Speziesismus: psychoanalytische Kulturtheorie und Sozialwissenschaft

Ich wundere mich oft über religiöse Personen, die ständig von übernatürlichen Ereignissen sprechen, die sie beeinflussen sollen, und nach denen sie sich in ihrem Handeln richten, ohne dass sie auch nur im Entferntesten etwas darüber wissen könnten. Natürlich ist allen selbst überlassen, was sie glauben wollen, aber dennoch bin ich immer wieder ehrlich überrascht, wie überzeugt jemand von etwas sein kann, ohne den geringsten Beleg dafür zu haben. Zunehmend muss ich nun sehen, dass sich diese Haltung nicht auf religiöse Menschen bzw. TheologInnen beschränkt. In einigen Bereichen der sogenannten Geistes“wissenschaften“, namentlich in den Kultur- und Sozial“wissenschaften“, ist man offenbar auch ohne weiteres zu Ähnlichem in der Lage.

Kürzlich fiel mir ein Skriptum der Vorlesung von Univ.-Prof. Evelin List, Professorin für Kulturgeschichte an der Uni Wien, mit Schwerpunkt psychoanalytische Kulturtheorie und Sozialwissenschaft, in die Hände. Darin steht z.B.: Zeit als allgemeinste Definition ist eine psychosoziale Dimension, die nur im menschlichen Denken besteht. Eigentlich gibt es sie nicht. Diesen Behauptungen sind keine Belege, ja nicht einmal Argumente angeschlossen. Offenbar soll das selbstevident sein. Es ist mir aber vollkommen unbegreiflich, wie man auf eine solche Idee kommen kann. Soll das bedeuten, bevor es Menschen gab, ist keine Zeit vergangen? Wie können Menschen dann je entstanden sein? Soll das heißen, wenn der letzte Mensch ausstirbt, vergeht die Zeit nicht mehr? Soll es keine physikalischen Prozesse geben, die zeitlich ablaufen? Wieso kann dann die Physik herausfinden, dass die Zeit nahe von Schwarzen Löchern oder auch auf der Erde langsamer vergeht, als im Weltall? Soll das eine menschlich-kulturelle Übereinkunft sein, dass wir altern, und wenn wir nur alle gemeinsam beschließen würden, die Zeit laufe ab jetzt rückwärts, dann würden wir jünger? Wie kann man nur so einen Unsinn behaupten – und das auch noch als „Wissenschaftlerin“ an einer Universität!?

Diese Denkschule ist allein schon deshalb so problematisch, weil sie den Menschen verabsolutiert, ähnlich wie typischer Weise die Religionen. Wenn das „menschliche Bewusstsein“ (was auch immer das sein soll) die physikalische Realität entweder überhaupt erschafft oder wenigstens verändert, dann kann man die Welt nicht mehr anders als anthropozentrisch sehen. Wie soll ein Hund einen ähnlichen moralischen Wert haben, wie ein Mensch, wenn „wir Menschen“ mit unserem offenbar irgendwie kollektiven Bewusstsein eine Realität schaffen, der Hund aber nicht, ja, der Hund sogar in „unserer Realität“ mit der von uns erfundenen Zeit zu leben hat?

Doch an dieser Stelle scheitert dieses Weltbild bereits. Wer oder was sind Menschen? Sind Menschen naturwissenschaftlich definiert, also jene Wesen mit bestimmtem Genom, wie man das heute üblicherweise sehen würde? Das setzt aber ein naturwissenschaftliches Weltbild voraus, das hier nicht gegeben ist. Der naturwissenschaftliche Menschbegriff meint jedenfalls ein Wesen, das in einer objektiv-physikalischen Zeit lebt, und nicht in einer von irgendwem imaginierten. Naturwissenschaftliche sind Menschen evolutionär entstanden und werden auch wieder vergehen. In der objektiv realen und menschenunabhängigen physikalischen Zeit, die dieses Weltbild voraussetzt. Woran erkenne ich denn, ob Schimpansen zu diesem Menschbegriff dazu gehören? Bestimmt deren Bewusstsein auch die Zeit (mit)? Wie kann ich denn mit Wesen zusammen angeblich eine Zeit kreieren, ohne mich auch nur im Entferntesten mit ihnen darüber abgesprochen zu haben? Was geschieht mit John Ssebunya, jenem biologischen Menschen, der aber in einer Affenhorde aufgewachsen ist und keine Menschen kannte? Welche Zeit vergeht für ihn und seine AffenkumpanInnen? Wie ist das mit EinsiedlerInnen?

