Kant revisited: die beste Begründung für Tierrechte

Immanuel Kant ist im deutschsprachigen Raum vermutlich der einflussreichste Philosoph. Außenstehende können vermutlich gar nicht richtig beurteilen, wie sehr seine Denkschule bis heute die Lehrmeinung an den Philosophischen Instituten in Österreich bestimmt. Und tatsächlich basiert auch unser Zivilrecht, das Allgemeine Bürgerliche Gesetzbuch, seit mehr als 200 Jahren praktisch ausschließlich auf seinen Erkenntnissen. Und das ist durchaus verständlich. Wer z.B. seine Kritik der reinen Vernunft liest, kann sich der Logik seiner Gedanken kaum verschließen. Kant repräsentiert wie kein anderer Philosoph die Aufklärung, die unsere Gesellschaft ganz wesentlich bestimmt.

Doch für den Tierschutz ist das sehr nachteilig. Zwar erwähnt Kant an vielen Stellen in seinen Büchern, dass man human mit nichtmenschlichen Tieren umgehen solle, doch die Begründung dafür ist nur indirekt: ansonsten würden die Menschen auch im Umgang untereinander verrohen. In der Metaphysik der Sitten stellt Kant unzweideutig fest, dass ein Mensch nur Menschen gegenüber moralische Pflichten hat. Und auch die Kritik der reinen Vernunft hat anthropozentrische Konsequenzen, weil nach ihr sind Raum und Zeit z.B. nur menschliche apriori, die also in jeder menschlichen Wahrnehmung vor jeder Erfahrung schon stecken, und man könne grundsätzlich nicht sagen, wie das Ding an sich, also die objektive Realität, wirklich aussehe. Insofern seien Raum und Zeit nur Maßstäbe der menschlichen Wahrnehmung – von der die anderen Tiere ausgeschlossen sind. Darauf basiert diese fatale Ansicht, dass der epistemologische Anthropozentrismus unumgänglich wäre, mit all seinen Konsequenzen für die Tierethik.

Weder konsequentialistisch noch willkürlich

Die Unhaltbarkeit des epistemologischen Anthropozentrismus habe ich schon an anderer Stelle erörtert, http://www.martinballuch.com/speziesismus, http://www.martinballuch.com/ist-das-atom. Kants Standpunkt zur Tierethik wurde vielfach kritisiert, sowohl von ZeitgenossInnen wie Schopenhauer, als auch moderner von Leonard Nelson, Tom Regan und Julian Franklin. Leider wurde diesbezüglich Christine Korsgaard nicht wirklich rezipiert, weil ihre Analyse bei weitem über jene der Erstgenannten hinausgeht und zielsicher genau diejenigen Stellen in Kants Deduktion trifft, die tatsächlich Platz für Tierrechte schaffen.

Kants hoher Wert für ethische Überlegungen erschließt sich nämlich daraus, dass er gerade nicht willkürlich Werte verteilt, wie es ihm intuitiv in den Sinn kommt. Er macht dagegen deutlich, dass das menschliche Erkenntnisvermögen nicht wissen kann, welche objektiven Werte es geben könnte, egal ob aus religiösen oder anderen metaphysischen Gründen. Deshalb dürfen wir uns nicht darauf verlassen und können nicht einfach moralische Prinzipien behaupten, die Allgemeingültigkeit beanspruchen. Andererseits war für ihn eine konsequentialistische Ethik unhaltbar. Eine Handlung müsse an sich gut sein können, nicht abhängig davon, was für zufällige Konsequenzen sich daraus ergeben. Kant wollte daher aus der Vernunft allein logisch notwendige Bedingungen für Moral ableiten, einen kategorisch gültigen Imperativ, der für alle vernunftbegabten Wesen Gültigkeit beanspruchen könnte. In all diesen Punkten, denke ich, liegt Kant völlig richtig.

