15. 9. 2001: Zirkus Belly-Wien verletzt Tierschützer_innen schwer!

Ich schreibe gerade an einem Buch, das hoffentlich im Herbst erscheinen wird. Es soll ein Roman werden, bei dem aber alle Aktionen, die geschildert werden, tatsächlich genau so passiert sind. Dafür gehe ich meine alten Emails, Briefe und Dokumente durch und lese nach. Dabei bin ich auf zum Teil wirklich erschütternde Berichte gestoßen. So auch auf diesen, ein Email vom 17. September 2001 an sämtliche Medien.

1996 hatten wir mit der Kampagne gegen Wildtierzirkusse in Österreich begonnen. Wir filmten heimlich die unglaubliche Gewalt bei der Dressur und begannen dann 1997 mit Demos in ganz Österreich bei Zirkus Shows mit Wildtieren. Dabei zeigten wir mit einem Fernseher die Gewalt bei der Dressur. Die Zirkusse reagierten mit brutalster Gewalt. Ich könnte da einige Geschichten erzählen, aber der vorliegende Bericht handelt vom Überfall des Zirkus Belly-Wien auf Tierschützer_innen in Bad Ischl.

Die Medien hatten, wie fast immer zu dieser Zeit, zirkusfreundlich berichtet. Für die „anständigen“ Bürger_innen waren unsere Demos eine bodenlose Frechheit. Dass der Zirkus dann zur Gewalt griff, schien diesen Leuten nur folgerichtig. Wenn allerdings 10 Tierschützer_innen schwer verletzt werden, dann ist es nicht einfach, den Zirkus positiv darzustellen. Also schrieb man von einer „Rauferei“ vor dem Zirkus. Die radikalen Tierschützer_innen seien erschienen und es habe eine Rauferei gegeben. Na wer an so etwas schuld hat, ist dann wohl auch selbstverständlich. Auf diese typische Berichterstattung der kommerziellen Medien reagierte ich mit dem folgenden Email:

Trotzdem der Film des Passanten wirklich gut war und die Angriffe zeigte, beschloss die Staatsanwältin keine Anklage zu erheben. Damals gab es noch die Möglichkeit nach dem österreichischen Strafrecht, einen Strafantrag zu stellen. Das hieß, dass man die Staatsanwaltschaft auf eigenes Kostenrisiko zwingen konnte, einen Strafprozess zu führen. Das machten wir bzgl. Herrn Dr. Haberditzl, dessen Gesicht oben zu sehen ist, und mir. Bzgl. Dr. Haberditzl wurde der Zirkusdirektor zur Strafe von 1000 Schilling und zur Zahlung von Schmerzensgeld von weiteren 1000 Schilling verurteilt – ein kleiner Scherz. Bei mir war es noch schlimmer. Mein Prozess begann mit einem Richter, der keinen Zweifel daran ließ, dass er unsere Demos und unseren Aktivismus total ablehnte. Für ihn waren wir einfach nur Störer und Gesellschaftsschädlinge. Als das Beweisvideo vorgeführt wurde, war die entscheidende Szene gelöscht. Allen Ernstes! Irgendjemand in der Staatsanwaltschaft musste das gelöscht haben. Zum Glück hatte ich eine Sicherheitskopie dabei und konnte diese vorspielen. Der Richter sagte dann zum Angeklagten Zirkusangestellten, dass es ihm leid tue, aber angesichts dieses Films könne er ihn nicht freisprechen. Dann gab er ihm eine bedingte Geldstrafe und verurteilte ihn zur Zahlung von 150 Schilling Schmerzensgeld. Für zahllose Faustschläge in mein Gesicht! Dieses Schmerzensgeld habe ich übrigens nie gesehen. Der Zirkus reiste herum, hatte keine permanente Adresse und war durch keine Klage erreichbar. Schließlich verließ er das Land und treibt heute noch in Holland sein Unwesen – unter demselben Namen und mit ähnlicher Brutalität.

An diesem Beispiel sieht man, wie oft mit Tierschützer_innen in unserer Gesellschaft umgegangen wird. Damals noch viel schlimmer als heute. Man war wirklich der Gewalt völlig ausgeliefert, weder die Polizei noch die Justiz oder die Medien waren bereit, einen zu schützen. Genau so mussten sich die schwarzen Bürgerrechtsaktivist_innen in den 1960er Jahren in den Südstaaten der USA gefühlt haben. Überwunden ist dieser Umgang mit uns aber immer noch nicht, wie man an der Gewalttat von Mayr-Melnhof und am Urteil der Richterin am Bezirksgericht sieht.

Letztlich haben wir aber die Kampagne gewonnen. Im Jahr 2002 beschlossen die Bundesländer gemeinsam ein Verbot von Wildtieren im Zirkus in Österreich, das am 1. Jänner 2005 in Kraft trat. Das erste solche Verbot der Welt.

One thought on “15. 9. 2001: Zirkus Belly-Wien verletzt Tierschützer_innen schwer!

  1. G says:

    Immer wieder unglaublich.
    Sowie die Vorfälle beim Tierschutzprozess und bei anderen.

    Schön das es die Gewaltenteilung gibt, jedoch funktioniert sie ja so heute nicht mehr wirklich. „Befangene“ Richter, „befangene“ Staatsanwälte, Polizeiorgane die sich dem Recht widersetzen (Akteneinsicht). Eine mittlerweile übermächtige 4te Gewalt (presse) die ja auch alles andere als unabhängig ist.
    Mir fehlts da an etwas, aber was? Mehr Regulierung? Überparteiliches Kontrollorgan?
    Es kann nicht sein, das man für die Gesellschaft etwas tut, jedoch von der Mainpresse kaputt geschrieben wird und Staatlicher willkür ausgesetzt ist, man Angst haben muss das man seiner Existenz beraubt wird…

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