Ein neues Biedermeier-Zeitalter droht

Nach der erfolgreichen französischen Revolution mit ihrer Forderung nach gleichen Menschenrechten und nach einer Demokratie, war in den absolutistisch regierten Staaten wie Österreich Feuer am Dach. Das Feuer dieser neuen Idee musste erstickt werden. Deshalb wurde Österreich zum ersten echten Polizeistaat der Geschichte. Man erfand die Geheimpolizei und das Spitzelsystem, genauso wie die Zensur und das Unterlaufen des Briefgeheimnisses. Die ersten Opfer waren 1795 die frühen Demokraten, die von einem Spitzel aufgedeckt und dann in den Jakobinerprozessen zu furchtbaren Strafen verurteilt wurden (http://www.martinballuch.com/das-schicksal-der-ersten-osterreichischen-demokraten-der-galgen-am-schottentor-1795/).

Die Konsequenz für die Menschen war der Rückzug ins Privatleben. Die kleinbürgerliche Welt entstand, mit ihrem niedlichen Hausinventar, der unverfänglichen Kunst und den völlig unpolitischen Freizeitbeschäftigungen. Biedermeier eben. Mit lauter biederen Bürger_innen.

In meiner Arbeit an meinem neuen Buch habe ich viel über die wilden Jahre der frühen Tierrechtsbewegung gelesen, auch in Österreich. Radikal, frisch, unorganisiert, lebte man so eine Art Revolution. Anfänglich ignoriert und dann belächelt, hatte man einen gewissen Freiraum, die Narrenfreiheit sozusagen. Bis dann das Maß voll war. Bis sich die ersten Erfolge einstellten. Bis den Mächtigen klar wurde, dass das keine Minderheitenmeinung zu bleiben droht, und dass sie daher reagieren müssen.

Und reagiert haben sie, weltweit, aber auch in Österreich. Im Rahmen der Tierschutzcausa wurde ein brutaler Schlag gegen die gesamte Szene geführt. Plötzlich soll jede Tierschutzaktivität Teil einer Kampagne einer kriminellen Organisation gewesen sein. Ähnliche Großprozesse gab es in Spanien, Neuseeland, England und den USA. Aber überall wurden und werden die Zeiten für Aktivist_innen härter, die Gesetze strenger, die Strafen höher, die Überwachung intensiver und die Polizeibefugnisse immer größer. Schluss mit der Narrenfreiheit heißt aber auch Schluss mit dem Freiraum für Aktivismus, Schluss mit dem ehrlichen Ausdruck radikaler Ideen. Ab jetzt muss man jeden Satz dreimal abwägen, bevor man ihn schreibt, weil er könnte dich vor Gericht bringen.

Die Folge scheint zu sein, dass der erfrischende Grassrootsaktivismus im Tierschutz ganz stark zurückgegangen ist, weltweit und auch in Österreich. Fast niemand macht mehr konfrontative Kampagnen. Stattdessen ist streichelweiches „positive campaigning“ angesagt, das persönliche Gespräch, Save Aktionen, bei denen Tiere vor Schlachthöfen gestreichelt werden, nachdem man sich mit den Betreiber_innen arrangiert hat. CEVA geht in seinen Workshops in dieselbe Richtung. Der beste Aktivismus sei einer, bei dem der Außenwelt gar nicht auffällt, dass du sie ändern willst. Die Änderung solle schleichend geschehen. Dann bist du sicher.

Statt von Gerechtigkeit, von sozialer Befreiung, von Unterdrückung und Ausbeutung, ist nur noch von veganem Lifestyle, Konsumentenentscheidung und professionellem Auftreten die Rede. Keine schockierenden Bilder mehr, sondern anständig ausschauen, anständig sprechen und Vorbildwirkung entfalten. So ist keine Revolution zu machen!

Die Situation ist ähnlich wie zum Biedermeier. Da war die radikale Idee, hier Gleichberechtigung der Menschen und da der Tiere, die realisiert zu werden drohte. Als Reaktion darauf gibt’s den zunehmenden Polizeistaat. Allein schon deswegen, weil die großen Konzerne immer mächtiger, finanzstärker und einflussreicher werden. Und die können laute Demonstrant_innen und effektive politische Kampagnen gar nicht brauchen. Das behindert den Kaufrausch und damit die Profite, und erschwert durch neue Tierschutznormen die billigste Produktion. Entsprechend bewirken sie via Regierungen eine zunehmende Einschränkung der Handlungsfreiheit für die Zivilgesellschaft. Die Menschen werden ins Private abgedrängt. Nur noch liebliche Botschaften, keine lauten Demos, keine grausamen Bilder. Lauter freundliche Menschen im Anzug, die lächelnd Flugblätter verteilen. Biedermeier eben. Das neue Biedermeier-Zeitalter droht zu beginnen.

Das Biedermeier des 19. Jahrhunderts endete in einer Revolution 1848. Es ist kaum zu erwarten, dass die Geschichte hier parallel geht. Im Gegensatz zu damals ist heute die Überwachung mittels einer Technologie möglich, die jeden revolutionären Gedanken im Keim erstickt. Auch in George Orwell‘s 1984 hat es keine Revolution gegeben. Die Aussicht ist also düster.

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