Wir haben viel zu viele Almen in unseren Bergen!

Gleich zu Beginn: ich finde dieses Urteil gegen den Landwirt, dessen Kühe auf einer Alm eine Frau getötet haben und der dafür zu einer Schadenersatzzahlung von gut € 500.000 verurteilt wurde, katastrophal. Ich hoffe sehr, dass es in der nächsten Instanz aufgehoben wird. Unter den gegebenen Umständen ist es eindeutig am besten, dass die Kühe weiterhin auf die Alm dürfen, und die Wanderer weiterhin ungehindert durchgehen können. Konflikte mit Kühen, sowie Hunde als Wanderpartner, gehören in die Eigenverantwortung. Man kann ja nicht auch den Bergbesitzer wegen hinunter fallender Steine oder wegen Blitzen beim Wandern klagen. Ich will jedenfalls keineswegs, dass jemand verpflichtet wird, Steine und Blitze zu verhindern. Genauso wenig Konflikte mit Kühen. Wir brauchen mehr Eigenverantwortung am Berg.

Doch das heißt keineswegs, dass ich ein Fan von Almen bin, im Gegenteil. Wenn ich wandern gehe, dann so gut es geht so, dass ich nicht auf Almen treffe, oder wenn, dann nur, wenn die Saison vorbei ist und dort keine Tiere mehr sind. Das deshalb, weil ich die Einsamkeit und die Ursprünglichkeit in der Natur suche. Almen sind hässliche Narben menschlicher Einflussnahme am Berg. Und das nicht zuletzt auch wegen der Forststraßen, die zu ihnen führen, oft mitten durch sonst unberührte Bergwälder hindurch. Ich gehe im langjährigen Mittel etwa 100 (!) Tage pro Jahr wandern und weiß daher sehr genau, wovon ich rede.

Es gibt viele Beispiele von besonders hässlichen und zerstörerischen Almen. Am Roßkar im Hochschwab z.B. hat man erst vor ca. 30 Jahren eine Alm erschlossen. Bis dahin war das ein wegloses, einsames Kar. Zuerst fräste man eine Straße hinauf, dann legte man künstlich Wasserstellen an und baute eine Steinhütte sowie Zäune. Seither sind dort oben jedes Jahr Kühe. Mittlerweile wurden vom Roßkar aus auch die Dippelalm und die Alm auf der Bschlagstatt erschlossen. Für absolut jeden Menschen mit einem Herz für unberührte Natur ist das eine absolute Katastrophe, wie da die Berge verschandelt wurden!

Umgekehrt fällt mir z.B. die Trawiesalm am Hochschwab ein, direkt in der Nähe vom Bodenbauern. In meiner Kindheit war sie noch bestoßen, doch dann wurde sie bald aufgegeben. Noch lange stand die Hütte leer dort oben, mittlerweile ist sie völlig zusammengebrochen und verrottet. Es gehen verhältnismäßig viele Wanderer an dieser Alm vorbei. Ich bin davon überzeugt, dass die große Mehrheit froh ist, dass dieses Stück Land wieder der Natur zurückgegeben wurde.

Auf der Graualm am Hochschwab dagegen werden für 3 Monate pro Jahr sehr viele Kühe gehalten. Dort finden auch im Herbst große Treibjagden zahlender Jagdgäste auf Hirsche statt. Diese Alm wird ständig erweitert, und zwar mit Brandrodung. Die wunderschöne Latschenwildnis wird einfach ausgebrannt und oft abgesägt. Hohe Haufen von Latschenästen liegen dann zum Verrotten herum. Mir blutet bei diesem Anblick das Herz. Im westlichen Hochschwab gibt es gerade eine Bürgerinitiative gegen eine neue Forststraße, die ein Almzubringer werden soll. Die Wanderer wehren sich.