Kein Kontraktionalismus

Wichtig ist auch zu betonen, dass Kants letztliche Schlussfolgerung, dass alle Wesen, die moralische Prinzipien aufstellen – für  ihn also alle Menschen – nur allen anderen Wesen dieser Art moralische Pflichten schulden, keinesfalls kontraktionalistisch zu interpretieren ist. Kant sagt sicher nicht, wie du mir so ich dir, eine Hand wäscht die andere, und daher respektieren sich moralische Wesen im gegenseitigen Einverständnis zum gegenseitigen Vorteil. Nach Kant erwächst die moralische Pflicht aus einem Respekt vor sich selbst und seiner eigenen rationalen Natur heraus, wir schulden die Einhaltung moralischer Prinzipien letztlich uns selbst. Und wenn andere sie nicht einhalten, sind wir trotzdem daran gebunden. Das ist keine Frage der Reziprozität.

Und zentral ist auch die Einsicht, dass Kant nicht einfach willkürlich der Fähigkeit, moralisch zu handeln, einen Wert zuordnet. Seine Sittenlehre folgt aus einer streng logischen Deduktion der apriori der praktischen Vernunft, es handelt sich um kategorisch zwingende moralische Pflichten, die alle anzuerkennen haben, die sich dem Primat der Vernunft verschreiben. Gerade Kant wollte alle Willkür und Intuition aus seinen Gedankengängen ausschließen. Und wären seine Ergebnisse tatsächlich nur die Folge der Intuition eines preußischen hypochondrischen Sonderlings, der seinen Geburtsort Königsberg niemals verlassen hat, dann würden sie nicht bis heute so bestimmend und einflussreich wirken.

Die Freiheit, dem eigenen Willen zu folgen

Kants Ansicht nach ist die zentrale Fähigkeit des Menschen seine Freiheit. Eine Freiheit, die sich durch rationale Reflexion ergibt. Handlungen weder aufgrund von nature (d.h. durch die Gene) noch nurture (d.h. durch Konditionierung) bedeuten Freiheit, weil die daraus folgenden Wünsche uns durch unsere Natur und unsere Umwelt aufgezwungen sind. Erst die bewusste Entscheidung für ein Ziel, die sich durch rationale Reflexion ergibt, ist eine wirklich freie Entscheidung und daher die Voraussetzung für Freiheit. Kant war allerdings, als Kind seiner Zeit und seines Standes der Naturwissenschaft, der Ansicht, Menschen seien (von Gott so ausgestattete) vollständig rationale Wesen, die im Prinzip in der Lage wären, die Einflüsse von Genen und Konditionierung zu überwinden. Nichtmenschliche Tiere dagegen wären, ganz nach Rene Descartes, allein schon mangels einer Sprache zu überhaupt keiner rationalen Reflexion fähig und daher vollständig unfrei. Der Begriff der Freiheit spielt für sie daher keinerlei Rolle. Auf der Freiheit aufbauend, ausgestattet mit vollständiger Rationalität, meint Kant, Menschen hätten die Fähigkeit zur Autonomie in dem Sinne, dass sie sich selbst moralische Gesetze geben, die sie dann auch befolgen.

Wie ich in meinem Buch „Kontinuität von Bewusstsein“ ausführe, ist diese Annahme allerdings falsch. Hier herrscht zwischen Menschen und anderen Tieren ein Kontinuum, kein prinzipieller Unterschied. Bewusstsein ist ein physikalisches Phänomen eines physikalischen Systems (des Gehirns) und hat genau diese eine Funktion, nämlich bewusste Entscheidungen zu ermöglichen. Bewusste Entscheidungen sind langsam und energieaufwendig im Vergleich zu „Entscheidungen“ auf Basis von Genen oder Konditionierung. Dass sich Bewusstsein trotzdem evolutionär entwickeln konnte, beweist, dass es eine Auswirkung auf das Verhalten der Tiere mit Bewusstsein haben muss, die auch ein Selektionsvorteil sein kann. Und diese Auswirkung auf das Verhalten, also die bewusste Entscheidung, definiere ich nun als Freiheit bzw. Autonomie. Alle Wesen mit Bewusstsein haben die Fähigkeit, sich bewusst für Ziel zu entscheiden. Das betrifft Menschen und Tiere grundsätzlich gleichermaßen. Nun mag es so sein, dass Wesen mit großem Neocortex eine größere Reflexionsfähigkeit haben und dadurch Antriebe aufgrund von Genen oder Konditionierung leichter unterdrücken können als andere, aber alle Wesen mit Bewusstsein wählen bewusst Ziele für sich aus, und kein einziges Wesen mit Bewusstsein kann diese Ziele völlig losgelöst und unbeeinflusst von seiner Genetik und seiner Konditionierung wählen.

