Ist Mord doch normal? USA-Drohnenpolitik und Guantanamo

 

Der Film „Zero Dark Thirty“, den ich mir, ehrlich gesagt, aus Abscheu vor Gewaltszenen nicht anschauen werde, thematisiert die Folterpraktiken der USA. Allerdings scheint er die Folter zumindest moralisch neutral als effektiv darzustellen und hat deswegen, wie ich meine, berechtigte Kritik ausgelöst. Der Kurier nahm das letztes Wochenende zum Anlass, um über Guantanamo zu berichten. Dort in Kuba sitzen seit nunmehr 12 Jahren momentan noch 166 Männer ein, ohne Anklage, ohne begründeten Verdacht, ohne richterliche Weisung, zum Teil sogar noch immer ohne Kontakt zu AnwältInnen. Und diejenigen, die AnwältInnen bekommen, müssen mit Angehörigen des US-Militärs Vorlieb nehmen. Insgesamt dürften 800 Männer in diesem Lager festgehalten worden sein, und davon selbst nach US-Maßstäben fast alle unschuldig. Das Ende dieses Lagers ist nicht abzusehen, auch Obama wurde wortbrüchig, die Medien berichten, dass die Kommission zur Auflösung des Lagers selbst jetzt aufgelöst wurde.

Ein Teil des Lagers wurde laut Kurier noch nie von unabhängigen Personen wie z.B. JournalistInnen oder wenigstens RechtsanwältInnen besucht. Dort sitzen u.a. jene Terrorverdächtige, die man nun mittels Todesstrafe und Militärstrafgericht ermorden will – nachdem man deren angeblichen Chef 186 (!) Mal der Folter des Waterboarding unterzogen hatte! Diese Fakten sind so erschütternd, dass ich eigentlich nicht begreifen kann, warum westliche Staaten, die angeblich Menschenrechte und Demokratie hochhalten, diese von ganz oben in den USA gedeckten offensichtlich menschenrechtswidrigen und verbrecherischen Praktiken nicht wiederholt öffentlich verurteilen und entsprechende politische Konsequenzen ziehen.

Im Kurier wird auch noch festgestellt, dass aus den USA Angehörige von Opfern von 9/11 nach Guantanamo geflogen werden, um dort durch das Anglotzen von Gefangenen und das Zuhören bei deren Befragung ihre Rachelust befriedigen zu können. Dieses abartige Vorgehen zelebrieren die Behörden dieses Landes auch bei der Todesstrafe. Einer dieser Angehörigen erklärte im Interview, wie toll doch die USA sei, dass sie diesem Dreck (gemeint sind die Guantanamo Insassen) noch so ein „faires“ Verfahren ermögliche. Bei so viel Frechheit bleibt einem die Luft weg. Irgendwie gewinne ich den Eindruck, diesem Land und seinen BürgerInnen wird nicht wirklich vermittelt, was von ihrem Tun zu halten ist.

Im New Scientist vom 26. Jänner 2013 wird über die Drohnenpolitik der USA berichtet, sachlich und ohne erkennbare Kritik. Drohnen sind (in diesem Fall) kleine, mit Raketen bestückte Flugkörper, die von PilotInnen von den USA aus gesteuert in Afghanistan und Pakistan herumfliegen und Menschen gezielt in die Luft sprengen. Obama hat für dieses Projekt erneut 5 Milliarden US-$ zur Verfügung gestellt. Jede Woche werden ihm von seinen Geheimdienstchefs Listen von zu ermordenden Menschen vorgelegt, die er dann abzeichnet.  Auf diese Weise seien von momentan 1280 Drohnen-PilotInnen in den letzten Jahren insgesamt mehr als 2000 Menschen ermordet worden.

Diese PilotInnen sitzen in Nevada in irgendeiner Militärbasis. Von dort aus dirigieren sie ihre Drohnen bis zum Mittagstisch ahnungsloser Familien, die sie dann – auf höheren Befehl natürlich – ohne sie zu kennen in die Luft sprengen und ermorden. Die Journalistin fragte daraufhin einen dieser Piloten, ob ihm das kein psychologisches Problem sei. Daraufhin sagt der, dass es leichter wäre, wenn er diese Männer beim Bombenlegen töten würde, anstelle friedlich bei Tisch sitzend. Aber seine Chefs würden schon wissen, was sie tun, und so sei es ein Leichtes, diese Morde auszuführen, ohne viel dabei zu empfinden. Nach erledigtem Mordauftrag nimmt der Pilot seine Kopfhörer ab, geht aus der Militärbasis in die friedliche Sonne von Nevada hinaus und freut sich schon auf das Abendessen mit seiner Familie zu Hause. Offenbar finden sich mehr als genug Personen, die zu derartigen Mordanschlägen gegen Menschen, die sie gar nicht kennen, fähig sind und das sogar gerne tun. Die Nachfrage nach Ausbildungsplätzen zu DrohnenpilotInnen ist groß.

Ich wundere mich nicht mehr, warum Menschen so leicht Fleisch essen können, ohne Gewissensbisse zu haben. Ich wundere mich eher darüber, mit welcher moralischen Entrüstung und Vehemenz hierzulande im Boulevard über Mörder hergezogen wird, die auch nicht viel anders, als diese DrohnenpilotInnen, Menschen in Österreich tatsächlich ermordet haben. Es scheint doch durchschnittlichen Menschen überhaupt nichts auszumachen, Morde zu begehen. Der Erfahrung aus der Drohnenpolitik der USA nach zu schließen, sind NormalbürgerInnen dazu ganz leicht in der Lage – und die Weltöffentlichkeit wirkt darüber auch nicht besonders entsetzt.