Aber in den Kalkalpen gehts uns da vergleichsweise noch gut, weil es oben kein Wasser gibt. Deshalb hält sich die Anzahl der Almen noch irgendwie in Grenzen. Anders in den Tauern zum Beispiel, in den Niederen wie den Hohen. Da wird wirklich jeder Fleck als Alm genutzt. Wenn man wandert, ist es praktisch unmöglich, nicht durch Almen gehen zu müssen. Wie hässlich das aussieht, wenn man so von einem Gipfel in die Runde blickt, und man sieht Forststraße neben Forststraße, Almhütte neben Almhütte, oft ganze Almdörfer, lauter Fahrzeuge und Kühe! Letzten Sommer war ich in Osttirol wandern und ich begann mich wirklich vor diesen stinkenden Kuhfladen zu grausen. Sie waren überall, ich muss an jedem Tag sicher 50 Mal über einen solchen Kackhaufen gestiegen sein, bis hinauf zu den Gipfeln auf 2500 m. Die Gegend ist richtiggehend zugeschissen. Zusätzlich wollen sie dort die eh schon viel zu lange Forststraße verlängern, damit die Kühe vom Tal mit dem Traktor bis zur Baumgrenze gefahren werden können. Dass dadurch der wunderschöne Bergwald völlig verschandelt wird, interessiert diese Leute wenig. Für die Schönheit der Natur dürften die keinen Blick haben.

Was wäre das Problem, wenn Almen zuwachsen? Manche sind so hoch über der Baumgrenze, dass sich dort nichts ändern wird – außer dem Stickstoffeintrag und der zertrampelten Grasnarbe, die beide ohne Kühe wesentlich besser werden. Unterhalb der Baumgrenze würde wieder eine Wildnis entstehen. Man könnte die Forststraßen auflassen, die sowieso mehrheitlich nur von faulen Jäger_innen benutzt werden, die längst nicht mehr zu Fuß, sonder nur noch mit dem Auto auf die Berge jagen gehen. Wälder haben sehr viele ganz essentielle Funktionen, die für uns und viele Wildtiere lebensnotwendig sind. Dazu gehört der Muren- und Lawinenschutz genauso, wie die Filterfunktion von Feinstaub aus der Luft, das Einatmen von Kohlendioxid und die Abgabe von Sauerstoff, sowie der Erhalt der Humusschicht am Boden mit all seiner Fruchtbarkeit und seiner Fähigkeit, Wasser aufzusaugen und zu speichern. Nichts ist schöner, als weitab von jeder Straße und jeder Alm durch einen ungestörten Bergwald zu gehen. Von mir aus können die Almen gerne verschwinden. Ich weine ihnen keine Träne nach, im Gegenteil.

Und wenn jetzt wer davon redet, dass es sich um privaten Grundbesitz handelt, der unbedingt genutzt werden können muss, dann widerspreche ich. Die Berge gehören allen und es ist unser aller Pflicht, sie in einem möglichst naturnahen Zustand zu erhalten. Wer eine Alm besitzt und den naturnahen Zustand nicht gut findet, soll sie der Allgemeinheit verkaufen. Almen sind spottbillig, oft weniger als 1 Euro pro m². Also her damit. Die Berge sollten sowieso der Allgemeinheit gehören.

Und die Gewalt beim Almauf- und Abtrieb gäbe es dann auch nicht mehr: https://vgt.at/presse/news/2018/news20181001mn.php

16 thoughts on “Wir haben viel zu viele Almen in unseren Bergen!

