Polizeihunde – Ausbildung zur Kampfmaschine?

In einem Printartikel im Kurier, in dem von Cesar Millans Auftritt in der Wr. Stadthalle berichtet wird, findet sich ein Foto eines WEGA-Chefs und eines Polizeihundekommandanten, die beide Millans Umgang mit Hunden gutheißen. Ich habe das kritisch kommentiert, zumal Polizeihunde ja dazu dressiert werden, auf Befehl blindlings Menschen anzugreifen und ihre Dressur daher offensichtlich nicht sehr freundlich erfolgen kann. Dazu schrieb uns ein anonymer Mensch sehr aufgebracht, dass wir keine Ahnung von Polizeihunden hätten, dass diese in Wirklichkeit sehr tierfreundlich behandelt würden und dass nichts daran auszusetzen wäre.

Nun, zugegeben, ich habe keine persönliche Erfahrung aus erster Hand von der Dressur von Polizeihunden, auch wenn mir schon einiges davon zu Ohren gekommen ist. Aber ich habe, vermutlich im Gegensatz zu diesem anonymen Schreiber, sehr wohl einige persönliche Erfahrungen mit Polizeihunden im Einsatz.

Das obige Bild stammt aus einer Polizeiaktion im Dezember 1984 in der Stopfenreuther Au bei Hainburg, 50 km östlich von Wien. Wir hatten damals den dortigen Urwald besetzt, um seine Abholzung zu verhindern. Die Polizei kam mit Diensthunden, die sich, ohne von den BeamtInnen dazu besonders aufgehustet worden zu sein, einfach in friedlichen, passiven AktivistInnen verbissen, wie links im Vordergrund auf dem Foto zu sehen. Mein Eindruck damals von diesen Hunden war, dass es sich um sozial schwer geschädigte Psychokrüppel handelt, die zu Beißmaschinen abgerichtet worden sind. Ihre FührerInnen waren diesen Hunden gegenüber ungeheuer dominant und brutal.

Später, bei einer Kundgebung gegen ein Tierversuchslabor, hetzte ein Polizist einen Polizeihund auf mich. Ich lief gerade davon, da ließ dieser Mann den Hund einfach ohne Beißkorb von der Leine und er verbiss sich in mein Gesäß. Auch da war das Verhalten völlig unnatürlich und überhaupt nicht normal. Der Hund ließ nämlich einfach nicht los, egal ob ich ihn bedrohte oder gar geschlagen hätte. Kein normales Tier würde so völlig hirnlos und ohne Rücksicht auf die eigene Sicherheit agieren. Ich stopfte dem Hund damals meinen Pullover in den Mund, um seine Zähne auseinander zu bekommen, aber hätte ich ihm die Augen eingedrückt oder mit der Faust den Schädel eingeschlagen, wäre er in treuem Diensteifer einfach zugrunde gegangen. Das nenne ich eine Beiß- oder Kampfmaschine. In jedem Fall hat er mich schwer verletzt, ohne dass ich ihn oder sonst irgendjemanden vorher bedroht hätte. Sozial gut integrierte Wesen machen so etwas nicht.

Meine persönlichen Erfahrungen mit Polizeihunden zeigen also, dass diesen Tieren ganz offensichtlich jede Persönlichkeit und jedes eigenständige Denken genommen wurde. Sie sollen ohne Rücksicht auf eigene Verluste einfach Befehlen gehorchen, Menschen angreifen, sich in sie verbeißen und unter keinen Umständen loslassen. Solche Kampfmaschinen werden natürlich unberechenbar – was, wenn der Schalter zum falschen Zeitpunkt umgelegt wird? Kein Wunder, dass kürzlich wieder einmal berichtet wurde, dass ein Polizeihund zu Hause ein Kind totgebissen hat. Also muss man sie mit Gewalt unter Kontrolle halten. Sozial angepasst und verträglich, geschweige denn emotional intelligent und mitfühlend, können solche Wesen nicht mehr sein.

Hunde sind doch wie Menschen. Wenn man Menschen nämlich brutal dominiert, ihnen beibringt, auf Befehl und ohne eigenständiges Denken blindlings Gewalt auszuüben und Autoritäten niemals zu hinterfragen, dann werden sie genauso. Sie funktionieren, sind aber tickende Zeitbomben, müssen also ständig weiter mit Gewalt unter Kontrolle gehalten werden. Wenn es einmal in ihnen durchbricht, können sie ohne jedes Mitgefühl die schlimmsten Gewalttaten begehen. Die Geschichte des Dritten Reichs liefert dafür zahlreiche Belege.

Diesem Teufelskreis kann man nur entgehen, wenn man Menschen und Hunde zu selbständig denkenden, soziale kompetenten Wesen heranwachsen lässt, die eben nicht Befehlen blindlings gehorchen. Wesen, die ihre Umwelt verstehen lernen, die Eigenverantwortung übernehmen. Das sind dann Wesen, auf die man sich verlassen kann und die nicht mehr von Autoritäten instrumentalisiert werden können. Das gilt für Menschen gleich wie für Hunde.

5 thoughts on “Polizeihunde – Ausbildung zur Kampfmaschine?

