Critical Animal Studies Konferenz in Karlsruhe

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Ein Bild von Hartmut Kiewert, das auf der CAS Konferenz präsentiert wurde

Critical Animal Studies (CAS) nennt sich eine Strömung der Sozialwissenschaften, die in diesen werte-anthropozentrischen Bereich eine kritische, antispeziesistische Sicht einbringen will. Im deutschsprachigen Raum gibt es da z.B. den Chimaira – Arbeitskreis für Human-Animal-Studies, der im Transcript-Verlag einen Sammelband herausgegeben hat. Die 3. Europäische Konferenz zu Critical Animal Studies wurde Ende November 2013 in Karlsruhe abgehalten.

Anfänglich verlas die Organisation einen einleitenden Vortrag von Anthony Nocella aus den USA. Leider hatte er nicht einmal die Zeit, via Skype für seinen Vortrag anwesend zu sein und so unterblieb die Diskussion über seine Thesen. Jedenfalls setzte er in für mich überraschend scharfer Weise die ideologische Richtung von CAS fest. Dazu gehört eine fast schon religiös anmutende Ablehnung jeglicher Reformbestrebungen im Tierschutz, sowie die Forderung „grassroots“ zu bleiben oder zu sein, was auch immer das in diesem Kontext bedeuten möge. Dann meinte Nocella noch, man dürfe die Befreiung der Pflanzen nicht vergessen und die Tierschutzorganisation PETA sei able-istisch, wenn sie dazu aufruft, gewisse Krankheiten durch Veganismus zu verhindern, weil dadurch diejenigen, die diese Krankheiten haben, diskriminiert würden. Abgesehen davon dürfe man aus able-istischen Gründen die Worte „equality“, „demo march“ und viele andere nicht mehr verwenden.

Berechtigte Kritik am alltäglichen Speziesismus in der Gesellschaft

Doch diese harte ideologische Linie wurde zum Glück bei weitem nicht von allen Anwesenden geteilt, wenn sie auch meinem Eindruck nach großteils die dominante Position war. Eine schwedische Wissenschaftlerin analysierte die Indoktrinierung zur Tierverachtung im Rahmen des veterinärmedizinischen Studiums, ein vermutlich berechtigtes Bedenken. Ausscheren aus der speziesistischen Norm, wie z.B. Tierversuche und Tierprodukte abzulehnen, würde besonders schwer gemacht, es gäbe praktisch eine gezielte Auslese, letztlich nur jene Personen das Studium abschließen zu lassen, die den Herrschaftsanspruch der Menschen teilen. Insbesondere die anschaulichen Schilderungen eines Praktikums im Schlachthof waren sehr berührend.

Ähnlich interessant entwickelten sich Vorträge über kritische Studien von Comics, Belletristik, Filmen, Hundeausstellungen und Computerspielen für Kinder. Insbesondere letztere würden ebenfalls auf einer sehr indirekten und unbewussten Ebene vorsätzlich eine Indoktrination zum Speziesismus betreiben. Um viele der Spiele gewinnen zu können, muss man Tierschutzbedenken und Veganismus beiseite schieben.

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Ein Bild von Hartmut Kiewert

Spannend auch eine Bilderausstellung samt Vortrag von Hartmut Kiewert. Schlachthöfe, Tierfabriken und Tiertransporter sind dabei zu sehen, die längst verfallen von Bäumen überwachsen werden, während kleine Schweine darauf spielen. Ebenfalls interessant die Darstellung historischer Bilder, wobei die Befreiung von Menschen durch Tiersujets ersetzt wurde.

Gegen Tierschutzarbeit

Doch die in meinen Augen sehr negative Seite der CAS ist deren ideologisches Scheuklappendenken, wenn es um Tierschutzaktivismus geht. Zunächst einmal ist das Wort Tierschutz schon total verpönt. Man will sich vom bisherigen, althergebrachten Tierschutz absetzen, der Tiernutzung nicht in Frage stellt und als notwendiges Übel nur das Tierleid minimiert, und ihn durch Tierrechte bzw. – mittlerweile noch besser und mehr PC – Tierbefreiung ersetzen. Dabei spielen praktisch-politische Überlegungen überhaupt keine Rolle. Mir scheint es dagegen wesentlich effektiver und in der Praxis bereits weit fortgeschritten, das Konzept Tierschutz einfach zu verändern und zu adaptieren, dabei aber den Begriff gleich zu belassen. Akademisch mag ein Begriffswechsel vorteilhaft sein, praktisch ist ein Bedeutungswandel eines etablierten Begriffs besser.

