Vorbild Rumänien: Großraubtiere und die Jagd

Heuer im August war ich wieder einmal in den rumänischen Südkarpaten mit dem Zelt abseits jeder Wege unterwegs (sämtliche Bilder dieses Beitrags habe ich in den Südkarpaten in freier Wildbahn aufgenommen). Für mich war das bereits das 8. Mal, dass ich dort war, und zwar jeweils zwischen 1-5 Wochen. In den Südkarpaten leben 80 % der europäischen Bärenpopulation. Das kann ich aus meiner Erfahrung bestätigen. Ich habe mehr als 20 Mal Bären getroffen, zum Teil auch in der Nacht und zum Teil in bis zu 5 m Nähe. Natürlich war ich nicht bewaffnet und bedrohlich wurde es auch nie. Das Bild oben habe ich von einem in den Südkarpaten wild lebenden Bären aufgenommen. Meiner Erfahrung nach sieht man, wenn man mit dem Zelt abseits von Wegen wandert, jeden zweiten Tag eine Bärenspur und jede Woche einen Bären.


In Österreich gab es um das Jahr 2000 gut 30 Bären im niederösterreichisch-steirischen Grenzgebiet. Sie wurden alle illegal von JägerInnen abgeknallt, einer nach dem anderen. Einige fand man später im Nachlass lokaler Revierjäger nach deren Tod ausgestopft im Keller. Wieso töten die JägerInnen in Österreich alle Bären und in Rumänien können sie überleben?

Die Antwort hat sich für mich aus meinen persönlichen Erfahrungen in den vielen Wochen und Monaten, in denen ich in den Südkarpaten unterwegs war, ergeben. In Rumänien gibt es kein Reviersystem für die Jagd, dort werden nur Lizenzen für den Abschuss von Tieren verkauft. Und das macht den großen Unterschied. Wenn man nämlich, wie in Österreich, als Jäger ein Revier pachtet und die Pachtgebühr zahlt, dann will man dieses Revier auch maximal ausnutzen. D.h. man füttert die jagdbaren Tiere, damit es möglichst viele gibt, man baut Jagdeinrichtungen wie Hochstände und Jagdhütten, und man verfolgt alle Raubtiere gnadenlos, damit sie einem nicht die Abschusszahlen vor allem von Rehen und Hirschen verringern. Und dazu lauert man 70 Tage pro Jahr im Revier auf Wildtiere. Ja, und man fühlt sich als Hausmeister im Wald und stänkert alle Wanderer und RadfahrerInnen an, und erschießt freilaufende Hunde und Katzen. All das ersparen sich die RumänInnen mit ihrem Lizenzsystem. In meinen monatelangen Wanderungen in den Südkarpaten habe ich nur ein einziges Mal einen Jagdstand und niemals auch nur eine einzige Futterstelle gesehen. In Österreich ist alles voll davon. Einmal begegnete ich einer Wolfsjagdgesellschaft. Mein Hundefreund Kuksi war wie immer ohne Leine unterwegs, er trug nicht einmal ein Halsband. Im Gegensatz zu Österreich waren die JägerInnen aber total freundlich und interessierten sich überhaupt nicht dafür, was mein Hund so tat. Kein Wunder. Wie sie mir erzählten hatten sie eine Abschusslizenz für einen Wolf. Sie fühlten sich nicht für irgendein Revier zuständig, sondern vielmehr als Gäste im Wald und benahmen sich entsprechend höflich. Wenn das nur in Österreich so wäre!

Was für eine Heuchelei, wenn die Jägerschaft und ihre Büttel aus der Politik in Österreich behaupten, es sei so grausam, wenn wildernde Hunde Rehe reißen! Machen Wölfe das so anders? Ist das nicht natürlich? Und wenn ich mir die verletzten Beine von angeschossenen Rehen anschaue, dann frage ich mich, ob der Tod durch Hunde nicht vorzuziehen wäre. Aber in Wahrheit töten Hunde praktisch nie Rehe in Österreich. Ich habe noch nie einen solchen Fall erlebt, obwohl ich schon seit Jahrzehnten mit Hunden in den österreichischen Bergen unterwegs bin! Durch JägerInnen verletzte Tiere habe ich aber schon oft gesehen!

