Was denkt ein Jäger in der Stunde seines Todes?

Kürzlich ist eine Tierschutzaktivistin überraschend verstorben. Sie hatte sich seit vielen Jahren beim VGT engagiert, war immer zur Stelle, wenn Hilfe gebraucht wurde, betreute Infotische, verteilte Flugzettel und setzte sich insbesondere in der Kampagne für ein Verbot der furchtbaren Kastenstände für schwangere Mutterschweine ein, also gegen diese körpergroßen Käfige, die wie mittelalterliche Foltergeräte anmuten. Sie konnte zweifellos mit sich zufrieden sein, als sie starb. All die vielen Tiere, denen sie geholfen hat, ihr selbstloser Einsatz für das Gute, ihr bescheiden veganes Leben mit möglichst geringem ökologischen Fußabdruck. Kein Zweifel, ihr Tod war furchtbar tragisch, aber ihr Leben unbestritten eine große Hilfe für so viele andere Wesen.


Wie aber geht es einem Jäger in der Stunde seines Todes? Blickt er hinauf an die Wand, an der die abgeschnittenen Köpfe jener Tiere hängen, die er im egoistischen Rausch erschossen hat, und die ihn jetzt mit glasigen Augen anstarren, als würden sie Genugtuung fordern, als würden sie fragen, wie er ihnen das nur antun konnte? Wie fühlt er sich, bei ihrem Anblick? Ist er mit seinem Leben zufrieden? Kann er das als ein gutes Leben empfinden, so viele unschuldige Wesen vorsätzlich verletzt und getötet zu haben?

Ich denke an diesen Filmclip, der momentan durch das Internet geistert. Man sieht einen Jäger, der sich hinter einer Attrappe eines Truthahns versteckt. Ein anderer Truthahn nähert sich, weil er offenbar die Attrappe mit einem Artgenossen verwechselt. Da springt der Jäger hoch und schießt auf das armselige Tier, das zu spät seinen Fehler erkennt und verzweifelt zu flüchten versucht. Die Flucht misslingt, das Tier wird getroffen und stirbt. Ein schrecklicher Moment, ein Leben wird ausgehaucht, eine Biographie geht zu Ende. JedeR BetrachterIn mit Herz und Hirn trauert in diesem Moment, spürt den Schmerz förmlich im eigenen Körper, was für ein sinnloser Tod!

Nicht so der Jäger im Filmclip. Er hüpft begeistert herum und lacht. Ja, er lacht, er lacht dieses arme Wesen, das tot vor ihm liegt, geradezu aus. So dumm sei es gewesen, auf eine Attrappe herein zu fallen. Vermutlich fühlt sich der Jäger in diesem Augenblick auch überlegen, so richtig die Herrenrasse, an der Spitze der Nahrungskette. Und statt aufgrund der überlegenen Stärke ein Gefühl von Verantwortung zu empfinden, wird der Unterlegene verlacht. Kein Gedanke an dieses Wesen mit einzigartiger Persönlichkeit, das eben von dieser Erde verschwunden ist. Von ihm völlig gedankenlos ausgelöscht.

Beim Begräbnis der Tierschützerin waren über 100 Menschen versammelt. Gemeinsam gedachte man ihrer vielen guten Taten, ihrer liebevollen Art, ihrer Hilfsbereitschaft und Charakterstärke. Viele erinnerten sich an Momente im Leben, die sie mit der Verstorbenen geteilt hatten. Auch der erschossene Truthahn hatte ein Leben gehabt. Auch er war von einer Mutter geboren worden, unter ihren Fittichen aufgewachsen, und von ihr vorsichtig an das Leben herangeführt. Dann seine ersten Schritte in die Unabhängigkeit, seine sozialen Beziehungen, vielleicht hatte er Kinder. Wie hat er sich gefühlt, als er an jenem Morgen aus dem Schlaf erwacht ist, der sein letzter sein sollte. Ahnte er schon sein Schicksal? Wer trauert jetzt um ihn? Wo ist sein Begräbnis?

Wie kann dieser Jäger die ganze Tragik des Moments so ausblenden? Ist er zu blind, um zu sehen, was er angerichtet hat? Wie ist es dann am Ende seines eigenen Lebens? Gelingt es ihm da wenigstens, in letzter Sekunde, sich in all diese Wesen hinein zu versetzen, die er umgebracht hat? Mitzufühlen, was sie angesichts ihres Todes gefühlt haben? Fragt er sich, wenigstens den Bruchteil einer Sekunde, ob das richtig war, was er getan hat, ob es gerecht war, fair war?

Ist der Spaß mit der Truthahnattrappe wirklich den Tod dieses einzigartigen Wesens wert gewesen? War das eine gute Tat, auf die man stolz sein kann? Ist das etwas, das man am eigenen Totenbett nicht bereut?

2 thoughts on “Was denkt ein Jäger in der Stunde seines Todes?

  1. Sebastian Ortner sagt:

    Interessante Frage?

    Um zu töten, muss wohl das Leid des Gegenübers sehr stark abgespalten werden von der eigenen Erfahrungswelt. Dies passiert wahrscheinlich schon früh in der Kindheit und setzt sich dann fest in der Persönlichkeit.

    Ob sich da im Moment des Todes eine „Läuterung“ einstellt? Also kurz getippt: Nein.

    Analog werden am Grab des/der JägerIn auch JägerInnen stehen, die das soziale Umfeld widerspiegeln, genauso wie beim Begräbnis einer Tierschützerin. Aufgetischt wird dann wahrscheinlich das „Gejagte“ und alle werden um eine gute/n JägerIn trauern.

    Einstellungsänderung ist doch sauschwer, da muss so viel passen, das sowas geht. JägerInnen verlieren doch ihre ganze Identität, Einkommen, soz. Umfeld, Sinn des Lebens, wenn sie sich von der Jagd abwenden.

    Also da muss schon eine hohe Motivation und ein Umfeld das diese Entscheidung mitträgt da sein, das so etwas passieren kann.

  2. Walter Sobotka sagt:

    Das Problem ist, dass eine seelisch gestörte Person nicht fähig ist Empathie zu empfinden. Sie empfindet keinen Leidensdruck, ihr Verhalten zu ändern. Es leidet die Umgebung, die Tiere und nicht selten die eigene Familie. Kritische Zeitgenossen werden als Gegner mit allen Mitteln bekämpft (mit Beschimpfungen, Lächerlichmachen, mit Gerichtsklagen und auch mit körperlicher Gewalt). D.h. wirksame Maßnahmen, um diese Personen in ihre Schranken zu weisen, z.B. mit gesetzlichen Mitteln, scheitern meist daran, dass die Politik mit diesen Auswüchsen ganz gut leben kann, aus den verschiedensten Gründen (Waffenproduktion, Jagdtourismus etc…).

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