Schlachthöfe – soll das zivilisiert sein?

TEDTalkAndrasForgacs

Andras Forgacs begann seine Wissenschaftskarriere mit der Gründung einer Firma zur Herstellung von menschlichem Gewebe im Labor für Anwendungsbereiche in der pharmazeutischen Industrie. Eines Tages wurde er gefragt, ob er nicht auch tierliches Gewebe wie Leder in seinem Labor herstellen könnte. Also gründete er mit seinem Vater die Firma Modern Meadow, die jetzt tierliche Hautzellen billionenfach vermehrt und zu künstlichem Leder zusammensetzt.

Forgacs geht die Frage nach tierlichen Produkten analytisch an. Aus was besteht Fleisch oder Leder? Aus Tierzellen, die in gewisser Weise miteinander verbunden sind. Diese Tierzellenkonstrukte kann man nun herstellen, indem man leidensfähige Lebewesen züchtet, hält und tötet, oder indem man den Umweg um das bewusste Leben abkürzt und die Zellen in Reaktoren vervielfältigt und selbst zusammenfügt. Soll das, fragt Forgacs und zeigt auf das Foto eines Schlachthofes mit an den Hinterbeinen aufgehängten Rindern, soll das zivilisiert sein? Soll das eine moderne und vernünftige Form der Produktion von Tierzellstrukturen sein?

Nein. Bei der Erzeugung von Wein, Bier oder Joghurt würden wir bereits heute allgemein akzeptiert Zellkulturen entwickeln und zur Nahrungsherstellung verwenden. Warum nicht auch für Fleisch und Leder oder andere Tierprodukte? Würde man Kinder durch einen Schlachthof führen, um ihnen die Erzeugung von Tierprodukten näher zu bringen? Wäre da eine Produktionsstätte, die einer Brauerei ähnelt aber Fleisch produziert, nicht viel mehr dem Bildungsideal entsprechend? Was sagt das, wenn wir nicht nur vor den Kindern sondern vor der gesamten Öffentlichkeit die Herstellungsart unserer Produkte verheimlichen müssen!

Andras Forgacs hat sich zunächst auf die in-vitro Erzeugung von Leder konzentriert. Im Gegensatz zu in-vitro Fleisch, meint er, wäre bei Leder mit viel weniger Abneigung in der Bevölkerung zu rechnen. Leder aus dem Bioreaktor – warum nicht? Vielleicht ließe sich dadurch eine Türe öffnen, die letztlich den Weg eröffnet, alle Tierprodukte durch in-vitro Erzeugung ohne Tiere zu ersetzen, so seine Zukunftsvision. Die Zellkultivierung solcher Produkte ist für ihn die natürliche Weiterentwicklung der menschlichen Zivilisation. Es ist sauberer, effizienter, umweltfreundlicher und humaner. Im wahrsten Sinn des Wortes: kultivierter!

Forgacs hielt im Juni 2013 einen TED-Talk, der im September online gegangen ist. Eine naturwissenschaftliche Vision für den Weg aus der Misere der Tierindustrie. Ein charismatischer Redner und 9 Minuten, die es in sich haben. 391.000 Viewers können nicht irren. Zurecht erntete er standing ovations:

http://www.ted.com/talks/andras_forgacs_leather_and_meat_without_killing_animals.html

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