Das wiederum entsetzt mich.

4 thoughts on “Ist Mord doch normal? USA-Drohnenpolitik und Guantanamo

  1. susanne v. says:

    Es steht jedem frei sich für diese Leute einzusetzen. Ich habe schon vor Obama einen Bittbrief geschrieben, so wie viele andere auch, mehr kann ich nicht tun. In einem Rechtsstaat, in einer Demokratie sollte Folter an sich verpönt sein und man sollte auch niemanden nur auf Verdacht hin ewig einsperren. Dafür setze ich mich immer ein, egal wen es betrifft.

    Ich halte es aber auch für nicht zielführend, weil man dadurch höchtens die Feindschaft weiter schürt. Leute ohne Gerichtsverhandlung umbringen (auch wenn Todesurteile möglich sind) verstößt auch gegen den Rechtsstaat und es bringt nichts, weil für einen Getöteten wahrscheinlich zehn andere auftauchen. Je gefährlicher es für diese Leute wird, umso größer wird auch die Ehre und umso größer der Zulauf. Besser wäre es zu zeigen worum es denen wirklich geht – um die Macht, um ein schönes Leben auf Kosten anderer – wie allen anderen auch. Ihre Anhänger finden sie schließlich unter den Unzufriedenen, die glauben jetzt würden endlich ehrliche Leute kommen. Sogar in Europa gibt es genug Leute die keine Islamisten sind und das glauben. Der Messias kommt nicht, nirgendwo. Wer das versteht wird sich nicht für eine zukünftige Diktatur einsetzen in der er genauso arm sein wird – außer er wird zum Gefängniswärter und Folterer.

    Ich halte den Islamismus für eine große Gefahr, denn der Islamismus schafft ganz sicher alle Rechtsstaatlichkeit (im europäischen Sinne) ab und Demokratie sowieso. Deshalb muss jeder der ein halbwegs freies Leben will auch dagegen kämpfen. Nur nicht mit solchen Methoden, denn damit erreicht man das Gegenteil.

  2. der wilde Wolf says:

    Der 911 war ein Segen für viele Staaten und gewissen Industriezweigen…..

    So ist sicher auch 278a enstanden unter dem Deckmantel „Terrorgefahr“….

  3. Lilly says:

    Demokratien in Europa werden erpresst. Immer mehr elende Anschläge werden als False Flag erkannt, wir hören im Radio geschönte Versionen. Dass B. Laden Märchen wurde Gott sei Dank beendet. Irgendwo im Meer versenkt, heißt es ohne Beweise. Zumindest hören wir von den vielen falschen Videos nichts mehr. Dafür von Al Quaida, bedeutet: Datenbank der CIA. Bald wird auch das unbrauchbar, weil es niemand mehr glaubt. Jeder der pro offiziell schreibt ist gekauft und fördert die nächsten Lügen.

    Es gibt eine interessante Überlegung im Internet von
    Dimitri Khalezov: Die dritte Wahrheit 911

    Jeder kann sich bei genauer Betrachtung selbst einen Reim darauf machen. Vorsicht Brechfaktor. Dass fehlgeleitete 911 Opfer Rache an unschuldigen Menschen in Guantanamo nehmen, zeigt, wie die Menschen von wem geführt sind.

    Wikileaks J. Assange kündigte an 1 Million (Überflutung) neue Berichte zu veröffentlichen. Welche? Stets solche die von den Ursachen ablenken?

    Zum Horror einen guten Abschluss: Nur weil wir erkennen was läuft bedeutet das nicht, dass es neu wäre. Neu ist zu lernen, wie wir damit umgehen in einer Urzeit zu leben. Wissenschatler, die Biomasse zermalmen, dürfen ihr unfertiges Weltbild behalten.
    Die entscheidende zweite Hälfte der Medaille fehlt
    und die Klugen wissen doch alle: Das Ergebnis ist weit, weit mehr, als die Summe der Teile. Es gibt zwölf Dimensionen (Burkhard Heim) und Forscher der modernen Wissenschaft halten ein Jenseits für möglich. Der Biomatsch, an den sich alle das Ganze samt Titel einbilden, ist nur eine Ebene.
    Es gibt mehr Ebenen und der Schlüssel dazu ist das Bewusstsein.

  4. reinhard says:

    Martin, du wunderst dich vermutlich nicht wirklich, warum sogenannte Demokratien in Europa nicht protestieren. Guck dir das jämmerliche Trauerspiel der Merkele mit dem Mursi an. Es wagt sich niemand an Omama heran. D will übrigens auch Drohnen kaufen. So, wie wir unter anderem gegen Fleischproduktion durch Verzicht protestieren, wäre es für jeden auch ganz einfach, durch Verzicht gegen diese „Politik“ anzugehen. Verzicht auf Tourismus z.B. Jede Diktatur in der Welt, sei es Russland, China, Ägypten, Indien usw., wären schon betroffen, wenn das so wäre. Doch der Egoismus der Menschen ist zu gross. Mangelnde Empathie, fehlende Solidarität. Noch besser wären natürlich auch der Verzicht auf auf Wirtschaft in Diktaturen. Da das Utopie ist, wird es auch Phantasie bleiben, dass die USA eine Demokratie werden.

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