Warum ich in die Steinzeit zurück will: Teil 2

Die ganze Woche habe ich durchgearbeitet, von früh bis spät. Und das jeden Tag, ohne Feierabend. Bis endlich das Wochenende kommt. Dann pack ich meinen Rucksack, nehme mein Zelt, und das Leben beginnt – bis Montag früh. Die Arbeit dient also nur dazu, mir über das Wochenende die Zeit als „Steinzeitmensch“ zu ermöglichen. Und das nur inszeniert, weil dafür die Urwälder und die menschenleeren Gegenden fehlen. Warum also nicht gleich in die Steinzeit zurück? Dann könnte ich statt der 5 Tage Arbeit pro Woche gleich die ganze Zeit leben. Wär das nicht wunderbar?

Natürlich liegts an der großen Anzahl von Menschen auf der Erde, aber auch an unserer Gier, an unserem Luxusbedürfnis, an unserer Technik und an dem Drang, sich alles so einfach wie möglich zu machen. Aber in der Steinzeit gäbe es keine Bedrohung durch Klimawandel, kein Ozonloch und keinen sauren Regen. Da wäre jedes Wasser einwandfrei trinkbar. Nirgends würde man über Müllberge stolpern. Meine Nahrung wäre im wahrsten Sinn des Wortes rein bio, kein Pflanzenschutzmittel und kein Kunstdünger, keine gentechnisch veränderten Organismen, keine Qualzuchten und keine Hormonbehandlung. Neben dem rein physischen Effekt würde mich das auch psychisch so erleichtern. Endlich nicht mehr unter der Vorstellung leben müssen, dass wir diesen eigentlich wunderschönen Planeten sukzessive zerstören!

Aber eine der größten Belastungen für mich ist die ständige staatliche Überwachung. Es beginnt ja damit, sich polizeilich melden zu müssen. In der Steinzeit fehlt dazu allein schon die staatliche Autorität, geschweige denn der fixe Wohnsitz. Seit dem Tierschutzprozess klingt der Gedanke für mich sehr erleichternd, wenn keine Macht von meinem Aufenthaltsort wüsste. Aber dazu kommen noch die Fingerabdrücke im Pass, die kontrollierten Geldflüsse über Konten oder Bankkarten, die Kameras überall, die ständige Beobachtung durch die politische Polizei, die Datenerfassung meiner Standorte und Kontakte durch das Handy. Wo kann man sich heute noch frei und sicher fühlen, wo kann man mit anderen kommunizieren oder sich aufhalten, ohne das Gefühl zu haben, dass der Feind mithört? All das wäre in der Steinzeit wie weggewischt.

Aber wie wird es mit der Überwachung weitergehen? Was hindert die staatlichen Autoritäten in Zukunft die Oberfläche der Erde flächendeckend und mit automatischer Gesichtserkennung durch Satelliten überwachen zu lassen? Jedes Mal, wenn man dann außer Haus geht, kann detailliert aufgezeichnet werden, was man tut. Und das für jeden Menschen dieser Erde. Und warum nicht gleich den nächsten Schritt, oder haben Sie etwas zu verbergen: ein Chip ins Ohr jedes Menschen bei der Geburt, der ständig die GPS-Daten des Aufenthaltsorts an eine Zentrale liefert (die Daten werden eh nur bei Verdacht abgerufen, vertrauen Sie uns) und über den die Polizei bei Gefahr sofort einen Kontakt herstellen kann. „Was machen Sie da im Jagdgebiet XY, Herr Balluch? Verlassen Sie sofort das Gelände!“ Auflegen unmöglich. 1984 von George Orwell ist Kinkerlitzchen dagegen. Ich sehe gar nichts, was diese Zukunft abwenden könnte. Meine einzige Hoffnung ist, dass ich bis dahin das Zeitliche gesegnet habe.

Vielleicht werden sich dann immer mehr Menschen in die Steinzeit zurück wünschen. Mühsam möglicherweise, anstrengend und gefährlich auch, von Zeit zu Zeit, aber frei. Frei in einer Form, wie sie heute nicht mehr denkbar ist. Wir haben unsere Freiheit verkauft und verscherbelt, um eine brüchige Form von Pseudosicherheit und von Bequemlichkeit zu erhalten. Und uns damit in Einsamkeit und Depression verloren, dazu noch die Welt zerstört und unsere Arbeitskraft der Akkumulation von Macht einzelner Konzernchefs gewidmet. Meine Gratulation!

