Tierrechte

Tom Regan, Pionier der Tierrechtsphilosophie, ist gestorben

Die Tierrechtsbewegung kommt in die Jahre. Einer ihrer großen Mitbegründer, Tom Regan, Universitätsprofessor für Philosophie an der North Carolina State Universität in den USA, starb in den frühen Morgenstunden des 17. Februar 2017 im Alter von 78 Jahren. Sein Studium finanzierte er sich noch als Fleischhauer, doch die Lektüre von Mahatma Gandhis Schriften und seine große Trauer über einen geliebten Hundefreund, der verstorben ist, ließen ihn umdenken. Wenn er gegen unnötige Gewalt ist, so sprach Gandhi zu ihm aus dem Buch „My Experiment with Truth“, was macht dann der tote Körper auf seinem Teller? Tom Regan wurde Vegetarier.

Als er in den frühen 1970er Jahren an der Uni Oxford als Gastprofessor tätig war, traf er auf Peter Singer und die dort aktive Gruppe von PhilosophInnen, die gerade die moderne Tierbefreiungsphilosophie entwickelte. Daraus entstand 1976 zunächst eine Anthologie und danach 1983 sein großes Standardwerk „The Case for Animal Rights“, eine Gegenthese zu Peter Singers Utilitarismus analog zur Menschenrechtsdoktrin. Tom Regan war damit der erste Denker, der Tierrechte auf akademischem Niveau ausformulierte und forderte.

Es war 1987, als ich dieses Buch erstmals in den Händen hielt und begeistert verschlang. Damals studierte ich gerade Astrophysik an der Uni Heidelberg und gestaltete als Doktorand die sogenannte Alternative Sommer- und Herbstuni mit, eine Serie von Vorträgen und Seminaren im Uni-Gelände, von Studierenden in den Uniferien organisiert. Mein Beitrag war ein Seminar über Tom Regans Buch, das wir gemeinsam lasen und zu dem wir Zugänge aus verschiedenen Blickwinkeln präsentierten.

Im Jahr 2001 traf ich Tom Regan erstmals persönlich auf der großen Tierrechtskonferenz in Washington DC in den USA. Sein Vortragsstil war sehr inspirierend, im Gegensatz zu den oft emotionslosen Vorlesungen, wie sie an der Philosophie üblich sind. Zuletzt nahm er sogar eine Gitarre zur Hand und sang tierrechtlerische Widerstandslieder. Kurz davor war er Teil einer Besetzung eines Uni-Labors wegen der dortigen Tierversuche gewesen, mit etwa 100 TeilnehmerInnen. Über 24 Stunden hatten sie die Stellung gehalten.

Diese Erfahrung in den USA importierte ich nach Österreich und wir begannen mit unseren großen Tierrechtskongressen hierzulande. Einer unserer ersten Vortragsgäste: Tom Regan. Besonders ist mir in Erinnerung, dass er auf die Frage, wo er die Grenze ziehe zwischen jenen Wesen, die als „Subjekte eines Lebens“ durch Tierrechte geschützt sind, und jenen, für die das nicht gilt, antwortete, wo man auch immer diese Grenze ziehe, sie müsse mit Beistift gezogen werden, sodass man sie jederzeit ausradieren und korrigieren könne.

Zweimal war er in Österreich zu Besuch, soweit ich mich erinnern kann. Die Erfolge unserer Tierschutzkampagnen hatten sich da schon bis zu ihm durchgesprochen. So brachte er mir sein Buch „Defending Animal Rights“ mit einer eigenen Widmung für mich mit. Ich halte es bis heute in Ehren, obwohl ich das Buch zu dem Zeitpunkt bereits längst gekauft und gelesen hatte.

Als wir 2008 von einer SOKO-Tierschutz überfallen und in Untersuchungshaft gesperrt wurden, war Tom Regan entsetzt. Fern aus den USA schickte er von sich aus ein Schreiben an den Bundeskanzler und den Bundespräsidenten von Österreich und forderte, dass wir umgehend freigelassen werden müssen. Der Text lässt etwas von seinem unnachahmlichen Vortragsstil anklingen:

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Er war zweifellos ein Mensch mit viel Herz und Hirn, ein wichtiger Motor für die Bewegung für Tiere weltweit. Er war voller Emotion, wenn es um Tierleid ging, und gleichzeitig sachlich und rational in seinen Argumenten. Er war einer jener wenigen Philosophen, die nicht nur im Elfenbeinturm theoretisieren, sondern sich auch praktisch engagieren. Im Jahr 2002 verfasste er eine Liste der 11 wichtigsten nächsten Ziele in der Tierschutzarbeit:

– Wildtierverbot im Zirkus
– Verbot von Delphinarien
– Verbot der Gatterjagd
– Verbot von Hunderennen
– Verbot von Pelzfarmen
– Ende der Seehundmassaker
– Ende der verpflichtenden Dissektion in Schulklassen
– Verbot von Tierversuchen an Hunden
– Verbot von Toxizitätstests an Tieren
– Ende der Tötung von Streunerhunden
– Ende des Verkaufs von Streunerhunden und -katzen an Tierversuchslabors

Mit einigem Stolz kann ich sagen, dass wir nach vielen Jahrzehnten mühevoller Kampagnenarbeit in Österreich die meisten dieser Forderungen tatsächlich erreicht haben. Nur bei Tierversuchen haben wir bisher versagt, da herrschen noch immer Willkür und Narrenfreiheit für die Tierversuchsindustrie. Visionär von Regan, solche kleinen Schritte vorzuschlagen, und damit zu unterstreichen, dass unser Weg zu Tierrechten über pragmatische Reformen geht. Ich sehe das auch so.

Als Vermächtnis bleiben uns seine inspirierenden Auftritte, seine praktischen Ideen zum Schutz von Tieren, seine detailliert und äußerst differenziert ausgearbeitete Philosophie von Tierrechten analog zu Menschenrechten und seine zahlreichen Schriften, die es immer wert sind, erneut gelesen zu werden. „Make no mistake“, hatte er eindringlich gesagt, „by supporting the animal rights movement, you are supporting the most important social cause for humanity today“. Ich hoffe ihn haben die 41 Jahre Entwicklung der Tierrechtsbewegung seit seinem ersten Buch mit einigem Stolz erfüllt, wenn er vor seinem Tod darauf zurückgeblickt hat.

Tierethik: Antwort an Univ.-Prof. Ludwig Huber

Am 25. November 2014 fand im WUK in Wien eine Podiumsdiskussion über die Kernthesen meines neuen Buches „Der Hund und sein Philosoph“ statt. Huber kritisierte, dass ich lediglich Anekdoten von Erlebnissen mit meinem Hund wiedergegeben hätte, die aufgrund der geringen Statistik und mangelnden Überprüfbarkeit nicht überzeugend wären. Insbesondere würden manche davon naturwissenschaftlichen Erkenntnissen widersprechen, wie z.B. dass Hunde kein schlechtes Gewissen haben könnten und es nicht möglich sei, mit ihnen Fluchtpläne abzusprechen, wie in meinem Fall, als wir eine Herde von Kühen gemeinsam austricksten, um zu entkommen. Nach Huber sei die Kluft zwischen Mensch und Tier nicht, wie von mir behauptet, sozial konstruiert, sondern biologisch real.
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Tierethik: Antwort an Univ.-Prof. Konrad Paul Liessmann

Am 25. November 2014 fand im WUK in Wien eine Podiumsdiskussion über die Kernthesen meines neuen Buches „Der Hund und sein Philosoph“ statt. Liessmann erinnerten dabei die Geschichten von meinem Hund Kuksi und unsere Wildnisabenteuer an Karl May oder Jack London. Wie diese wären sie zwar unterhaltsam, aber lediglich romantisierend und anthropomorph entstellt. Eine Spielform menschlicher Kultur eben. Statt also den faktischen Gehalt, und damit die große Ähnlichkeit zwischen mir und meinem Hund, ernst zu nehmen, sah Liessmann in meinen Ausführungen erst wieder nur eine menschlich-anthropozentrische Sichtweise, vermutlich psychologisch erklärbar, wenn man nur die Geschichte meiner Sozialisation kennen würde. Dass die Höhepunkte menschlicher Kultur, wie z.B. Opernarien und Atombomben, praktisch keine Gemeinsamkeit mit den Ausdrucksformen bloßer Tiere hätten, sei offensichtlich. So habe ich Liessmann jedenfalls verstanden.
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Der Tierrechtskongress Wien 2014 steht vor der Tür!

Im Jahr 2002 haben wir erstmals in Österreich einen Tierrechtskongress organisiert. Damals orientierten wir uns mit dem gesamten Format am Vorbild USA. 2 Jahre später hielten wir den zweiten Kongress in Wien ab und fragten uns, ob er nicht internationaler werden sollte. Deshalb wurde 2006, bei unserem dritten Kongress, die Vortragssprache Englisch gewählt, es kamen 150 Personen aus Ost- und Südeuropa, wohin wir unsere Einladungen orientiert hatten. Der Kongress 2008 sollte wieder auf Deutsch stattfinden, doch die Polizeiüberfälle und die U-Haft schienen uns einen Strich durch die Rechnung zu machen. In diesem Jahr war im Sommer auch ein internationales Aktivismuscamp in Österreich geplant. Letzteres fiel zwar aus, doch der 4. Österreichische Tierrechtskongress ging dennoch über die Bühne. Die anschließende Repression und der große Tierschutzprozess brachten unsere Zeitplanung durcheinander, sodass wir von einem 2- zu einem 3-Jahresrythmus wechseln mussten.
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„Der Hund und sein Philosoph“ – mein neues Buch ist im Buchhandel

