Supplementierung der Nahrung

P1000416Eine natürliche und gesunde Ernährung zeige sich, so die weitverbreitete Meinung, dadurch, dass man nichts zu supplementieren brauche, d.h. die Nahrung brauche keine Ergänzung aufgrund fehlender Nährstoffe. Doch so einfach scheint die Sachlage nicht. In der Steiermark gab es über Jahrhunderte vermutlich durch die eiszeitliche Auswaschung so jodarme Böden, dass weder die angebauten Pflanzen noch das Trinkwasser relevante Mengen enthielten. Die Folge war die Bildung von einem Kropf bei über 50% der Bevölkerung. Dem wird seit den 1960er Jahren durch Supplementierung von Salz mit Jod begegnet. Erfolgreich, wie man konstatieren muss, der Kropf ist heute dort eine Seltenheit.

Doch i.A. wird schon stimmen, dass jene Ernährung, auf die sich unser Verdauungssystem im Lauf der Evolution eingestellt hat, unseren Körper vollständig versorgen wird. Beim Veganismus wird dennoch empfohlen, mit Vitamin B12 zu supplementieren. Das deshalb, weil dieses Vitamin durch Bakterien hergestellt wird, die wir aber in unserer hygienisch sauberen Zugangsweise zur Nahrung zusammen mit den Krankheitskeimen wegwaschen. Wir haben die Wahl: sauberes veganes Essen mit wenig Vitamin B12, oder unsauberes Essen mit viel Vitamin B12, aber eben auch u.U. schädlichen Bakterien. Für manche omnivoren Personen ist das dennoch ein Argument, warum sie nicht vegan leben wollen. Vitamin B12 gebe es ja ausreichend in tierlichen Nahrungsmitteln und diese seien deshalb offensichtlich natürlicher.

Oder doch nicht. Kürzlich hatte ich wieder einmal Gelegenheit mit ExpertInnen über die Ernährung der sogenannten Nutztiere in den Tierfabriken zu sprechen. Daran ist überhaupt nichts natürlich. Es beginnt schon damit, dass diese Tiere hauptsächlich synthetisches Eiweiß erhalten, weil sie sonst aufgrund des begrenzten Aufnahmevolumens ihres Magens nicht „genug“ hinsichtlich des von ihnen geforderten Umsatzes an Eiweiß aufnehmen könnten. Z.B. müssen Legehühner ja derart viele Eier produzieren, dass sie nicht genügend natürliche Nahrung essen könnten, um den Nährstoffverlust wett zu machen. Ähnliches gilt für die Milchkühe, deren „Kraftfutter“ für sie besonders ungesund ist, weil ihr Verdauungssystem auf das Wiederkäuen vieler pflanzlicher Ballaststoffe ausgerichtet ist, weshalb die Tiere völlig überlastet sind und nicht lange leben.

Zusätzlich wird die Nahrung mit Öl versetzt, um eine hohe Energiedichte zu erreichen. So wird noch mehr pflanzliche Stärke eingespart und durch weiteres Eiweiß ersetzt. Aber auch alle Mineralien setzt man der Tiernahrung künstlich zu. Das meiste davon wird wieder ausgeschieden und als Gülle auf die Böden verteilt. Dort wächst dann wieder neue Tiernahrung heran, die dann z.B. ein Zuviel an Phosphat enthält, das aber in den Pflanzen so gebunden ist, dass es von den Tieren nicht ausreichend aufgeschlossen werden kann und einfach wieder in die Gülle wandert – zusätzlich angereichert mit den supplementierten Phosphaten in der Nahrung. In diesem Teufelskreis steigt der Phosphatgehalt des Bodens bis zum Kollaps immer weiter an, eines der großen Probleme der Intensivlandwirtschaft.

Doch auch Vitamine werden im großen Stil in der Ernährung der sogenannten Nutztiere supplementiert, darunter auch Vitamin B12. Sage und schreibe 90% des künstlich mittels Bakterienkulturen hergestellten Vitamins wandert in die Nahrung von Nutztieren in Tierfabriken (http://en.wikipedia.org/wiki/Vitamin_B12#Synthesis_and_industrial_production)!

