Sensibilität und Depression bei TierschützerInnen

Als ich den biografischen Film über Falco sah, war ich einigermaßen darüber entsetzt, wie dieser Mann mit seinem Ruhm offensichtlich überhaupt nicht fertig wurde. Von anderen großen Musikstars hört man ähnliches. Dagegen schien Schistar Marcel Hirscher in der Sendung „Willkommen Österreich“ im ORF total in seiner Mitte. Auch andere Schistars können mit ihrem Erfolg locker umgehen, kaum einer, der deswegen zu Kokain gegriffen hätte oder depressiv geworden wäre. Die Vermutung liegt nahe, dass MusikerInnen als KünstlerInnen viel sensibler sind, während SportlerInnen zu sich hart sein müssen und diese Härte vielleicht auch auf ihre Wahrnehmung der Welt übertragen. Erhöhte Sensibilität also als Grund für eine depressive Lebenseinstellung?

Kürzlich sprach ich mit einer Aktivistin, die vor nicht allzu langer Zeit zu uns beim VGT gestoßen ist. Seltsam, meinte sie, wie viele Menschen im Tierschutz depressiv seien. Ihr Freundeskreis außerhalb des Tierschutzes würde das Leben viel leichter nehmen. Einige Jahre davor hatte ich mit einer Psychologin über Selbstverletzungen diskutiert und sie war zu der Überzeugung gelangt, dass sich im Tierschutz völlig überproportional viele junge Menschen mit Rasierklingen schneiden würden.

Ist es so, dass Menschen, die sich selbst verletzen oder depressiv sind, dazu tendieren, im Tierschutz aktiv zu werden oder, umgekehrt, dass man durch Tierschutzaktivität erst depressiv wird oder sich selbst verletzen möchte? Aus anderer Ecke wird ja der Veganismus kritisch gesehen, weil überproportional viele vegan lebende Menschen eine Essstörung hätten.

Nun, ich vermute das hängt mit der Sensibilität dieser Menschen zusammen. Wer das Leiden, die Unterdrückung und die Ungerechtigkeit in dieser Welt sehr intensiv mitfühlt und nicht verdrängen kann, der bzw. die wird beides, zum Tierschutz tendieren und zu Depressionen neigen. Aber Sensibilität ist ja eigentlich eine positive Eigenschaft, sie verhindert, dass man Not ignoriert und zur Tagesordnung übergeht. Mit genügend vielen, sensiblen Menschen wäre das Dritte Reich nicht möglich gewesen.

Doch erhöhte Sensibilität hat ihre Grenzen, wenn sie selbstzerstörerisch wird. Wie kann man das verhindern? Es stimmt, ich bin ständig mit Tierleid konfrontiert, wenn ich mir die neuesten Skandalvideos im Tierschutz anschauen muss und mir bewusst mache, wie viele Tiere das überall um mich herum betrifft und wie schwer es ist, eine Änderung zu bewirken. Es stimmt, jedes Mal wenn ich in ein Feuer schaue, steigen die Bilder dieses jungen Mannes in mir auf, der vom Islamischen Staat in einem Käfig lebendig verbrannt wurde. Es stimmt, in ruhigen Momenten überkommt mich manchmal die Erinnerung an jenen Mann in den USA, der unschuldig 12 Jahre in einer Todeszelle saß und dann hingerichtet wurde, von Gott und der Welt verlassen, nur um 10 Jahre danach rehabilitiert zu werden. Oder ich kann die Worte eines Berichts über das Lynchen eines Afroamerikaners in den Südstaaten der USA im Jahr 1893 nicht verdrängen, unendlich grauenvoll. Und doch lache ich wieder, freue mich meines Lebens, ertappe mich dabei, voller Glücksgefühl fernab in der Natur zu sitzen und die Schönheit meiner Umgebung in mich aufzusaugen.

