Folgen der Legebetriebsbesetzung – doch eine effektive Aktionsform?

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Eine Besetzungsaktion: friedlich, kein Schaden entstanden und die Öffentlichkeit erfährt von dem Missstand

Aktionismus würde, so der Tenor beim Symposium der AGES Akademie im Workshop über ein Tierschutzbildungszentrum (http://www.vgt.at/presse/news/2013/news20130606y.php), sinnlos sein und nicht die Öffentlichkeit erreichen. Jetzt bin ich ja nicht der Ansicht, ein Tierschutzbildungszentrum müsse aktionistisch tätig werden, aber war der Seitenhieb auf NGOs wie den VGT nötig? Als Seitenhieb war es jedenfalls gemeint, fürchtet man sich doch vor „Radikalität“, die sich in dieser Form äußere. Nur nicht das Boot zum Schwanken bringen, in dem man sitzt und das einen – mit staatlichen Geldern – erhält. Dabei ist ein konstruktiver Konflikt für einen gesellschaftlichen Wandel notwendig, wie nicht nur Koryphäen sozialer Befreiungsbewegungen (z.B. Frederick Douglass und Martin Luther King) deutlich gemacht haben, sondern auch in meinem Buch „Widerstand in der Demokratie“ ausgeführt wird. Jetzt habe ich ein neues, aktuelles Beispiel.

Am 4. April 2013 besetzten wir einen Legebetrieb, der sich Bodenhaltung nennt, aber mehr an eine Legebatterie erinnert, http://www.martinballuch.com/?p=2347. Oft schon hatten wir die Behörden und die Branche auf das Problem aufmerksam gemacht, aber wenn das Boot nicht schwankt sieht niemand die Notwendigkeit, irgendetwas zu ändern. Unsere Besetzung wurde von Pro 7 verbreitet und mündete in eine live Diskussion mit mir zum Thema in ORF 2 Heute Konkret. Die Bilder aus dem Betrieb wurden von hunderttausenden Menschen gesehen.

Und das war wie ein Stich ins Wespennest. Die seltsame Aufstallungsart in diesem Betrieb nennt sich „Natura“ und stammt von der Firma Big Dutchman. Auf 3 Etagen sind die Hühner in 2,4 m lange Käfige eingesperrt, wobei die Tiere am inneren Rand der Käfige nach oben und unten wechseln können. Ist die unterste Käfigreihe offen, dann fungiert der Gang zwischen den Käfigetagen als „Scharrraum“ und die Haltungsform genügt formal dem Gesetz. Ist sie zu, wie zu 3 Zeitpunkten, an denen im Betrieb heimlich gefilmt worden war, dann ist das Ganze illegal. Eine effektive Kontrolle scheint unter diesen Bedingungen nicht möglich, abgesehen davon wie fragwürdig eine Bodenhaltung mit offener Käfigreihe ist, werden die Hühner dabei doch daran gehindert, auf und nieder zu flattern.

Die AMA zertifiziert nach eigenen Angaben rund 15 solche Betriebe österreichweit mit ihrem Gütesiegel. Sonst nicht gerade für ihre Tierfreundlichkeit bekannt, verfügte sie aber als unmittelbare Maßnahme, dass in Zukunft die Käfigtüren der unteren Reihe blombiert werden müssen, sodass sie nicht mehr geschlossen werden können, ohne dass das bei Kontrollen auffällt. Aber darüber hinaus sollen die AMA-Richtlinien geändert werden, sodass dieses Haltungssystem nicht mehr als Bodenhaltung gilt und zertifiziert werden kann!

Eine friedliche, obzwar illegale Aktion, die den Konflikt in der Öffentlichkeit aufreißt, und schon gibt es eine Bereitschaft bei den Verantwortlichen zu einer konstruktiven Lösung. Wie war das doch gleich: Aktionismus sei sinnlos und erreiche nicht die Öffentlichkeit?

Das Nachspiel: die Bezirkshauptmannschaft hat mir privat einen Strafbescheid über € 600 geschickt. Natürlich sei ich für alles verantwortlich und hätte insbesondere verhindern müssen, dass manche der AktivistInnen ihr Gesicht verdeckt haben – Vermummungsverbot. Davon sah ich nicht viel, sehr wohl gesehen habe ich aber, wie BeamtInnen des Landesamts für Verfassungsschutz und Terrorismusbekämpfung in 100 m Entfernung mit Kameras mit langen Objektiven möglichst viele Gesichter der AktivistInnen fotografieren wollten. Ein Missstand und eine friedliche Aktion, die ihn beseitigt – aber die AufdeckerInnen sind die TerroristInnen.

2 thoughts on “Folgen der Legebetriebsbesetzung – doch eine effektive Aktionsform?

  1. Jimmy says:

    Der ORF Bericht über diese Aktion hat sehr geholfen, etwas zu bewegen. Zunächst habe ich gedacht, den Bericht habe ich zufälligerweise gesehen. Schade, dass das nicht jeder sieht. In den letzten Wochen haben viele Freunde die Sendung angesprochen. Alle waren entsetzt über diese Zustände und zumindest Bodenhaltung ist out. Den meisten Menschen ist es nicht egal, wenn Tiere leiden. Diese Öffentlichkeitsarbeit bringt’s. Wohl deshalb wird sie von den Handlangern der Agrarlobby so vehement bekämpft.

  2. Martin Balluch says:

    Habe eben wieder ein behördliches Schreiben im Verfahren gegen mich in dieser Sache bekommen. Dabei sind auch die internen Berichte der Polizei zum Vorfall enthalten. Und in einem dieser Berichte steht, dass sich die AktivistInnen zwar nicht ausweisen wollten, dass aber das LVT vor Ort gewesen sei und Fotos aufgenommen habe und dass Anzeigen folgen würden, wenn es dem LVT gelingen wird, die Identität von AktivistInnen heraus zu finden.

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