Kants a priori, Anthropozentrismus und Tierschutz

Malerei von Hartmut Kiewert, auf der sozialwissenschaftlichen Konferenz in Karlsruhe ausgestellt

Malerei von Hartmut Kiewert, auf der sozialwissenschaftlichen Konferenz in Karlsruhe ausgestellt

Gerade noch scheinbar rein akademisch über Kant und sein a priori philosophiert, siehe http://www.martinballuch.com/?p=3499, holt mich schon die Realität ein. Auf der sozialwissenschaftlichen Konferenz in Karlsruhe trägt eine Universitätsprofessorin aus Finnland vor. Ihre These: dass wir die Leidensfähigkeit für so einen wichtigen ethischen Wert halten, sei nur menschliche Intuition, nicht mehr. Ja, „all thinking, all knowledge is human intuition, there can be no understanding of an objective reality“. Und diese Ansicht würden heute immer mehr AkademikerInnen teilen. Ihre Schlussfolgerung in Sachen Tierschutz: alle unsere Werte seien anthropozentrisch und dürften daher nicht auf nichtmenschliche Tiere angewandt werden. Es sei also nur anthropozentrisch zu sagen, ich möchte all jenen, die Leiden empfinden können, kein Leid zufügen.

Seltsam, dass diese Frau mit anthropozentrischen Werten argumentiert, ohne ihren eigenen Anthropozentrismus zu hinterfragen. Warum soll unsere Fähigkeit zu verstehen gerade menschlich sein, warum nicht primatlich oder säugetierlich? Oder warum nicht europäisch, z.B.? Wieso zieht sie mit unreflektierter Selbstverständlichkeit die Grenze gerade zwischen Homo sapiens und dem Rest der Tiere? NeanderthalerInnen fallen dann auch unter Tiere? Und außerirdische Zivilisationen, sollten wir ihnen begegnen, wären ebenfalls außerhalb „unserer“ Ethik? Was haben ihre Ethik und meine, ihre Fähigkeit zu verstehen und meine, überhaupt miteinander zu tun? Woher weiß sie, dass sie nicht eigentlich nur von sich selbst spricht, von ihren persönlichen Intuitionen und ihrer Ethik, die sie dann auch nicht auf andere Menschen anwenden dürfte?

Nach ihrem Vortrag hob ich die Hand. Wenn sie meine, dass unser Verstehen nur auf Intuition beruhe, wie wäre das dann mit der Mathematik? Wie sie vor Jahrtausenden in Babylonien, in Ägypten oder im antiken Griechenland erstmals und unabhängig voneinander betrieben wurde, kamen dieselben Erkenntnisse heraus. Ob im kommunistischen China, im zen-buddhistischen Japan, im sowjetischen Russland, im hinduistischen Indien, im moslemischen Iran oder im kapitalistischen Europa und der USA, überall wird dieselbe Mathematik entdeckt, über alle verschiedenen Kulturen, Religionen, Gesellschaftssysteme und Zeiträume hinweg. Haben die alle dieselbe Intuition? Das hänge mit Kants a priori zusammen, war ihre Antwort. Alle Menschen hätten die gleichen a priori Filter, durch die sich die Welt des Dings an sich den Menschen zu verstehen gibt. Daher sei alles, was verstanden werden kann, immer anthropozentrisch.

Wieder frage ich kritisch, woher sie das wissen will. Wie schauts mit den a prioris der Bonobos und SchimpansInnen aus? Naja, meint sie dazu, die Bonobos und SchimpansInnen selbst sind schon nur via unserer menschlichen a prioris zu begreifen und zu verstehen, daher könne nichts, was wir über sie erfahren, unseren a prioris widersprechen. Ein seltsamer Zugang, der sich jeder Kritik entzieht: gerade wir Menschen existieren irgendwie wirklich, und alles, was wir erfahren und verstehen, spiegelt nur unsere a priori wider. Wir Menschen definieren also die Welt. Und wer zu dem „wir“ gehört wird offenbar willkürlich festgelegt. Ein Genom oder sonst eine Größe, die zu dieser Definition herangezogen werden könnte, unterliege selbst schon dem a priori und sei damit anthropozentrisch.