Kürzlich sah ich einen Film über Wölfe in den spanischen Pyrenäen. Die Dokumentation war sehr reißerisch und schlecht gemacht, gezeigt wurden lediglich Gewalt, Kämpfe unter den Tieren und die Jagd auf Rehe. Das ist aber nur ein kleiner Ausschnitt der Wirklichkeit. Ich erlebe die Natur ganz anders, ich sehe ständig Wildtiere, die spielen, in guten Beziehungen leben, in der Sonne liegen und einfach glücklich sind. Für jedes erlegte Wildtier gibt es Hunderttausende, die am gleichen Tag in Frieden leben. Die Welt ist nicht nur schrecklich und gewalttätig. Sicherlich, es bleibt unsere Aufgabe, Verantwortung wahrzunehmen, die Opfer von Gewalt nicht zu vergessen und uns für sie einzusetzen. Aber dabei dürfen wir selbst nicht zu kurz kommen, dabei dürfen wir nicht übersehen, in was für einer eigentlich wunderschönen Welt wir leben. Es ist ein Balanceakt zwischen empathischem Beobachten und Verdrängen, der es ermöglicht, sich zivilgesellschaftlich zu engagieren und trotzdem nicht depressiv zu werden. Zugegeben, manchmal ist das nicht leicht. Mir gelingt es aber einerseits, weil ich im Grunde genommen ein sehr fröhlicher Mensch bin und andererseits, weil ich mir möglichst viel Zeit nehme, in der ich mit FreundInnen, wie mit meinem lieben Kuksi, in der Natur sein und die Probleme der Welt vergessen kann. Dieser Ausgleich ist unumgänglich notwendig, um in seiner Mitte zu bleiben. Schade, dass so wenige Menschen meinen Zugang zur Natur teilen, der ihnen das ermöglichen würde. Vielleicht liegt darin das eigentliche Problem, die Entfremdung aus der Natur als Urgrund für Depression und Selbstverletzung.

10 thoughts on “Sensibilität und Depression bei TierschützerInnen

  1. Yudy sagt:

    Die Unfähigkeit das Wahrgenommene zu transformieren, führt in eine Trauer die sich letztendlich versucht selbst zu zerstören. Menschen die unter Depressionen leiden haben nie gelernt mit Leiden umzugehen. Sie fressen alles in sich hinein weil sie keinen anderen Ausweg kennen. Transformation kann auf mehreren Wegen geschehen. Darüber sprechen und den Mangel in sich selbst erfühlen und erfüllen. Berührungen im Innern zulassen.

  2. Veronika sagt:

    Fortsetzung (wurde leider unterbrochen):

    Was bei Menschen gilt, das gilt selbstverständlich auch bei den Tieren. Nur wer hilft weil er (mit)leidet, ist ehrlich bemüht. Die anderen holen sich aus dem was sie tun nur Glücksgefühle. Je weniger Erfolgserlebnisse entstehen, desto weniger Menschen werden sich freiwillig engagieren. Das tun dann vor allem die ehrlichen.

    Man redet uns ständig ein wir müssten dort helfen, da helfen, dort und da Mitleid haben. Vor allem wenn es um Menschen geht. Man trichtert uns Allmachtsfantasien ein. Dabei können die meisten nicht einmal sich selbst helfen. Ausgehend von der Wissenschaft die sich anmaßt Krankheiten ausrotten zu können, alles Böse fernhalten zu können. Und dann sehen wir die Realität.

  3. Veronika sagt:

    Da werden zwei Themen vermischt. Glück ist ein vergänglicher Zustand der verschiedene Gründe hat. Depressionen können psychischer, aber auch physischer Natur sein. Vitamin D und B Mangel, Probleme mit der Schilddrüse, usw.

