Rinder

Wildniswanderung: wenn Kühe wild werden

Endlich haben mein Hundefreund Kuksi und ich wieder Zeit gefunden, in die Wildnis zu gehen. Was heißt Wildnis, wir waren 4 Tage in den Niederen Tauern in der Obersteiermark. Urwald gab es keinen, aber es ist durchaus auch heute noch möglich, 4 Tage lang in Österreich unterwegs zu sein, und weder eine Forststraße zu betreten, noch mehr als 3 Menschen zu treffen – und die nur am Anfang der Tour. Wir hörten zwar kein Wolfsrudel heulen und sahen keine Spuren von Bären – die hat man hier leider schon vor langer Zeit ausgerottet, aber wir begegneten Raben, Rehen, Gemsen, insgesamt 4 Schlangen (davon eine Kreuz- und eine Höllenotter) und einem Mäuschen auf 2300 m Seehöhe. Ja, und Kühen.
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Die heutige Turbo-Milchkuh

Wie nett wirkt das idyllische Bild der Milchkühe auf der Weide, in voller Freiheit verwerten sie Gras, das ansonsten für den Menschen nicht verwertbar wäre. Dafür liefern sie Milch, ohne dass für sie ein Nachteil offensichtlich ist. Und schon haben wir eine scheinbar ideale Symbiose, eine win-win Situation für Mensch und Kuh, wobei noch dazu über das Gras eine neue Nahrungsquelle erschlossen wird. Die Gras essende und Milch gebende Kuh auf der Alm ist deshalb das am häufigsten zitierte Nutztierszenario von ApologetInnen der Tiernutzung trotz Klimawandels und anderen offensichtlichen Vorteilen der veganen Ernährung, wie z.B. Verhinderung von Tierleid oder Ressourcenschonung.

Doch die Praxis der heutigen Milchproduktion schaut ganz anders aus. Nicht nur, dass Kühe natürlich ständig Kinder gebären müssen, um einen kommerziell nutzbaren Milchfluss zu produzieren. Und diese Kinder werden ihnen möglichst rasch weggenommen, weil es sich ja um MilchkonkurrentInnen des Menschen handelt. Die Kühe in der heutigen Tierindustrie, und oft genug auch in der Biohaltung, entstammen aber auch einer Turbo-Zucht im schlimmsten Wortsinn.

Vor 200 Jahren hatte die Durchschnittskuh noch 350 kg Körpergewicht. Auf alten Bildern dieser Zeit sieht man diese aus heutiger Sicht erstaunlich kleinen Kühe und fragt sich, wieso die damals so winzig gewesen sind. Die Antwort ist einfach: diese Größe entspricht eben vielmehr der Urform des Rindes, dem Auerochsen aus dem Nahen Osten. Als dann begonnen wurde, nur jene 10% der Tiere mit der größten Fleisch- oder Milchmenge zur Fortpflanzung zu verwenden, änderte sich das Erscheinungsbild dramatisch. Heute haben Kühe gute 650 kg Körpergewicht und eine zehnfache Milchleistung von 11.000 Litern pro Jahr, mit entsprechend riesengroßem Euter.

Doch durch diese einseitige Zucht hat die Kuh die Fähigkeit zu gehen weitgehend verloren. Als 1999 die Laufställe eingeführt wurden, stellte sich heraus, dass die meisten Kühe aufgrund ihrer Zucht und der jahrzehntelangen Anbindehaltung über die Generationen sich fast nicht mehr fortbewegen konnten!

Doch damit nicht genug. Der große Milchfluss ist längst nicht mehr nur durch natürliche Ernährung zu decken. Der Pansen der Kuh ist quasi ein Komposthaufen, in dem das aufgenommene Gras fermentiert wird. Die Abfallprodukte dieser Kompostierung kommen im natürlichen Fall der Kuh als Nährstoffe zugute. Doch Gras hat wenig Energiegehalt und auch dieser Fermentierungsprozess ändert das nicht wesentlich. Die hohe Milchleistung erfordert daher, dass die Kühe mit Kraftfutter ernährt werden, vor allem mit Silomais und synthetischem Eiweiß. Für die Kuh ist das weder gesund noch mit ihrer Magenstruktur verträglich, also entwickelt sie insbesondere am Anfang der Laktation, wenn der Energiebedarf am größten ist, eine sogenannte Ketose, das ist eine Stoffwechselerkrankung. Dagegen füttert man Propylenglycol, das bis zu 8% der Ernährung ausmacht und den Körper der Kuh zur Aufnahme des Kraftfutters zwingt.

Die zusätzlich verfütterten synthetischen Aminosäuren und die Fettsäuren würden im Pansen abgefangen und der Kuh nicht zugänglich gemacht. Deshalb verändert man sie künstlich, indem man sie chemisch „pansenstabilisiert“. D.h. diese synthetischen Amonisäuren und Fettsäuren werden nach dieser chemischen Behandlung immun gegen die Verdauungsversuche des Pansens und wandern direkt in den Dünndarm weiter, wo sie durch die Darmwände diffundieren. So kann der natürliche Verdauungsapparat, der auf das Kompostieren niederenergetischen Grünfutters eingestellt ist, ausgetrickst werden und die Kuh wird zur Turboleistung in Sachen Milchfluss fähig. Ohne Chemie, synthetischem Eiweiß und chemisch veränderten Amino- und Fettsäuren würde die Kuh einfach an der Energieanforderung ihres überzüchteten Körpers sterben! So liefert sie Milchseen und Butterberge, bevor ihr Körper nach 2-3 Jahren kollabiert. Die Turbo-Milchkuh ist bereits nach 10% ihrer natürlichen Lebensspanne so ausgelaugt, dass sie getötet und durch junge, frische Artgenossinnen ersetzt wird!

Am 27. Jänner 2014 haben Kühe ihren Stall im deutschen Osthessen selbst in die Luft gesprengt. Die Verdauungsgase von 90 Turbo-Kühen führten bei einer statischen Entladung, ausgelöst durch eine der Stallmaschinen, zur Explosion. Siehe: http://www.faz.net/aktuell/rhein-main/dach-beschaedigt-tier-verletzt-pupsende-kuehe-sorgen-fuer-stichflamme-im-stall-12771983.html