Was war noch der große Fortschritt der Menschheit in den letzten 30.000 Jahren?

5 thoughts on “Warum ich in die Steinzeit zurück will: Teil 2

  1. Martin C. sagt:

    Den Standardsatz „Ich hab ja nichts zu verbergen.“ kann ich schon nicht mehr hören. Es braucht nur das politische System zu kippen und schon kann es jede/n erwischen. Da wird dann jeder Kommentar in Sozialen Medien etc. auf die Waagschale gelegt. Die aktuellen Geschehnisse in der Türkei sind ein gutes Beispiel dafür.

  2. Martin Balluch sagt:

    @ Gonzessa

    Eines kann ich Ihnen sagen, Gonzessa, wenn diese Form der Überwachung umgesetzt ist, dann gibt es keine Demokratie mehr. Es ist nicht möglich, sich politisch unter solchen Bedingungen zu engagieren, und wer die Macht über diese Daten hat, der hat alle im Griff, jeder Mensch wird erpressbar. In einem Artikel im New Scientist stand, dass JEDER MENSCH IM MITTEL 27 Gesetzesübertretungen pro Tag begeht. Viel Spass, wenn Big Brother dann über Ihr Schicksal entscheiden kann, und darüber, wer verfolgt wird und wer nicht. Abgesehen davon sind Big Data für die Wirtschaft sehr interessant, die Menschen werden dadurch völlig manipulierbar.

    Aber es ist wirklich erschreckend, dass es eine Person wie Sie gibt, die dieser Form der Überwachung etwas Gutes abgewinnen kann. Das geht bei der Folter auch, kann Leben retten. Na vielen Dank, wozu dann noch Menschenrechte? Eigentlich erübrigt sich damit jeder Kommentar.

  3. Gonzessa sagt:

    Ja was hatte ich anderes erwartet. Der Überwachung auch nur einen Funken Positives abzugewinnen, darüber zu diskutieren wollen, ist ein absolutes No Go und eine Provokation der Sonderklasse. Eine andere Meinung, das ist einfach erschreckend. Dass jemand daran denkt dass Kinder gefunden werden könnten, was für diese Kinder vielleicht gut ist, ist einfach erschreckend nicht wahr. Das hat natürlich wahnsinnig viel mit Folter zu tun. Glauben Sie denn allen Ernstes dass der Staat die Kapazitäten und das Interesse haben wird jeden einzelnen Menschen zu überwachen? So funktioniert Überwachung nicht. Da gibts keinen Big Brother der überall mitlauscht sondern eine computerisierte Suche nach Stichwörtern. Der Wirtschaft haben wir uns doch sowiso schon längst ausgeliefert. Unser Kaufverhalten ist längst dokumentiert. Diese Daten werden längst gehandelt. Der Aufschrei dagegen hält sich stark in Grenzen. Und, werden wir jetzt plötzlich alle von den Firmen manipuliert? Was meinen Sie überhaupt mit „die Menschen werden dadurch völlig manipulierbar“. Ich erwarte keine Antwort, denn es erübrigt sich ja jeder Kommentar, wie Sie sagen.

  4. Gonzessa sagt:

    Klar dass für Sie als Tierschützer die Überwachung ein Problem ist, aber die Mehrheit hat keinen „Feind“ der mitlauscht. Die Mehrheit ist völlig uninteressant. Alles hat ausserdem immer zwei Seiten. Wäre jeder Mensch gechippt und per GPS auffindbar gäbe es keine verschwundenen Kinder mehr. Fritzl und Kampusch Fälle wären Vergangenheit. Diese Technik kann also auch Leben retten. Nicht alles immer nur schwarz sehen.

  5. Nani sagt:

    @Gonzessa: Atombomben haben auch immer zwei Seiten. Sind sie deswegen sinnvoll? Grundsätzlich ist ein staatliches Gewaltmonopol sehr sinnvoll und derzeit jedenfalls notwendig für eine funktionierende Demokratie. ABER: Ein Staat der jederzeit alles über jeden weiß, kann jeden Bürger der dem politischen Regime unliebsam wird zerstören, durch Verdrehung von Fakten und Schaffung falscher Beweismittel. Egal ob sie Tierquäler oder Tierschützer sind, eines Tages könnte das Regime sie als politischen Feind sehen, und diese Überwachungsallmacht brutal missbrauchen.

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