Die subjektiven Werte verschiedener Wesen sind als gleichwertig zu betrachten

Kant hat nun Recht, wenn er in seiner Analyse sagt, dass rational ausgewählte Ziele und die damit einhergehenden Werte verschiedener Wesen grundsätzlich gleichrangig sind, d.h. als absolut gut gewertet werden müssen. Allerdings gibt es ideal rational reflektierte Ziele gar nicht, aber es gibt bewusst ausgewählte Ziele. Und man kann tatsächlich nicht das bewusst ausgewählte Ziel eines Wesens über das Ziel eines anderen stellen. Es gibt keinen objektiven Wert (bzw. wir können grundsätzlich keinen beweisen), mithilfe dessen es möglich wäre, hier eine Wertung über die subjektive Ebene hinaus zu treffen. Dadurch sind alle bewusst gewählten Ziele aller Wesen, die bewusst Ziele wählen können, gleichrangig und entsprechend zu respektieren. Das ist die Autonomie aller Tiere bzw. aller Wesen mit Bewusstsein: durch ihre Fähigkeit, bewusste Entscheidungen darüber zu treffen, was für sie gut oder schlecht ist, schaffen sie sich sozusagen ein eigenes Wertesystem, das nicht schlechter und besser, weder minder- noch höherwertig gegenüber anderen Wertesystem ist. Sie partizipieren damit im Reich der Zwecke, wie Kant jenen Bereich in Abgrenzung zum Reich der Natur nennt.

Nach Kant ist es nun moralische Pflicht eines jeden Wesens, das moralische Pflichten erfassen kann, alle Ziele bzw. Zwecke im Reich der Zwecke zu achten. Das geht so lange gut, solange diese Zwecke nicht die Freiheit anderer Wesen einschränken. Allgemeingültiges moralisches Prinzip können daher nur Zwecke werden, die als allgemeines Gesetz widerspruchsfrei für alle gedacht werden können, also niemandes Freiheit unzulässig (also mehr als notwendig, um die Freiheit aller anderer zu erhalten) einschränken. Das ist der kategorische Imperativ der Universalisierbarkeit, der sich aus der Vernunft ergibt. Zwang ist für Kant nur dann legitim, wenn er Zwang gegen einen Zwang, der die Freiheit einschränkt, darstellt.

Tiere als Zwecke an sich

Ein Zweck kann also den Anspruch haben, von allen anderen zu fordern, ihn auch zu verfolgen, quasi als moralisches Gesetz zu gelten. Oder er kann lediglich den passiven Anspruch haben, von allen anderen als gleichwertig gut anerkannt zu werden, weil er gut für dieses eine Wesen ist. Nach Kant machen diese Ansprüche die Wesen, um deren Zwecke es geht, zu Zwecken an sich, statt zu Mitteln zum Zweck für andere. Kant vermischt diese beiden Ansprüche aber zu einem, weil er vom Menschen als einzigem Wesen im Reich der Zwecke ausgeht, das gleichzeitig gleichwertige Zwecke verfolgen und an andere moralische Ansprüche stellen kann. Da alle Wesen mit Bewusstsein im Reich der Zwecke partizipieren und zumindest im passiven Sinn Zwecke verfolgen, für die der Anspruch gilt, dass sie als gleichwertig gut an sich anzuerkennen sind, müssen alle Wesen mit Bewusstsein als Zwecke an sich anerkannt werden, nicht nur die Menschen, wie bei Kant. Das bedeutet, dass es moralische Pflichten gegenüber allen Wesen mit Bewusstsein gibt und dass der kategorische Imperativ lautet, alle Wesen mit Bewusstsein niemals nur als Mittel zum Zweck sondern immer auch als Zweck an sich zu respektieren.