Ausgangspunkt ist die enge Beziehung zu meinen Freunden Kuksi und Hials, einem Hund und einem Schimpansen. Kuksi nahm ich aus dem Tierparadies Schabenreith bei mir auf, nachdem ich aus der U-Haft entlassen worden war. Für uns beide begann ein neues Leben. Trotz aller Hindernisse, die uns eine Gesellschaft in den Weg legt, die Tiere als Sachen betrachtet, haben wir eine egalitäre Beziehung. Wir haben uns gemeinsam Regeln des Zusammenlebens erarbeitet, an die wir uns beide halten. Dabei beherrscht Kuksi bewusst manchmal seine Affekte, weil ihm andere Dinge, wie die Qualität unserer Beziehung, wichtiger ist. Und das ganz ohne Dominanz, Druck oder Angst, und ohne Leckerli und andressierte Befehle.
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Vortragszyklus Tierrechte in Wien

Am 20. September 2014, also in gerade einmal 2 Wochen, wird mein neues Buch erscheinen. Anlässlich desssen und des Umstands, dass mein letztes Tierrechtsbuch schon fast 10 Jahre zurückliegt, möchte ich wieder, wie schon 2005 einmal, einen Vortragszyklus von 10 Teilen über die wesentlichen Aspekte dieses „naturwissenschaftlichen Arguments für Tierrechte“ anbieten. Alle sind herzlich willkommen, Eintritt natürlich kostenlos.

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Ein feministisches Argument gegen den ethischen Vegetarismus

Es gibt tatsächlich viele Stimmen mit feministischem Hintergrund, die sich für Veganismus aussprechen – wenn auch Tierrechte oft als patriarchales Konzept dabei abgelehnt werden. Aber es gibt auch feministische Argumente gegen Veganismus, die strukturell ähnlich sind, was in meinen Augen die Beliebigkeit sozialwissenschaftlicher Schlussfolgerungen widerspiegelt. Ein Beispiel dafür ist Kathryn Paxton George, die in zahlreichen Publikationen den ethischen Vegetarismus quasi als patriarchale Unterdrückungsstrategie gegen Frauen darstellt. Im Wesentlichen sagt sie, dass gesund vegan zu leben eigentlich nur für Männer im Alter zwischen 20 und 50 Jahren möglich ist und durch Verbreitung der Forderung, vegan zu leben, werden Frauen, deren Körper das nicht vertragen würden, physisch geschwächt und leichter unterdrückbar gemacht. Wenn man nur genügend lange dreht und symbolisiert ist scheinbar jedes gesellschaftliche Phänomen als patriarchales Konzept zur Unterdrückung der Frauen interpretierbar.
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Ist der Mensch-Tier Vergleich extremistisch?

Bei der Podiumsdiskussion in Graz zum Vegetarismus, siehe http://www.vgt.at/presse/news/2014/news20140414es_2.php, hörte ich aus der letzten Reihe zu. Ein Fleischer erzählte davon, dass er seine Tiere respektiere und nur zwei Rinder pro Tag schlachte. Darauf antwortete Univ.-Prof. Kurt Remele, dass dieselbe Rede in Bezug auf Menschen als sehr widersprüchlich empfunden würde. Man könne niemals Menschen respektieren und sie dann „human“ töten und das als ethisch akzeptabel einstufen. Darauf griffen zwei pro-vegetarische Ärzte in die Diskussion ein und meinten, dass es purer Extremismus sei, Menschen mit Tieren zu vergleichen. Das wäre offenbar völlig absurd.
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Tierschutz im Österreich des 19. Jahrhunderts am Beispiel Peter Roseggers

Peter Rosegger ist der vermutlich bekannteste Schriftsteller der Steiermark. 1843 als Kind einer Bergbauernfamilie in den Fischbacher Alpen geboren, gelingt es ihm in zahlreichen Erzählungen und Romanen über seine Zeit als Waldbauernbub und über Charaktere aus diesem Milieu die kleinbäuerliche Welt aus der Mitte des 19. Jahrhunderts vor unserem geistigen Auge heute zu erhalten. Mit wenig mehr als 30 Jahren aus der obersteirischen Wildnis in Graz angekommen, schloss er sich dem dortigen Fin de siecle an und gab im Rahmen seiner Zeitschrift „Heimgarten“ auch „des Heimgärtners Tagebuch“, einen Blog des 19. Jahrhunderts, heraus. Insbesondere dort äußert er sich auch über Tierschutz und Vegetarismus und skizziert damit die Gedankenwelt der Frühphase dieser sozialen Bewegung in Österreich. Reinhard Farkas hat in seinem Buch „Rosegger für uns“, im Leopold Stocker Verlag Graz 2013 erschienen, dankenswerter Weise viele der Schriften des Heimgarten wieder der Öffentlichkeit zugänglich gemacht.
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