Der Wolf kehrt zurück – ein Buch über das Zusammenleben in der Kulturlandschaft

Endlich eine vernünftige Stimme in der zunehmend irrationaler werdenden und von den kommerziellen Medien angeheizten Stimmung gegen den Wolf. Und was für eine Stimme. Elli Radinger und Günther Bloch befassen sich seit Jahrzehnten wissenschaftlich mit freilebenden Wölfen, und zwar hauptsächlich im Banff Nationalpark in Kanada und im Yellowstone Nationalpark in den USA. Dabei hatten die beiden ständig Zusammentreffen mit Wölfen, allein in den Jahren 1992 – 2014 sogar in 7673 dokumentierten Fällen. Und das ist die gute Nachricht dieses Buches: nie ist es dabei zu gefährlichen Situationen gekommen, selbst wenn sich die ForscherInnen nahe der Wolfshöhle mit den Jungtieren aufhielten oder sich bei der Begegnung auf den Boden legten. Manchmal schnupperten die Wölfe sogar an den ganz ruhig liegenden Menschen und zogen dann weiter. Also Entwarnung durch ExpertInnen: es ist sehr unwahrscheinlich, dass Wölfe Menschen angreifen. In wenigen Ausnahmefällen kann das passieren, aber dann ist Tollwut oder Selbstverteidigung nach einer Schussverletzung durch JägerInnen der Grund. Doch die Tollwut gibt es bei uns gar nicht mehr!


Seit 1950 sind nur 4 tödliche Angriffe durch Wölfe auf Menschen in Europa dokumentiert. Wer daraus schließt, dass Wölfe eine große Gefahr sind, die abgewendet werden muss, sollte sich die Statistik anderer tödlicher Unfälle genauer ansehen, argumentieren die AutorInnen. So ersticken allein in Deutschland jährlich 500 Menschen an Fischgräten und 300 Menschen an verschluckten Kugelschreibern. 18 sterben im Mittel an Bienenstichen und jedes Jahr einige durch Kühe. Man müsste sich jedenfalls mehr vor Kühen als vor Wölfen fürchten.

Über die Jahre 2001 – 2009 haben die AutorInnen untersucht, was die Wölfe in der Lausitz in Deutschland so essen. Immerhin gibt es in unserem Nachbarland bereits über 150 erwachsene Wölfe in 46 Rudel. 52,1 % der Nahrung waren Rehe, 24,7 % Rothirsche, 16,3 % Wildschweine und 3,4 % Hasen. Die Nutztiere schlugen nur mit 0,8 % zu Buche. Übrigens sagen die AutorInnen im Gegensatz zu den Fachleuten aus Allentsteig, dass ein erwachsener Wolf nicht mehr als 2 kg Fleisch pro Tag zu sich nimmt. Jedenfalls ist aus den Zahlen zu schließen, dass der Wolf mit ein wenig Vorsicht keine relevante Gefahr für die Nutztierhaltung im Freiland in Österreich darstellt. Das Buch widmet ein ganzes Kapitel dem Herdenschutz und schlägt konkrete, praxiserprobte Lösungen vor.

Ganz klar beziehen die AutorInnen auch zur Propaganda seitens der Jagd Stellung. Ja, Wölfe sind Kulturfolger und brauchen keine unberührte Naturlandschaft. Nein, Wolfspopulationen explodieren nicht und brauchen keine jagdliche Kontrolle. Ebenfalls nein, Wölfe rotten keine Wildtierarten aus, mit denen sie hierzulande koevolviert sind. Und zuletzt nein, Wölfe können wunderbar in der Nähe des Menschen leben, ohne Probleme zu machen geschweige denn gefährlich zu werden.

Und trotz dieser erfreulichen Positionierung des Buches bleibt ein negativer Nachgeschmack, wenn man es als Tierschützer liest. Vielleicht um nicht selbst als fanatische TierschützerInnen zu gelten, distanzieren sich die AutorInnen von WolfsliebhaberInnen, die sie in den Städten verorten. Abgesehen davon nennen sie manche TierschützerInnen auch abfällig „Gutmenschen“ und sprechen ihnen die Kompetenz ab, sich seriös für Tiere zu engagieren. Aber wenn man bereit ist, diese Ausrutscher zu entschuldigen, ist das Buch jedenfalls lesenswert.

Eine Umfrage vom August 2017 in Österreich gibt Hoffnung: 84 % der Bevölkerung sehen den Wolf als wesentlichen Bestandteil einer intakten Natur und 82 % gehen davon aus, dass ein friedliches Zusammenleben zwischen Mensch und Wolf grundsätzlich möglich ist.

