Konditionierungstrainng für Hunde: gewaltige Unterschätzung ihrer Fähigkeiten

Letzten Freitag gabs in der Volkshochschule Ottakring in Wien eine Podiumsdiskussion über „Hundetraining“, zu der ich freundlicher Weise eingeladen war. Gemeinsam war uns DiskutantInnen die Ablehnung des dominanzbasierten Umgangs mit Hunden. Doch einmal mehr fiel mir auf, was für Welten meine Vorstellung eines partnerschaftsbasierten Zusammenlebens mit Hunden und jene des konditionierungsbasierten Zusammenlebens auseinander liegen. Die Unterschiede sind nicht marginal, das Bild von Hunden fundamental verschieden.

Es beginnt schon mit dem Wort „HundebesitzerIn“. Für mich ist das das Unwort schlechthin. Ein Hund ist ein freies Lebewesen und keine Sache, und kann daher auch grundsätzlich nicht besessen werden. Meine Diskussionspartnerinnen sahen das nicht so eng. Und zwar, so ist mein Eindruck, weil sie den Hund einfach nicht als freies Lebewesen begreifen. Sie sind offenbar tatsächlich der Ansicht, dass ein Hund nicht denken kann, dass ihm praktisch jedes Problem zu kompliziert ist, und dass er daher ständig unsere Hilfe braucht, die wir ihm via Konditionierung bieten. Denk nicht nach, ist die Botschaft an den Hund, mach einfach was wir dir sagen. Konditionierung statt Verstehen, Anleitung statt eigenständiger Problemlösung.

Zunächst wird das bagatellisiert. Das ganze Leben sei doch Konditionierung, auch beim Menschen. Würden die DiskussionsteilnehmerInnen nicht auch nach dem Gespräch gemeinsam ein Buffet zu sich nehmen? Naja. Konditioniertes Verhalten abzurufen braucht keine bewusste Entscheidung, kein Nachdenken, kein Verstehen, kurz gesagt: kein Hirn. Zumindest kein Großhirn. Das Kleinhirn ist für diese Reizreaktionsabläufe da und, ja, viele unserer täglichen Aktivitäten sind durch Konditionierung bestimmt. Aber das Kleinhirn hieße nicht so, wenn es nicht nur ein kleiner Teil des Hirns wäre. Konditionierung ist wie ein Computerprogramm, da ist keine Denkleistung dahinter. Via Neocortex können wir aber neuartige Probleme verstehen und selbständig lösen. Wie in der Mathematik: auswendig lernen wir das kleine Einmaleins, aber für mathematische Probleme brauchen wir viel mehr, nämlich Verständnis und bewusstes Nachdenken.

Nun, wurde mir bei der Diskussion gesagt, Mathematik sei aber für Menschen. Hunde sind für so etwas offenbar zu doof. Siehe Freilaufen ohne Leine auf der Straße. Das dürfe man einem Hund niemals zumuten. Hunde seien da unberechenbar, man könne ihnen diesbezüglich niemals vertrauen. Aber Hunde haben einen Neocortex, der, wie beim Menschen, viel größer als der restliche Teil des Gehirns ist. Wozu denn? Ganz einfach: sie haben ihr Hirn, um für sie neue Probleme durch Nachdenken lösen zu können. Und das können sie nur trainieren, wenn man sie auch selbständig solche Probleme angehen lässt. An den Problemen wächst der Hund, wird immer kompetenter und selbstsicherer, und letztlich zu einer Persönlichkeit, die sich selbst ihr Leben gestalten will. Pflegeleichter sind autonome Hunde nicht, aber das ist auch ein tiefer Unterschied unserer Anschauungen: der Mensch geht für mich nicht vor. Mein Hundefreund muss sich nicht an die menschlichen Bedürfnisse anpassen, sondern er hat ein gleiches Recht wie ich, auf jene Weise zu leben, die ihm am besten gefällt. Er hat ein Recht auf diesen Freiraum.

Einem Problem gegenüber zu stehen bedeutet Stress. Für die Konditionierungsfraktion, die dem Hund sehr wenig eigenständige Problemlösungsfähigkeiten zubilligt, ist das unnötiges Leid. Der Job von Hundeverantwortlichen ist in deren Augen im Wesentlichen, jeden Stress vom Hund fern zu halten. Meine Ansicht ist diametral gegensätzlich: Stress ist wichtig, weil erst an der vielleicht stressigen Überwindung von Problemen können die Hunde reifen und  ihre Kompetenzen entwickeln. Auf Reize angelernte Reaktionen zu zeigen ist keine Kompetenz. Das macht hilflos und abhängig, die Verantwortung wird an den Reizauslöser übertragen, selbst denkt man gar nicht nach. Kein Wunder, dass die Konditioniererinnen glauben müssen, ihre Hunde sind zu doof zu allem. Sie waren nie auf sich gestellt und konnten nie ihre Fähigkeiten entwickeln. Kaum kam ein Problem auf, griff schon Frauchen ein und das wars. So wird man tatsächlich zum inkompetenten Dodel, auf den man sich nicht verlassen kann, weil nie auf seine Eigenständigkeit vertraut wurde.

