Die Atmosphäre der Wildnis

Seit langem gehen wir nun schon weglos durch den urtümlichen Wald. Riesige Buchen ragen hier auf, mit dicken Stämmen, die sich in bis zu 4 eigene Bäume teilen. Dazwischen abgestorbene Tannen, tote Baumleichen, die in der Hälfte ihrer Höhe abgebrochen sind. Die Reste vermodern im tiefen Waldboden. Langsam wird es düster. Weit und breit keine Lichtung zu sehen. Links unten eine Wasserstelle. Dort gibt es viele Spuren im morastigen Boden und tatsächlich, mitten drin, die von einem Bär.

Es fühlt sich ganz anders an, hier in den Südkarpaten, als daheim in den alpinen Wäldern ohne Großraubtiere, ohne Bär, Wolf und Luchs, aber auch ohne Bison. Nie lässt die Aufmerksamkeit nach. Bei jedem Knacken hebe ich den Kopf. Mein Hundefreund Kuksi ist ebenfalls sehr konzentriert und deutlich vorsichtiger als daheim. Er riecht die Tiere in unserer Nähe und weiß viel mehr darüber, welche davon kürzlich unseren Weg gekreuzt haben.

Bricht die Nacht über uns herein, müssen wir einen guten Schlafplatz gefunden haben. An einer kleinen Lichtung vielleicht, oder knapp an der Baumgrenze. Das Essen wird über Nacht in einem luftdichten Behälter in 8 m Höhe gute 50 m entfernt sicher verstaut. Trotzdem falle ich nur in einen leichten Schlaf, bin beim kleinsten ungewöhnlichen Geräusch hellwach. So ist die Wildnis.

Sicher, man gewöhnt sich. Vermutet man anfangs noch in jedem Busch und dichten Unterholz einen schlafenden Bären, so ist das nach Tagen im Wald ganz anders. Doch ein bisschen Paranoia ist angebracht. Hier in den Südkarpaten, so meine Erfahrung, sieht man jeden zweiten Tag eine Bärenspur und trifft jede Woche einmal auf ein lebendes Exemplar. Allerdings nur, wenn man wirklich wild durch den Wald geht und die Nacht im Zelt verbringt.

Auch diesmal haben wir eine Bärin mit zwei Kindern aus nächster Nähe gesehen. Und zahlreiche Spuren gefunden. Ich bin jetzt schon deutlich mehr als 20 Mal Bären begegnet. Einmal hörten wir plötzlich hinter uns ein Knacken – 1600 m Seehöhe, 17 Uhr nachmittags – und sahen einen Bären im vollen Galopp auf uns zulaufen. Erst in letzter Sekunde bemerkte er uns und drehte keine 5 m vor uns ab. Geräuschlos verschwand er im Unterholz.

Wir haben keine anderen Menschen gesehen. Holzarbeiter, ja. Und Forststraßen überall. Aber Wanderwege waren kaum zu finden und Wanderer schon gar nicht, geschweige denn mit Zelt. Kein Wunder, dass es von hier keine Wanderkarten gibt.

Wie anders in Österreich. Überall Wege und Wanderer. Oder fast überall. Und nirgends urtümliche Wälder. Oder fast nirgends. Und keine Bären. Friedhofsruhe herrscht da in der Nacht im Wald. Keine Spannung, keine Atmosphäre.

Ich habe einen Anrainer gefragt, einen 50 jährigen Mann, der Zeit seines Lebens hier gewohnt hat. Angst hat er keine vor Bären, sagt er erstaunt. Er hat auch noch nie einen gesehen. Und es habe hier seit Menschengedenken keinen Bärenangriff gegeben.

Aber ob die Leute hier auch im Zelt die Nacht im Wald verbringen?

One thought on “Die Atmosphäre der Wildnis

  1. Sebastian Ortner sagt:

    super, hört sich ja spannend an. Beneidenswert, obwohl ich viel schiss hätte, gerade weil ja HUnde dann auch oft u bellen beginnen oder auch des nächtens aufschrecken, und ich dann nicht wüsste warum und was wirklich los ist.
    Angst hätt ich,a ber cool wärs.

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