One thought on “Der Wolf kehrt zurück – ein Buch über das Zusammenleben in der Kulturlandschaft

  1. Rudolf says:

    Der Wolf…
    Ich als hauptberuflicher Jäger bin natürlich an diesem Buch und auch an Ihren Ausführungen sehr interessiert! Es gibt auch nichts dagegen einzuwenden, sich dem Thema „Wolf“ vernünftig und ohne jeglicher emotionaler Gräben anzunähern bzw. sich damit zu beschäftigen!

    Grundsätzliches: (das eine oder andere etwas „provokant“)
    Wie kam der Wolf nach Allentsteig? Am Truppenübungsplatz ist das einzige in Österreich bekannte Rudel. Ist es ein Zufall, dass genau in diesem militärischen Sperrgebiet und Europaschutzgebiet die ersten zwei Wölfe angekommen sind? Kann es auch sein, dass diese zwei Individuen durch Menschenhand das Areal „gefunden“ haben? Dies ist nur eine Frage, die bis jetzt noch nicht 100% geklärt wurde. Bei dieser Frage geht es nicht um richtig oder falsch!
    Unabhängig wie der Wolf dorthin kam, vermehrt er sich dort und sorgt für rege Unruhe in der Region. Zum Teil sehr emotional… Man hört zum Beispiel, dass sich große Rudel an Rotwild aus dem Truppenübungsplatz verflüchtigt haben, unter Stress stehen und nun in anderen Wäldern dadurch zu großen Wildschäden beitragen… Man hört vom Truppenübungspatz, dass der gesamte Bestand an Muffelwild durch den Wolf vernichtet wurde. Man hört dass in anderen Revieren die behördliche Verpflichtung den Abschuss zu erfüllen schwieriger wurde, da gewisse Wildarten scheuer geworden sind.
    Man hört, dass manche Bauern die Wölfe bereits an ihren eingezäunten Nutztierherden gesichtet haben.
    Man hört, dass Wölfe alleine nicht den Wildbestand in dem Masse regeln können, dass die Jagd dadurch entfallen könnte. Und die Folgen des Luchses sind auf Grund der enormen Gebietsinanspruchnahme irrelevant.

    Falls Schäden durch einen Wolf oder als Folge des Wolfes auftreten – wer soll diese bezahlen?
    Der Steuerzahler? (gibt es nicht „sinnvollere“ Themen in der Sozialpolitik, die jeden Cent bedürfen? soll die Jägerschaft oder der WWF zahlen? oder?
    Wie wird der Schaden festgestellt, wenn zum Beispiel die Wildschäden im Wald durch Rotwild entstanden sind, wo vorher keine waren? War es der Wolf, der das Rotwild beunruhigt hat und diese Stresshandlung verursacht?
    Wie wird sich die Behörde verhalten, wenn die Abschußpläne nicht mehr erfüllt werden können? Sind Strafen der Behörde dann auch Schäden durch den Wolf?
    Wer zahlt die Wertminderung der Gründstücke auf denen die Jagd nicht mehr sinnvoll ausgeführt werden kann und somit der Land- und Forstwirt weniger Ertrag hat?

    Das sind nur einige Überlegungen, die zeigen, dass weder NGO’s noch Politik alle Konsequenzen berücksichtigt haben, die eine Wolfsansiedlung mit sich bringt. Keine traute sich wirklich das Thema aufzugreifen, keiner denkt über seinen Tellerrand…
    Ein Wolfsexperte im Radio behauptete, nur solche Landwirte bekommen Schadenersatz, wenn sie zuvor sämtliche möglichen Abwehrmassnahmen getroffen haben (Herdenschutz, Zäunung, usw)… ? Wie kommt der Landwirt dazu? Sollen in Zukunft Forstreviere eingezäunt werden, damit die forstlichen Bestände gesichert sind? Abgesehen von den Kosten – würde weitere Gatter entstehen, die nicht jedermann gutheißt…

    Bis jetzt gingen nur unendliche emotionale Reaktionen hoch, die von keiner Seite hilfreich waren.
    Man kann nur hoffen, dass einmal sämtliche Emotionen beiseite gelegt werden und wirklich sachlich im Interesse aller und da meine ich aller! geplant und diskutiert wird.
    Jeder Betroffene hat das Recht angehört zu werden – der Landwirt, der Forstwirt, der Jäger, sonstige Grundeigentümer, NGO’s und viele mehr!!

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