Dazu ist die Tierschutzorganisation PETA synonym für das Böse schlechthin. Offenbar weil CAS aus den USA inspiriert ist, und dort PETA die Szene dominiert, ist das zur Folklore geworden. Mich hat diese richtiggehend zur sozialen Norm erhobene Ablehnung und Ausgrenzung sehr abgestoßen. Darin sehe ich nichts Emanzipatorisches, sondern vielmehr die nur zu menschliche Eigenschaft zu mobben und auf Wehrlose einzuschlagen, hier durch sozialwissenschaftliche Begriffe rationalisiert. Von PETA werden dabei vor allem ihre als sexistisch empfundenen Werbekampagnen regelmäßig als „Beweis“ gezeigt.

Pessimismus statt Optimismus

Für mich als politischen Aktivisten ist der überall zu spürende Pessimismus in diesen Kreisen besonders irritierend. Man konzentriert sich auf das Schlechte und findet nichts Gutes, nicht einmal im Ansatz. Offenbar ist das Teil der herrschenden Ideologie, nach der Kapitalismus, Patriarchat und Imperialismus die Welt im Würgegriff haben. Eine positive Entwicklung würde entweder etwas Gutes an diesen –ismen finden oder ihre Allmacht in Frage stellen. Beides erscheint undenkbar. Ein in meinen Augen unfassbar pessimistischer Vortrag über den Klimawandel, wobei der Vortragende die de-Politisierung der Klimadebatte monierte und forderte, man müsse „the intersecting relations of power“ in den Vordergrund stellen, endete mit den Worten: „I hope I didn’t sound too optimistic!“. Gott bewahre! Nein, you did not. Don’t worry. In meinem Vortrag später sprühte ich daher vor Optimismus über, um diesem Trauerzug ein bisschen Farbe zu geben. Darauf antwortete ein US-amerikanischer Universitätsprofessor in seinem Beitrag „we need more pessimism of the intellect“, um gleich wieder den anstehenden politischen Supergau an die Wand zu malen.

Paradigmatisch dazu eine Frage nach dem Vortrag über die Computerspiele für Kinder, ob es denn auch ein gutes Spiel gebe. Naja, sagten die beiden Vortragenden, da habe es, so meinen sie sich zu erinnern, schon eines gegeben, aber welches sei nicht mehr eruierbar. Als politischem Aktivisten stellen sich mir die Haare auf: Will ich etwas verändern, dann muss ich natürlich kritisieren, sollte aber unbedingt die bessere Alternative herausstreichen oder sogar entwickeln, wie kann sich sonst je etwas verändern? Für diese Vortragenden wurde dagegen die gute Alternative einfach rasch verdrängt, weil sie nicht zur Ideologie passt.

Tierschutz sei animal sellfare

Ein marxistischer Analytiker präsentierte seine Thesen, dass animal welfare nur animal sellfare sei (übrigens sei auch fair trade nur ein kapitalistisches Konzept, um mehr Profit zu machen). Die Tierindustrie – im hiesigen Jargon der „animal industrial complex“ – würde von jeder Tierschutzreform nur profitieren. Als ich dann fragte, warum sich die Tierindustrie meiner Erfahrung nach mit allen Mitteln gegen Tierschutzgesetzreformen sträubt, antwortete der Mann, dass bessere Tierhaltung nur dann profitabel sei, wenn sie eine kleine Nische abdecke, das Gros der Produktion aber maximal industrialisiert ablaufe. Dann, so entgegnete ich, würde z.B. das Legebatterieverbot also ein positiver Schritt sein, gibt es doch jetzt in Österreich die maximal industrialisierte Eiererzeugung in Legebatterien nicht mehr. Dazu meinte der Vortragende doch glatt, so eine Reform könne es niemals geben, das würde der Kapitalismus nicht zulassen. Komisch, meinte ich, bei uns hats funktioniert.

Das passiert, wenn sich theoretische Überlegungen im akademischen Diskurs viel zu weit von der Praxis entfernen! Vielen der TeilnehmerInnen war überhaupt nicht klar, dass es bereits gesetzliche Einschränkungen der Tierproduktion gibt. Das wollen sie auch gar nicht wahrhaben, weil der Kapitalismus ja allein herrsche und daher produktionsverteuernde Maßnahmen zum Nachteil der Tierindustrie nicht möglich sein dürften. Daneben gab es aber natürlich auch einige Personen, die auch Tierschutzgesetzreformen dieser Art grundsätzlich ablehnen. Selbst die Verbote von Atomkraftwerken und von Pelzfarmen in Österreich würden sie nur pessimistisch stimmen, meinte eine deutsche Teilnehmerin. All das nütze in ihren Augen lediglich der Industrie. Da kann ich ihr auch nicht mehr helfen.

