Mein Hundefreund Kuksi

Die Personen in unserer Gesellschaft, die ein tiefes Verständnis für die wilde, ursprüngliche Natur mit all ihren Tücken und Gefahren haben, sind dünn gesät. Doch einer davon, mein Hundefreund Kuksi, teilt meine Leidenschaft für die langen Wanderungen ohne konkretem Ziel, für die Nächte im Wald, für die weglose Wildnis abseits menschlicher Spuren. Gerade sind wir aus dem Regen zurückgekehrt, aus dem dampfenden Wald. Ein intensiver Geruch liegt in der Luft, Tannennadeln, feuchte Baumstämme, Moos. Es ist so wunderschön mit Kuksi hier heraußen zusammen zu sein.

Menschen kommen und gehen, Freundschaften versiegen, Partnerschaften lösen sich auf. Kuksi bleibt. Muss er bleiben? Sicher, wir sind nicht nur zusammengewachsen, sondern auch abhängig, in der Zivilisation er mehr von mir. Aber er ist ein selbständiges Wesen, ein Hund, der durchaus auch alleine auf Wanderschaft geht. Ich würde es merken, wenn er mich nicht mehr mag. Er könnte streiken, wie er es manchmal tut, schaumgebremst, wenn ich ein paar Tage auf einer Konferenz war und ihn zurücklassen musste, weil wieder einmal keine Hunde erlaubt waren. Doch auf seine Liebe ist Verlass. „Die einzige, die Dir noch geblieben ist“, sagte meine ehemalige Partnerin vor einigen Jahren, bevor sie ging und die Türe für immer hinter ihr schloss.

textsecure-2015-12-25-142240Weiß der Himmel, wieso er so tolerant ist. Oft muss ich tage- und nächtelang arbeiten. Er liegt ruhig neben mir, verlangt dann 16 Stunden und mehr nicht, hinaus zu gehen. Vor einer Woche eine Klettertour. Ich vergaß ihm zu sagen, dass er zu Hause wird bleiben müssen. Im Zweifel ging er mit vor die Tür. Als ihm klar wurde, was es geschlagen hatte, sackte er in sich zusammen und ging keinen Schritt mehr. Ich musste ihn zurück in die Hütte tragen. Eine sanfte Revolution, passiver Widerstand. Wie leicht könnte er mir die Knochen meiner Hand durchbeißen! Unendlich geduldig erwartete er meine Rückkehr.

In den Südkarpaten, auf den Spuren der Wölfe und Bären, ist er natürlich dabei. Vorsichtig, jederzeit bereit, Alarm zu schlagen, und dennoch immer da. Allen Menschen würde ich zutrauen, angesichts eines Bären in der Nacht vor dem Zelt Reißaus zu nehmen. Er mit seinen 34 kg Kampfgewicht stellte sich zwischen mich und das gewaltige Tier. Ich revanchiere mich bei einer Begegnung mit Herdenhunden, die uns argwöhnisch beäugen. Als sie Kuksi sehen, stürmen sie heran. Ich zücke den Pfefferspray, Kuksi bleibt mucksmäuschenstill im Zelt.

Abends bricht ein Unwetter los. Blitz, Donner, Hagel und eine Sintflut. Kuksi und ich drängen uns aneinander, unter einem Baum mit dichtem Astwerk. Er ist da, wenn ich ihn brauche. Und bricht die unendliche Traurigkeit der brutalen Realität über mich herein, kuschelt er sich an mich und leckt meine Hand.

Woher er die Kraft nimmt, so tolerant und verständnisvoll zu sein, obwohl er sicher oft vernachlässigt wird und ihn auch die Gebrechlichkeit des Alters langsam einholt. Mit 4 Jahren wurde er mit Lymphknotenkrebs diagnostiziert, hatte 14 Monate lang Chemotherapie. Das hat er alles stumm ertragen und wunderbar ins Leben zurück gefunden. Musste er damals, zur Zeit meines Tierschutzprozesses, mir zu viel meiner psychischen Belastung abnehmen? Für seine Hilfe werde ich ihm immer dankbar sein.

Ich kenne kein Lebewesen, das Kuksi in seiner sozialen Kompetenz übertrifft. Mit was für einer Gelassenheit er die Begegnungen mit Hunden auf freundliche Bahnen führt. Und erst letzten Freitag traf er mit 6 Schweinen im Lebenshof Rinderwahnsinn zusammen. Er signalisierte seine friedlichen Absichten und wich ruhig und ohne Panik den Scheinangriffen aus, bis sich alles beruhigt hatte. Schließlich konnten Schweine, Hund und Menschen gemeinsam ohne Stress im Stroh lagern. Auch die BetreiberInnen des Hofs waren beeindruckt.

Vielen Dank, mein lieber Kuksi, dass Du bist wie Du bist.

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10 thoughts on “Mein Hundefreund Kuksi

  1. Angi Klecker says:

    „Die unendliche Traurigkeit der brutalen Realität“ Was für eine stimmige Beschreibung, die tief berührt. Das hat „Weltniveau“

  2. corneliad@gmx.net says:

    Lieber Martin,

    vielen lieben Dank für diese herzzereißenden und wunderschönen Zeilen und für dieses schöne Geschenk!
    Es ist schön zu sehen, dass es da draußen auch noch andere Menschen mit dieser Intensität gibt.
    Alles Liebe für Dich und Kuksi und gaaaanz viel Kraft weiterhin,
    Cornelia

  3. Luise says:

    Ich schätze an meiner Hundefreundin Miri die gleichen Eigenschaften. Sie hat eine hohe Sozialkompetenz auch mit artfremden Lebewesen, und sie ist unglaublich geduldig, wenn ich leider mal nicht so viel Zeit für sie habe. Einfach unterwegs zu sein, macht sie glücklich und mich damit auch. So eine feste, beständige, friedliche, gelassene Beziehung zu einem anderen Wesen zu haben, ist wirklich ein großes Geschenk.
    Alles Gute für Euch beide weiterhin!

