New Scientist sagt: Tierversuche sind der falsche Weg in der Forschung für Menschen

Ich lese das New Scientist, ein naturwissenschaftliches Wochenmagazin aus England mit sehr internationaler Ausrichtung, regelmäßig, um am Ball zu bleiben, was sich in diesem Metier so tut. Manchmal ist das relativ schwer zu ertragen, wenn z.B. der technische Fortschritt in den Himmel gelobt und von Tierversuchen völlig unkritisch berichtet wird. Eines kann man dem Magazin wirklich nicht nachsagen: nämlich auf der Seite der Tiere zu stehen. Zwar haben auch Peter Singer und Mark Bekoff darin ihre sehr tierfreundliche Meinung kundtun dürfen, aber viel öfter ist der Jargon von völliger Respektlosigkeit gegenüber Tieren geprägt. Schade, eigentlich. Weil für mich schließen sich Naturwissenschaft und Tierschutz bzw. Tierrechte überhaupt nicht aus, im Gegenteil. Gerade die naturwissenschaftlichen Erkenntnisse zur Kognition und Schmerzempfindung bei Tieren müssten doch zur Tierschutzaffinität veranlassen.


Umso mehr hat mich daher das Editorial der Chefredaktion in der Ausgabe vom 29. Oktober 2016 gefreut. Hier ist davon die Rede, dass sich die Tierversuche in die falsche Richtung bewegen: „Tierversuchsbasierte Forschung nach neuen Medikamenten verlieren die menschlichen Krankheiten aus dem Fokus“ steht da in der Unterüberschrift. Es wird immer schwerer und teurer, neue Medikamente zu finden, die Kosten für ein neues Medikament verdoppeln sich alle 10 Jahre. Die gentechnischen Möglichkeiten, so die Chefredaktion, hätten dazu geführt, dass überall neue Krankheitsmodelle für Menschen in verschiedenen Tierarten entwickelt werden, die zwar ähnliche Symptome zeigen, aber ganz andere Ursachen haben. Daher wirken die Medikamente, die so entstehen, bei Menschen gar nicht. Hier das gesamte Editorial:

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Betrachten wir noch einmal die 4 Stufen von Gewalt gegen Tiere, von Spaß an der Gewalt (Beispiel Gatterjagd), über Gewalt um Geld zu sparen (Beispiel Tierfabriken) und Gewalt zum echten Nutzen für Menschen (Beispiel „Schädlingsbekämpfung“), bis zur Gewalt als ungewollter Kollateralschaden (Beispiel Straßenverkehr), dann fallen zumindest jene Tierversuche, die man sich öffentlich zu rechtfertigen getraut, nämlich medizinische Forschung zum Schutz von Menschen, in die dritte Kategorie. So werden sie leichter vertretbar in den Augen der Politik, als z.B. Tierfabriken. Zwar gibt es, auch wenn man nach diesem Schema argumentiert, zahllose Tierversuche, die nicht zu vertreten sind, wie z.B. Tierversuche in der Veterinärmedizin oder zur Effizienzsteigerung in der Ausbeutung sogenannter Nutztiere, aber dennoch scheint ein Ende von Tierversuchen in viel weiterer Ferne, als ein Ende von Tierfabriken. Das nicht zuletzt auch deshalb, weil die Menschen durch ihr eigenes Konsumverhalten Tierfabriken verhindern könnten, nicht aber Tierversuche, die oft im Elfenbeinturm der Wissenschaft stattfinden.

Und so ist eine meiner größten Hoffnungen, Tierversuche zu reduzieren und eines Tages zu beenden, die Wissenschaft selbst. Es gibt zahllose Studien, die belegen, dass viele Arten von Tierversuchen eine Sackgasse sind, dass sie unwissenschaftlich sind und dass 92 % der im Tierversuch entwickelten Medikamente nie auf den Markt kommen, weil sie bei Menschen ganz anders wirken. Es freut mich daher sehr, nun genau solche Argumente im New Scientist zu lesen, noch dazu im Editorial der Chefredaktion.

Im Heft findet sich dann ein doppelseitiger Artikel zu dem Thema. Die Aussagen kurz zusammengefasst:
– Der Nutzen für Menschen bei vielen Tierversuchen an Mäusen ist so gering geworden, dass wir neue Wege in der medizinischen Forschung beschreiten müssen
– Heute kostet jedes neue Medikament etwa 2 Milliarden US-Dollar, weil 1 von 9 im Tierversuch erfolgreichen Medikamenten bei der Anwendung an Menschen wirkt
– Durch die gegenseitige Bestätigung verschiedener Forschergruppen von der Anwendbarkeit vieler Krankheitsmodelle im Tierversuch, bei denen Mäuse dazu gebracht werden, zu einer gewissen menschlichen Krankheit ähnliche Symptome zeigen, wird es nicht mehr möglich, die mangelnde Vergleichbarkeit zu Menschen zu kritisieren
– Genetische Manipulation führt dazu, dass ständig neue Mauslinien mit menschenähnlichen Krankheitssymptomen entwickelt werden, die aber meistens bzgl. ihrer Ursache jener der Krankheit bei Menschen überhaupt nicht entsprechen
– Der normierte Versuchsaufbau, mit gleichen Mäusen im gleichen Alter, mit gleichem Geschlecht, gleicher Herkunft, gleicher Fütterung, gleich steriler Lebensumwelt, aus gleicher winziger Käfighaltung usw. führt zu vollkommen realitätsfernen Resultaten
– Alternative Autismusforschung: Beobachtung von großen, freilebenden Affenkolonien, bei denen einzelne Individuen echten Autismus zeigen
– Oder nicht-invasive Forschung an Mäusen: Beobachtung der Tiere in einem artgemäßen Umfeld, in dem spontan gewisse Krankheiten ausbrechen

Hier der gesamte Artikel:

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Die Schlussfolgerung: nicht-invasive Forschung ist „good science, good animal welfare and good business too“. Na hoffen wir, dass sich diese Erkenntnis in der Wissenschaftscommunity herumspricht, bevor noch weitere Milliarden von Tieren in sinnlosen Tierversuchen in den Labors der Welt zu Tode gequält werden. Ich möchte diesen Artikel jedenfalls in der nächsten Sitzung der Bundestierversuchskommission zur Sprache bringen.

2 thoughts on “New Scientist sagt: Tierversuche sind der falsche Weg in der Forschung für Menschen

  1. Martin Balluch sagt:

    @cheeta
    Du hast Recht, vielen Dank.

  2. cheetah sagt:

    danke für den interessanten artikel!
    anmerkung: ich glaub, da ist eine verdrehung mit den zahlen passiert:
    > – Heute kostet jedes neue Medikament etwa 2 Milliarden US-Dollar, weil 1 von 9 im
    > Tierversuch erfolgreichen Medikamenten bei der Anwendung an Menschen versagt.
    nicht 1 von 9 versagt beim menschen, sondern nur 1 von 9 kommt auf den markt (d.h. die anderen 8 versagen beim menschen).
    der „nutzen“ ist also noch viel geringer…

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