  1. Hugo says:

    Zum Thema Nutz-Terminologie im Kontext Klimawandel. Eine Vision 😉
    .
    Die Welt sucht seit dem Paris Climate Agreement sogenannte Geo-Engineering Lösungen, die CO2 aus der Atmosphäre speichern können. Schon vor Jahren war klar, dass wir die 1.5%-2% Erwärmung nicht nur mit Emissionsreduktion erreichen können. Es war von neuartigen Technologien die Rede, die bei Kohlekraftwerken und Kuhstählen das CO2 und Methan abfangen. Es war von Spiegelpartikel in der Atmosphäre die Rede. Keine dieser Technologien existiert oder ist erprobt. Wir haben keine 10 Jahre um zu handeln.
    .
    In Star Trek SiFi Filmen knacken wir echtes Geoengineering erst nach Lichtgeschwindigkeit und Beamen. Sogar in der SiFi Zukunft, verwenden wir nicht Maschinen um Öko-Services zu ersetzten sondern erlauben wilder, organischer Natur sich zu entfalten. Die Wirtschaft sieht eine Opportunity und verlangt trotzdem $50 Milliarden an zusätzlichen Subventionen für neue CO2 Speichermaschinen.
    .
    Es gibt seit 500 Millionen Jahren einen organischen CO2 Speicher auf der Welt. Den einzigen den wir kennen. Kein technologischer CO2 Speicher ist so effizient, keiner ist so günstig. Der Ur-CO2 Speicher ist ein Ecosystem, dass sich aus Pflanzen/Bakterien/Pilzen zusammensetzt. Diese 3 Gruppen speichern nicht nur CO2 sondern ermöglichen das restliche Leben: Luft, Wasser, Nährstoffe, Proteine, Lipide. Der Wald ist der größte und beste CO2 Speicher der Welt. Nur welcher Wald?
    .
    Ein Nutzwald mit nur wenigen Arten und vielen Almen ist keine guter CO2 Speicher. Das Methan der Kühe auf der Alm, ach was, das CO2 der Kühe, macht die Alm CO2 positiv. Wir brauchen mehr Ur-CO2 Speicher also mehr Urwald. Das geht nicht mit Elektroautos und Solar. Das geht nur durch weniger Fleisch und Milch. Mehr Wandern in der Natur ist eine gesunder und positiver Nebeneffekt des Überlebens.
    .
    Im Kontext Umwelt und menschliches Überleben, ist die Natur die wahre Nutzwelt. Vielleicht sollten wir Natur von nun an Nutzwelt nennen? Urwald sollte CO2 Speicher genannt werden. Fleisch und Milch sollten CO2 Terror-Bomben genannt werden? Momentan leben nur 4% aller Tiere in der Wildnis. Der Rest ist in Tierfabriken gefangen. Lösen wir dieses Problem, lösen wir den Klimawandel, das Artensterben, das Wandern 😉 und hätten viel mehr Budget für Jobs, Gesundheit, Ausbildung etc.
    .
    Natur = Nutzen | Fleisch = Unnütz
    Go veg = save everybody and everything

  2. Martin Balluch says:

    Zum Thema ein interessanter Beitrag von Prof. Kurt Kotrschal in der Presse:

    https://diepresse.com/home/meinung/gastkommentar/5601735/Mit-Federn-Haut-und-Haar_Staedter-brauchen-Gruen-um-nicht

    Mit Federn, Haut und Haar: Städter brauchen Grün, um nicht verrückt zu werden

    Eine Fülle an Daten zeigt, dass Stadtleben psychisch krank machen kann. Dagegen hilft nur Aufwachsen mit der Natur.

    Kurt Kotrschal
    25.03.2019 um 18:23

    Menschen sind seltsam. Zwar teilen sie mit allen anderen Lebewesen, dass sie ihre ökologische Nische selbst „konstruieren“, aber sie übertreiben darin offensichtlich. So führt der menschliche Einfluss auf die Biosphäre zum Verschwinden anderer Arten in einem Tempo, das nur mit dem verheerenden Meteoriteneinschlag in Yucatán vor 60 Millionen Jahren vergleichbar ist: In kürzester Zeit gab er nicht nur den Dinosauriern den Rest, sondern 80 Prozent der damals auf der Erde lebenden Arten.

    Nun könnte man meinen, der moderne Mensch hätte sich nach seiner Jahrtausende währenden Anstrengung als Art und Individuum endlich von der evolutionären und mentalen Herkunft aus Tieren und Natur emanzipiert. Geschafft! Endlich Geisteswesen im Sinne von René Descartes! Für diesen modernen, nahezu unbegrenzt kreativen und anpassungsfähigen Homo sapiens sapiens ist die Natur derart unwichtig geworden, dass man sie auch gleich abschaffen kann. Die Welt besteht nur noch aus intensiv genutztem Kulturland und Städten, in denen 50 Prozent der Menschheit lebt, Tendenz steigend. Damit haben sich die modernen Menschen eine zivilisatorisch noch nie dagewesene Nische konstruiert. Natur und die romantische Sehnsucht nach Wildnis war gestern. Die städtische Menschheit wird alle Probleme technologisch lösen, eine strahlende Zukunft ist ihr sicher. So die optimistischen Träume der Silicon Valley Boys, die Wirtschaft und Politik so gern mitträumen.

    Aber nichts gibt es geschenkt. So bringt das Leben in der Stadt ein erhöhtes Risiko für psychische Probleme. Ein klarer Hinweis darauf, dass es die Menschen mit ihren städtischen Nischen übertrieben haben. Sie haben einen Lebensraum geschaffen, der nicht mehr mit den grundlegenden menschlichen Bedürfnissen im Einklang steht. Schon lang ist bekannt, dass Stadtkinder, die ausschließlich mit menschlichen Artefakten, aber ohne Tiere und Natur aufwachsen, ein sogenanntes Nature Deficit Syndrome entwickeln können, das mangelnde Impulskontrolle, geringe soziale Kompetenz und eine eingeschränkte Fähigkeit umfasst, ihre Ziele zu verfolgen.