Ich habe dieses Vorgehen mit eigenen Augen schon oft gesehen: Die Wildnis sei zu stressig, Kälte und Hitze sowieso, aber auch das fröhliche Begrüßen, wilde Spiele, der Straßenverkehr, Menschenansammlungen, Lärm, freie Begegnungen mit anderen Hunden usw. All das muss  um jeden Preis vermieden werden. Manchmal scheint mir, am besten wäre es für den Hund, er liegt in einem abgedunkelten Raum mit angenehmer Temperatur bei völliger Stille satt gegessen im Wachkoma. Nein, meine Philosophie ist das Gegenteil. Den Hund überall mitnehmen, alles erleben lassen, ihm bei Überforderung helfen, aber d.h. ihn dabei zu unterstützen, sich selbst zu helfen und seine eigenen Lösungen zu finden. Den Freiraum geben, sich selbst entscheiden zu können, welchen Stress er sich zumutet und welchen nicht. Unsere Rolle als Hundeverantwortliche ist, dem Hund möglichst viel Autonomie zu bieten und ihn möglichst wenig zu steuern. Hunde sind wesentlich gescheiter und kompetenter, als wir ihnen zubilligen  – wenn wir sie nur selbständig agieren lassen!

3 thoughts on “Konditionierungstrainng für Hunde: gewaltige Unterschätzung ihrer Fähigkeiten

  1. Jenni says:

    Konditionieren ist quasi dressieren. Das wird einem Hund nicht gerecht.Ich glaube auch, dass Hunde von alleine gar nicht so viel durch Konditionierung lernen. Ich beobachte meinen Hund und stelle fest, dass er genau so lernt wie ich: er erlebt etwas, merkt es sich, erinnert sich dran, danach weiß er etwas, das er bei Bedarf abrufen kann. Es ist wunderbar, mit einem – wie du es nennst – autonomen Hund zusammenzuleben. Nur so kann man erfassen, was ein Hund überhaupt für ein Wesen ist.

  2. zaungast says:

    „Den Hund überall mitnehmen, alles erleben lassen, ihm bei Überforderung helfen, aber d.h. ihn dabei zu unterstützen, sich selbst zu helfen und seine eigenen Lösungen zu finden.“
    Wie genau sieht das aus, könntest du dafür konkrete Beispiele geben?

    Ich finde prinzipiell sehr viel sehr gut, was du schreibst, und vieles spricht mir aus der Seele, aber mir mangelt’s immer ein bisschen an Praxisbezug – besonders wenn man einen Hund im Erwachsenenalter übernimmt, der nicht an völlige Freiheit gewöhnt und in vielen (Stress-)Situationen dann überfordert ist (was eben oft auch eine Gefahr für Menschen, andere Hunde oder auch andere Tiere wie Katzen usw. darstellen kann), dann ist „lass ihn von der Leine und nimm ihn überallhin mit“ eher ein Katastrophenrezept als eine gute Idee.

  3. Walter says:

    Das Problem liegt aber vermutlich bei der Bequemlichkeit der Menschen. Es ist viel einfacher zu konditionieren als die viele Zeit zu opfern um den Hund eigenständig/selbsbestimmt lernen zu lassen. Und da sind wir schon bei einem wichtigen Aspekt: wer hat oder nimmt sich heute noch die notwendige Zeit für den Hund? „Du bist zeitlebens für das verantwortlich was du dir vertraut gemacht hast“ kann man bei Saint-Exupery nachlesen, doch wer nimmt diese Verantwortung war? Heute in einer Zeit mit Nachmittagsbetreuung für die Kinder damit die Eltern den ganzen Tag arbeiten können, ist ja nicht einmal genug Zeit für die Kinder da. So wird es wohl bei Einzelfällen bleiben wo man selbstbestimmte Hunde trifft (bei Obdachlosen z.B. Super zu beobachten und für mich immer wieder ein Erlebniss). Auf jeden Fall lese ich immer wieder gerne darüber und Danke für die gelungene Darstellung.

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