Auch maximale Friedfertigkeit hemmt nicht menschliche Gewalt: Stellers Seekuh und der Falkland Wolf

Der Falkland Wolf, 40 Jahre vor seiner Ausrottung auf Darwins Schiffsreise gemalt

Der Falkland Wolf, 40 Jahre vor seiner Ausrottung auf Darwins Schiffsreise gemalt

Schon als Jugendlicher haben mich die Ideen der absoluten Gewaltlosigkeit von Mahatma Gandhi beeindruckt. Stoppt es AngreiferInnen, wenn ich, wie Jesus in der Bergpredigt ausgeführt haben soll, die andere Backe hinhalte, statt mich zu wehren? Doch dann stieß ich, ebenfalls noch als Jugendlicher, auf das Schicksal von Stellers Seekuh und meine Ideale schienen zu zerplatzen.

Georg Steller hatte 1741 bei Kamtschatka an der Beringstraße ein 8 m langes und 10 Tonnen schweres Meeressäugetier entdeckt, das friedlicher nicht sein konnte. Die Zähne waren evolutionär verschwunden, weil es zur Ernährung nur Seetang lutschte. So trieben diese Tiere friedlich im Wasser, mit dem Kopf über der Oberfläche, und staunten freundlich über jene Schiffe, die ihnen, durch Stellers Beschreibung angelockt, entgegen fuhren. Aber nicht, um sie zu bewundern und von ihnen zu lernen. Nein, gerade die Gewaltfreiheit schien die SeefahrerInnen zu interessieren. Die Seekühe waren eine leichte Beute, ihr blindes Vertrauen in die sich ihnen nähernden Menschen wurde verraten. Die Tiere wurden buchstäblich lebendig zerhackt. In Massen. Schon 27 Jahre später, 1768, waren sie ausgerottet und für immer von dieser Welt verschwunden.

Ein ähnliches Schicksal traf den Falkland Wolf. Seine Vorfahren dürften vor 16.000 Jahren vom patagonischen Festland über die damals nur 20 km breite (heute 500 km breite) Meerenge, die in der Eiszeit zugefroren war, auf die Falkland Inseln gekommen sein. Dort fanden sie aber nur Vögel vor, keine Säugetiere. Sie kannten daher keine Feinde und verhielten sich den ersten Menschen gegenüber, die sie 1690 trafen, sehr friedlich und interessiert. Darwin beschrieb die Tiere 1836 und nahm 4 Individuen, die sehr leicht zu fangen waren, auf sein Schiff mit. Dabei ahnte der Vater der Evolutionstheorie sofort, was mit dem Falkland Wolf geschehen wird, wenn Menschen auf den Inseln permanent zu wohnen beginnen. Und tatsächlich, 1840 setzte sich die erste Kolonie fest und 1876 waren alle Wölfe tot. Es heißt, die InselbewohnerInnen hätten sich einen Spaß daraus gemacht, die Tiere mit einem Stück Fleisch anzulocken, während sie in der anderen Hand ein Messer hielten, das sie dem Wolf in den Körper stachen, wenn er sich vertrauensvoll genähert hatte. Nichts war leichter und ungefährlicher als diese Tiere zu töten.

Eine erschreckende aber wichtige Erkenntnis: Friedfertigkeit erzielt nur dann eine Wirkung gegen AngreiferInnen, wenn es eine Öffentlichkeit gibt, die Anteil nimmt und einen Rechtfertigungsdruck für die TäterInnen generiert. Kaum sind die Medien entfernt oder nicht dabei, wird z.B. die Polizei wesentlich brutaler beim Entfernen von friedlichen AktivistInnen, die etwas blockieren. Ich musste das selbst 1995 am eigenen Leib erfahren. Wir hatten in England die Zufahrt zu einem Hafen blockiert, weil Tiertransporter junge Kälber dorthin bringen wollten, um sie auf Schiffe zu verladen. Ich war in ein Stahlrohr gekettet, das ich vorher unten am Motorblock eines Busses angeschweißt hatte. Zuerst wurden die Medien entfernt, dann verdrehten zwei Beamte unter dem Bus meine freie Hand so lange, bis mein Handgelenk brach. Die Anzeigen dagegen verliefen im Sand. Nur bei Anwesenheit von Kameras, die das Geschehen dokumentiert hätten, wäre die Gewaltfreiheit ein adäquates Mittel gewesen. Der Appell an das Gewissen der TäterInnen allein ist leider nicht ausreichend, dafür sind wir Menschen innerlich offenbar zu brutale und kalte Wesen.

