Ein Ethik-Kodex für die Jägerschaft

Auf der jagdlichen Fachtagung in Stainz in der Steiermark im November 2015 forderte Rudolf Winkelmayer einen Paradigmenwechsel in der Jagd. Ausgelöst dürfte diese Ansicht durch mehrere Faktoren sein. Da ist einerseits der Umstand zu nennen, dass die heutigen Jagdgesetze nicht nur keinen Tierschutz kennen, die Ausübung der Jagd ist sogar aus dem Tierschutzgesetz explizit ausgenommen. Zwar könnte man die geforderte Weidgerechtigkeit als eine Art von Tierschutz ansehen, doch trifft das in weiten Bereichen nicht zu, wenn nur auf laufende Hasen und fliegende Vögel geschossen werden darf. Das mag den Tieren eine bessere Chance zu entkommen geben, aber die Jagd sollte ja nicht eine Art Wettbewerb auf Kosten der Tiere sein. Auf bewegliche Ziele zu schießen erhöht jedenfalls die Wahrscheinlichkeit, nicht genau zu treffen, und damit die Verletzungsgefahr.

Ähnlich ist es bei der Ökologie. Die massive Fütterungshege, die in Österreich weit verbreitet ist, hat Überpopulationen zur Folge, die das Ökosystem Wald schädigen. Das weiß man zwar schon lange, aber die Gier nach Trophäen und vielen Abschüssen behält offenbar die Oberhand. Dazu kommen noch die Gatterjagd und das Aussetzen von gezüchteten Vögeln für die Jagd, und schon ist leicht zu verstehen, warum ein Paradigmenwechsel nottun könnte.

Victoria Kickinger ist Jägerin. Im November 2013 fand ebenfalls eine jagdliche Fachtagung in Stainz statt, auf der sie ihre Idee eines Ethik-Kodex – den Corporate Governance Codex für die Jägerschaft – vorstellte. Er ist in Zusammenarbeit mit zahlreichen JägerInnen entstanden und findet, so hört man, breite Zustimmung. Er wurde nun 2016 etwas adaptiert und ist im Internet abrufbar (http://jaeger-kodex.webnode.com/).

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Ich finde die Idee eines Ethik-Kodex für die Jägerschaft spannend. Damit gelingt es vielleicht, die feudaljagdlichen Altlasten abzuschütteln. Besonders bemerkenswert ist die Feststellung, dass Tierschutz und Ökologie die Grundpfeiler einer weidgerechten Jagd darzustellen haben. Dabei wird sogar Dialogbereitschaft mit Tierschutzorganisationen eingefordert – in etwa das Gegenteil von dem, was die Landesjägerschaften momentan favorisieren. Die Orientierung an objektiv wissenschaftlichen Empfehlungen für die Jagdpraxis halte ich auch für zentral. Das praktische Problem dabei ist nur, dass die universitären Jagdinstitute samt und sonders von den Landesjagdverbänden zumindest mitfinanziert werden und daher abhängig sind.

Erfreulich deutlich distanziert sich der Kodex sowohl von der Gatterjagd, als auch von der Jagd auf ausgesetzte Zuchttiere. Das wäre einmal endlich ein Fortschritt, der wirklich höchst an der Zeit ist. Und es gibt Distanzierungen vom Schuss auf nicht-wildernde Haustiere, vom Gebrauch von Alkohol bei der Jagd, vom Jagdlobbyismus, von der „einseitigen“ Trophäenjagd und von „extremen“ Fütterungspraktiken. Die letzteren beiden sind natürlich nicht genau definiert, aber immerhin wurde das Problem erkannt. Alles in allem könnte dieser Ethik-Kodex also ein wichtiger Schritt zum Paradigmenwechsel sein.

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