Es dürfte also ein schwaches Argument sein, zu sagen, vegan zu leben sei unnatürlich, weil in unserer hygienisch sauberen Gesellschaft Vitamin B12 supplementiert werde. De facto wird B12 hauptsächlich in der Tiernahrung supplementiert, um dann über das Fleisch dieser Tiere von Omnivoren gegessen zu werden, die also in noch größerem Umfang supplementierte Nahrung aufnehmen. Supplementiert nämlich mit synthetischem Eiweiß, Ölen, zahlreichen Mineralien und Vitaminen. Und mit einem Schuss Antibiotika. Wie natürlich und gesund!

14 thoughts on “Supplementierung der Nahrung

  1. pia selina says:

    danke dir herzlichst für diesen Artikel, Martin 🙂

    eine Frage bleibt:
    ich als vegan lebender Mensch argumentiere gerne mit der Zahl der 90% der b12 Supplemente, die zunächst den Tieren zugeführt werden. Allerdings kommt dann schnell die Frage meines Gegenübers: Ist das denn auch bei Demeter- und Biobetrieben der Fall?

    ich antwortete, dass ich vermute, dass es so ist, würde argumentativ diesbezüglich abr gerne Klarheit haben. Weißt du da mehr zu?

    danke Dir auf jeden Fall herzlichst für dein Wirken 🙂

  2. Hugo P says:

    Fleischesser Achtung:

    B12 Deficiency May Be More Widespread Than Thought
    http://www.ars.usda.gov/is/pr/2000/000802.htm

    Sogar die USDA, die Mutter der Tierfabriken und des Fleischkonsums, konnte sich nicht leisten zu verbergen, dass alle Ernährungsarten B12 gefährdet sind! Rein statistisch gesehen sind Schwangere, die sich vegan ernähren aber über angereichertes Müsli, Mandel-, Soy- oder Reismilch B12 ausgleichen, geschützter als ein durchschnittlicher Fleischesser.

  3. Martin Balluch says:

    @Daniel: siehe Fussnote 52

  4. Manuela Pinza says:

    Danke für den spannenden Artikel. Ich finde aber auch unter Fussnote 25 bzw. dem darin enthaltenen link zum englischen Text keine Stelle, wo von den 90% geschrieben wird. Kann mir jemand weiterhelfen? Es wäre schön, so ein Argument schriftlich zu haben.
    Lebe schon seit vielen vielen Jahren vegan und bin gesund.

  5. Manuela Pinza says:

    Sorry, ich habe mich da anscheinend vertippt: ich meine natürlich Fussnote 52!

  6. Daniel says:

    interessanter Beitrag Martin, danke!
    „90% des künstlich mittels Bakterienkulturen hergestellten Vitamins wandert in die Nahrung von Nutztieren in Tierfabriken“

    woher nimmst du die Zahl 90%? die ist in dem Wikipedia Link nicht enthalten (oder ich sehe sie nicht)

  7. Wir essen nicht nur Salz. Wir essen Jod auch in Nahrungsmitteln mit und da spielt vor allem die Milch eine große Rolle:

    „Allerdings sind bei voller Ausreizung des aktuellen Grenzwerts (5 mg/kg) und ausschließlicher Kraftfutterfütterung immer noch Dosen von 400–1200 µg/l in Kuhmilch möglich,[19] was bei einer Aufnahme von täglich einen Liter Kuhmilch einem Vielfachen der empfohlenen Tagesdosis entspricht.“ http://de.wikipedia.org/wiki/Jodmangel

    Das hat also durchaus mit der derzeitigen „Nutztierhaltung“ zu tun, also mit Tierfabriken.

    Du schreibst, seit 1963 wurde damit begonnen Jod zuzusetzen. Wikipedia schreibt weiter:

    „Daten aus den Ländern mit gesetzlich verpflichtender Salzjodierung wie Österreich zeigten, dass es während der ersten Jahre nach der Einführung bei höherer Jodierung zu einer Verstärkung von Autoimmunerkrankungen der Schilddrüse (zum Beispiel Morbus Basedow) kommen kann.[15][16] Eine optimale Prophylaxe sollte deshalb bedarfsgerecht, d.h. unter Vermeidung eines Überangebots, erfolgen und sorgfältig epidemiologisch überwacht werden. Patienten mit solchen Erkrankungen sollten frühzeitig identifiziert und behandelt werden.“

