Jahrzehntelang vegane Selbstversorgung in der Sibirischen Taiga

Sich in unseren Breiten vegan selbst zu versorgen, bedarf sicherlich einigen Wissens. So einfach ist es nicht. Aber geht es überhaupt? Ich stieß auf ein interessantes Beispiel aus der Sibirischen Taiga, also einer deutlich unwirtlicheren Gegend als dem mitteleuropäischen Wald, wo das Thermometer im Winter monatelang -30° C anzeigt und die Bäume nur 20 cm dick werden. Wassili Peskow hat darüber ein wissenschaftliches Buch geschrieben: „Die Vergessenen der Taiga“. Sämtliche der folgenden Informationen stammen von ihm.

1936 flüchtete ein Ehepaar namens Lykow aus einer christlichen Glaubensrichtung, die von Stalin verfolgt wurde, in Sibirien zusammen mit ihren zwei Kindern den Abakan-Fluss aufwärts. Sie ziehen ihr Hab und Gut, bestehend aus einem Pflug, einer Schaufel, einem Spieß, einem Stück Blech, ein paar Scheren, einer Ahle, einigen Nadeln, einer Hacke, einem Brecheisen, einer Sichel, einem Meißel und einem Stemmeisen, auf einem selbst gebauten Floß den Fluss gegen die Stromschnellen bergan. 250 km von der nächsten menschlichen Siedlung entfernt bauen sie sich eine Hütte. Diese hat nur ein Fenster, natürlich ohne Glas, und deshalb lediglich 2 Handflächen groß. Der Boden wird mit Rindenmulch ausgelegt. Den Ofen samt Ofenrohr bauen sie aus Steinen und Lehm.

Kochen

Die Lykows haben keine Töpfe. Das wenige Metall, das sie mitgenommen haben, verrostet bald. Nur die Messerschneiden können sie aufheben und ständig neu benutzen. So bauen sie sich Holzäxte, deren einziger Metallteil die 1 cm breite Schneide ist. Mangels Metalltöpfen können sie aber auch nicht kochen. So kochen sie sich z.B. ihre Suppen, indem sie aus Birkenrinde Gefäße machen und Steine am Ofen wärmen, die sie immer wieder in die Birkenrindengefäße werfen. Alles Geschirr besteht aus Birkenrinde oder Holz, das über Dampf flexibel gemacht worden ist.

Rein vegane Ernährung

Aus der Zivilisation haben sie Erdäpfel, Zwiebeln, Rüben, Karotten, Erbsen, Hanf und Roggen mitgebracht. Sie legen auf 2 ha große Terrassen an, wo sie diese Pflanzen anbauen. Von ihrer Ernte halten sie immer einiges als Aussaat für das nächste Jahr zurück. Da bis Juni Schnee liegt, kann man erst danach wieder Pflanzen anbauen. Entsprechend muss ein Wintervorrat angelegt werden. Dazu trocknen die Lykows z.B. die in dünne Scheiben geschnittenen Erdäpfel in der Sonne. Zum Schutz gegen Mäuse bauen sie einen Kornspeicher auf Pfählen, wasserdicht durch Rindenbast. Der Erdäpfelspeicher wird in den Boden gegraben. Wenn die Mäuse über die Vorräte herfallen, geht es um Leben und Tod. Als die Mäuse einmal alle Karotten essen, ist es mit der Aussaat dieser Pflanze für immer vorbei.

Neben den genannten Pflanzen sammeln die Lykows ihre Nahrung im Wald. Aus den Birken gewinnen sie ab April Birkensaft, den sie in Rindengefäßen sammeln und im Bachwasser frisch halten. Zusätzlich essen sie Brennessln, wilde Zwiebeln, 26 Pilzarten, Himbeeren, Heidelbeeren, Preiselbeeren, Rhabarbar und Ribisel. Ab August ernten sie das neben den Erdäpfeln zweite Grundnahrungsmittel: Pinienkerne aus Zirbelkieferzapfen. Getrocknet aufbewahrt halten diese 4 Jahre. Die Lykows haben keine Waffen und können daher weder jagen noch angeln. Sie leben also nicht aus ethischer Überzeugung, sondern aus Notwendigkeit, vegan.