List wird andernorts laut Skriptum deutlich, wie sie das Verhältnis des Menschen zu anderen Tieren sieht, er sei nämlich eine physiologische Frühgeburt. Das bedeutet, verglichen mit anderen Säugetieren müsste die Schwangerschaft bis zum Ende des ersten Lebensjahres reichen und der Mensch müsste voll funktionsfähig auf die Welt kommen. Genau dies ist nicht der Fall. Das hat damit zu tun, dass es eine entscheidende Veränderung in der menschlichen Überlebensform gegeben hat. Die Instinktsteuerung wurde ersetzt durch Symbolisierung.

Wieder werden, in diesem Fall sogar falsche naturwissenschaftliche Erkenntnisse bemüht, ohne die Basis für diese Erkenntnisse, nämlich das naturwissenschaftliche Weltbild, anzuerkennen. Aber was für ein Unsinn! Erstens gibt es sehr viele Säugetiere, die in einem viel früheren Entwicklungsstadium als die Menschen geboren werden, z.B. die Bären. Und zweitens ist die Behauptung, (nichtmenschliche) Tiere seien Instinktmaschinen, die nichts lernen müssen, um zu überleben, so völlig überholt, dass mich bei der Vorstellung schaudert, dass so etwas heute noch an der Uni unterrichtet wird. StudentInnen müssen in dieser Vorlesung eine Prüfung ablegen und dafür diesen Unsinn reproduzieren, um sie zu bestehen!

Eines ist klar: Wer eine solche Meinung über Menschen und andere Tiere hat, der/die kann unmöglich den eigenen Anthropozentrismus und Speziesismus ablegen. Bestenfalls könnte so jemand noch mit einer paternalistischen Mitleidsethik für pathozentrischen Tierschutz erwärmt werden, aber Grundrechte für Tiere sind ausgeschlossen. Tierbefreiung, im Sinne der Anerkennung ihrer Autonomie, ist dann denkunmöglich.

13 thoughts on “Speziesismus: psychoanalytische Kulturtheorie und Sozialwissenschaft

  1. Susanne Veronika says:

    @Robert Das ist eine bösartige Unterstellung. Ich habe geschrieben: „Da gibt es nicht wertvoll, oder wertlos, wichtig, oder unbrauchbar, sondern Ausgleich.“ Das bedeutet, alles ist gleichwertig. Der Mensch ist nicht wichtiger als andere Lebewesen, aber er verhält sich wie ein Krebsgeschwür. Er wuchert und tötet so alles andere ab, zum Schluss stirbt das Ganze.

  2. Robert says:

    @ Susanne

    “ … wir sind die Zellen eines Körpers und der Mensch ist ein Krebsgeschwür.“

    Damit haben Sie die anti-humane und psychologisch erklärbare Ideologie, der Sie in offenbar pseudo-religiöser Weise huldigen, schön auf den Punkt gebracht. Vielen Dank!

    Im Übrigen: Wenn es in diesem „ganzheitlichen Kosmos“ nichts gibt, das wertvoll ist (wie sie selbst sagen), dann wäre auch das Leiden der Tiere völlig irrelevant. Denn Leidfreiheit ist dann auch nicht wertvoll.

  3. Susanne Veronika says:

    Hab noch etwas vergessen. Man kann nicht davon ausgehen, dass alle Menschen nahezu gleich empfinden. Manche Menschen empfinden keinen Schmerz. Kommt auch vor. Merkt man aber an der Reaktion.

  4. Susanne Veronika says:

    Dass man Menschen nicht quälen soll ist auch ein Werturteil. Worin liegt also der Unterschied? Es gibt keinen beweisbaren Unterschied zwischen Menschen und Tieren, weil Menschen Tiere sind. Jede Spezies ist angepasst an seinen bestimmten Lebensraum und jede Spezies hat eine bestimmte Aufgabe zu erfüllen, jedes Lebewesen hat eine Funktion. Da gibt es nicht wertvoll, oder wertlos, wichtig, ider unbrauchbar, sondern Ausgleich. Wir alle zusammen bilden eigentlich einen Kosmos, der in sich geschlossen ist. So wie ein großer Körper. Man könnte sagen wir sind die Zellen eines Körpers und der Mensch ist ein Krebsgeschwür. Und dieses Krebsgeschwür diskutiert darüber wie wichtig, oder unwichtig andere Lebewesen sind. Traurig.