    Laut einer offiziellen Statistik steigen derzeit die Krebsfälle der Schilddrüse rasant an und zwar bei älteren Personen. 80% davon sind Frauen. Seit 50 Jahren wird zugesetzt, diese Personen haben also seit ihrer Jugend, bzw. Kindheit vermehrt Jod bekommen. Tschernobyl kann man als verursacher eher ausschloießen, denn sonst müssten die Fälle von Männern und Frauen, aber vor allem die bei Kinder genauso stark ansteigen. Um es nur auf Hormone zu schieben, sind die 20% bei den Männern eher zu viel und es geht um eine spezielle Altersgruppe. Früher htten die Frauen auch dieselben Hormone. Warum sollten sie deshalb jetzt anders reagieren? Was, wenn es doch das Jod ist? Spricht alles dafür.

    Mit Menschen die Jod nicht vertragen, meinte ich Menschen, die kein Jod zu sich nehmen sollen. Das nennt man Jodunverträglichkeit, habe ich gelesen.

    http://www.derwesten.de/wr/staedte/nachrichten-aus-plettenberg-und-herscheid/diagnose-jodunvertraeglichkeit-id1606324.html

  8. Werner Furlan says:

    @Susanne Veronika: das klingt so als ob sich Nutzen und Schaden aufheben würden. Das ist nicht richtig. Zu viel Jod kann schaden das ist richtig. Durch die Jodierung von Speisesalz wird aber nicht zu viel Jod zugeführt. Ich sehe Jodüberschuss bei gewissen Medikamenten und bei Röntgenkontrastmitteln. Was meinst Du konkret mit „es gibt Menschen die Jod nicht vertragen“? Gegen das Spurenelement Jod in der Nahrung gibt es keine Unverträglichkeit, nicht zu verwechseln mit Jodallergien.

  9. @Werner Furlan Die Jodierung von Speisesalz ist ein zweischneidiges Schwert. Manchen hilft es, anderen schadet es. Es gibt auch Menschen die Jod nicht vertragen. Zu viel Jod kann auch schaden.

  10. Anne says:

    Jetzt versteh ich’s. Thx! 🙂

  11. Martin Balluch says:

    @Anne:
    Mir ist klar dass Öl kein Eiweiß enthält. Aber ich habe das auch nicht gesagt. Der Satz, der möglicherweise diesbezüglich verwirrend klang, stammte aus dem Mund eines meiner Gesprächspartner, die von der Ernährungszusammenstellung der Nutztiere wissen, und sollte ausdrücken, dass durch viel Öl in der Nahrung Volumen eingespart wird, weshalb noch mehr synthetisches Eiweiß zugesetzt werden kann.

  12. Anne says:

    Spannend! Und ein weiteres Argument gegen den Veganismus entkräftet. Danke dir!
    Öl enthält aber kein Eiweiß, da hast du dich vertan. 🙂

    Liebe Grüße!

  13. Werner Furlan says:

    Die Jodierung von Speisesalz in Österreich wurde 1963 begonnen, damals mit 10 mg.Kaliumjodid / kg Salz, was sich als unzureichend erwies, worauf 1990 die Jodierung auf 20mg / kg erhöht wurde. Dies sollte bei einer nicht salzarmen Ernährung ausreichen, in der Schwangerschaft und Stillzeit wird ein täglicher Zusatz von ca. 150 µg Jodid empfohlen. (ist in einigen Vitaminpräparaten für Schwangere auch enthalten)
    Es kursieren im Internet zahlreiche Horrorgeschichten über die Schädlichkeit dieser Maßnahmen, der Nutzen ist aber offensichtlich und gut belegt.
    Eine gute Übersicht: Thyroid. 2002 Oct;12(10):903-7.
    Iodine supplementation in Austria: methods and results.
    Lind P, Kumnig G, Heinisch M, Igerc I, Mikosch P, Gallowitsch HJ, Kresnik E, Gomez I, Unterweger O, Aigner H.
    Department of Nuclear Medicine and Endocrinology, PET Center Klagenfurt, LKH Klagenfurt, Austria. peter.lind@lkh-klu.at

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