Und doch: die Wissenschaft verwendet Daten von brutalen Menschenversuchen ohne Zustimmung der Betroffenen

Welche TierschützerInnen kennen das nicht, das Lieblingsargument der Tierversuchsseite: „Wenn ihr gegen Tierversuche seid, dann dürft ihr auch keine Medikamente verwenden“. Also erstens gibt es ja auch Forschung ohne Tierversuche, ja, wie wir wissen, sind Tierversuche oft sogar kontraproduktiv, siehe New Scientist http://www.martinballuch.com/new-scientist-sagt-tierversuche-sind-der-falsche-weg-in-der-forschung-fuer-menschen/. Aber zweitens sind auch TierexperimentatorInnen hoffentlich für Menschenrechte, also gegen invasive Menschenversuche ohne Zustimmung der Betroffenen. Aha, dann dürften sie auch nicht Dinge verwenden, die von Daten solcher Versuche stammen, oder?


Das Paradebeispiel für Menschenversuche in unseren Breiten ist das Dritte Reich. Zu gern allerdings wiederholt man da die Folklore, dass diese Versuche wissenschaftlich unsinnig waren und nur zur Quälerei dienten. Das ist völlig falsch. Viele dieser Versuche waren wissenschaftlich gesehen sehr sinnvoll und wurden auch in der Forschung und Technik zur Anwendung gebracht. Ein Beispiel ist das sehr hoch fliegende Flugzeug. Das Dritte Reich führte dazu viele Tests an KZ-Häftlingen und Kriegsgefangenen in Unterdruckkammern durch und entwickelte so sichere Kabinen für solche Flugzeuge, die in der Stratosphäre fliegen. Ebenso wurde der Schleudersitz an Menschenversuchen entwickelt und war dann weltweit in Einsatz.

Auch Menschen, die nicht unbedingt tierschutzfeindlich eingestellt sind, mögen oft den Gedanken, dass Versuche an Menschen nie wissenschaftlich sinnvoll gewesen sein können. Vielleicht beruhigt sie der Gedanke, weil er Menschenversuche damit nicht nur unethisch, sondern auch unwissenschaftlich macht. Vielleicht wollen sie einfach, dass ein Umgang dieser Art, wie er typisch für den Umgang von Menschen mit Tieren ist, zwischen Menschen nie wirklich stattgefunden hat, als ob es einen inneren Instinkt gäbe, der das verbietet. Diesen Eindruck gewinne ich auch immer, wenn mir Menschen erzählen, dass es nie Kannibalismus unter Menschen gegeben habe. Warum sollte das wichtig sein? Aber die Leidenschaft, wie diese – eindeutig historisch falsche – These verteidigt wird, weist auf eine ideologische Basis hin. Wieder soll offenbar unterstrichen werden, dass es derart unnatürlich und instinktiv ausgeschlossen sei, dass Menschen routinemäßig andere Menschen essen (also so behandeln, wie wir heute Tiere), dass es nur perverse und abartige Menschen in Ausnahmefällen tun. Das Essen von Menschen sei also krankhaft, das Essen von Tieren natürlich. So diese Doktrin.

Beides ist, wie gesagt, eindeutig falsch. Es gibt unendlich viele Hinweise auf routinemäßigen Kannibalismus unter Menschen, und genauso gibt es zahlreiche Versuche an Menschen, die mit wissenschaftlicher Intention durchgeführt wurden und sinnvoll waren. Selbstverständlich rechtfertigt das beides nicht, wie bei Tieren.

Ich bin gerade wieder auf einen großangelegten Menschenversuch gestoßen, dessen Daten von der Wissenschaft heute verwendet werden. Das it sogar die Titelstory vom New Scientist vom 10. Dezember 2016. Im September 1957 ist in Satlykovo, östlich vom Ural in Russland, eine Atombombenfabrik explodiert. 41 Dörfer der damaligen Sowjetunion waren verstrahlt, ohne es zu wissen. Die Regierung hielt den Unfall geheim, erhob aber Daten von 53.000 Menschen mit Strahlenkrankheit, die zum Teil bis heute beobachtet werden.

Der Chefredakteur im Editorial dieser New Scientist Ausgabe erwägt, ob es moralisch gerechtfertigt ist, diese Daten zu verwenden. Das sei wichtig, meint er, um mehr über Langzeitbestrahlung zu erfahren und Grenzwerte festlegen zu können. Letztlich, so argumentiert er, hat die Vermehrung unseres Wissens und die positiven Konsequenzen für die Menschheit Vorrang. Die Menschen haben nun schon einmal gelitten und sind gestorben, da sei es nun besser, die Daten zu nutzen, sonst wären sie ja umsonst gestorben.

Interessant. Lässt sich eins zu eins auf die Ergebnisse von Tierversuchen heute umlegen. Ich werde dran denken, wenn mir wieder jemand vorhält, warum ich mich nicht weigere, Medikamente zu verwenden.

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