Die Pinienkerne essen sie hauptsächlich roh. Einige davon mahlen sie aber auch zu einem Mehl und backen sie dann aus. Ebenso gewinnen sie Nussmilch aus den Pinienkernen. Dazu zermahlen sie die Nüsse, mischen sie in einem Birkenrindengefäß mit Wasser und seihen das ganze durch ein selbst gewobenes Tuch aus Hanf.

Nahrungstechnisch geht ihnen am meisten das Salz ab.

Zuweilen backen sie auch ein Brot. Dazu zerstoßen sie die Erdäpfel, nehmen 2-3 handvoll gemahlenen Roggen und mischen zerstoßene Hanfsamen hinein. Dieser Teig wird dann im Ofen gebacken.

Gefahr durch Wildtiere?

Das für sie gefährlichste Tier ist das Streifenhörnchen, weil es an ihre Vorräte geht. Mit Bären haben sie häufig Kontakt, es wohnt einer in ihrer Nähe. Auch ein Luchs kratzt eines Tages an der Tür ihrer Hütte und zeigt mangels Erfahrung mit Menschen wenig Scheu. Wölfe kommen sehr selten vorbei. Einmal schließt sich ihnen für 6 Wochen einer an. Sie haben keine Angst vor diesen Tieren.

Medizin

Sie verwenden Sud aus Rhabarbarwurzeln gegen Darmbeschwerden. Brennessln und Himbeeren helfen gegen Erkältung. Speichel mit Tannenharz gemischt kommt auf offene Wunden. Zusätzlich nutzen sie Weißtannenöl, das aus den Nadeln gewonnen wird, Sud von Birkenschwämmen, Johannisbeerzweige, Antoniuskraut, wilde Zwiebel, Heidelbeere, Sumpfporst, Salomonsiegel, Dostkraut und Rainfarn als Hausapotheke.

Schreiben

Das Datum können sie sich dadurch merken, dass sie es zum Ritual machen, sich jede Früh den Tag, das Monat und das Jahr laut vorzusagen. Zum Schreiben tauchen sie ein gespitztes Stöckchen in Geißblattsaft und malen damit blaßblaue Buchstaben auf die gelbe Seite der Birkenrinde. Lesen lernen die Kinder aus einer Bibel, die die Familie aus der Zivilisation mitgebracht hat.

Feuer

Sie haben einen großen Feuerstein in der Taiga gefunden. Den legen sie vor die Hütte. Zum Anzünden werden Teile abgebrochen und gegeneinander geschlagen. Als Zunderschwamm dient ein Pilz, der den ganzen Tag im Aschewasser angewärmt wird, dann getrocknet. Licht erhalten sie von Kienspänen.

Kleidung

Das Gewand, das sie auf ihrer Flucht dabei hatten, war bald zerschlissen. Mit den selbstgemachten Werkzeugen aus Holz konnten sie sowohl ein Spinnrad (mit Spindel und Schwungrad) als auch einen Webstuhl bauen. Zur Kleiderherstellung säten und ernteten sie ihren Hanf, trockneten ihn, weichten ihn im Bach und walkten ihn. Dann wurde er mit einer Hanfschwinge gesäubert. Aus dem so gewonnenen Werg wurde mit dem Spinnrad ein grober Hanfgarn gesponnen. Mit dem Webstuhl fertigten sie daraus ihre Kleidung. Zum Nähen hatten sie noch ihre Nadeln aus der Zivilisation, die sie wir ihre Augäpfel hüten mussten, weil sie für sie unersetzbar waren. Der Nähfaden bestand aus gezwirntem Hanfgarn, mit Tannenschmalz eingerieben, in Birkenrinde getränkt.

Daraus ergaben sich Sommerkleider, Kopftücher, Strümpfe, Fäustlinge und Wintermäntel. Letztere waren mit trockenem Gras innen isoliert. Mangels Linden konnten sie keine geflochtenen Schuhe aus Lindenbast herstellen. So nähten sie sich Schuhe aus Birkenrinde, die bei Kälte mit getrocknetem Sumpfgras ausgestopft wurden. Aber die Lykows waren nicht kälteempfindlich, sie konnten bloßfüßig im Schnee gehen. Aus Holz fertigten sie sich auch Schi an, mit denen sie im Tiefschnee gehen konnten.

