Können Hunde Menschen absichtlich täuschen?

Manche Menschen bezweifeln bis heute, dass Hunde überhaupt ein Bewusstsein haben. Sei seien lediglich mit Instinkten und einem Lernvermögen durch Konditionierung ausgestattete Biomaschinen. Andere akzeptieren, dass Hunde fühlen und vielleicht sogar denken können, aber behaupten, sie hätten kein Selbstbewusstsein. Fast glaube ich, dass die Mehrheit der Menschen heute noch dieser These anhängt. Selbstbewusstsein, so die Folklore, sei nur dem Menschen und vielleicht wenigen anderen Tieren, wie Elefanten, Delfinen und Menschenaffen, möglich. Wissenschaftlich stuft man zwischen verschiedenen Formen des Selbstbewusstseins ab. Durch die Selbsterkennung im Spiegel sei Selbstbewusstsein der niedrigsten Form nachweisbar. Bei einigen Tieren gilt das als belegt, darunter Menschenaffen und Elefanten, aber auch Elstern und seit Neuestem Pavianen, obwohl bei Letzteren für lange Zeit das Gegenteil als bestätigt galt.


Eine höhere Form von Selbstbewusstsein findet sich in der Fähigkeit der Täuschung. Die vorsätzliche Täuschung ist tatsächlich kognitiv sehr komplex. Zuerst muss man ein anderes Wesen als handelndes Subjekt mit eigenen Überzeugungen erkennen. Dann muss man sich selbst als davon abgetrennt wahrnehmen, wobei die eigenen Überzeugungen sich von jenen des anderen Wesens unterscheiden, man nennt das das Wesen habe eine „Theory of mind“. Zuletzt muss man sich bewusst sein, dass die Überzeugungen des anderen Wesens manipulierbar sind und von den eigenen Handlungen beeinflusst werden. Dann kann man geplant Handlungen setzen, um das andere Wesen zu täuschen. Das ist Selbstbewusstsein der höchsten Stufe.

Können Hunde vorsätzlich täuschen? Die meisten Menschen sagen vermutlich nein. Hunde versagen ja auch bei der Selbsterkennung im Spiegel, so die Folklore. Ich sehe das nicht so. Hunde können definitiv ihren eigenen Geruch erkennen. Sie wissen auch, wie Spiegel funktionieren und können sie zur Problemlösung verwenden. Beim Selbsterkennungstest wird ein Farbklecks ins Gesicht gemalt, und der Test gilt als bestanden, wenn der Hund diesen Klecks via Spiegel erkennt und untersucht. Das machen Hunde nicht. Vielleicht aber auch nur, weil ihnen Farbkleckse im Gesicht egal sind.

In meinen 3 Jahrzehnten Zusammenleben mit Hunden würde ich schon sagen, dass sie täuschen können, auch wenn ich das nicht wissenschaftlich untersucht habe. Mein Hundefreund Kuksi hat zum Beispiel einmal zu humpeln begonnen, damit ich nicht darauf bestehe, dass er in der Nähe eines elektrisch geladenen Zauns gehen muss. Ich habe diese Episode auf meinem Blog bereits geschildert: http://www.martinballuch.com/einen-hund-darf-man-nicht-unterschaetzen/

Als Täuschung könnte man auch seine Art von Humor auffassen, wenn er ein Stocki hat, um das ich ihn bitte, es mir aber nicht gibt, sondern wie beiläufig niederlegt und so tut, als würde er sich nicht mehr dafür interessieren. Gehe ich dann auf das Stocki zu, um es aufzuheben, sprintet er plötzlich herbei und grapscht es mir vor der Nase weg!

Manchmal möchte Kuksi Essen, das er findet oder bekommt, obwohl er schon satt ist, vergraben. Er schaut dann ganz charakteristisch drein und geht davon in den Wald. Ich habe das Vergraben noch nie gesehen und deshalb verfolge ich ihn dabei ab und zu. Wenn er das merkt, vergrabt er nichts, sondern geht immer tiefer in den Wald oder in einem Kreis nach Hause zurück. In jedem Fall wartet er ab, bis er alleine ist und sicher nicht beobachtet wird, bevor er seinen Schatz vergräbt. Auch das weist darauf hin, dass er versteht, dass ich durch die Beobachtung von ihm von seinem Versteck wüsste und es ausheben könnte, ohne dass er es merkt.