    PS Auch meine Hundefreundin wird seit Jahren vegan ernährt. Danke für Deinen Artikel zu den „veganen Hunde-Genen“.

  4. Lieselotte says:

    auch ich bin eine grosse Tierfreundin

  5. Anonymous says:

    sehr berührender Text!!

  6. Renz Verena says:

    Auch mich hat diese Liebeserklärung an den treuesten Freund des Menschen berührt!
    Unaufhaltsam liefen die Tränen und ich dachte an meinen geliebten Hundefreund, der nur 13 Jahre alt geworden ist.

  7. Sebastian Ortner says:

    Also erstmal wollte ich auf diesen Blogeintrag gar nichts schreiben, weil er ja sehr persönlich ist und über das öffentlich digitale Medium möchte ich nicht über intimes reden.
    Aber es würde mich sehr freuen wenn wir uns mal treffen. ich wandere ja auch gerne Ziellos im Wald, viel lieber eigentlich als mit Ziel, nur erlaubt mir mein Leben derzeit nicht so etwas, bzw. nur stark begrenzt.

    So, aber Du schreibst ja auch wieder über die Tier-Mensch Beziehung in diesem Eintrag und zeigst dich auch verwundert, wieso er alles toleriert. Dies ist, so finde ich, ja wirklich bemerkenswert und „unique“ an der Mensch-Hund Beziehung und schön zu erfahren. Das ist sicher nicht so in der Mensch-Mensch Beziehung, was aber dadurch auch oft die Chance mit sich bringt sich zu verändern, mit neuen PartnerInnen neue Seiten zu leben, andere Fehler zu machen und so zu wachsen, was evtl. in der begrenzten Lebensspanne des Menschen, als persönlcihe Weiterentwicklung der Persönlichkeit, vielleicht nicht möglich wäre.

    Schön finde ich, dass Du sagst, das eine Beziehung in der der Kontakt nicht abbricht für dich so wertvoll ist und du dafür so dankbar dem Kuksli gegenüber bist. Das hat mein herz irgendwie voll höher schlagen lassen beim lesen.
    Parallel schreibst Du ja aber auch, dass Du dich oft absichtlich aus Kontakten zurückziehst in die Abgeschiedenheit. Ein interessantes immer widerkehrendes Thema in deinem Blog.

    Danke dir, dass Du die Offenheit hast so viel Einblick auch in dein Leben zu gewähren und für die netten Fotos. Ich glaube ich erkenne im ersten die Wiese in der Nähe des lainzer Tiergarten oberhalb Hütteldorfs wieder. Ich war dort viel mit meinem Hund und dank dieses Fotos sind bei mir schöne Erinnerungen daran wieder hochgekommen.

    Mikrobe 1 over n out

    guads Nächtle

  8. Doris Mundinger says:

    Danke für die wunderbaren Zeilen über und mit Kuksi. Wenn auch alle Hunde gute Freunde oder Kumpels sein können, so finde ich, dass es immer wieder die besonderen Wesen gibt, mit denen man unendlich stark zusammenwächst und die man nur bewundern kann. Und wer sein Tier genau beobachtet und ihm seine Freiheiten lässt, dann können starke Erfahrungen gemacht werden, zu denen diese Tiere in der Lage sind. Ich liebe sie und auch in meiner Familie waren sie immer nur eigenständige Partner. Ich muss mir das Buch über Kuksi kaufen. Ich habe im Übrigen auch über einen meiner letzten geliebten Hunde ein Büchlein geschrieben, bei Amazon erhältlich unter „Afra, der weiße Juwel“. Aber ich muss sagen, dass meine Liebe allen Tieren gilt, meine seelische Not den gequälten!

  9. Ich erlebe es, Tag für Tag, diese Selbstverständlichkeit eines Miteinander, das keine Enttäuschung nachträgt, kompromiss- und rückhaltlos. Warum ist es so? Ich denke, es ist, weil diese vierbeinigen Freunde etwas können, was wir längst verlernt haben – sie bleiben, sie sind, im Moment, einfach, ganz einfach, nur leben, da-sein, be-stehen, atmen. Wie viele von uns machen Kurse und Yoga und Autogenes Training und was weiß der Teufel was noch alles, bloß um das zu können, was der Hund an unserer Seite ganz selbstverständlich macht – er ist mit mir da, und es ist gut. Ganz gleich was vorher war, ganz gleich was kommt, es ist der Moment der zählt. Sonst gar nichts. Ganz instinktiv, ganz richtig, ohne Ratgeber oder Einflüsterungen, folgend dem, was das innere sagt, ohne jeden Zweifel, ohne Verstellung – es ist Liebe in Reinheit, wie es den meisten Menschen nicht möglich ist. Deshalb bin ich auch überzeugt, nein mehr, ich erfahre es, je mehr ich bereit bin mich einzulassen, dass meine vierbeinigen Gefährten mir in all den Dingen weit überlegen sind. Doch sie sehen deshalb nicht auf mich herab. Sie nehmen mich so wie ich bin. Fraglos. Einfach so. „Es ist, was es ist, sagt die Liebe“

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