Tierproduktion und Klimawandel

 

Martin Schlatzer hat 2011 eine überarbeitete Ausgabe seines Buches „Tierproduktion und Klimawandel“ herausgegeben, eine sehr empfehlenswerte Schrift, sehr faktenlastig und voller Information samt Quellen. Das Buch ist ein klares Plädoyer für ein Ende der Tierproduktion aus rein rationalen Gründen, ohne Emotion vorgebracht. Angeführt wird zwar die negative Auswirkung der Fleischproduktion auf Land, Wasser, Wald, Boden, Artenvielfalt, Entwicklungsländer, Tierleid und menschliche Gesundheit, den Schwerpunkt bildet aber die Auswirkung auf den Klimawandel. Hier ein Link zum Buch: http://www.lit-verlag.de/isbn/3-643-50146-2

Nicht nur die menschliche Bevölkerung steigt weltweit rasant, von 10 Millionen vor 5000 Jahren auf 1 Milliarde 1804, 1,65 Milliarden um 1900, 6 Milliarden 1999 und 7 Milliarden heute. Noch rascher entwickelt sich der Fleischkonsum durch Menschen weltweit, von 10 kg/Person/Jahr noch 1800 auf 23 kg/Person/Jahr 1961 und 40 kg/Person/Jahr im Durchschnitt 2000, wobei in den Industrieländern etwa 2,5 x so viel Fleisch wie in den Entwicklungsländern konsumiert wird. In China stieg der Fleischkonsum von 13,7 kg/Person/Jahr 1980 auf 59,5 kg/Person/Jahr 2005 an. Mehr Wohlstand bedeutet statistisch immer auch mehr verarbeitete Nahrung, mehr Konsum von Zucker, Fett und Alkohol und insbesondere mehr Tierprodukte. In den Jahren von 1980-2004 hat sich entsprechend die Anzahl der Rinder auf der Erde verdoppelt und die Anzahl der Schweine und Hühner je vervierfacht. Weltweit gibt es momentan 24 Milliarden Nutztiere und 66 Milliarden werden jedes Jahr für die Fleischproduktion getötet.

Der Klimawandel wird durch Treibhausgase ausgelöst, von denen heute 1,3 x so viel Kohlendioxyd, 2,5 x so viel Methan und 1,17 x so viel Stickoxyd in der Erdatmosphäre vorhanden ist als in vorindustrieller Zeit. 2/3 des Stickoxydzuwachses, fast die Hälfte des Methanzuwachses und ein Teil des Kohlendioxydzuwachses ist direkt auf die Tierproduktion zurück zu führen. Dadurch ist die Tierproduktion nach konservativen Schätzungen der UNO für 18% aller Treibhausgaszuwächse verantwortlich, etwa so viel wie die gesamte Industrie der Erde mit 19% und deutlich mehr als der gesamte Verkehr mit 13%.

Das Problem der Tierindustrie ist nämlich ihre ungeheuerliche Ressourcenverschwendung. Die 13 Milliarden Hektar Landfläche, die es auf der Erde gibt, sind zu 32% nicht nutzbar (z.B. antarktisches Eis), der Rest teilt sich in 30% Wald (der Treibhausgase in großem Ausmaß der Atmosphäre entzieht) und 38% landwirtschaftlich genutzte Fläche. Letztere wird zu 68% direkt für die Tierproduktion und zu 32% für den Ackerbau verwendet, wobei 2/3 der Ackerbaufläche der Futtermittelproduktion für die Tierindustrie dient. Das heißt, dass 80% der landwirtschaftlich genutzten Fläche der Erde bzw. 30% der Landoberfläche der Erde der Tierproduktion dienen. Allein 90% des weltweiten Sojaanbaus (hauptsächlich in Entwicklungsländern) dienen den Nutztieren (hauptsächlich der Industrieländer) als Kraftfutter. Würde sich die Menschheit rein pflanzlich ernähren, ließe sich die benötigte Ackerfläche auf 1/4-1/6 der heute benutzten Ackerfläche reduzieren. Die gleiche Menge tierliches Protein braucht 17 x mehr Land, 26 x mehr Wasser und 20 x mehr Energie als pflanzliches Protein.

Die Biofleischproduktion bietet da keine Abhilfe. Die Umstellung von konventionell auf bio reduziert den Ausstoß von Treibhausgasen in der Schweineproduktion um 5% und in der Rindfleischproduktion um 15%. Die Klimaauswirkung der Produktion tierlicher und pflanzlicher Produkte unterscheidet sich um ein Vielfaches vom Klimaauswirkungsunterschied zwischen bio und konventioneller Produktion. Die Produktion von Biogemüse hingegen reduziert den Treibhausgasausstoß um 30-50% gegenüber konventionellem Gemüseanbau.

Auch die unterschiedliche Auswirkung von vegetarischer (also mit Eiern und Milchprodukten) und veganer Ernährung auf das Klima ist immens. Ein Mensch mit hohem Fleischkonsum verursacht 33 x so viele Treibhausgase wie einE VeganerIn, ein vegetarisch lebender Mensch immer noch 6,5 x so viele wie einE VeganerIn.

Da die Lebensdauer von Methan in der Erdatmosphäre mit nur 15 Jahren viel kürzer ist als jene von Kohlendioxyd, wäre als kurzfristige Hilfe gegen den Klimawandel eine Reduktion des Methanausstoßes besonders effektiv. Und da würde ein Ende der Tierproduktion besonders gut greifen. Doch die von der Tierindustrie stark beeinflusste Politik geht in die gegenteilige Richtung: 80% der weltweit 165 Milliarden US-Dollar Agrarsubventionen pro Jahr fließen direkt in die Produktion von Fleisch, Milch und Eiern, weniger als 1% in die Produktion von Obst und Gemüse. Schlatzer fordert daher ganz sachlich und unemotional ein Ende der Subventionen für Tierprodukte und stattdessen eine Steuer auf Fleisch, Milchprodukte und Eier, die Kostenwirklichkeit schafft. Ohne Maßnahmen dieser Art wird die Menschheit – und mit ihr ein Gutteil aller anderen Tierarten – das 21. Jahrhundert nicht mehr lange überleben.

Interview mit Martin Schlatzer im Standard:
http://derstandard.at/1326503691574/Tierproduktion-Durch-Fleischkonsum-entsteht-soziale-Ungerechtigkeit

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