Ich schlage ihr eine empirische Überprüfung vor. Der nächste erdähnliche Planet, der auch einen sonnenähnlichen Stern in einer Distanz umkreist, die erlaubt, dass das Wasser auf diesem Planeten flüssig ist, befindet sich ín nur 12 Lichtjahren Entfernung zu uns. Demnächst werden die Menschen einen ausreichend starken Empfänger auf diesen Planeten richten, sodass Radiosendungen, die dort vor 12 Jahren gesendet worden sind, zu hören sein müssten. Wenn es dort eine technische Zivilisation gibt, würde sie erwarten, dass diese dieselbe Mathematik betreibt, wie die Menschen auf der Erde? Ihre Antwort: das könnten wir nie wissen, weil wir alles zwingend nur mit „unserem“ a priori verstehen können. Deren Mathematik wäre also nur „unsere“ Mathematik. Wäre auch deren Kunst nur „unsere“? Wie absurd!

Und deshalb halte ich die Erkenntnisse der mathematischen Physik für so relevant, siehe http://www.martinballuch.com/?p=3499. Sie zeigen nämlich, dass es in der Realität viele Dinge gibt, die sich jedem menschlichen Anschauungsvermögen entziehen und trotzdem beweisbar stimmen bzw. existieren. Die Quantenwelt widerspricht Kants a priori jedenfalls in Sachen Raum, Zeit, Logik und Kausalität. Sie transzendiert die menschlichen a priori und ist genuin nicht-anthropozentrisch. An menschlicher Erkenntnisfähigkeit ist nichts Besonderes. Das Argument, all „unser“ Wissen und jeder „unserer“ Werte seien zwingend anthropozentrisch und dürften daher nicht auf nicht-menschliche Wesen angewandt werden, zieht nicht. Es ist nur eine Ausrede.

4 thoughts on “Kants a priori, Anthropozentrismus und Tierschutz

  1. Martin Balluch says:

    @Kekserl:
    Wie ist „Mensch“ da definiert? Und was ist das menschliche Anschauungsvermögen, das des Durchschnitts aller Wesen mit einem gewissen Genom oder das des typischen Wesens mit einem gewissen Genom? Warum ist das relevant?

    Meinem Anschauungsvermögen entzieht sich das Ende von Raum und Zeit in einem Schwarzen Loch und doch kann man das mathematisch wunderbar berechnen und es empirisch finden. Im Zentrum unserer Galaxie ist ein Riesengrosses. Frage: Wie verträgt sich das mit Ihrer Ansicht?

    Und wie schauts mit Ihrem Anschauunsvermögen aus, wenn es um die Fernwirkung der Quantenmechanik geht? Oder um das Faktum, dass unsere Raum-Zeit gekrümmt ist und die Zeit hier auf der Erde langsamer vergeht als bei den Satelliten in der Erdumlaufbahn, was nicht nur nachgewiesen ist, sondern laufend berücksichtigt werden muss, wenn man mit Satelliten kommuniziert?

  2. Kekserl says:

    Eine Realität, die sich jedem menschlichen Anschauungsvermögen entzieht, ist nicht feststellbar oder die Aussage ist unwahr.

  3. Erstens scheinen die guten, alten Naturgesetze auch nicht mehr zu sein was sie einmal waren. Angeblich wurde ein Material gefunden, welches sich unter Druck ausdehnt http://pubs.acs.org/doi/abs/10.1021/ja4012707 und auch das Weltall hält so einige Überraschungen bereit, mit denen niemand gerechnet hat.

    Zweitens: Es ist eine Frage der Erfahrung wie man die Welt und andere sieht. Unerfahrene Menschen – dazu gehören auch Kinder die unter guten Bedingungen leben – sind vertrauensselig. Weil sie glauben, alle Lebewesen sind wie sie selbst, oder so wie die lieben Eltern. Je nachdem was man dann später erlebt, lernt man dass man nicht jedem vertrauen darf, dass es gute und böse Menschen gibt und harmlose gefährliche Tiere. Man grenzt sich ab, bemerkt die „Andersartigkeit“, entwickelt Vorurteile, oder übernimmt sie von anderen. Es gibt auch Tiere die Vorurteile haben. Ich habe einmal einen Hund kennen gelernt, der Hunde einer bestimmten Rasse nicht mochte, weil er von einem Hund dieser Rasse gebissen wurde.