    Was aber die Tierschutzarbeit an sich betrifft:

    Ein Arzt der in einem Pflegeheim arbeitete sagte über den Beruf der Ärzte und Pflegekräfte: „Dieser Beruf muss weh tun. Denn tut er das nicht, wünscht man sich das Leid der anderen.“

  4. amor sagt:

    Ich glaube nicht dass die erhöhte Sensibilität der Grund zu Depressionen bei Tierschützer ist.
    Die meisten leiden unter der falschen Überzeugung, dass sie nicht genug tun, dass die das Tier Leid nicht mildern können, und dass diese Welt nie bessere Tage für die Tiere bringen wird.
    Dadurch isolieren sie sich: der Kreis der Freunde und Bekannten, die nicht unbedingt und bei jedem Treffen über Tierquälerei diskutieren wollen, wird immer enger.
    Oft macht auch der Partner nicht mit.
    Man wird mit den Jahren zu einem einsamen und verbitterten Menschen.
    Die meisten Tierschützer, die ich kenne, leben allein.

    Ich bin vom Grund auf ein optimistischer Mensch, und deshalb treffe ich mich mit Tierschützern nie privat.
    Wir sehen uns nur bei Demos, da haben wir gemeinsame Ziele und versuchen, jeder auf seiner Weise, diese Gesellschaft im Namen der Tiere zu sensibilisieren und aufzuklären.
    Mehr ist von einer Demo sowieso nicht zu holen, und das liegt daran, dass die Tierschützer, außer depressiv auch infantil sind.

    Vor kurzem hatten wir eine Demo gegen einen bescheuerten Zirkus (mit Wildtierartistik begleitet) geplant. Und auch gemacht.
    Bei der Polizei meldeten wir 20 Personen, der Face-Book-Zusagen nach.
    Erschienen sind 8!
    Der einer wollte seine Wohnung endlich putzen, der andere seine kranke Tante besuchen und der dritte war allergisch auf den Kollegen der „anderen“ Organisation.
    Wenn 500 gekommen wären, hätte an diesem Nachmittag keine Zirkus-Vorstellung stattgefunden.
    Mich haben die fünf bengalischen Tiger und die vier afrikanische Löwen (alle in Stahlkäfige eingesperrt) weniger demoralisiert, als die Tatsache, dass die Tierschützer eine Gesellschaft ist, wo jeder zur Verfügung steht und keiner zu gebrauchen ist.

    Wir wissen, dass die Änderungen auf dieser Welt nicht nach Belieben und auch nicht nach Logik ablaufen.
    Wir sollten genug Erfahrung haben um zu erkennen, dass das Tier Leid eine gegebene Realität ist, die uns zur Tat und Kampf zwingt, und die auf keinen Fall besser wird, wenn wir zu Tatlosigkeit und Konformismus neigen.
    Amor

  5. Dani sagt:

    Lieber Martin, ich denke du hast absolut recht, dass Tierrechtler sensibel sind und sich viele Dinge viel mehr zu Herzen nehmen als Menschen die es schaffen, vor dem Leid in dieser Welt die Augen zu schließen.
    Ich finde meine Heilung und meine Kraft auch immer wieder in der Natur, gemeinsam mit meinem Gefährten und Freund Lübbi.
    In meiner Arbeit als Pädagogin denke ich sooft, die Kinder brauchen keine Therapie, keine Tabletten und sonstige Förderung, sie brauchen Natur und echte Begegnungen. Deshalb biete ich Waldtage an und die Kinder lieben es und ich auch.
    Aber bei einer Sache muss ich ein wenig wiedersprechen, es gibt auch viele Sportler, gerade im Spitzensport die an Depressionen leiden (in Deutschland Robert Enke, Andreas Biermann uvm.) Aber auch diese sind wahrscheinlich viel sensibler als andere.
    Ich wünsche dir und Kuksi entspannte Ostertage.

  6. Michael Spring sagt:

    Ich teile zwar die Vorliebe für die Natur. Aber, „Einklang mit der Natur“ ist eine romantische Fantasie, die wenig mit der Realität zu tun hat. Auch, dass der Mensch für ein Leben in der Natur „geschaffen“ sein soll, ist eine anthropozentrische Illusion. Menschen sind Spezialisten darin, im Einklang mit anderen Menschen zu leben. Das Umfeld ist Nebensache.