IMG_6717kleinDoch jetzt liegt auch ein wissenschaftlicher Versuch vor, der bestätigt, dass Hunde Menschen täuschen können. Marianne Heberlein von der Uni Zürich und ihr Team ließen verschiedene Hunde 2 Menschen kennenlernen, wobei der Eine niemals Leckerlis, die er hatte, den Hunden weitergab, der Andere immer. Anschließend stellte sie 3 Boxen auf. Eines enthielt ein tolles Leckerli, eines ein weniger interessantes und eines gar keines. Die beiden Menschen wussten nicht, was in welcher Box war. Anschließend konnten die Hunde die beiden Menschen zu jeweils einer Box ihrer Wahl führen. Und tatsächlich führten die Hunde den Menschen, der keine Leckerlis weitergab, zu der leeren Box. Nachher konnten die Hunde nämlich jeweils zu einer Box gehen und sich den Inhalt nehmen und natürlich wählten sie dafür die Box mit dem besten Leckerli. Sie täuschten also den Menschen, indem sie ihm glaubhaft machten, dass in der Box etwas Gutes wäre, während sie für sich selbst das Beste zurückhielten, das sie erst holten, wenn niemand mehr anwesend war.

Heberlein berichtet auch davon, dass ihre Hunde, wenn ihr Lieblingsplatz durch einen anderen belegt ist, so tun, als würden sie gerade etwas sehr Interessantes entdecken, und kaum läuft der andere Hund daher, nehmen sie sich deren Platz. Täuschung ist sicher eine wertvolle Fähigkeit in sozialen Beziehungen. Für mich beweist das einmal mehr, wie weitgehend unterschätzt Hunde im Allgemeinen werden.

6 thoughts on “Können Hunde Menschen absichtlich täuschen?

  1. Hugo sagt:

    Sehr gute Geschichte von Sabri. Diese Dynamik kennen mein Hundefreund und ich auch gut. Danke.

  2. Sabri sagt:

    Danke für den Kommentar! Ich hatte schon Angst, dass so lange Texte in einem fremden Blog nur stören.

  3. Sabri sagt:

    Mein Hund ist offizieller Schulhund und liebt es, mit Gruppen von Jugendlichen Fußball zu spielen. Wenn zu viele Jugendliche um ihn (sie) agieren, täuscht sie die Richtung vor, in der sie spielen wird, um durchzustoßen. Man gewöhnt sich dran, das zu sehen, es passt aber zuerst auch nicht zu unserer theory of mind vom Hundesport. Inzwischen gibt es Studiengänge und Lehrstühle zur Kognitionsforschung bei Tieren – zum Glück! ist dafür jetzt Geld und die Bereitschaft zum Weiterdenken da!
    Noch ein (trauriges) Beispiel: Aus Angst vor Giftködern und weil mein Hund zahlreiche Lebensmittelallergien hat, gilt als eine unserer wenigen STRENGEN REGELN: iss unter keinen Umständen etwas vom Boden, was du findest! Nun, mein Hund hat diese strenge Regel jahrelang auf ihre Weise beachtet: Nur wenn etwas s e h r Leckeres gefunden wurde, hat sie das sehr vorsichtig aufgenommen und mit einem starren Gesichtsausdruck mitgetragen, bis ich endlich abgelenkt oder entfernt genug schien, um den Leckerbissen unbemerkt von mir schnellstens runterzuschlucken. Nun hat sich vor kurzem etwas geändert. Ich habe die Nerven verloren und sie angeschrien und geschüttelt, weil ich mir sicher war, das gefundene Fressen ist ein Giftköder (ganz in der Nähe lag ein am Feldrand elend gestorbener Fuchs). Es war kein Gift- mein Hündchen lebt. Aber sie hat nun eine andere theory of mind zur Wertigkeit meiner strengen Regeln. Wenn sie jetzt etwasGutes am Boden findet, nimmt sie es ruhig auf, kaut es langsam und schaut mir dabei ins Gesicht. Man täuscht nur jemanden, der es verdient.

  4. Hugo sagt:

    PS: Die meisten Vögel, die in der Stadt leben können täuschen und Täuschung erkennen, nicht nur Krähen und Raben. Theory of Mind wird auf Uni’s nicht in Tieren gesucht und erforscht sondern in Wissenschaftlern. Schaffen es Wissenschaftler zu sehen was vor ihren Augen passiert, unter normalen Tauben und Spatzen?

  5. Hugo sagt:

    Wie alle Hund versteht meiner ob er zum Spaß, aus Humor heraus beim Spielen, getäuscht wird oder ob er manipuliert wird. Manipuliert werden findet er gar nicht lustig.

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