Wendezeiten – Wendehälse

Yikes!Ich habe kürzlich wieder einmal die Mitschnitte beim Nürnberger Ärzteprozess gegen die TäterInnen der NS-Diktatur gehört. Dabei spricht Karl Brandt über einen Ärztekongress, an dem hunderte MedizinerInnen teilgenommen haben und an dem auch die Ergebnisse von medizinischen Versuchen an Menschen vorgestellt wurden. Über 320 MedizinerInnen des NS-Staates, so der Kommentar zu den Aufzeichnungen, hätten im Dritten Reich an Menschen Versuche durchgeführt, die allermeisten davon mit furchtbaren Qualen und tödlichem Ausgang verbunden, nicht viel anders als bei Tierversuchen heute. Niemand der ÄrztInnen stand auf, bei diesem Kongress, und beschwerte sich über die unethische Vorgangsweise. Niemand stellte kritische Fragen oder erkundigte sich, woher die Opfer stammten und wie es ihnen heute geht.

Bei Karl Brandt und anderen Angeklagten wird klar, die Verantwortung für ihr handeln hatten sie an eine Autorität abgegeben, die ihnen alles erlaubte. So waren damals die Gesetze, brachten sie als Ausrede vor, die Opfer waren sowieso zum Tode verurteilt und hätten so noch eine Chance gehabt, zu überleben. Der eine oder die andere seien nach dem Versuch am Leben gewesen und manche davon wären begnadigt worden. Auf die Frage des Staatsanwalts, ob man für die Opfer Nachbehandlungen in Betracht gezogen hatte, die zwar nicht mehr für die Ergebnisse der Versuche relevant gewesen wären, die aber den Opfern geholfen hätten, erntete er nur Unverständnis. Ein ähnliches Unverständnis erntet man heute, wenn man einen Tierexperimentator fragt, ob er einer Ratte, die seinen Versuch überlebt hat, mit Nachbehandlungen das Leben erleichtern würde. Was für eine absurde Vorstellung!

Wie dünn doch die menschliche Moral und das menschliche Mitgefühl ausgebildet sind! Kaum erlaubt einem eine Autorität die größte Brutalität, wird man zum willfährigen Handlanger. Eine sehr traurige Erkenntnis.

Ähnlich in einer DVD mit dem Namen „Wendezeit“ über die RichterInnen und GrenzwachebeamtInnen aus der ehemaligen DDR, die anschließend im vereinten Deutschland weiter „ihren Dienst“ versahen. Gerade noch auf sogenannte „Republikflüchtlinge“ geschossen und Menschen getötet, jetzt der freundliche Beamte, der die Ausreisenden durchwinkt. Darauf angesprochen derselbe leere Blick: das waren damals eben die Gesetze, Befehl von oben. Warum nicht ein Auge zudrücken, warum nicht über die Köpfe hinweg schießen? Was für eine schöne Fantasie: eine Diktatur gibt den Schießbefehl und keiner befolgt ihn.

Ähnlich vor Gericht. Ein Richter im Interview, der zahlreiche MenschenrechtsaktivistInnen einsperren lassen hatte. Das war halt damals das Gesetz, so seine Ausrede, er habe so handeln müssen, die Verantwortung dafür tragen andere. So handeln müssen? Was passiert, wenn alle RichterInnen einer Diktatur jedeN DissidentIn freisprechen? In einem Fall war dieser Richter sogar im vorauseilenden Gehorsam übers Ziel hinaus geschossen. Eine Aktivistin war am Maiaufmarsch der DDR mitmarschiert, nur hatte sie ein Plakat mit der Aufschrift „Für Meinungsfreiheit“ getragen. Das war ihr ganzes Verbrechen. Dieser Richter gab ihr 6 Monate Haft! Und dafür musste er das Gesetz biegen, weil nirgendwo stand, man dürfe nicht für Meinungsfreiheit sein. Ja, die DDR-Führung, wie andere Diktaturen auch, hatte immer behauptet, es gäbe Meinungsfreiheit im Land. Wenn nun jemand dafür ist, kommt er ins Gefängnis?