  1. Luise says:

    Ich habe auch schon Hundeinsätze bei Demonstrationen erlebt, es war kaum mitanzusehen. Die Hunde waren permanent gestresst, total reizüberflutet, bekamen keine Verschnaufpause, konnten sich nicht auf ihrer FührerInnen konzentrieren, wurden am Halsband gewürgt, mussten den hohen Lärmpegel der Demo ertragen und waren natürlich in Gefahr – Sie könnten von DemonstrantInnen beworfen oder verletzten werden. Obwohl die Hunde nicht gut kontrolliert werden konnten, haben die FührerInnen sie ohne Maulkorb geführt, um die Demo einzuschüchtern und damit Verletzungen bei ZivilistInnen riskiert.
    Genau so bei Polizeipferden – es ist nicht ok, sie dem Stress und den Gefahren auf Demonstrationen auszusetzen.

  2. Nina says:

    Lieber Martin,
    beim stöbern auf deiner Seite fiel mir dieser Artikel auf. Ganz in meiner Nähe wurden vor ein paar Tagen mehrere Hundeführer vom Dienst suspendiert – wegen brutaler Ausbildungsmethoden an Diensthunden und unerlaubtem scharfmachen!
    Diese gehören dem Polizeipräsidium Münster sowie einem PP in Köln an.
    LG Nina

  3. Eva Windisch says:

    Schrecklich – arme Hunde…zu Kampfmaschinen gebrochen.

  4. Gabriela says:

    Hi Martin ! Dein Artikel über Cesar Milan ist super Klasse geschrieben. Das was ich hier über Polizeihunde lese, damit bin ich jedoch nicht ganz einverstanden. Natürlich sind Diensthunde so ausgebildet, dass man sie nicht einschüchtern kann und auch mit Schlägen oder egal was nicht los bekommt – ist ja wohl das Ziel, um den Verbrecher auch zu kriegen und der Hund darf sich da nicht beinflussen lassen, da sonst würde er keinen Verbrecher festhalten können und jeder Verbrecher wird abhauen. Nun es heisst aber nicht, dass der Hund kein Hirn mehr hat. Er muss gerade sehr viel selbständigkeit zeigen, wenn er gebäuden durchsuchen muss und sein ziel nicht verlieren darf, auch wenn ihm katze, oder läufige hündin oder was unterwegs begegnet. Ich beobachte ausbildung von solchen hunden und bin sehr positiv überrascht, dass ( zumindest bei uns ) sehr positiv gearbeitet wird, sogar viel schöner gearbeitet wird, als bei manchen sporthunden, die für jeden preis die höchstpunkte in den prüfungen bringen sollen. Nun trotzdem gibt es überall schwarze Schafen. Manche werden über wehrtrieb gearbeitet, manche nur über Beute und später zusätzliche belastung . Auch nicht ausgebildete Hund kann aus Angst oder Teritoriumschutz, oder einfach weil sich jemand falsch verhällt nach vorne gehen und solcher ist dann für mich gefährlicher, als ausgeglichener Diensthund, der nicht nur gewisse Härte hat, aber auch die dazu gehörige Gehorsam wieder loszulassen, wenn die Handschellen an den Händen sind. Und nun gibt es halt Rassen, die gewisse schutzeigenschaften mitbringen, ohne sie zu fördern. Mein erste Schäfi wurde nie so ausgebildet, trotzdem würde er beschützen, wenn mich eine angreifft, oder wenn fremder über unser zaun klettert. Problem kommt erst, wenn er nicht das „aus“ lernt .

  5. Luise says:

    Seit wann ist es erst ein Problem, wenn der Hund nicht loslässt? Es ist schon ein Problem, sobald der Hund zubeißt! Das kann zwar gerechtfertigt sein (zumindest aus Sicht des Hundes), aber solch ein Verhaltens sollte wohl um jeden Preis vermieden werden, um Menschen und den Hund selbst zu schützen. Auch rechtlich ist es so, dass Dein Hund nicht beißen darf, nicht einmal einen Einbrecher. Auch wenn Menschen durch Provokation eine Mitschuld tragen können, haftest Du für Verletzungen, die Dein Hund verursacht.

    Da kann man sich auch nicht mit der Rasse herausreden – Mein Hund beißt eben, weil er ein Schäferhund ist, wie bitte?! Mal davon abgesehen, dass es bereits wissenschaftlich widerlegt wurde (http://www.nationalcanineresearchcouncil.com/news/swedish-study-found-no-link-between-modern-breeds-and-their-traditional-work), wäre das auch keine Entschuldigung, sondern sollte Anlass geben, an dem Problem zu arbeiten für die Sicherheit aller.

    Zurück zu den Polizeihunden, egal durch welche Methoden, einem Tier beizubringen, andere zu verletzen und das eigene Wohl zu vernachlässigen, ist bereits unmoralisch! Ich bin generell gegen den Einsatz von Hunden zum Nutzen des Menschen, aber wenn überhaupt, wäre nur der Einsatz von Rettungs- und Spürhunden vertretbar, aber doch nicht von Hunden, die andere verletzen sollen und selbst Verletzungen in Kauf nehmen sollen.

    Ich habe selbst schon von Leuten gehört, die in dem Bereich Erfahrung haben, dass es sich bei „Schutzhunden“ meist um Angstbeißer handelt, d.h. die Hunde sind nicht zuverlässig und wurden nicht mit Spaß an der Sache trainiert!

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