Familie

Zu den zwei Kindern, die sie aus der Zivilisation mitgebracht hatten, bekamen sie noch zwei weitere. Also auch die Schwangerschaft, die Stillzeit und das Aufwachsen als Kleinkind gelang selbstversorgend vegan über 43 (!) Jahre hinweg. Als die beiden Söhne erwachsen waren, versuchten sie mit Fallen aus Holz zu jagen und mit Körben zu fischen, was ab und zu gelang. Dann, 1978, stieß eine Gruppe von Geolog_innen auf die Familie. Die Kinder hatten praktisch ihr Leben lang noch nie andere Menschen gesehen. Drei der vier (40 jährigen) Kinder starben relativ bald nach dem Erstkontakt an Infektionen. Vermutlich hatten sie keine ausreichende Immunität gegen Zivilisationskrankheiten.

Katastrophenjahr 1961

25 Jahre hatten sie bereits selbstversorgend überstanden, als der Sommer 1961 ausblieb und ihre gesamte Ernte wetterbedingt vernichtet wurde. Sie mussten mit den Wintervorräten des Vorjahrs noch ein weiteres Jahr auskommen. Zuletzt aßen sie das Stroh ihrer Schuhe, den Beschlag ihrer Schi, Rinde und Birkenknospen. Die Mutter verhungerte dabei. Der Vater starb alt und betagt erst 1989. Bis heute lebt die jüngst Tochter Agafja, 1940 in der Wildnis geboren, noch immer dort.

Leben zu zweit

Nach dem Tod ihrer drei Geschwister wohnte Agafja mit ihrem Vater allein in ihrer Hütte. Pro Jahr aßen sie 250 Birkeneimer Erdäpfel, 30 Eimer Rüben und Rettich, 5 Eimer Roggen und 1 Sack Erbsenschoten. 1986 besuchte erstmals ein Arzt die beiden Lykows. Eine Generaluntersuchung ergab, dass sie bei bester Gesundheit waren.

Eindrücke aus der Zivilisation

1986 wurde Agafja, 46 jährig, mit dem Hubschrauber zum Besuch in die Zivilisation gebracht. Sie blieb 1 Monat. Menschen wirkten auf sie wie Insekten, meinte sie. Kühe und Pferde beeindruckten sie. Keinesfalls wollte sie in der Zivilisation bleiben. Als ihr angeboten wurde, mit einem Baufahrzeug eine bessere Hütte zu errichten, lehnte sie entrüstet ab. Niemals sollte mit derartigen Maschinen ein Baum gefällt werden. Beneidenswert fand sie das viele Metall, bewundernswert das flexible Plastik, aber Glühbirnen lehnte sie ab. Fahrzeuge waren für sie nicht interessant. Statt auf einer Matratze schlief sie lieber am Boden.

Nahrung von Agafja 1989

Agafja isst Ende der 1980er Jahre zweimal am Tag. Der sie beobachtende Wissenschaftler listet auf: Suppe mit getrockneten Pilzen und Erdäpfeln, Erdäpfel pur und Erbsensuppe. Dazu Rüben, Karotten, Zwiebeln und Knoblauch, sowie ein Brei aus Hafer, Reis, Weizen und Honig. Tagsüber nascht Agafja Zirbelnüsse. Ihr Brot besteht aus in der Pfanne gebackenem Sauerteig. Sie nimmt auch Ziegenmilch zu sich, da sie von den Geolog_innen Ziegen bekommen hat. Anbauen tut sie weiterhin Erdäpfel, Erbsen, Bohnen, Hanf, Weizen, Karotten, Zwiebel, Knoblauch und Rüben.

Tierliebe

Da sie ja zeitlebens nie Tiere getötet und praktisch kein Fleisch gegessen hat, stellt sich die Frage, wie sie zu Tierschutz und Tierliebe steht. Der Wissenschaftler berichtet von einem verletzten Storch, den Agafja aufnimmt und einige Tage lang versorgt. Als sie von den Geolog_innen Ziegen bekommt, nimmt sie zwar deren Milch, weigert sich aber, sie zu schlachten. Stattdessen schläft sie zusammengekuschelt mit den Tieren. Als die Geolog_innen in ihrem Gemüsegarten eine Schlange finden, verhindert sie, dass diese getötet wird. Wörtlich sagt sie dazu: „Sie tun mir leid. Das Leben ist doch jeglichem Geschöpf lieb.“

Diese Frau hat vermutlich den geringstmöglichen ökologischen Fußabdruck, den ein Mensch haben kann. Und ist die Letzte, die am Klimawandel Schuld trägt.

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