Die politische Dimension von Jugend und Alter

Revolutionär nur in der Jugend?

Revolutionär nur in der Jugend?

Die gängige Ansicht, als jüngerer Mensch ist man idealistisch und revolutionär, als älterer Mensch wird man realistisch und konservativ, scheint mehr als nur ein Vorurteil. Zwar trifft das natürlich nicht auf alle zu, aber die Tendenz ist spürbar, zumindest statistisch. Ein Grund für jeden politisch engagierten Menschen, der in die Jahre kommt, sich laufend zu fragen, wie sehr ein möglicher persönlicher Einstellungswandel mit dem Alter statt mit einer realistisch-objektiven Einschätzung der politischen Dynamik aus der eigenen Erfahrung zu tun hat. Erschreckend z.B. der Wandel eines Otto Schily von einem revolutionären Rechtsanwalt (in den 1980er Jahren haben wir als Studi-AktivistInnen ihn noch zu brandheißen Vorträgen an die Uni geladen) und Mitbegründer der Grünen zu einem extremistisch rechts-konservativen Betreiber des Überwachungsstaates als Innenminister der SPD. Schily mit 70 hätte Schily mit 50 glatt für Jahrzehnte weggesperrt.

In einem wissenschaftlichen Artikel (International Studies Quarterly, Band 50, Seite 607) wird nun die demographische Auswirkung dieser Änderung der Politik mit dem Alter analysiert. Eine vorindustrielle Gesellschaft habe eine stark ausgeprägte Alterspyramide, mit sehr vielen sehr jungen Menschen und immer weniger Personen, je älter sie werden. Die Industrialisierung einer Gesellschaft hat nun zunächst zur Folge, dass die Kindes- und Jugendsterblichkeit stark zurückgeht. Dadurch entsteht ein großer Überschuss an jugendlichen Erwachsenen und das mittlere Alter steigt an. Es bildet sich ein „youth bulge“.

Laut diesem Artikel hat nun der youth bulge die Auswirkung, die Gesellschaft durch den revolutionären Idealismus der Jugend zu destabilisieren. Einerseits sei das ein Nährboden für Revolution und Krieg (so wie in Nazideutschland und der französischen Revolution, und jetzt im Arabischen Frühling), andererseits aber auch für technologische Innovation und Wirtschaftswunder (wie in Japan nach dem 2. Weltkrieg und in den „tiger economies“ in Asien). Mit jedem Prozent mehr Jugendlichen steige die Gefahr gewalttätiger Konflikte um 4%, wenn über 35% der Bevölkerung junge Erwachsene sind, dann sei die Gefahr des Ausbruchs gesellschaftlicher Gewalt um 150% größer.

In der weiteren Entwicklung der Industrialisierung einer Gesellschaft wird die Vermehrung stark eingeschränkt und der youth bulge wandert langsam ins Alter. Die Folge sei eine Stabilisierung der Demokratie. Das sei der Grund, warum Tunesien mit einem mittleren Alter von 29 Jahren die Revolution zu einem stabilen Zustand geführt habe, während Ägypten mit einem mittleren Alter von 24,4 Jahren nicht zur Ruhe kommt und Syrien mit einem mittleren Alter von 21,9 Jahren noch einiges vor sich habe. Vorhergesagt wird, dass sich durch die demographische Verschiebung bis 2050 auch in der arabischen Welt eine Demokratisierung einstellen werde.

Gleichzeitig mit dieser Demokratisierung würde aber die demographische Verschiebung zu einem höheren mittleren Alter auch die Wirtschaftsentwicklung bremsen. Das würde man jetzt an China sehen, mittleres Alter 34,6 Jahre, und das sei bereits in Japan und Europa mit einem mittleren Alter um 44 Jahren eingetroffen. Selbst dass die USA (mittleres Alter 37,1 Jahre) kriegslüsterner ist als Europa, sei aus den jeweiligen youth bulges abzulesen.

Natürlich ist die Altersstruktur nicht der einzige Parameter für den Zustand einer Gesellschaft, aber einen Einfluss auf die gesellschaftliche Entwicklung dürfte sie schon haben.

2 thoughts on “Die politische Dimension von Jugend und Alter

  1. susanne v. says:

    Revolutionär und kriegslüstern sind aber 2 Paar Schuhe.

  2. BaronVonMerkens says:

    Sehr interessanter Artikel!

    Werd mir beizeiten die Studie via Wiley besorgen.

    Grüße

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