Der Richter wusste, was die Autoritäten von ihm erwarteten, auch ohne Gesetz. Er war sich keiner Schuld bewusst. Er sei nur ein Rädchen im Getriebe gewesen, hätte er das nicht getan, wären andere an seine Stelle getreten. Aber nur so funktioniert Diktatur: die MitläuferInnen geben ihre Verantwortung ab und handeln genau so, wie das von ihnen erwartet wird. Gäbe es diese MitläuferInnen, die Handlanger, nicht, gäbe es auch keine Diktatur. Und keine Tierversuche.

Und wie das mit Richter Csarmann am LG Wr. Neustadt im Tierschutzprozess 2.0 sein wird, werden wir vermutlich im Herbst erfahren. Seine Vorgängerin hat ja bereits die Konsequenz ihrer mutigen Haltung zu tragen und darf keine öffentlichen Verhandlungen mehr führen. Auch in der Personalkommission sitzen sie offenbar, die Wendehälse und Büttel.

4 thoughts on “Wendezeiten – Wendehälse

  1. susanne v. says:

    Nachtrag: Die Kampagne ist von 2004 habe ich gerade gesehen, aber es gibt auch eine aktuellere in Bezug auf tödliche Menschenversuche in Indien, auf dieser Seite zu finden..

  2. susanne v. says:

    Das gibt es nicht nur in Diktaturen. Gerade jetzt werden von den pharmazeutischen Firmen Menschenversuche gemacht. Das geschieht nicht mit direktem Zwang, sondern indem man den Menschen nicht erklärt was man mit ihnen macht. Es trifft die Armen in armen Ländern, wie Indien, die wenig Geld dafür bekommen, dass sie ein großes Risisko eingehen. Denn jedes Medikament muss – nachdem es an Tieren getestet wurde – an Menschen getestet werden. Wenn man beispielsweise ein Aidsmittel testet, wird der zum menschlichen Versuchtstier welcher das Mittel bekommt, aber auch derjenige der es nicht bekommt, dieses aber nicht weiß. Also derjenige der das Placebo bekommt. Dann schaut man wie die einen reagieren und wie die anderen.

    Es gibt sogar eine Kampagne gegen Menschenversuche. Leider weiß ich nicht mit welchem Datum, weil die Betreiber solcher Seiten das Datum oft nicht als wichtig erachten, aber ich denke sie ist aktuell.

    http://www.cbgnetwork.org/1157.html

  3. Oliver Steinfeld says:

    Vielen Dank für den Beitrag. Sehr interessant.

  4. chris says:

    Die SPÖ und alle anderen Parteien hatten NS Täter in ihren Reihen. Ich sage nur: Heinrich Gross, der „Luminalmörder“ vom Spiegelgrund. Er konnte bis zu seinem Tod 2005 fast unbehelligt im Nachkriegsösterreich wirken und auch als Gutachter tätig sein. Einem anderen Gutachter nämlich dem Psychiater Haller ist es zuzuschreiben, dass sich Gross der Justiz gänzlich entziehen konnte. Was heute in Österreich mit der Verfolgung des notwendigen zivilen Ungehorsams vor sich geht spricht Bände. Eine Republik der „Freunderl“ und der willfährigen Staatsdiener die Grundstücke im I. Bezirk an Ihresgleichen um 15 000,- € verkaufen, Lobbyisten unbehelligt weiterwursteln lassen, aber auf der einen Seite einen Apparat der Repression beeinflusst von wirtschaftlichen Interessen aufgebaut haben, um „unbequeme“ Querdenker mundtot zu machen.
    Zum Abschluß noch einen herzlichen Gruß an DDr. M.B. und an alle AktivistInnen. Weiter so!!!
    PS.: Anmerkung für Spitzel die mitlesen: f* U 🙂

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