Im allgemeinen bürgerlichen Gesetzbuch, dem Zivilrecht, wird zwischen Personen und Sachen unterschieden. Die Unterscheidung ist zentral, weil Personen können niemandes Eigentum sein, sie haben einen Anspruch auf Freiheit. Für Sachen dagegen gibt es den Begriff von Freiheit überhaupt nicht, sie können Personen gehören, die dann das Recht haben, mit ihren Sachen nach Belieben umzugehen. Das ist Teil des Rechts auf Freiheit. Personen sind nun genau jene Wesen, die nach Kant Zwecke an sich sind, während Sachen dadurch definiert werden, lediglich Mittel zum Zweck für Personen zu sein. Mit unserem Ergebnis, dass nichtmenschliche Tiere nun auch Mittel zum Zweck sind, folgt also, dass Tiere nicht mehr als Sachen behandelt werden dürfen. Das Allgemeine Bürgerliche Gesetzbuch ist entsprechend zu ändern.

11 thoughts on “Kant revisited: die beste Begründung für Tierrechte

  1. Martin Balluch says:

    @AKT: Antwort in neuem Blogeintrag über Ethik und Werte-Willkür.

  2. Susanne Veronika says:

    Wenn mir jemand vorschreibt, wie ich zu denken und zu bewerten habe, bzw. ob überhaupt – nimmt er mir dann nicht schon damit meine „Autonomie“? Das ist doch an sich ein Paradoxon.

    Die Logik der Philosophie klingt ja oft sehr überzeugend und sie stimmt innerhalb des erdichteten Systems ja auch meistens. Nur ist es so, dass von falschen Voraussetzungen ausgegangen wird. Wir sind Teil der Natur und die Natur hat für uns Menschen ein System erfunden das uns zwingt miteinander auszukommen, weil wir keine Einzelgänger sind. Das übertragen wir dann auf alle lebenden Wesen. Moral ist eine rein menschliche Angelegenheit, wie vieles andere auch. Es gibt keinen Beweis dafür, dass es eine „höhere Moral“ gibt. Kant geht wie viele andere auch, von göttlichen Gesetzen aus. Dazu muss man nicht an einen Gott glauben. Setzt man das voraus, verzichtet man darauf zu hinterfragen ob es sie tatsächlich gibt. Niemand ist „frei“ in seinen Handlungen und seinem Denken, das ist nur eine Illusion und – ich würde sagen – Größenwahn. Wir sind Teil der Natur und gehorchen den Gesetzen der Natur, nicht irgendwelchen höheren Werten. Leben, töten, sterben.

  3. Dean says:

    Ohne jetzt wirklich viel Inhaltlich eingehen zu können, aus mangelnder Kenntnis der kantschen oder balluchschen Philosophie, aber doch den Zugang der Argumentation wissen wollend frage ich in wie fern Kant trotz seines ungeheuren Einflusses auf unserer Zeit, als argumentatives Sprungbrett herangezogen werden kann und sich in der Symbiose beider Philosophien – mit den darin von euch zitierten kantschen Anthropozentrismus, gegen genau denselben gerichtete Argumente ausarbeiten lassen könnten?
    Kurz gesagt: Muss man wirklich nur den Autonomiebegriff (Bewusstsein, Wille und Vernunft und was noch dazu notwendig ist) ausdehnen und schon gibt es den „kategorisch-animalischen“ Imperativ?