Ein Radiobericht über die Konferenz kann hier nachgehört werden:
http://cba.fro.at/251164

2 thoughts on “Critical Animal Studies Konferenz in Karlsruhe

  1. Wer mehr über Nocella wissen will findet das hier:

    http://www.anthonynocella.org/

    Er ist religiös, Quäker, Pazifist und er wird ganz sicher nicht als Gefahr für den Staat betrachtet. Er wurde sogar vom FBI eingeladen einen Vortrag zu halten. Auch wenn er dachte es gehe dabei um Informationen, die von ihm haben wolle, ist eher anzunehmen, dass man ihn „benützen“ möchte. Alles Mögliche ist möglich.

    http://anarchistnews.org/content/queering-snitches-landlords-and-bosses-why-anarchists-spaces-must-not-host-queering

  2. Wenn ich das lese drängt sich mir ein Gedanke auf: Manche dieser Meinungen sind derart hirnrissig, dass man unweigerlich auf die Idee kommt, es handele sich dabei um eine konzertierte Geheimdienstaktion. Was diese Leute sagen ist ja folgendes:

    „Ich habe ein kaputtes Haus, aber ich will es nicht renovieren. Denn eigentlich will ich ja ein neues, aber das kann ich mir nicht leisten. Deshalb warte ich bis das alte zusammen fällt und dann wird aus eigener Kraft, ganz ohne mein Zutun, ein neues entstehen. Also liebe Leute, legt die Hände in den Schoß und tut nichts, ändert nichts, akzeptiert es wie es ist.“

    So demoralisiert man die Menschen, denn man redet ihnen ein, sie sollen nichts tun, weil „alles was man verbessert, angeblich der Industrie nützt“! Zudem stellt man die Menschen die sich für Tierrechte, oder Tierschutz engagieren als Deppen hin. Denn wenn jemand der sich damit nie beschäftigt hat den Unsinn liest, den diese Leute verbreiten, will er mit Tierschutz gleich gar nichts zu tun haben. Er wird denken, alle seien so blöd. Deine Begeisterung wird solche Leute nicht anstecken, denn ihr Ziel scheint es zu sein, echte Tierschützer und Tierrechtler zu deprimieren. Hast du nicht einmal geschrieben, in Deutschland sehe die Situation der Tierschützer schon jetzt anders aus? Das würde mich unter diesen Voraussetzungen nicht wundern.

    Man braucht dazu nur entweder einige die ausgebildet wurden genau das zu sagen was man verbreiten möchte, oder man fördert einige – unter Umständen auch ohne ihr Wissen – die genau das sagen was man verbreiten möchte. Anhänger finden sich dann schon.

    Ähnliches hat die CIA früher in Europa mit den Literaten gemacht. Man hat die „Passenden“ gefördert – das weiß man mit Sicherheit – und die „Unpassenden“ fertig gemacht – das nehme ich an.

    Ich würde mich vor solchen Leuten hüten.

    Die Geheimdienste sehen Tierschützer als Staatsfeinde an und nicht nur in Österreich. Sie verderben das Geschäft. Naiv zu glauben, Österreich würde mit dem Tierschützerprozess einen Alleingang gewagt haben. So wie die kriminellen Handlungen der „Staatsschützer“ ignoriert werden – auch im Ausland – deutet das für mich auf wohlwollende Aufnahme seitens der diversen EU Behörden hin. Oder hat jemand gelesen, die EU würde das Vorgehen gegen die Tierschützer hinterfragen, oder gar verurteilen? Die unterstützen einander in jeder Hinsicht.

    Das mag nach Verschwörungstheorie klingen, jedenfalls werden sicher einige, diejenigen die gemeint sind, behaupten es sei ja ganz sicher nicht so, aber Geheimdienstverschwörungen gibt es leider, wie gerade die Tierschützer mittlerweile wissen sollten.

    Für mich klingt diese Sache nach psychologischer Kriegsführung. Dafür spricht auch, dass der Herr Nocella nicht vergisst PETA anzugreifen, aber nicht bereit ist über seine Thesen zu diskutieren. Vielleicht ist er nur für die USA zuständig? 😉

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