  7. Ich denke mir oft, einige Jahre muss ich noch durchhalten, dann kann ich auch gehen…weil es oft tatsächlich unerträglich ist. Es beginnt morgens mit dem Einschalten des Computers, unzählige Horrormeldungen, am Bürofenster rauschen die Tiertransporter vorbei, auf den Weg zum nahen Schlachthof. Ich sitze hier und denke mir, ich halte das alles nicht mehr aus. Ich stehe in Grönland, am östlichen Rande dieser riesigen Insel und denke mir, wie soll ich hier allein etwas bewegen? Ich fahre an Tierfabriken vorbei, die auch auch von innen kenne und denke mir, wann hat dieser Wahnsinn ein Ende? Aber wenn ich auch nicht mehr kann, will, mag…was wird dann? Es hilft keinem Tier. In Grönland schon gar nicht, wo niemand anderer ist, der etwas unternimmt…wenn ich mich auch aus dem Staub mache…was dann? Dann wäre meine Schuld tatsächlich groß und ich wäre feige. Als mein erster Hund gestorben ist, habe ich mich ganz kurz mit Tierkommunikation befasst, es funktionierte gleich und ich habe keine weiteren Kurse etc. gemacht. Ich geben den Tieren in den Tiertransportern mit, dass sie nun bald alles hinter sich haben und dass nun alles gut wird, was ich hoffe, wissen kann ich es auch nicht. Ich schicke den Hunden in Grönland meine Botschaften, dass ich wiederkomme und dass ich alles daran setze, dass sich etwas ändert, genauso in Rumänien und sonstwo. Ich bin keine Esoterikerin, aber ich weiß dass die morphischen Felder, die Rupert Sheldrake beschreibt, exisitieren und dass wir mit Tieren kommunzieren können. Das es hier Kanäle gibt, die wir oft leugnen, weil wir uns damit nicht lächerlich machen wollen. Botschaften zu senden, wäre in der Tat etwas wenig, somit bin ich immer wieder vor Ort und das Leid treibt mich an, mehr zu tun und nicht aufzugeben. Ich habe für Grönland 5 Jahre benötigt, bis sich etwas getan hat und nun noch mehr tut. Ich liege nachts wach und überlege, was ich noch tun könnte, in Rumänien, Ungarn, aber auch hier. Ich sehe mir selten Tierrechtsfilme an, aber wenn, dann spornt mich das noch mehr an, etwas zu tun. Auch ich lebe am Land, mit der Natur, ärgere mich über die Bauern mit den Giftfässern, mein Magen schrumpft auf Nussgröße zusammen, wenn überall die Schüsse der Jäger knallen…Landleben ist nicht einfach…oft denke ich mir, warum fahren die Tiertransporter immer gerade vor meiner Nase? Warum stolpere ich ständig über Leid? Weil wir sensitiv geworden sind, anderen fällt es vielleicht gar nicht mehr auf. Die Tierkommunikation klappte bei mir gleich, so die Kommunikatorin Christine Tetau, die wirklich davon etwas versteht, weil ich über so viele Jahre den Tieren so nahe bin, keine esse und möglichst wenig Leid verursache oder es versuche. Aber all das ist nicht genug, mich hält am Überleben einzig, dass ich noch so viel tun muss…und ich nicht mehr soviel Zeit habe, wie nötig wäre…richtig glücklich sein, unbeschwert, das geht nicht mehr…schon lange nicht. Aber das ist auch nicht meine Aufgabe hier, ich habe mir eine andere gewählt und muss damit leben. Und selbst wenn es paradox klingen mag, bin ich doch auch wieder froh um genau dieses Leben, das mir einen Sinn gibt. Und ich bin dankbar dafür, dass ich jeden Tag genau das tun kann, was mir wichtig ist. Alles hat seinen Preis, den ich meist gerne zahle, aber manchmal kommen eben auch Gedanken, die ich eingangs beschrieben habe. Aber ich stimme zu, die Natur gibt uns viel Schönes, Ruhiges, Aufmunterndes.