IMG_7145kleinAber neben den Hunden sind jetzt plötzlich auch die Wölfe die furchtbaren Übeltäter in Österreich, die unbedingt wieder „reguliert“ sprich ausgerottet werden sollen, wenn es nach der Jägerschaft geht. Und auf Geheiß der Jägerschaft gibt es bereits die Horrorgeschichten über die „blutrünstigen Bestien“ in den Medien. Sogar Frauen und Kinder seien gefährdet und wer nicht noch alles. In Rumänien haben immer schon Wölfe gelebt, wesentlich länger, als es dort Menschen gibt. In Rumänien sind die Wölfe nie ausgerottet worden, nicht einmal in der Anzahl reduziert. In den Südkarpaten gibt es etwa 2500, und man hört sie heulen, findet ihre Spuren und sieht sie sogar ab und zu persönlich. Ein ganz tolles Erlebnis! Dabei sind die Südkarpaten flächenmäßig lediglich so groß wie die Alpen von Wien bis Osttirol. Man stelle sich vor, da würden 2500 Wölfe leben! Aber dass das ohne Probleme ginge, zeigt das rumänische Vorbild.

Doch Rumänien könne man nicht mit Österreich vergleichen, heißt es dann. Wir seien übervölkert, während dort die pure Wildnis herrsche. Aber das ist ganz klar falsch. Die Bevölkerungsdichte in den Südkarpaten ist mit der in den österreichischen Alpen völlig vergleichbar. Jeder bewohnbare Boden ist bewohnt, jede nutzbare Weide als Alm genutzt, überall gibt es Forststraßen und auch Wanderwege und Hütten.

IMG_7336detailWenn nun in Österreich Angst geschürt wird, dass Wölfe Menschen töten könnten, dann verweise ich auf Rumänien. Dort ist seit Menschengedenken nie ein Mensch von einem Wolf angegriffen worden. In Österreich gibt es Giftschlangen, z.B. die Kreuzotter. Und ab und zu beißen sie jemanden und ab und zu stirbt auch wer. Eine Aufregung wert? Nein, das gehört einfach zur Natur dazu, wie Blitz und Steinschlag. Würden Giftschlangen erst jetzt nach Österreich einwandern, wäre vermutlich die Aufregung groß, aber weil wir schon daran gewöhnt sind, mit ihnen zu leben, ist alles ganz anders. Ich hoffe, bald haben wir uns auch an die Wölfe gewöhnt.

Und die Schafe? Ich zitiere Wolfsexperten Kurt Kotrschal aus der Presse http://diepresse.com/home/meinung/wisskommentar/5261550/Mit-Federn-Haut-und-Haar_Ein-paar-Fakten-zur-Rueckkehr-der-Woelfe: „In der Landwirtschaft geht es um den Schutz der Weidetiere. Das muss man aber nicht nur negativ sehen. So verlor man auf den Schweizer Almen vor Ankunft der Wölfe etwa 10.000 Schafe pro Jahr. Nun leben dort fünf Rudel, Tendenz steigend. Die nötigen Schutzmaßnahmen reduzierten die Verluste auf 5000 Schafe, plus etwa 500, die an die Wölfe gehen; keine schlechte Bilanz, also.“

IMG_7120kleinEines ist jedenfalls klar: der rumänische Wald in den Südkarpaten ist ungleich weniger durch Verbiss geschädigt als jener in Österreich, und die Natur deutlich besser im ökologischen Gleichgewicht. Was dort an Jungwald heranwächst, an Tannen und Buchen, überall! Was es da für Mischwälder gibt, oft hoch hinauf bis 1400 m! Ich würde mir sehr wünschen, dass sich Österreich daran auch ein Beispiel nimmt!

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