  5. Robert says:

    Martin Balluch kritisiert in diesem Artikel Überzeugungen von religiösen Menschen und Kulturwissenschaftlerinnen, die sich nicht wissenschaftlich belegen lassen. So weit, so gut.

    Ich behaupte aber (und habe gute Gründe dafür), dass sich viele Überzeugungen, die für Martin Balluch äußerst wichtig sind, nicht wissenschaftlich belegen lassen, z.B. dass man Tiere nicht quälen soll (denn das ist ein Werturteil). Auch wie es sich für ein Huhn anfühlt, Schmerz zu empfinden, ist auf Grund des Qualia-Problems für uns nicht „wissenschaftlich belegbar“. Aber was bedeutet dann Balluchs Forderung nach „wissenschaftlicher Belegbarkeit“?

    Der letzte Satz Ihres Kommentars ist natürlich ein Fehlschluss. Man kann bei Exemplaren der Gattung Mensch annehmen, dass sie auf Grund nahezu identischer Biologie sehr ähnlich empfinden. Bei anderen Lebewesen ist das schon wesentlich schwieriger. Dennoch bedeutet dies keinen Freibrief, mit Tieren willkürlich umzugehen. Aber im Grunde interpretieren wir immer nur äußeres Verhalten aus menschlicher Sicht (und können gar nicht anders).

  6. Susanne Veronika says:

    Bitte was ist „wissenschaftlich belegbar“? Ich weiß auch nicht was andere Menschen fühlen. Ob ihnen der Stein den ich ihnen an den Kopf werfe genauso weh tut wie mir, wenn er mir auf den Kopf fällt, beispielsweise. Das es ihnen genauso weh tut nehme ich an, weil sie schreien, weinen, jammern, oder bewusstlos umfallen, vielleicht sogar danach tot sind. Das Huhn schreit genauso wie ich, auch wenn es vielleicht etwas anders klingt, der Hund, die Katze, ebenso. Sie bluten, hinken wenn das Bein verletzt wurde, fallen in Ohnmacht und sterben an Verletzungen. Warum also sollten sie weniger leiden als ich? Vielleicht leiden sie sogar mehr als ich? Auch das wäre möglich. Die meisten Tiere haben ein Nervensystem und das reagiert auf Verletzungen. Das ist wissenschaftlich belegbar. Wenn sie z.B. jammern, weil ich ihnen die Beine breche um zu erforschen wie diese dann wieder gesund werden, oder auch nicht, kann ich auch annehmen, sie jammern nur aus Spaß, um mich zu verunsichern. Denn wissenschaftlich beweisen können sie ihre Schmerzen nicht. Ihrer Argumentation nach darf ich sie also quälen wenn mir danach ist, weil sie ja vielleicht gar nicht wirklich leiden können.

  7. Robert says:

    @ alle

    Tierleid ist auch ein nicht streng wissenschaftlich belegbares bzw. objektivierbares Phänomen. Wir können aus prinzipiellen Gründen nicht wissen, wie sich z.B. Schmerz für ein Huhn anfühlt. Denn die Innenperspektive von Tieren bleibt uns verschlossen. Vielfach „missbrauchen“ wir Tiere nur als Projektioonsflächen.

    Bitte etwas mehr intellektuelle Bescheidenheit!

    P.S.: Die Kritik am Antirealismus halte ich übrigens für berechtigt und wichtig.

  8. Hugo P says:

    Der Hund mit dem ich mein Leben teile hat mehr Zeitverständnis als ich, viel mehr. Er weiß auch ohne Uhr auf die Minute genau wie spät es ist und was wir als nächstes unternehmen sollten. Mein Hundefreund lebt jedoch ein wenig zu sehr in der Zukunft für meinen buddhistischen „hier-und-jetzt“ Geschmack. Er kann nicht aufhören sich auszumahlen, was wir als nächstes machen oder essen werden und ist mir immer ein Stück voraus. In der Vergangenheit kann er auch ganz schön verweilen. Vernachlässige ich unsere Freundschaft kann es Stunden bis Tage dauern bis er mir wieder ganz verziehen hat. Ich will nicht „katzenhaft“ sagen weil mir die Stereotypen aus Erfahrung nicht schmecken. Ich bin um einiges besser in Mathematik als er, aber wenn es um Zeit, Ort und Soziale- und Emotionale-Intelligenz geht ist mir der Kleine weit voraus und ich kann nur lernen.

