Feminismus und Geschlechtergleichberechtigung sind zwei verschiedene Paar Schuhe

Ich interessiere mich gerade für die Frage, ob man einem Kind die normale Schule zumuten kann oder nicht. Wäre nicht eine frei Schule besser, oder gar das Home Schooling, also der Unterricht zu Hause? Ich bin noch dabei, die Fakten zusammen zu tragen. Als Teil davon habe ich mit einer 56 jährigen Lehrerin gesprochen. Neben vielen anderen interessanten Dingen, sagte sie, dass sie zum Glück in 4 Jahren in Pension gehen kann. Sie hatte schon große Reisepläne für die Zeit danach. Und dann sagte sie, dass ein männlicher Kollege, der gleich alt sei, wie sie, und der mit ihr in derselben Schule begonnen hatte, noch 5 Jahre länger arbeiten muss, bevor er in Pension gehen darf. Nicht, dass er dafür mehr Pension bekäme. Sie fand das total ungerecht. Und der Mann auch. Hat er sich beschwert, frage ich sie, hat er z.B. eine Gleichbehandlungsbeauftragte kontaktiert oder irgendwo protestiert? Nein. Hat er nicht. Man nimmt das eben einfach so hin. Männer protestieren im Allgemeinen nicht gegen Ungleichbehandlung aufgrund ihres Geschlechtes. Warum auch immer.

Die Frauen sind da schon ganz anders. Der Feminismus zeigt es vor, wie man das macht. Aber gegen die Ungleichbehandlung von Männern engagiert er sich nicht. Feminismus ist eben nicht dasselbe wie die Forderung nach Geschlechtergerechtigkeit. Das habe ich erst kürzlich wieder bei einer Konferenz erlebt.

Es ging um freie Medien. Am Podium waren eine Vertreterin der kommerziellen Privatmedien, eine Vertreterin der freien Medien und ein Vertreter des öffentlich Rechtlichen (ORF). Die Moderatorin stellte den Diskutant_innen 5 Fragen. Eine davon war, ob in ihren Medien eine feministische Grundhaltung existiere. Seltsam, dachte ich noch. Warum nicht eine Gleichberechtigung der Geschlechter? Vielleicht dachte die Moderatorin, das sei sowieso dasselbe. Oder es ging ihr nicht um Gleichberechtigung der Geschlechter, sondern explizit um Feminismus.

Die Vorstellung der Podiumsteilnehmer_innen begann sie mit den Frauen und sagte dazu „Damen zuerst“. Dieselbe Person forderte dann eine feministische Grundhaltung. Also gibt es in ihren Augen offenbar keinen Widerspruch zwischen „Damen zuerst“ und Feminismus. Gleichstellung der Geschlechter sieht jedenfalls anders aus.

Die Vertreterin der kommerziellen Privatmedien sagte zur Feminismus-Frage, dass sie der Meinung sei, dass Teams mit höherem Frauenanteil einfach besser seien. Kein Widerspruch im Publikum. Wie wäre es gewesen, hätte sie, umgekehrt, gesagt, Teams mit mehr Männern wären einfach besser? Die Vertreterin der freien Medien meinte, in den freien Medien habe man sich geeinigt, alle nur mit weiblicher Endung statt gegendert anzusprechen. Als Beispiel brachte sie, dass es bei ihnen nur Mitarbeiterinnen und keine Mitarbeiter_innen gebe. Und kein Mann habe sich bisher „tränenreich“ bei ihr beschwert, meinte sie noch abwertend. Das sei ihr Beitrag zum Feminismus. Und der ORF? Da wurde gesagt, dass bereits 57 % der journalistisch arbeitenden Mitarbeiter_innen weiblich seien. Na hoffentlich sinds bei der nächsten Diskussion dann schon 60 %.

Seltsam, dachte ich mir. Was diesen Leuten zu Feminismus einfällt ist „Damen zuerst“, Teams mit mehr Frauen als Männern sind besser, kein gendern sondern nur weibliche Endungen, und noch mehr als 50 % weibliche Mitarbeiterinnen muss das Ziel sein.

In der Tat. Feminismus ist etwas ganz anders als Gleichberechtigung der Geschlechter. Schade, eigentlich. Wie lange sich die Männer das noch gefallen lassen?

2 thoughts on “Feminismus und Geschlechtergleichberechtigung sind zwei verschiedene Paar Schuhe

  1. Sabri says:

    Kann man einem Kind eine normale Schule zumuten? Hängt die Abwägung nicht von zwei Waagschalen ab, dem Schul- und Bildungssystem, in dem beschult wird, und dem jeweiligen Kind? Nachdem ich in drei verschiedenen Bundesländern unterrichtet habe, weiß ich, dass Kinder und Lehrer ein völlig anderes Schul-Leben haben, wenn sie nur zehn Kilometer entfernt wohnen, aber eine Bundeslandgrenze sie trennt. Aber nachdem ich Hunderte, vielleicht auch schon Tausende von Kindern gefragt habe, wie es ihnen geht in ihrer Schule, weiß ich auch, man wird niemals ein Bildungssystem finden, das für a l l e Kinder gut ist. Man muss erstmal warten, wer sein Kind eigentlich wird. Und es schadet ja auch nicht, es selbst später zu fragen.
    Der Film über Schule von Wagenknecht “alphabet. Angst oder Liebe“ öffnet einem über vieles, was Schule betrifft, die Augen.

  2. NurMensch says:

    „Männer“ fallen insb. auf durch ihren früheren Tod, durch das jahrelange Vorenthalten des Pensionsanspruches und die staatlich sanktionierten (Bundeswehr) Zwangsarbeiten – alleine durch das „falsche“ Geschlecht. Die überborde steinzeitliche Idee, jeden Menschen in Geschlechterrollen zwängen zu müssen (Mann, Frau, ..er, …innen) zementiert und fördert das bestehende System, Menschen die als Männer gedeutet werden sollen, weiterhin, kulturell und vor allem gesetzlich, (ab-)zuwerten. Zum Glück gibt es immer mehr sensible Menschen, die auch in der Sprache nicht laufend div. Bio-Merkmale raushängen lassen müssen, sei es Hautfarbe, Alter oder eben ein vermeintliches Geschlecht.

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