dann wird man doch immer wieder überrascht. Ein radikales Anti-Jagd-Buch ist es nicht, aber es ist gegenüber vielen Aspekten der Jagd sehr kritisch, insbesondere der Jagd auf gezüchtete Tiere, die als Abschießbelustigung bezeichnet wird. Winkelmayer verteidigt die „Ultima Ratio“-Jagd, d.h. die Jagd als gelindestes Mittel, um ein ökologisches Ungleichgewicht wieder herzustellen. Zwar erwähnt er weder diesen Begriff in dem Buch, noch macht er das so explizit klar, doch der Großteil seines Werks handelt von tierethischen Diskussionen auf durchaus akademischem Niveau.
(mehr …)

Gedanken zu Kurt Kotrschals Buch „Einfach beste Freunde“

Erfreulicherweise fasst der Tierschutzgedanke zunehmend akademisch Fuß. Um diese Entwicklung zu fördern habe ich ja seinerzeit im Jahr 2000 überhaupt das Studium der Philosophie begonnen, um es 2005 mit einer Dissertation über Tierrechte abzuschließen. Doch die „Human-Animal-Studies“ enthalten in meinen Augen einen Wermutstropfen: sie sind kaum naturwissenschaftlich basiert. Vielmehr geht es um das Mensch-Tier Verhältnis in der Kulturgeschichte, und der Blickwinkel darauf ist oft sehr anthropozentrisch. Ja, wie ich bei einem Symposium zu dem Thema an der Uni Wien feststellen musste, zuweilen grundsätzlich anthropozentrisch, weil man in den Sozialwissenschaften der Auffassung zuneigt, dass die Realität menschengemacht ist. Unter dieser Prämisse ist ein Speziesismus unausweichlich: wenn „wir Menschen“ die Realität schaffen, sind „die Tiere“ nur Objekte „unserer Realität“ und können niemals gleichberechtigte PartnerInnen sein.
(mehr …)

Beim Utilitarismus bleiben viele Fragen offen

Nick Cooney hat nun sein drittes Buch geschrieben. Ich finde den Zugang, statt politische Taktikunterschiede zu ideologisieren, sie wissenschaftlich zu untersuchen und zu vergleichen, sehr spannend. Aus Cooneys Büchern kann man diesbezüglich sicher einiges lernen. Doch andererseits strotzen seine Schriften von plattem Utilitarismus. Als er in Wien einen Vortrag über sein Buch „Change of Heart“ hielt, meinte er auf meine Frage ganz verwundert, dass es wohl allen AktivistInnen darum gehen müsse, möglichst viel Leid zu vermeiden. Das schien ihm völlig selbstverständlich und keiner weiteren Überlegung wert. So kommt er auf Forderungen, wie, man solle die Menschen dazu bringen, statt Hühnern Rinder zu essen, weil für dieselbe Menge Hühnerfleisch müssen viel mehr Tiere leiden als bei Rindfleisch, einfach weil Rinder größer sind. Also so etwas Seltsames als Kampagnenziel zu formulieren fiele mir nicht im Traum ein. PETA brachte es einmal auf den Punkt mit einer, wie ich glaube, ironisch gemeinten Forderung, nämlich Wal- statt Hühnerfleisch zu konsumieren, aus demselben Grund. Zu meinem Erstaunen traf ich in Cooneys Kielwasser kürzlich einige utilitaristisch denkende AktivistInnen in Wien. Das motiviert mich nun, darüber ein paar Worte zu verlieren.
(mehr …)

„Bedürfnis“, ein rein menschlicher Begriff? Ein Meinungsaustausch

Auf der Tagung „Ökonomien tierischer Produktion“ am Institut für Europäische Ethologie in Wien durfte ich an einer Podiumsdiskussion zur Frage einer Nutztierethik teilnehmen. Ich argumentierte u.a. mit meiner Beziehung zu meinem Hundefreund für Tierrechte und Autonomie. Da wurde mir die Frage gestellt, ob „Bedürfnis“ nicht nur ein menschlicher Begriff sei und wieso ich dieses Konzept so einfach auf nichtmenschliche Tiere anwende. Daraus entspann sich der folgende Emaildialog, den ich mit Zustimmung meines Diskussionspartners hier vollständug und unverändert wiedergebe:

(mehr …)

Das Hausbüchl der Stampferin oder was Tierschutz mit der Todesstrafe zu tun hat

Maria Elisabeth Stampferin lebte 1638 bis 1700, großteils in der Obersteiermark am Hochschwab, wo sie von 1679 bis 1694 ein Tagebuch führte, das sich, zuletzt 1925 verlegt, bis heute erhalten hat. Es ist sehr interessant, allein schon weil hier die Geschichte nicht vom Standpunkt der Mächtigen geschrieben wird. Zwar gehört die Stampferin zum gehobenen Bürgertum – ihr Mann leitet den Bergbau in Vordernberg –, sonst hätte sie gar nicht schreiben können, aber dennoch lebt sie im ländlichen Raum. Sie schildert die ständige Gefahr durch Krankheiten ohne ärztliche Hilfe, die Pestepidemie, der ein Drittel der Menschen erlagen und der durch die Isolierung eine Hungersnot folgte, und die Angst der tausenden Flüchtenden vor der Türkenbelagerung Wiens 1683 und die Besetzung des Semmering, um die Türken nicht ins Mürztal zu lassen. Mehrmals brechen große Lawinen mitten in ihr Dorf, Menschen werden verschüttet und sterben, einmal sogar ein Rettungsteam wegen einer Nachlawine. Die Stampferin und ihre Familie müssen oftmals wegen der Lawinengefahr das Haus verlassen.
(mehr …)

Zum Buch „Partner, Freunde und Gefährten“ , Holzhausen-Verlag Wien 2014

AutorInnen: Gabriela Kompatscher-Gufler, Franz Römer, Sonja Schreiner

Tierschutz ist doch ein ganz neues Phänomen in der Menschheitsgeschichte, oder vielleicht nicht? Das mag auf den modernen Tierschutz mit politischem Anspruch gelten, der gesellschaftsverändernd wirken will und Gerechtigkeit für Tiere auch mit gesetzlichen Mitteln einfordert. Doch tierfreundliche Stimmen einzelner Menschen hat es sozusagen schon immer gegeben, ob in der Antike, dem Mittelalter oder dem 19. Jahrhundert. Das beweist dieses schlanke Büchlein von Univ.-Prof. Gabriela Kompatscher-Gufler und ihren KoautorInnen. Hier wurden Texte aus verschiedenen Jahrhunderten aufgespürt, die eine solche Nahbeziehung und Liebe zu Tieren vermitteln, dass einem beim Lesen schon einmal die Tränen in die Augen steigen können.
(mehr …)