Toni Hubmann und sein Zweinutzungsrassen-Hühnerprojekt

Toni Hubmanns Bauernhof in Glein bei Knittelfeld besteht schon seit Generationen. Früher waren dort auch andere Tiere, doch schon die Eltern hatten sich auf die Haltung von Legehühnern spezialisiert. Dem Standard der damaligen Zeit gemäß in Käfigen: eine konventionelle Legebatterie.

Hubmann brach aus dem Korsett der Profitmaximierung aus und experimentierte schon ab 1989 mit der Freilandhaltung, seit 1995 nach biologischen Kriterien. Mittlerweile hat er 150 ProduzentInnen unter Vertrag und ein eigenes Label, „Toni’s Freilandeier“, das man in vielen Supermärkten findet. Man kann Toni Hubmann ohne Übertreibung als Pionier der Freilandhaltung von Legehennen in Österreich bezeichnen, als Beirat hat er diesbezüglich auch die Tierschutzvereine bei der Entwicklung ihres „Tierschutz geprüft“ Siegels begleitet.

Im Jahr 2008, als die Polizei über uns TierschützerInnen und insbesondere den VGT herfiel, bewies Hubmann Zivilcourage und Rückgrat: öffentlich trat er dem VGT als Mitglied bei und kritisierte das Vorgehen der Behörden scharf. Nach unserer Entlassung aus der U-Haft lud er uns zum Sektempfang. Bis 2002 hatte der VGT noch Toni Hubmanns Freilandeier in seiner Zeitschrift „Tierschutz Konsequent“ beworben, dann wurde auf einer Generalversammlung beschlossen, zwar weiterhin deutlich zu sagen, wenn eine Tierhaltung besser als eine andere ist, aber Tierprodukte nicht mehr zu fördern. Hubmann hatte Verständnis und ließ diese Einstellungsänderung keinen Grund für eine Missstimmung sein.

Europaweit schlüpfen jährlich mehr als 300 Millionen männliche Legehuhnküken in den Brütereien, die bereits an ihrem ersten Lebenstag vergast und in den Müll geworfen werden, weil nur die weiblichen Tiere dieser hochgezüchteten Legerassen wirtschaftlich von Bedeutung sind. Auch für Toni’s Freilandeier.

Seit dem Jahr 2000 experimentiert Hubmann nun schon damit, die männlichen Brüder seiner Legehennen für die Mast zu nutzen. Allerdings nur auf seinem Hof und nicht bei den 150 Zulieferern für „Toni’s Freilandeier“. Nach einigen Versuchen mit der Einkreuzung alter Hühnerrassen bezieht er seit Dezember 2012 alle 5 Monate Eintagsküken der Lohmann Dual aus Deutschland, einer Zweinutzungsrasse. Am 26. September 2014 habe ich seinen Hof besucht und das Ergebnis gesehen. Ich kam mit einer kritischen Einstellung, wurde aber wirklich positiv überrascht.

Ich war bereits in vielen Hühnermastfabriken. Dort werden die Tiere ungeheuer dicht zusammengedrängt. Dazu wachsen sie so rasant, dass sie in 5 Wochen bereits über 2 kg wiegen. Die Dichte und das unnatürliche Wachstum bewirken, dass sich die Tiere ab der vierten Lebenswoche einfach nicht mehr bewegen. Sie sitzen nur still immer am selben Ort, während sich auf ihren Füssen, die ständig im Kot und Urin stehen, Ätzwunden bilden. Auch für die Freilandhaltung wachsen die Tiere zu schnell, sodass sie kaum in der Lage sind, auf ihre Weide zu gehen. Da ihre Lebenszeit so kurz wie möglich gehalten wird, kann eine Schlechtwetterperiode bedeuten, dass sogenannte „Freilandhühner“ für die Mast nie im Leben eine Weide sehen.