11 thoughts on “Auch maximale Friedfertigkeit hemmt nicht menschliche Gewalt: Stellers Seekuh und der Falkland Wolf

  1. julia sagt:

    …. ich hab natürlich noch nie eine Steller’sche Seekuh gesehen, denn so alt bin ich bekanntlich noch nicht (wenn auch manchmal vielleicht von vorgestern), aber ich geh mal davon aus, dass es sich bei den Seekühen mit brustständigen Zitzen, die beim Auftauchen der neugierigen Schwimmerinnen(!) aus dem Wasser sichtbar wurden und die die Seefahrer-ohne-irgendein-I an Menschenfrauen erinnerten, schon um weibliche Tiere handelte …
    … und wer sagte mal loco isto, dass vollkommen unabhängig von ihrer geringeren Körpergröße und -kraft auch Frauen Männer sexuell belästigen könnten -? ich habe darin bekanntlich keine Übung, aber ich hab das ja auch nicht behauptet – und wer so etwas behauptet, sollte es also nicht ausschließen, dass Seefahrer-ohne-irgendein-I die wesentlich größeren, aber auf festem Boden hilflosen Meeressäugerinnen-mit-kleinem-i nicht nur lebendig zerhackt, sondern davor oder dabei oder danach eben auch, hm, na ja – eh schon wissen. Logisch, oder?

  2. Martin Balluch sagt:

    Sexismus, also der verächtliche Blick auf Angehörige eines Geschlechts, ist offensichtlich kein Privileg von Männern.

    Manche Seekühe sind auch männlich, es handelt sich um eine Tierart.

    Und diese Seekühe waren 8 m lang und 10 Tonnen schwer, also durch Menschen nicht sexuell vergewaltigbar.

    Das Binnen-I ist eine GESCHLECHTSNEUTRALE Schreibweise. D.h. es besagt nicht, dass es sich um Männer und Frauen oder um Männer oder Frauen handelt. Ich, als Mann, bin auch einE TierschützerIn. Diese Ausdrucksweise soll vom jeweiligen Geschlecht der AkteurInnen ablenken, wenn es um dieses nicht geht. Wer trotzdem eine geschlechtsspezifische Schreibweise verwendet, obwohl jetzt eine unspezifische zur Verfügung steht, will ganz bewusst das Geschlecht betonen, um damit eine Botschaft zu verbreiten. Z.B. wenn jemand sagt, gestern gabs einen bestialischen Mord begangen von jemandem aus dem Ausland, statt zu sagen, von einem Menschen, dann will dieser Mensch die Herkunft des/der TäterIn betonen. Da schwingt also eine Zusatzbotschaft mit. Will man nicht das Geschlecht von TäterInnen betonen, dann verwendet man das Binnen-I, auch wenn man das Geschlecht kennt.

  3. julia sagt:

    …. in der Tat, Sabn. SeefahrerINNEN? kicher.
    Hätte die christliche odervielmehr unchristliche Seefahrt in der frühen Neuzeit in den Händen von KapitänINNEN und SteuerFRAUEN gelegen, wäre sie vielleicht ein wenig unblutiger abgegangen – zumindest für die Seekühe.
    Im übrigen beleuchtet gerade die vorrangige „Nutzung“ der Seekühe durch die Seefahrer ohne INNEN, dass es sich eben nicht um SeefahrerINNEN gehandelt hat, sondern um Männer, die eben alles vergewaltigten, was sie auch nur im entferntesten an Menschenfrauen erinnerte, die es ja mitunter auch in XXL-Format gibt. Grausige Geschichten, die nicht zur niedlichen Appearance der an sich friedlichen Seekühe passen, und die auch nicht in Brehms TIerleben für die Jugend stehen.

  4. Sabn sagt:

    Der Beitrag ist mir unheimlich Nahe gegangen, was mich aber noch mehr empört ist der Femnismus / Sexismus in diesem Beitrag.
    Politische correktheit muß dem Autor also noch viel viel wichtiger sein. „Innen“

    Meine Empörung richtet sich gegen den Autor oder den Verlag wenn dieser den Beitrag im Sinne Political correktness überarbeitet haben sollte.

