Titelstory pro Tierversuche im Profil: Offener Brief an die Chefredaktion

Sehr geehrter Herr Chefredakteur,

im Profil ist jetzt als Titelstory ein Artikel „Warum wir Tierversuche
brauchen“ erschienen. Schön, dass sich das Profil endlich wieder einmal
zu Tieren äußert. Kein Wunder, dass es der brutalen Tiernutzung wieder
einmal das Wort redet.


Sind Sie an objektiver Berichterstattung interessiert? Wollen Sie auch
die andere Seite zu Tierversuchen bringen? Ich bin Mitglied der
Bundestierversuchskommission. Ich habe Tierversuche seit mehreren
Jahrzehnten kritisch beobachtet, auch in meinen 12 Jahren als
Universitätsassistent.

Anhand von folgenden Fragen könnte ich Ihnen Antworten für eine
Gegendarstellung liefern:

– Warum gibt es in Österreich nicht eine einzige Verurteilung nach dem
Tierversuchsgesetz gegen jemanden, der Tierversuche durchführt?

– Warum wurde der Kriterienkatalog für Genehmigungsanträge für
Tierversuche von einem wissenschaftlich erarbeiteten Konvolut von 110
Fragen mit numerischer Zuordnung zu den Antworten zu einem 9-Fragen
Katalog mit nur qualitativen Bewertungen der Antwort als Denkhilfe für
den Beamten, der die Genehmigung erteilt, umgestellt?

– Warum wird in Österreich jeder einzelne beantragte Tierversuch auch
genehmigt und kein einziger abgelehnt?

– Warum gibt es in Österreich nicht, wie in anderen Ländern, eine
gesetzlich vorgeschriebene Kommission, idealerweise paritätisch besetzt
mit 1/3 Tierschützer_innen, wie in praktisch sämtlichen anderen Ländern
von West- bis Osteuropa, die verbindlich über Genehmigungsanträge über
Tierversuche abzustimmen hat?

– Warum ist in Österreich der Pyrogentest an Kaninchen noch zugelassen,
dem 15.000 Kaninchen pro Jahr zum Opfer fallen, obwohl sowohl die EU als
auch die USA bereits für genau diesen Test eine tierversuchsfreie
Alternative zugelassen hat? Dabei steht doch im Tierversuchsgesetz, dass
nur Tierversuche stattfinden dürfen, für die es keine Alternative gibt?

– Warum gibt es Jahr für Jahr 30 bis 40 Tierversuchsprojekte in
Österreich, deren Ziel es ist, die „Produktion“ von „Nutztieren“
effizienter zu gestalten, um der Tierindustrie höhere Profite zu
garantieren? Wo liegt da der Nutzen für die Gesellschaft? Wie sieht da
die Abwägung zwischen Tierleid und Nutzen aus?

– Warum gibt es Tierversuche in der Veterinärmedizin? Allgemein wird
argumentiert, bei Tierversuchen müssten Tiere für Menschen leiden, weil
Menschen einfach wertvoller sind und deren Schutz das Leid der Tiere
überwiegt. Wie steht es mit diesem Argument aber bei Tierversuchen in
der Veterinärmedizin, die gar nicht von Menschen handeln? Warum werden
die erlaubt?

– Warum ist es in der Zucht von Kaninchen für Tierversuche erlaubt, sie
in den legendären Käfigbatterien zu halten, die für Kaninchen in der
Fleischproduktion bereits seit 2007 verboten sind? Ist das nun
Tierquälerei und sollte daher verboten sein, oder ist es das nicht?
Warum bekommen Tierversuche Ausnahmen, die der Landwirtschaft nicht
zustehen?

Diese und viele andere Fragen könnten ein kritisches Licht auf
Tierversuche werfen, das mir in Ihrer Darstellung völlig abgeht. In
Wahrheit herrscht bei Tierversuchen in Österreich nicht nur völlige
Intransparenz, sondern auch Narrenfreiheit in dem Sinn, dass alles
blankoartig erlaubt wird und niemand wegen Gesetzesübertretungen
verfolgt zu werden befürchten muss.

Ich würde mich freuen, wenn Sie mir antworten.

Mit freundlichen Grüßen,

Martin Balluch

5 thoughts on “Titelstory pro Tierversuche im Profil: Offener Brief an die Chefredaktion

  1. regina says:

    Super! Ist es möglich, den Profil-Artikel hier herein zu stellen?

  2. amor says:

    https://www.profil.at/ausgaben/profil-1809
    Ich hoffe, es funktioniert.
    Ja! ich finde die Antwort auch super!

  3. regina says:

    Funktionieren würde es, wenn ich dafür zahle und das will ich nicht. Von offenbar unwissenschaftlichen Elaboraten soll Profil nicht auch noch profitieren.

  4. amor says:

    Bezahlt habe ich auch nicht, so blöd bin icht, Regina!
    Ich habe die Seiten geblättert und an den Artikel gekommen, den ich mit der Luppe gelesen habe. Nicht alles, denn es handelt sich um den bekannten Mist, und ich habe keine Zeit zu verschwenden. Aber was ich wissen wollte, konnte ich mit dieser Methode schaffen.

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