    Und desweiteren muss ich sagen, dass mir dieser streng naturwissenschaftliche Zugang in ethischen Fragen nicht so gefällt, und zwar im Sinne des „Am-Ende-gelangen-Wollens“ kraft Vernunft!
    Ist es da nicht Sinnvoller die Dynamik, die Beziehungen und Realtionen zwischen den Lebewesen zu beschreiben, dessen Spannungen und Entspannungen zu analysieren und formal zu erklären, deuten und interpretieren, als mit aller Vernunftgewalt den vermutlich unmöglichen, endgültigen, alles überzeugenden Beweis zu erzwingen, oder eingrenzen im Sinne des Kritischen Rationalismus? Ja, ich stehe einem solchen skeptisch gegenüber, deshalb auch der Pessimismus!

    MfG
    Dean

  4. Martin Balluch says:

    @AKT:

    Ich zitiere aus dem Artikel:
    „Und zentral ist auch die Einsicht, dass Kant nicht einfach willkürlich der Fähigkeit, moralisch zu handeln, einen Wert zuordnet. Seine Sittenlehre folgt aus einer streng logischen Deduktion der apriori der praktischen Vernunft, es handelt sich um kategorisch zwingende moralische Pflichten, die alle anzuerkennen haben, die sich dem Primat der Vernunft verschreiben. Gerade Kant wollte alle Willkür und Intuition aus seinen Gedankengängen ausschließen. Und wären seine Ergebnisse tatsächlich nur die Folge der Intuition eines preußischen hypochondrischen Sonderlings, der seinen Geburtsort Königsberg niemals verlassen hat, dann würden sie nicht bis heute so bestimmend und einflussreich wirken.“

    Kant ordnet ÜBERHAUPT KEINER Fähigkeit willkürlich einen Wert zu, auch Bewusstsein nicht. Kant will gerade diese Willkür aus der Moral ausschließen.

    AKT macht dagegen genau das: willkürlich wird der Lebendigkeit ein Wert gegeben. das ist eine ganz andere Ebene, da gibt es dann nicht einmal den Anspruch, allgemeingültig zu sein.

  5. @ M. Balluch:
    Bitte sagen Sie uns doch mal ganz konkret, was Sie eigentlich wollen. Wie soll die Welt- und Werteordnung denn nun aussehen. Wie kommen wiraus dem globalen und moralischen Schlamassel heraus? Ihre Ausführungen erscheinen all zu theoretisch und wenig praxisorientiert. Elfenbeintum- Akrobatie kann uns nicht weiterhelfen. Wollen Sie auf Holismus hinaus? Kant ist lange tot – uns würde viel mehr IHRE Auffassung konkret interessieren. Wenn das Leben Ihres Erachtens keinen Wert an sich aufweist, was dann? Nur Leben, das Bewusstsein aufweist? Wenn ja, welches Bewusstsein? Wir können doch gar nicht wissen, wie es um das Bewusstsein eines Baumes bestellt ist, weil wir als Menschen stets nur uns selbst zum Maßstab erhoben, alle anderen Lebensformen zu bemessen und weil wir als Subjekte stets Gefahr laufen, subjektiv zu sein. Deshalb haben wir uns dagegen bereits ausgesprochen.

    Wir sind bekennendermaßen Biozentriker – das haben wir doch geschrieben. Und wir haben immer wieder klar gemacht, dass Werte wichtig sind und notwendig. Ethik ohne Werte kann es nicht geben. Jetzt gehts um die Frage, welche Werte.

    Woraus leiten Sie Allgemeingültigkeit ab – von Mehrheiten? Wenn wir sagen, dass das Leben gleich welcher Art und Form Wert an sich besitzt, dann sagen Sie uns doch, falls Sie anderer Auffassung sind, weshalb Sie das anders sehen.
    Bezüglich Freiheit und Selbstbestimmung, die – so haben wir Sie auch in anderen Beitrag verstanden – Ihres Erachtens aus Bewusstsein resultiere, weisen wir darauf hin, dass beide Instrumente sind, deren verantwortungsvoller Gebrauch gelernt sein muss, damit eben keine beliebige Willkür daraus resultiert. Liegen wir da richtig? Wie soll das ohne Werte funktionieren?