    InselbewohnerInnen, TäterInnen Zumal ich mir nicht vorstellen kann dass zur Ausrottung = Tötung dieser Tiere Frauen in gleichem maße beteiligt waren. Warum dann die hervorgehobenen Geschlechter. Mann Frau.

  5. julia sagt:

    Putzig, Herr DDr., wir sind es ja schon gewohnt, dass die Physiker uns die Welt erklären wollen, aber nun auch noch den Theologen die Bibel? Vielleicht hättest Du am Sonntag lieber beim Fest noch ein Stück Sachertorte essen sollen statt griesgrämig am PC zu sitzen und mal wieder mißzuverstehen!

    Denn was soll mit der Bergpredigt nichts zu tun haben? Der von Dir zitierte Satz mit der Wange steht genau dort. Das ist die (gesellschafts-)politische Strategie des historischen Jesus von Nazareth, die ein Ende der Praxis der Blutrache propagiert. Die Bergpredigt stammt aus der sogenannten Logienquelle, einer mündlich überlieferten Quelle, die am historischen Jesus von Nazareth sehr nahe dran war und die keine Passions- oder Auferstehungsberichte kennt. Dh: was dort steht, muss von der Aufstehungsgeschichte getrennt betrachtet werden. Die Bergpredigt paßt sehr gut in die politische Situation der Zeit, und der historische Jesus hat sich darin eindeutig positioniert, und zwar *gegen* den aktiven Kampf mit Waffen. Zu Recht, wie die Geschichte Palästinas zeigt.

    Das hat inhaltlich und quellenmäßig rein gar nichts mit dem zu tun, wovon Du zuletzt schreibst, nämlich dem Kreuzestod Jesu. Die Berichte über Passion und Auferstehung des kergymatischen Jesus enthalten keine politische Strategie oder Handlungsanweisung, sondern nur eine rein theologische Botschaft. Der Tod Jesu war zutiefst unpolitisch. Kein Märtyrertod, kein Justizirrtum, kein Bauernopfer. Sondern vom AT her verstanden stellvetretendes Leiden, „zur Erlösung für viele“. Die Selbstopferung Gottes als Ende aller Opfer.. (Niemand hat das besser verstanden als Thomas Mann in „Joseph und seine Brüder“.) Diese Geschichte ist einmalig und unwiederholbar und daher auch nicht zur Nachahmung anempfohlen.

    Und gescheitert? Das haben damals vielleicht ein paar politische Eiferer auch gedacht. Aber nicht doch. Immerhin hat er eine bis heute erfolgreiche Truppe hinterlassen. Mit leuchtenden Beispielen. Francesco d’Assisi (trotz allem Kitsch, der dort heute ist), Thomas Müntzer, Albert Schweitzer, Paul Schneider, Dietrich Bonhoeffer, Leonhard Ragaz, Martin Luther King sind nur einige davon. Deren Fußvolk bis heute mitunter gar nicht so schlecht ist (das mag vielleicht in Wien anders sein). Aber à la longue: das müsst Ihr denen erst mal nachmachen.

    Man muss sich ja nicht grad mit Jesus Christus vergleichen. Sich ans Kreuz schlagen zu lassen ist keine Option (und auch nicht so gedacht). Die Anweisung der Bergpredigt ist ganz klar der aufrechte Gang, Deeskalation, Einstehen für Recht und Gerechtigkeit. Das ist nach wie vor aktuell. Wer weiß, vielleicht ja sogar in Österreich 2013. Glück auf dazu.

  6. Konrad sagt:

    Mich fasziniert immer wieder, dass so viele Leute es schaffen von bestimmten Interpretationen überzeugt zu sein. Es mag durchaus historische Bezüge geben, die die eine oder andere Interpretation nahe legen. Aber von Sicherheiten kann deswegen noch langte nicht gesprpchen werden. Vor allem müssen Texte ja nicht unbedingt eindimensional gemeint sein.

    Und Martin ging es offensichtlich auch nicht um eine historische Beleuchtung von Geschehnissen, sondern anscheinend hauptsächlich um die Feststellung, dass wir uns nicht erwarten dürfen verschont zu werden, bloß weil wir selbst keine Gewalt anwenden.

    Ich verstehe sein Argument so, dass wir nicht nur gewaltfrei auftreten müssen, sondern auch gleichzeitig dafür sorgen müssen, dass die Öffentlichkeit deutlich die Unangemessenheit und Ungeheuerlichkeit der Gegenposition begreift und missbilligt. So lange die Öffentlichkeit nichts von dem Geschehen mit bekommt oder den Eindruck hat, dass die Maßnahmen gegen uns gerechtfertigt sind, wäre es fatal Angriffe über uns ergehen zu lassen. Üblicher Weise werden das dann nämlich bloß erfolgreiche Vernichtungsschläge.