    Man hat im Prinzip in unserer Gesellschaft Vorurteile Tieren gegenüber. Sich davon lösen ist schwer. Jemanden zu bewerten ohne ihn zu kennen ist ein Vorurteil und Rassismus. Man kann positive und negative Vorurteile haben. Ob sie sich gegen Menschen, oder gegen Tiere richten ist unwesentlich. Tieren die Leidensfähigkeit abzusprechen ist eine Form des Rassismus. Wer auch nur etwas Verstand hat merkt doch, dass Tiere leiden. Sie äußern sich meistens ähnlich wie Menschen. Vögel eher nicht, aber Säugetiere schon. Ihre Körper funktionieren ja auch wie die der Menschen. Sonst würde man keine Tierversuche machen. Also funktionieren auch die Seelen ähnlich. Wer ein traumatisiertes und ein glückliches Tier gesehen hat, weiß das. Tiere würden keinen fremden Tieren helfen. Aber sie helfen etwa den Angehörigen im Rudel. Deshalb schützen Hunde Menschen. Sie glauben „ihre“ Menschen sind ihr Rudel. Viele Menschen halten das genauso. Sie würden über die Frau Professorin kalt drüber steigen, läge sie verletzt am Boden, weil sie nicht zu „ihrem Rudel“ gehört. Andere würden ihr helfen, weil sie den Begriff „Rudel“=“Horde“ ausgeweitet haben. Aus der Horde wurde die Gesellschaft und in der erleben manche Menschen auch Tiere als Teil der Gesellschaft und deshalb fühlen sie sich auch für Tiere verantwortlich. Wir sind auch nur Tiere (deshalb ist der Begriff nichtmenschliche Tiere falsch und zeugt schon von Überheblichkeit dem „Tier“ gegenüber) und wir denken deshalb auch wie Tiere. Der Verstand ist nur ein kleiner Teil von uns. Wir reagieren von ihm unabhängig nach den alten Mustern. Deshalb ist es auch in meinen Augen seltsam, wenn immer von „anthropozentrisch“ die Rede ist. Denn fast jeder hält sich selbst für das „Maß aller Dinge“, für den Nabel der Welt.

    Wir können nicht genau wissen wie ein Tier denkt, aber wir wissen auch nicht wie der Mensch neben uns denkt. Jeder weiß nur wie er selbst denkt (manchmal nicht einmal das) und wir beurteilen andere ständig aufgrund der Erfahrungen die wir machten, aufgrund der Vorurteile die jeder von uns hat, aufgrund unserer Ängste, Hoffnungen, usw. Daraus bilden wir dann neue Verhaltens- und Sichtweisen. Wir verändern uns ständig (geistig), während gleichzeitig sich auch alle Lebewesen um uns herum ständig (geistig) verändern. Das tun auch die Tiere, denn auch sie lernen durch Erfahrung. Irrtümer selbstverständlich mit eingeschlossen.

  4. Konrad says:

    In der Tat lustig, dass diese Frau die Erkenntnisgrenzen nur entlang einer sowieso nur ungenauen Speziesgrenze zieht. Ich halte die Idee, dass wir erkenntnistechnisch beschränkt sind, allerdings ebenfalls für zutreffend. Unsere Vorstellungskraft folgt einfachen Prinzipien und lässt uns mit einem Widerspruch zurück:

    Wir haben den Drang immer und überall etwas zu suchen, was davor oder darüber hinaus war. Wir sind nicht dazu in der Lage einen vielleicht möglichen Anfangspunkt zu erfassen, da sich immer die Frage aufdrängt, was davor oder ausserhalb ist bzw. war. Unsere praktische Vernunft funktioniert offensichtlich sequenziell. Unser Fassungsvermögen klappt gut bei der Spurensuche, aber sie ist ein echtes Problem, wenn es um einen Gesamtüberblick geht. Da wir aber unmöglich in unserer Vorstellung zugleich die gesamte Realität präsent haben können, ist es sowieso hinfällig das totale Verständnis zu begehren.

    Wir sind zwar Teil des Ganzen und können unterschiedlich genau verschiedenste Details genauer betrachten, aber uns ist es verwehrt alles zugleich erfassen zu können. Wann immer wir den Eindruck haben alles kapiert zu haben, ist sicher, dass wir uns irren. Das folgt logisch aus dem Umstand, dass die Wahrheit unteilbar ist. Selbst wenn wir die Kapazität hätten alles zugleich zu erfassen, wären wir immer einen Schritt hinter dem Gesamten, da wir wie in gegenüber liegenden Spiegeln uns als Betrachter in einer unendlichen reflektion ins Gesamtbild einbinden müssten.

    Eine lustige Frage: Wie lange würde es dauern in perfekten Spiegeln (ich meine solche, die keine Größenbegrenzungen haben und unendlich kleine Details darstellen könnten) alle Reflektionen von einander zu sehen? Mir scheint unendlich lange plus einmal den Abstand zwischen mir und dem Spiegel. (Freilich dürfe ich mich in diesem Spiegel nicht selbst reflektieren. Ich müsste unsichtbar sein.)

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