    Den Wert des Lebens leiten wir aus seiner Fähigkeit zur Autoaktivität, Reaktion, Reproduktivität, Regeneration und Kreativität ab, was auch für Lebenssysteme gilt (Gaia-Hypothese). Weshalb sind Sie Tierschützer, bezeichnen sich als wildtierähnlich und als Naturfreund, Herr Balluch, wenn Sie uns vorwerfen, der Lebendigkeit einen Wert zuzuerkennen und diesen Wert als allgemeingültig zu erachten?

    Wäre schön, wenn ein freundlicher, fruchtbarer und praxisorientierter Dialog möglich wäre und dabei Sorgfalt und Gründlichkeit bei der konkreten Beantwortung von aufgeworfenen Fragen ebenso möglich wäre, wie das prinzipielle Unterstellen guter Absichten (verflixt, wieder eine „Wertung“) der Diskussionsteilnehmer. Stets sollte man einkalkulieren, dass – gerade bei der schriftlichen Diskussion – auch Fehlinterpretationenund Missverständnisse aufkommen können.

  6. Martin Balluch says:

    Hallo Michi,

    vielen Dank für den spannenden Kommentar. Du kannst gut Recht haben, mit Deiner Annahme.

    Allerdings ist mein wesentlicher Punkt eben der, dass Kant von einer falschen Voraussetzung ausging, stillschweigend natürlich, als Kind seiner Zeit. Wenn ich so Kant lese und seine Zeit der Aufklärung analysiere, dann bin ich mir sicher, dass er letztlich die Menschen als vollkommen rational bzw. vernünftig sieht, nur eben durch ihre irdischen Körper in der Praxis davon abgebracht. Bei nichtmenschlichen Tieren dagegen gibt es in seinen Augen einfach überhaupt keine Vernunft. Heute wissen wir – unter der Voraussetzung der Metaphysik der Naturwissenschaft – dass das nicht stimmt. Weder haben nnm Tiere überhaupt keine Vernunft, noch Menschen sie vollständig.

    Wenn wir das akzeptieren und Kants Definition von Autonomie übernehmen, dann ist absolut überhaupt niemand autonom. Nicht nur in der Praxis, sondern auch in der Theorie gibt es niemanden, der/die ausschließlich und vollständig rational handelt. Kant ist dafür ein gutes Beispiel, wenn er aus seinen verschiedenen kategorischen Imperativen ableitet, dass die Todesstrafe schon in Ordnung ist. Das sagt er nicht, weil er unabhängig von jeder Sozialisation rein rational argumentiert, sondern weil er so aufgewachsen ist, dass das normal ist. Und wenn nicht einmal Kanst selbst autonom ist, dann bringt uns seine Definition aber nicht weiter.

    Ich bin der Ansicht, dass Kant etwas Anderes mit seiner Definition gemeint hat und dass er sie nur so rigoros definitiert hat, weil sein Menschenbild zwischen dem, was er wirklich gemeint hat, und dem, wie er es definiert hat, keinen Unterschied macht. Ich behaupte, Kant hat gemeint, dass jede bewusste Entscheidung zu respektieren ist. Er schreibt z.B., dass die moralische Pflicht letztlich ist, den freien Willen der Subjekte zu respektieren. Und das heißt eine jede bewusste Entscheidung. Jede bewusste Entscheidung ist mehr oder weniger reflektiert, mehr oder weniger rational. Keine ist vollständig rational, aber dass eine bewusste Entscheidung eine tatsächlich bewusste Entscheidung wird, bedeutet etwas Entscheidendes mehr als nur von der Natur vorgegeben und bestimmt. Man bräuchte kein Bewusstsein, wenn man nur nach dem handelt, was die Natur vorgibt. Also MUSS jede bewusste Entscheidung einen Anteil haben, der über die blosse Vorgabe der Natur (gemeint ist: durch Gene, Epigenetik, Konditionierung etc. bestimmt) hinausgeht.