  7. Roland sagt:

    Stimmt, sich kreuzigen lassen, kann kein Vorbild sein.

    „Wenn du auf die rechte Wange geschlagen wirst, halte die linke hin“ , heißt es eigentlich, und muss emanzipatorisch und rebellisch interpretiert werden (aus der Befreiungslehre wurde erst durch die Staatskirche ein Herrschaftsinstrument.) Auf die rechte Wange, also mit dem Handrücken der rechten Hand, wurden Sklaven geschlagen. Auf die linke Wange, also mit der Handfläche der rechten Hand, wurden freie Menschen geschlagen.
    Übersetzt: Wenn du von arroganten Arschlöchern wie der letzte Dreck behandelt wirst, lass es dir nicht gefallen, lass dich nicht viktimisieren, fordere sie öffentlich auf gleicher Augenhöhe zur Rechtfertigung, gewaltfrei aber kämpferisch, walk tall!

  8. Martin Balluch sagt:

    Nein, Julia, das hast Du ganz falsch verstanden, das hat mit der Bergpredigt gar nichts zu tun. Der Typ wurde ja vom Staat hingerichtet und das Volk hat seine Hinrichtung gefordert, dem seine Strategie kann kein Vorbild sein, die ist ja völlig gescheitert und war politisch sehr unklug.

  9. julia sagt:

    Hach so ein Blödsinn, das hat mit dem Leben nach dem Tod gar nix zu tun.

    Die Intention der Bergpredigt ist in in diesem Satz eine rein irdische Zweckbestimmung, nämlich die archaische Regel Zahn um Zahn zu korrigieren, weil Palästina in dieser Zeit in einer hoffnungslosen poliischen Situation war und der Partisanenkrieg, den 40 Jahre später einige begannen, zu der bekannten Totalkatastrophe führte, mit der Zerstörung des Tempels und der gänzlichen Auslöschung der Existenz des Staates. Sie ist nichts anderes als die Aufforderung zur gewaltfreiheien Neuorientierung als Alternative zum bewaffneten Kampf.

    Denn was wärem wenn die Steller’sche Seekuh sich gewehrt hätte? Dann wäre sie eben nur ein wenig später dran gewesen!

    Ähnliches hab ich als Kind oder noch als Teenager im Hinblick auf die Indianerstämme Nordamerikas auch immer gedacht: Wenn sie sich – wie Tecumseh von den Großen Ratsfeuern plante (bis sein Bruder den Plan zunichte machte) – zusammengetan hätten und die Euopäer ins Meer zurückgetrieben … Aber nachdem ich gerade in letzter Zeit die Indianerkriege und ihre Chroniken neu lese, wird mir nicht nur bewußt, wie hoffnungslos die Situation der Indianer von Anfang an war, sondern auch, dass die Weitsichtigeren unter ihnen es schon lange gewußt hatten, und es für sie nur um die Frage ging, kämpfend oder wehrlos unterzugehen, oder zu versuchen sich für die eigene Lebenszeit möglichst zu arrangieren. Einige, die sich für ersteres entschlossen, gehören heute noch zu meinen Helden, wie Geronimo, Crazy Horse und andere. Die hatten damals zwar auch Sympathisanten unter den weißen Amerikanern, aber ihre Zeit war unwiderruflich abgelaufen.

    MIt der Tierrechtsbewegung kann man das nicht vergleichen. Ihre Zeit fängt gerade erst an! (Und weil genau aus diesem Grund heute abend ein weiteres Vernetzungstreffen stattfindet, verfüge ich mich jetzt wieder rasch in die Küche.)