  8. Michaela sagt:

    Hi Martin, bei ca. 15-20 Prozent der Weltbevölkerung (u wohl auch im Tierreich) gibt es eine neurologisch bedingte sog. Hochsensibilität. Was genau das im Einzelnen bedeutet, listet diese Seite sehr gut auf: http://www.zartbesaitet.net Sehr, sehr häufig finden sich Vegetarier*innen u Veganer*innen unter diesen Menschen. Aber nicht jeder Veggie ist hochsensibel. Wer diese Hochsensibilität ignoriert oder kein gutes Selbstmanagement hat, idt leider auch anfällig für u. a. Depressionen, aber auch andere psychosomatische Störungen. Ich denke nicht, dass der Veganismus Auslöser für Depressionen sind (kann ich zumindest für meine Depression nicht unterschreiben), sondern, dass einfach recht viele Veggies „unerkannt“ hochsensibel sind u nicht ausreichend für sich sorgen, z. B. mit Verbindung zur Natur etc. Aber je nachdem, ob man sensorisch, emotional oder kognitiv sensibel ist (oder alles zusammen), werden die Strategien bei jedem anders sein.

    Ich hab z. B. recht viele HSPs (highly sensitive person) im veganen Freundeskreis, weil sich solche Menschen auch durchaus gegenseitig anziehen. Mein veganer Partner hingegen ist nicht-hochsensibel u geht noch mal ganz anders mit Tierleid im als ich. Es berührt ihn auf einer anderen Ebene.

    Wir haben inzwischen hier vor Ort einen Gesprächskreis nur für vegane HSPs eingerichtet, um mehr Bewusstsein über diese Fluch-und-Segen-Gabe zu schaffen.

    Übrigens ist auch nicht jeder HSP auch Veggie (das wär doll), aber dafür evtl. auf anderem Gebiet sehr sensitiv. Bei Falco würd ich persönlich auch drauf tippen, aber da kam wohl auch noch einiges mehr zu.