    Kants ZENTRALE moralische These ist: lasst allen, die überhaupt frei sein können, ihre Freiheit. Dabei machte er den Fehler zu glauben, man ist entweder VOLLSTÄNDIG frei, oder GAR NICHT. Die Naturwissenschaft lehrt uns, dass alle bewussten Lebewesen zumindest AUCH frei sind, und KEINES VOLLSTÄNDIG. Daher müssen wir, um die Essenz von Kants Thesen zu bewahren, seinen Begriff der Freiheit abändern auf das, was er eigentlich gemeint hat: nicht die freie, sondern die bewusste Entscheidung ist zu respektieren und trägt all jenen, die ausreichend darüber reflektieren können, eine moralische Verpflichtung auf. Diese Unterscheidung habe ich in dem Blogeintrag versucht heraus zu arbeiten. Sie betrifft den Punkt, an dem Wesen, die im Reich der Zwecke ihre Zwecke verfolgen, zu Zwecken an sich werden.

  7. Der in diesem Beitrag hergeleitet Grund zu Ethik gegenüber Tieren ist speziesistisch!

    Bewusstsein darf und kann kein Kriterium sein, nach dem „Schutzwürdigkeit“ zu oder aberkannt wird, da nur menschliche Kriterien angelegt werden würden und könnten.

    Unsere egalitär-biozentrische Mitweltethik fragt nicht nach Bewusstsein oder Leidensfähigkeit, sondern nach Lebendigkeit. Wenn eine Lebensform (nicht nur Tiere) in der Lage ist, im Globallabor Biosphäre seine Vitalinteressen – allen Widrigkeiten zum Trotz – erfolgreich zu behaupten, hat sie hierdurch ihre Intrinsität erworben, weswegen sie der Mensch grundsätzlich zu respektieren und zu wahren hat.
    Es ist nicht wichtig, wie eine Lebensform dies geschafft hat, ob Bewusstsein daran beteiligt war und wenn ja, in welcher Güte, sondern dass sie dies geschafft hat. Dasselbe gilt für Individuen, die ein Vitalinteresse schon dadurch bekunden, indem sie sich angenehmen Reizen zu-, und unangenehmen Reizen abwenden.

    Es kann nicht statthaft sein, dass Lebensformen zuerst „Aussagen“ über ihre Leidensfähigkeit und/oder ihr Bewusstsein in der experimentellen Forschung (z. B. in Tierversuchen!) zu treffen haben, damit ihnen sodann ggf. und zumeist eingeschränkt, Schutz vor menschlicher Willkür durch Menschen zugesprochen oder aberkannt werden.

    Nähere Erläuterungen vgl.: „Grundlagen der Mitweltethik“: http://www.akt-mitweltethik.de/images/texte/Grundlagen_der_Mitweltethik.pdf
    und: „Armer Wurm – über die Schmerz- und Leidensfähigkeit der Tiere und ihre Anerkennung durch den Menschen“ http://www.akt-mitweltethik.de/images/texte/WURM_.pdf

  8. Michi says:

    Lieber Martin,
    vielen Dank für das spannende Posting. Es sind sehr viele interessante – und wichtige – Ideen darin enthalten. Nur bin ich mir nicht sicher, ob es dir damit gelingen wird „eingefleischte Kantianer“ zu überzeugen. Der Grund ist einfach der, dass deiner und Kants Autonomiebegriff zu weit auseinanderliegen. Verstehst du darunter „Auswirkung[en] auf das Verhalten, also die bewusste Entscheidung“, wäre diese Definition für Kant viel zu schwach:
    „Autonomie des Willens ist die Beschaffenheit des Willens, dadurch derselbe ihm selbst (unabhängig aller Beschaffenheit der Gegenstände des Wollens) ein Gesetz ist. Das Prinzip der Autonomie ist also: nicht anders zu wählen als so, daß die Maximen seiner Wahl in dem Wollen zugleich als allgemeines Gesetz mit begriffen seien.“ (GMdS, AA: 440)
    Nach Kant sind wir also dann und nur dann frei und autonom, wenn wir unsere Handlung vollkommen unabhängig von unserem persönlichen Wollen/unserer Bedürfnisse setzten. Also nur wenn wir dem kategorischen Imperativ folgen.