    PS. SeefahrerINNEN? Halt ich für ein Gerücht. Netter Buchtip:
    Bernd Roling, Drachen und Sirenen:
    Die Rationalisierung und Abwicklung Der Mythologie an Den Europäischen Universitäten.
    Brill Academic Pub, 2010 – 816 Seiten
    „What kind of being did a sailor see, when he was confronted with a mermaid? A demon, a fairy, a monster, or only an extraordinary marine mammal? Transmitted by the tradition of ancient natural history the European universities faced many creatures belonging to natural science as well as to mythology, which still could be observed throughout the world. While medieval sholarship treated those beings as subjects for demonology, early modern scholars started to rationalize the sirens and satyrs and developed new models of explanation. Throughout hundreds of academical disputations the debate on hybrid creatures can be followed up to the time of Linné and Buffon and the zoological classifications of the 18th century.This study reconstructs the discussions of hybrid creatures as part of the Early Modern change of paradigms and the longue durée of ancient and medieval natural history with the help of five examples, sirens, satyrs, giants, pygmies, and dragons.“

  10. Martin Balluch sagt:

    Wenn man nicht an ein Leben nach dem Tod glaubt, in dem man dann belohnt wird, scheint mir das keine gute Strategie, solange sie nicht die AngreiferInnen besänftigt sondern nur bestärkt. Für Stellers Seekuh wäre es wahrscheinlich besser gewesen, sie hätte die Boote der SeefahrerInnen zertrümmert. Oder noch besser: sie hätte den Menschen nicht trauen sondern beim ersten Anblick abhauen sollen!

    Und ich empfehle allen, die gewaltfreie Blockaden durchführen wollen, das nur mit Sympathie der Gesellschaft und im Blickfeld der Öffentlichkeit zu tun.

  11. julia sagt:

    Und was ist die Moral von der Geschicht? Ist es etwa zielführender, sich gegen eine Übermacht zu wehren? Unter den Indianerstämmen Nordamerikas wurden die kriegslustigen ebenso vernichtet wie die friedfertigen. Interessanterweise sind diejenigen, die am zahlreichsten überlebt haben und auch ihre Kultur am unversehrtesten bewahren konnten, ausgerechnet die Navajos, deren Kultur den Gedanken der Rache wie insgesamt den an vergangenes Leid explizit verbietet – und so in beneidenswerter Weise in der Gegenwart und für die Zukunft lebt.

    Die Bergpredigt ist übrigens ihrer Aussageabsicht nach kein Lehrbuch für Widerstand in der Demokratie. Vielmehr war sie in ihrer Zeit die moderne Alternative zu einer archaischen Kultur der Blutrache. In diesem Sinn ist sie von der Haltung der Navajos gar nicht so weit weg.

    Ein paar Verse vor der Geschichte mit der Wange steht etwas, das die Zuhörer jeden Konformismus entschieden ablehnen heißt:
    „Ihr seid das Salz der Erde. Wenn das Salz seinen Geschmack verliert, womit kann man es wieder salzig machen? Es taugt zu nichts mehr; es wird weggeworfen und von den Leuten zertreten.
    Ihr seid das Licht der Welt.
    Man zündet auch nicht ein Licht an und stülpt ein Gefäß darüber, sondern man stellt es auf den Leuchter; dann leuchtet es allen im Haus.
    So soll euer Licht vor den Menschen leuchten, damit sie eure guten Werke sehen und euren Vater im Himmel preisen.“

    Salz brennt, stört, verstört; aber ohne Salz ist die Gesellschaft ein geschmackloser Brei. Und im Haus zu bleiben statt auf die Straße zu gehen und zu demonstrieren der falsche Weg. Die Gesellschaft aufzurütteln, durch das Beispiel guten Handelns, nichts anderes ist die Botschaft und der zeitlose Auftrag dieses Textes.

    Und Gewissen? Welches Gewissen? Schon in dem vielzitierten Filmbeitrag über „Agrarprofit“ zeigt sich, dass das Gewissen für ein paar Cent Ersparnis über Bord geworfen wird. Kaufen nicht sogar gewisse Veganer gelegentlich schmutzige Schokolade im Supermarkt, auch wenn Kindersklaven den Kakao pflückten mussten, Hauptsache sie ist vegan? Wo bleibt da das Gewissen? Wir alle können es nur allzugut ausschalten! Darum transportiert auch die These McCartneys von den gläsernen Schlachthäusern oder der überwindbare Carnism Melanie Joys ein irreal optimistisches Menschenbild. Nur ein Teil der Menschen ist in der Lage Mitgefühl zu empfinden, und auch das nicht immer. Für den Rest wird immer das Fressen – oder die Macht – über die Moral gehen.

    Darum ist es nicht etwa sinnlos, die andere Backe hinzuhalten und gewaltfreien Widerstand zu leisten. Im Gegenteil. Nur muss man man sich wohl drauf einrichten, dass auch auf diese geschlagen werden wird.

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