    Wenigstens war es ein Kultur-Professor und kein Naturwissenschaftler der diesen Zeit Unfug von sich gab? Die Dame hat wohl „Uhren“ und nicht „Zeit“ gemeint? Viele trauriger finde ich es wenn ähnliches den Naturwissenschaften entspringt. Unlängst im Der Standard:

    „Hunde können sich sowohl von Artgenossen wie vom Menschen Dinge abschauen: Entstand diese Fähigkeit erst durch die Domestikation? Wolfsforscherinnen fanden die Antwort
    Wie Range und Virányi im Fachblatt „Frontiers in Psychology“ resümieren, haben Hunde und Wölfe sehr viel gemeinsam, wenn es um ihre kognitiven Fähigkeiten geht. In den Worten von Friederike Range: „Die Fähigkeit, von sozialen Partnern zu lernen, beschränkt sich nicht auf den Hund, sondern war bereits bei den Vorfahren, den Wölfen, vorhanden.“

    Und für so eine Studie wurde Geld ausgegeben? Oder besser gesagt, und für so eine Einsicht hat man eine Studie gebraucht? Werden jetzt alle soziale Spezies getestet um herauszufinden ob sie voneinander lernen können? Next up: „Können Tiere untereinander kommunizieren?“ Wissenschaftlern, wie allen anderen Menschen, fehlt es ein wenig an Empathy? Ich glaube nicht, dass sie per se dumm oder ausgrenzend sind. Wir sind aber alle kulturell verblödet und kulturell ein wenig psychopathisch unterwegs durch unsere Distanz zu echter Natur. „Der hat eine andere Hautfarbe als ich. Ich glaub nicht, dass er Zeit verstehen oder wirklich klug sein kann.“ Studie, bitte! Wie viele Gläubige, haben zu viele Wissenschaftler immer noch/mehr Schwierigkeiten die Philosophie der Evolution zu verstehen und die Zusammengehörigkeit, die sich dadurch entfaltet?

  9. gabi says:

    albert schweitzer war auch so ein mensch, der an, wie ihr es nennt, „unbelegbare phänomene“ glaubte… theologe, arzt und dazu noch ausgezeichneter musiker – vor allem aber tatkräftiger verfechter der würde alles lebens.

    bin voller hochachtung für den unermüdlichen einsatz für tiere von VGT, dankbar für die informationen, die ihr an die öffentlichkeit bringt und immer wieder erstaunt, welche demokratiedefizite ihr durch eure arbeit aufzeigt.

    aber den pseudowissenschaftlichen unfug, den sich eine frau list hier aus den fingern saugt (auch die anführungszeichen im wort geistes“wissenschaften“ kann ich nachvollziehen) – mit dem gleichzusetzen, was menschen glauben, ist, zumal sich glaube in einer dimension abspielt, die weder mit wissenschaftlichen methoden fassbar ist, noch auf „unbelegbaren phänomenen“ beruht – doch eher unpassend.

    augustinus oder pascal waren ja auch nicht gerade einfaltspinsel…

  10. Susanne Veronika says:

    Menschen haben schon viel Blödsinn geglaubt und was früher Wissenschaft war, kann heute durchaus Unsinn sein. Das ist keine Pseudowissenschaft, sondern antiquierte Wissenschaft. Menschen sind von Natur aus dumm.

    Menschen brauchen nicht voll funktionsfähig auf die Welt kommen, weil sie ihre Jungen tragen können, wenn ihnen der Löwe nachrennt. Es wäre auch technisch etwas schwierig so große Kinder zu gebären. 🙂

    Aber was Zeit ist verstehe ich auch nicht so ganz. Das verstehen wohl nur die Physiker. Zeit kann man nicht „messen“. Auch wenn die Uhr „Zeitmesser“ heißt, ist sie keiner. Es ist ein Gerät, welches die Bewegung der Sonne nachahmt. Weil sie in der oberen Hälfte der Erdkugel erfunden wurde, dreht sich der Zeiger auch nach rechts. Da diese Bewegung nicht exakt gleich ist, differieren Uhren dazu immer ein klein wenig. Es gibt auch eine kosmische Uhr die konstruiert wurde und es gibt einen Kalender. Alles das „misst“ gar nichts, sondern „zählt“ nur.

    Was wir Zeit nennen, ist nur die Bewegung der Gestirne, die wir addieren. Theoretisch müsste eine Uhr also immer dieselbe Bewegung ausführen, egal ob sie sich auf der Erde befindet, oder in der Nähe eines schwarzen Lochs. Nimmt man eine Sanduhr, rinnt der Sand auch mit derselben Geschwindigkeit überall, es sei denn die Schwerkraft verändert sich.

