Experimente zum Zweck von Bewusstsein: Flexibilität und rasche Verhaltensadjustierung

Für den Ablauf genetischer Programme und für Konditionierung ist ein Bewusstsein, also ein subjektives Miterleben, nicht notwendig. Viele Dinge laufen unbewusst besser in dem Sinne ab, dass sie rasch und reibungslos ohne viel Energieaufwand funktionieren. Wie ein lernfähiges Computerprogramm. Ganz anders dagegen das Nachdenken und die bewusste Entscheidung. Sie sind langatmig und sehr mühsam. Sie kosten Energie.


Da sich evolutionär Bewusstsein etabliert hat, muss es eine andere Wirkung haben, als jene der fixen Verhaltensabläufe durch genetische Programmierung oder der variablen Verhaltensabläufe durch Konditionierung. Kant meint, die bewusste Entscheidung ist eine Vernunftentscheidung und damit eine Entscheidung des freien Willens, während Antriebe, wie Genetik oder Konditionierung, unfrei, weil nicht bewusst selbstbestimmt, sind.

Dazu wird im New Scientist vom 1. Juli 2017 eine interessante Serie von Versuchen an der School of Advanced Study der Uni London dargestellt.

Das 1. Experiment. Die ProbandInnen schauen auf einen Monitor. Dort erscheint ein Pluszeichen im Zentrum. Nach einer ¾ Sekunde wird das Plus durch einen Pfeil ersetzt, der rechts oder links zeigt. Dieser Pfeil war entweder 33 Millisekunden oder 400 Millisekunden zu sehen. Ersteres ist zu kurz, um bewusst wahrgenommen werden zu können, zweiteres dagegen kann man sehr wohl bewusst wahrnehmen. Danach erscheint ein X entweder auf der rechten oder linken Seite des Monitors. Die ProbandInnen müssen dann einen rechten oder linken Knopf drücken, je nach dem wo das X erschienen ist. JedeR ProbandIn wurde mit diesem Versuchsaufbau 400 Mal getestet. Die Hälfte der Tests war der Pfeil zu kurz zu sehen, um ins Bewusstsein zu gelangen, bei der anderen Hälfte lange genug. Bei der einen Hälfte der 200 Tests erschien das X auf derselben Seite, in die der Pfeil zeigte, bei der anderen Hälfte war es umgekehrt.

Interessanter Weise drückten die ProbandInnen viel öfter den falschen Knopf, wenn der Pfeil auf die falsche Seite zeigte und zu kurz erschien, um bewusst wahrgenommen werden zu können. Zeigte der Pfeil auf die falsche Seite und konnte aber bewusst wahrgenommen werden, dann drückten die ProbandInnen den richtigen Knopf – für die andere Seite. Die Schlussfolgerung: das Bewusstsein erlaubt eine viel freiere Entscheidung, das Unbewusste ist starrer und weniger adaptiv.

Das 2. Experiment. Nun wurden die Augenbewegungen der ProbandInnen verfolgt, um zu sehen, wo sie zuerst auf dem Monitor hinschauen und wie rasch sie das X finden. Praktisch immer, wenn der Pfeil zu kurz erschien, um bewusst wahrgenommen werden zu können, und in die falsche Richtung zeigte, blickten die ProbandInnen zuerst an diese Seite des Monitors, bevor sie das X auf der anderen Seite fanden. Sie konnten nicht anders. Daher brauchten sie viel länger für die richtige Entscheidung, als wenn der Pfeil zwar ebenfalls in die falsche Richtung wies, aber so lange zu sehen war, dass er bewusst wahrgenommen werden konnte. Zusätzlich konnten sich die ProbandInnen nicht daran gewöhnen, dass der Pfeil in die falsche Richtung wies. Selbst wenn das System so eingestellt wurde, dass der Pfeil zu 88 % in die falsche Richtung wies, aber zu kurz erschien, um bewusst wahrgenommen werden zu können, blickten die ProbandInnen zuerst auf die falsche Seite des Monitors – ohne sich dessen bewusst zu sein.

„Consciousness facilitates rapidly adjusting your behaviour in response to changes in the world“, schließen die StudienautorInnen. Bewusstseinsexperte Thomas Metzinger von der Uni Mainz dazu: „This is brilliant research. The capacity for rapid, effective learning would almost certainly be something that evolution would have selected and maintained. The study suggests that this capacity requires conscious awareness. This gives researchers a clue to a theory of consciousness in which it really does have a causal effect.“

Der causale Effekt von Bewusstsein! Eine Art „Freier Wille“?

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