Ganz anders auf Toni Hubmanns Hof. Die Hähne dieser Zweinutzungsrasse sind sehr agil. Ich habe sie im Alter von 90 Tagen gesehen, mit einem Gewicht von 3 kg, also knapp vor der Schlachtung. Sie rannten durch die Gegend, kletterten auf den angebotenen Sandhaufen und pickten den Yaks und Hochlandrindern, mit denen sie die Weide teilen, die Parasiten aus dem Fell. Im Endstadium der Mast sind es bei Hubmann 3 Hähne pro m², konventionell dagegen 17 – und nach dem Vorhaben des Tierschutzministeriums sogar 21! Dabei betrifft das nur die Halle, bei Hubmann gibt es zusätzlich noch einen Außenscharrraum im Umfang eines Drittels der Stallfläche plus eine großzügig angelegte Weide mit Wildbewuchs. Dort rupfen die Rinder das Gras, sodass laufend neue Grünsprossen entstehen, die den Hähnen energiereiche Nahrung bieten. In den Masthallen der Tierfabriken dagegen werden nur synthetische Futterzusammensetzungen geboten, die auch noch mit Coccidiostatika und Antibiotika versetzt sind, siehe http://www.martinballuch.com/das-muessen-masthuehner-essen/.

Die Verwendung von Zweinutzungsrassen bei Hühnern wäre ein unheimlich großer Fortschritt. Nicht nur, dass die Kükentötung entfällt! Gerade für die Masthähne eröffnet sich eine völlig neue Option mit einem ungeheuren Sprung in der Lebensqualität. Doch das kostet. Der Preis pro kg Hühnerfleisch steigt im Vergleich zum konventionellen Produkt bei Hubmann um das 7-fache! Und auch für die Legehennen ist das Ganze ein großer Gewinn, mit weniger Legeleistung, einem längeren Leben und Hähnen in den Hühnergruppen.

7 Tischtennisbälle auf einen Streich (um von der speziesistischen Formulierung mit Fliegen abzukommen):
•    keine getöteten Küken,
•    gesündere Masthähne,
•    mit einem längeren Leben und der Möglichkeit zur Nutzung der Weide in Freilandhaltung,
•    Hähne in der Hühnergruppe,
•    weniger körperliche Belastung für die Legehennen durch geringere Legeleistung
•    und auch für sie daher ein längeres Leben,
•    sowie teureres Fleisch, das daher wesentlich seltener konsumiert wird!

Die Fotos zeigen die Masthähne im Alter von 90 Tagen in der Halle

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im Außenscharrraum

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und auf der Weide mit großem Sandhaufen

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Mehr Bilder und Infos: http://www.vgt.at/presse/news/2014/news20140930es_3.php

4 thoughts on “Toni Hubmann und sein Zweinutzungsrassen-Hühnerprojekt

  1. Martin Balluch sagt:

    Gary Francione ist ein religiös motivierter Akademiker ohne jede Erfahrung in der Politik und in der Kampagnenarbeit. So nett seine Elfenbeinturmstatements sind, so sehr müssen sie als das gesehen werden: abgehoben.

    Als ich im Gefängnis war erlebte ich am eigenen Leib, was Gefangenschaft bedeutet. Jede auch noch so kleine Erleichterung macht das Leben gleich unendlich besser. Selbst Zellen mit 20% mehr Platz, oder freundlicherer Ausstattung, mit mehr Licht, Pflanzen oder einem Blick auf Natur, vielleicht mit Sonne, machen einen riesigen Unterschied zu Zellen im Keller. Auslauf auf eine Wiese oder einen Betonhof oder überhaupt keinen sind total entscheidend. Als unschuldig Gefangener habe ich mich viel mehr über jene gefreut, die meine Haltungsbedingungen verbessern wollten, als jene, die die utopische Forderung hatten, alle Gefängnisse abzuschaffen oder gar nichts.

    Der Unterschied in der Lebensqualität zwischen einem üblichen Masthuhn in einer konventionellen österreichischen Tierfabrik und einem Masthahn bei Hubmann ist derartig gross, dass es in meinen Augen einer moralischen Bankrotterklärung gleichkommt, diesen Unterschied nicht öffentlich zu machen und die letztere Option zu würdigen.

  2. Karen sagt:

    Schoen, dass es den Tieren gut geht…nur das Schlachten eben….

  3. Philip sagt:

    Finde ich ur super dass Du guter Tierhaltung die gebuehrende Anerkennung gibst :)

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