    Also Frage an die Physiker: Was ist Zeit? Oder wie Balluch formuliert: „Wieso kann dann die Physik herausfinden, dass die Zeit nahe von Schwarzen Löchern oder auch auf der Erde langsamer vergeht, als im Weltall?“

    Ich verstehe es nicht wirklich. 🙂

  11. Eine Studentin says:

    Ich kann ähnliche Punkte berichten aus einer philosophischen Anthropologie Vorlesung
    Beispielsweise der Mensch als Frühgeburt wurde ähnlich thematisiert. Nach Adolf Portmann und Jakob v. Üexküll wird der Mensch als „normalisierte Frühgeburt“ gesehen. Versucht wird, den Menschen „nicht bloß als biologisches Wesen“ zu thematisieren, sondern der Mensch als Ganzes soll betrachtet werden.
    Man kommt zum Schluss: Daher der Mensch den größeren Teil seiner Entwicklung außerhalb des Mutterleibes verbringt, hat der Mensch größere Entwicklungschancen. Deutlich gemacht werden soll, dass die Zielrichtung des Menschen zu einer spezifisch menschlichen Daseins- und Verhaltensweise hinführt. Der Mensch als homo educandus – braucht Begleitung und Erziehung, er erweist sich als lernfähig.
    Durch seine „Frühgeburt“ ist der Mensch der Gruppe der Tiere entwachsen.
    In derselben Vorlesung wurde das „zurücknehmen des Menschen in die Natur (Artgesetzlichkeit)“ mit „der konsequenten Rückführung des Menschen ins Tierreich durch den Nationalsozialismus verglichen.
    Dies in Bezug auf die „5 Stufen des Lebendigen“, nach Max Scheler (Die Stellung des Menschen im Kosmos, 1928). Die fünfte Stufe, die den Menschen als ein Geistwesen charakterisiert und ihn somit von allen anderen vier Stufen (Gefühlsdrang, Instinkt, assoziatives Gedächtnis, organisch, gebundene, praktische Intelligenz) abhebt. Zwischen Mensch und Tier besteht ein qualitativer Unterschied. Punkt.
    Eine ähnliche Sicht auf die Zeit wurde ebenfalls deutlich. Zeitlichkeit kommt hier als Geschichtlichkeit nur den Menschen zu, weil dieser um seinen Tod weiß. Tiere haben keine Geschichtlichkeit, diese leben aus deren „Mitte“ heraus. Das Tier ist sich seines Umraum nicht bewusst. Hier wurde Bezug genommen auf Helmuth Plessner (Die Stufen des Organischen und der Mensch, 1928) er beschreibt den Menschen als exzentrisches Wesen, Tiere sind im Gegensatz dazu zentrische Wesen. Das Tier ist zentrisch organisiert, hat aber davon kein Bewusstsein. Dazu wird Nitsche zitiert: „Das Tier lebt angebunden an den Pflock des Augenblicks“.

    Außerdem wird betont, dass nur der Mensch handelt, weil handeln eine Reflexion voraussetzt, welche das Tier nicht hat. Blickt man zurück zu den Stufen nach Scheler, ist die höchste Stufe, die ein Tier erreichen kann die vierte Stufe, hier sind Tiere in der Lage eine Mittelwahl zu treffen, allerdings wird diese Mittelwahl nicht als Handlung gesehen, weil sie triebgebunden ist.

    Ja, ich könnte noch weiter referieren über meine Erfahrungen mit philosophischen Anthropologie-Lehrveranstaltungen.
    Zu guter Letzt, ein beliebtes Knock-out Argument: Der Mensch hat große Ähnlichkeit mit dem Göttlichen, also kann er so oder so nicht ins Tierreich „zurückgestuft“ werden.

    lg,
    eine Studentin

  12. Ursula P. says:

    Ich schließe mich Ihrem Skeptizismus gegenüber jenen, die an unbelegbare Phänomene glauben, an. Sie sprechen in ihren „Predigten“ darüber, dass der Mensch von höheren Mächten einen besonderen Status verliehen bekommen hätte und die Überlegung „vom Affen abzustammen“ somit gar nicht nötig hätte. Das Weltbild, das daraus hervor geht, ist streng hierarchisch und kann in einer modernen Demokratie nicht ernst genommen werden.