  9. Jochen sagt:

    Das Problem ist, dass die vegane Bewegung hauptsächlich im urbanen Raum zu finden ist. Das finde ich schade. Denn, wie du hier und in deinem letzten Buch ausführlich schilderst, wir Menschen sind für die Natur gemacht auch wenn sie anstrengend ist. Am Ende des Tages ist man zufriedener und glücklicher. Auch wenn man sehr oft mit den Schattenseiten des Lebens und mit den täglichen Tragödien anderer Lebewesen zu tun hat. Man wird widerstandsfähiger wenn man soweit es möglich ist mit der Natur im Einklang lebt. Natürlich liebe ich auch die angenehmen Seiten des städtischen Lebens und freue mich in meine veganen Lieblingslokale Ginko und Erde gehen zu dürfen. Aber ich kann diese Highlights heute viel mehr genießen als früher, als ich genug Geld dafür hatte und dorthin ging wann ich Lust darauf hatte. Es wurde selbstverständlich und es war nichts mehr besonderes. Vielleicht sind wir deshalb anfällig für die Unzufriedenheit weil alles im Übermaß da ist und wir uns dafür nicht mehr anstrengen müssen. Die Nahrung holen wir uns aus dem Supermarkt, vielleicht aus dem Reformladen oder aus dem Bio-Markt. Aber, echtes Glück verspüre ich, wenn ich im Frühjahr die Erdäpfel selber in die Erde setze, wenn ich den Dreck unter den Fingernägeln sehe und am Abend mit einer ganz anderen Müdigkeit in die Unterkunft gehe als wenn ich in der Stadt mit dem Fahrrad von A nach B fahre, von einem geschlossenen Raum zum anderen. Oder wenn ich mit Hündin Gina stunden- und tagelang in der Natur bin und bemerke wie wir uns beide Stunde für Stunde wohler fühlen wenn wir „weg“ sind.
    Ich kann jetzt nur für mich sprechen, aus meiner Sicht bin ich heute ein glücklicherer und zufriedener Mensch als früher obwohl ich damals viel mehr Geld verdient habe, viel mehr in der „Mitte“ der Gesellschaft war und nicht nachdenken musste ob ich nächste Woche noch etwas einkaufen konnte. Heute, habe ich die meisten der Gegenstände die mir früher so wichtig waren verschenkt oder am Flohmarkt verkauft und ich kann sagen, es fühlt sich richtig gut an kaum etwas zu besitzen.
    Die Schifahrer Hirscher, Knauss und Co. sind meines Wissens auch richtige „Naturmenschen“. Ich kenne die beiden auch nur aus dem TV und kenne ihre Schicksale nicht, aber es gibt sicher genügend dieser SportlerInnen die auch traurige und traumatische Erlebnisse verkraften mussten. Ich denke da nur an den schrecklichen Unfall von Gernot Reinstadler Anfang der 90er zurück der in Wengen auf der Piste vor den Augen seiner Kollegen verblutete oder an die in Garmisch tödlich verunglückte Ulli Maier. Ein weiteres Opfer war die Ski-Weltmeisterin Régine Cavagnoud, die im Pitztal tödlich verunglückt ist. Bei diesen Unfällen waren die Kollegen und Kolleginnen Augenzeugen und Augenzeuginnen. Trotzdem ist daran kein Kollege oder keine Kollegin an diesen Tragödien zerbrochen oder es wäre mir auch nicht bekannt dass nur ein/e Skirennläufer/in die Karriere deswegen beendet hätte. Es wurde getrauert und die Show ging weiter. Es hat mich oft gewundert wie schnell diese weiter ging. Vielleicht irre ich mich aber auch, denn ich denke jetzt Mitten im Schreiben gerade daran wie in meinen frühen Kindertagen die Formel 1 Stars nach der Reihe verunglückt sind. Die Formel 1 Stars von damals waren sicher keine Naturburschen, sie hatten damals eher das Playboy- und Party-Image. Damals wurden die Rennen nicht einmal abgebrochen, selbst wenn die Fahrer auf der Strecke verbrannten wurden die Rennen damals nicht unterbrochen. Meine erste Kindheitserinnerung eines solch schrecklichen Unfalls war im holländischen Zandvoort als der britische Fahrer Roger Williamson bei vollem Bewusstsein verbrannte. Das Rennen ging ohne Unterbrechung weiter (Originalkommentar von Niki Lauda auf die Frage warum er nicht stehen geblieben ist und geholfen hat: „Ich werde fürs fahren bezahlt, nicht fürs helfen.“ Einige Jahre später wurde er bekanntlich selbst aus dem Feuer gerettet.) Betroffene Gesichter nach dem Rennen, aber spätestens beim nächsten Rennen war die Siegesfeier ausgelassen als ob nie etwas geschehen wäre und von einem schlechten Gewissen schien auch niemand geplagt gewesen zu sein. Vielleicht sind Spitzensportler/innen besondere Egoisten und Egoistinnen, vielleicht hätten sie es nie soweit gebracht wenn sie nicht so auf sich selbst konzentriert wären.

  10. Konrad sagt:

    Wien schon an anderer Stelle erwähnt, bin ich nicht der Auffassung, dass die Natur die einzige Möglichkeit ist diesen Ausgleich zu finden. Selbs wenn sie – schon allein aus anderen praktischen Gründen heraus – wichtiger als viele andere mögliche Erholungsstrategien ist.
    Ich bin wenig in der Natur und viel vor dem PC. Das ist zweifellos physiologisch suboptimal, aber psychisch für mich deutlich erbaulicher als viel Zeit in der Natur. Das hat vielleicht mit unterschiedlichen Neigungen und Beschäftigungsfeldern zu tun. Wenn es kein Internet gäbe würde ich vermutlich – wie früher – mehr Bücher lesen. Eine Wanderung in der Natur ist für mich aber jedenfalls kein Ersatz für das Internet oder ein Buch.
    Andere Leute basteln oder kochen. Ich habe schlicht den Eindruck, dass die entspannendsten und aufbauendsten Aktivitäten für einzelne Personen so unterschiedlich wie die Individuen selbst sind.

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