    In deinem Post „EIn Hund, ein Fuchs, ein Pavian und Immanuel Kant“ vom 5. März gibst du das Beispiel, dass Kuksi und du auf einer Bergwiese gelegen seid. Als die Sonne dann zu heiß wurde, habt ihr euch dazu entschieden, euch in den Schatten zu bewegen. Mit deinem Autonomiebegriff kann man eure Entscheidungen auch tatsächlich als „frei“ bezeichnen. Nach Kant haben aber weder du, noch Kuksi in diesem Moment frei gehandelt, da ihr nur euren (determinierten) Bedürfnissen gefolgt seid.

    Da in diesem Fall auch niemand autonom gehandelt hat, kann man mit Kant hier auch niemandem den Titel „Zweck-an-sich“ zuschreiben. Deshalb wird es dir, glaube ich, auch nicht gelingen, „eingefleischte Kantianer“ zu überzeugen. Ob Kants Konzeption aber wirklich die bessere ist, ist natürlich eine andere Frage.

    Lg. Michi

  9. Hugo says:

    PS: sorry für die Länge, Grammatik & Rechtschreibung. Hatte keine Zeit für ein kurzes Posting 😉

  10. Hugo says:

    Wenn Socrates, Descartes und Kant behaupten, dass Menschen über Tiere stehen weil Menschen rational sind und Tieren nicht, so ist das selbst der beste Beweis dafür das Menschen emotionale und nicht rationale Tiere sind.

    Es ist egal wie komplex der Neocortex eines Tieres ist und wie viele Gedanken durch Erinnerungen mögliche Konsequenzen simulieren, alle Tiere entscheiden (aka üben Freiheit aus) basierend auf Gefühle und nicht Intelligenz. zB Ein Socrates, Descartes und Kant können die Intelligenz von Tieren (und Frauen) aus rein emotionalen Gründen nicht sehen und verstehen und nicht aus Intellektuellen. Sie richten sich ihre Ratio um ihren eigenen emotionalen Unsicherheiten zu entsprechen und sich einen Vorteil auszuarbeiten und nicht umgekehrt. Aber genau aus diesem Grund, ist einem Tier sein Leben genau so viel wert wie einem Menschen, wie Herrn Kant. Es ist herrlich wir die Herrheit seit Jahrtausenden versucht Argumente zu finden warum wir alle anders sind obwohl alles dagegenspricht. Gäbe es diese künstlichen Argumente der Andersheit nicht, bräuchte niemand eine Universalethik?

    Bin selber kein Kant Fan. Dafür weiss der Herr einfach zu wenig über Evolution und Naturwissenschaften und muss sprachlich viel zu viel verkomplizieren und „erfinden“. „Pflichten“ und „Ziele“, muss der so einen plumpen Parade-Deutschen abspielen? Nichtsdestotrotz, hat Kant wichtige Fragen gestellt und selten gut beantwortet. Das ist aber oft langfristig mehr wert als umgekehrt.

    Es ist auf jeden Fall löblich, dass Kant Universalethik als Idee begrüsst und gefördert hat, da wir nun mal in einer verschachtelten, psychopathischen Welt leben wo Menschen zB glauben „andere Hautfarbe = dummes Werkzeug oder Plage“. Solange wir gesellschaftlich dermassen erkrankt sind, ist eine Universal Ethik eine gute Symptom-Bekämpfung, aber nie eine echte Heilung. Echte Heilung basiert auf das Abbauen von andere anders sehen und sonst gar nichts. Es gut um empathisch und intellektuellem Verständnis, dass es keine Unterschiede „in kind“ gibt (Darwin). Sehen wir keine Unterschiede mehr ergibt sich die universelle Ethik von selbst?

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