    Ebenso schlimm, wenn man so will, ist Pseudowissenschaft, deren „Erkenntnisse“ oftmals über Medien großflächig verbreitet werden, und dessen Märchen dann als Allgemeinwissen kursieren. Ein Beispiel wäre die Behauptung, dass Männer vom Mars und Frauen von der Venus stammen. Ein weiteres: Im 18. Jahrhundert wurde behauptet, Afro-Amerikanische Sklaven hätten durchschnittlich kleinere Hirne als Kaukasier. Oder: Am Ende des 19. Jahrhunderts wurde behauptet, der Uterus von Frauen, die sich geistiger Tätigkeiten, wie einem Studium widmen, würde schrumpfen. Alle diese pseudowissenschaftlichen Behauptungen waren/sind ebenso schlimm und schädlich wie religiös inspirierte Märchen von der gottgewollten Herrschaft des Menschen über alles Nicht-menschliche.

    Es ist eben solche Pseudowissenschaft, die behauptet, nicht-menschliche Tiere würden keinen Schmerz empfinden, oder aufgrund „mangelnder Intelligenz“ (mit völlig lächerlichen Maßstäben oder aber überhaupt nicht gemessen) dazu prädestiniert sein, von Menschen „genützt“ zu werden.

    Es ist eine traurige Tatsache, dass für speziesistisches Gedankengut in vielen akademischen Disziplinen ein großflächiger „blinder Fleck“ vorhanden ist. Meine Hoffnung sind daher Kulturwissenschaften, die sich der Dekonstruktion von Hierarchien in der Gesellschaft widmen. Gemeinsam mit engagierten AktivistInnen und Verbündeten in hohen Rängen sind institutionalisierter Rassismus und Sexismus bekämpft worden und ich hoffe, dass es der allgemeinen (ignoranten?) Akzeptanz des Speziesismus in Wissenschaft und Gesellschaft gleich ergehen wird.

    Es muss endlich aufhören, dass Unterschiede zwischen menschlichen und nicht-menschlichen Tieren betont, anstatt Gemeinsamkeiten gesehen werden. Inder Linguistik, zum Beispiel, gibt es viele, die behaupten, nur der Mensch wäre zum Spracherwerb fähig, auch noch nachdem Kanzi, Koko und andere Primaten Unglaubliches geleistet haben. Im Bereich der Emotionen, zum Beispiel, meinte bereits Darwin, menschliche und nicht-menschliche Empfindungen unterscheiden sich höchstens in Graden, nicht aber an und für sich.

    Die Behauptung, Tiere seien „Instinktmaschinen“ und wilde Kreaturen, deren Leben lediglich aus „fressen und gefressen werden“ bestehe, finde ich empörend. Umso mehr habe ich mich über Jonathan Balcombe’s Buch „Second Nature: The Inner Lives of Animals“ gefreut. Er beklagt, dass viel über nicht-menschliche Tiere gesagt und geglaubt wird, dass bisher nicht einmal ansatzweise ernsthaft zu erforschen versucht wurde. Er schreibt über Studien, die zeigen, dass unterschiedliche nicht-menschliche Tiere nicht nur von Instinkten getrieben handeln und fressen und gefressen werden, sondern selbstverständlich auch ihr Leben, ihre Umwelt und ihre sozialen Kontakte genießen. Ihr Leben ist von gleicher Bedeutung wie das jedes einzelnen Menschen und es ist ihnen selbst natürlich genau so lieb und teuer. Daraus sollte logisch folgen, dass auch ihr Recht darauf anerkannt wird.

    Das ist für viele Menschen, die sich überhaupt mit dieser Thematik auseinandersetzen, sehr schwer. Von der großen Masse jener, die keinen Gedanken an ihr verkorkstes Weltbild verschwenden und das Leid, dass sie damit verursachen, reden wir gar nicht erst. Wohl auch nicht von jenen, die sich mit der Ausbeutung von Tieren in Tierfabriken bewusst bereichern.

    Es ist sowohl blatante Ignoranz, die einen riesigen Anteil unermesslichen Tierleids verschuldet, wie auch bewusst gesteuerte Weltbilder und pseudowissenschaftliche „Fakten“, die die Unterlegenheit nicht-menschlicher Tiere perpetuieren, und ermöglichen, dass sich menschliche auf Kosten nicht-menschlicher Tiere bereichern können.

    Ich bewundere Ihre Arbeit und die Hingabe, mit der Sie sich dem Kampf gegen Ignoranz und Bosheit verschrieben haben!

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