    Im Februar 2019 ist von Kristine Engemann und Kolleginnen von der Uni Aarhus, Dänemark, eine Studie erschienen, die etwa eine Million Menschen untersucht hat. Die Autoren haben gezeigt, dass Erwachsene, die bis zum Alter von zehn Jahren ohne Grün in ihrer Wohnumgebung aufwachsen, um 55 Prozent wahrscheinlicher unterschiedlichste psychische Probleme entwickeln, verglichen mit Kindern aus einer Umgebung mit viel Grün.

    Tatsächlich zeigt heute eine Fülle an Daten, dass Stadtleben psychisch krank machen kann. Dagegen hilft nur ein Aufwachsen mit Tieren und Natur, denn Grün macht offenbar resilient. Die Leute versuchen anscheinend, die Defizite des im funktionellen Sinn unmenschlichen Lebensraums Stadt auszugleichen. So steigt mit der Urbanisierung weltweit die Haltung von Hunden und Katzen. Tatsächlich „konstruierten“ die meisten der in der Stadt lebenden Menschen ihren Lebensraum ja nicht einfach entsprechend ihrer Neigungen: Sie zogen aus ökonomischen Gründen in die Stadt, gepaart mit dem Traum von Freiheit. Klar, dass bei acht Milliarden Menschen am Stadtleben kein Weg vorbeiführt. Aber auch Städter behalten ein Bedürfnis nach Natur. Dem muss daher in der Städteplanung ein Primat vor allen wirtschaftlichen und architektonischen Konzepten und Überlegungen eingeräumt werden.

    Kurt Kotrschal, Verhaltensbiologe i.R. Uni Wien, Wolf Science Center Vet-Med-Uni Wien, Sprecher der AG Wildtiere/Forum Wissenschaft & Umwelt.

  3. Hugo says:

    @Baha

    Ihnen fehlt die Vision. Würden wir um die Hälfte weniger Fleisch und Milch konsumieren könnte es 10 mal mehr Natur und Wildtiere in Österreich geben.

    Wir haben in den letzten 30 Jahren, 75% der Insekten und 50% der Vögel in Österreich verloren. Wir sollten unsere Terminologie stark überdenken oder uns werden zukünftige Generationen einen Natur Genocide vorhalten.
    .
    Die Welt in Nutzwald- und Urwald einzuteilen ist gefährlich, da der Urwald sehr viel Nutzen hat, wie essentielle Ecosystem-Services. Es geht dabei nicht nur ums “wandern”. Weniger Fleisch würde zu mehr Natur führen und wir hätten wir all mehr Platz zum wandern in der Wildnis. Der Mensch braucht nicht nur Brot (Fleisch) alleine sondern auch Wasser- Sauerstoff und und Stickstoff-Zyklen. Wir essen nicht nur sondern atmen und trinken auch. Wir benötigen nicht nur Kalorien sondern auch Nährstoffe. Gesellschaftspolitisch tun wir gerade so, als ob nur der Darm lebenswichtig ist zum Überleben und die Lunge, das Herz und das Gehirn nicht essenziell sein.
    .
    Das gleiche gilt für Kultur- und Naturlandschaften. Die Definition einer Kulturlandschaft ist, dass wir Ecosystem Services einschränken um leichter Essen anbauen zu können (wohnen macht nur 1% der Fläche aus). Warum haben wir heute solchen Druck den Ertrag zu steigern? Fleisch und Milch. 75% aller Flächen und auch 75% unserer Steuergelder produzieren nur 17% unserer Kalorien. Die Jagd ist noch ineffizienter und zerstört den wenigen Wald.

    Ertragssteigerungen einer Kulturlandschaft kommen einzig und alleine daher, dass wir die Anzahl der Arten pro Quadratmeter minimieren und somit direkt Ecosystem Services. Vor 1,000 Jahren gab es noch 100 verschiedene Pflanzen und Insektenarten am Feld, vor 100 Jahren waren es nur noch 10, heute sind es 1-3. Somit haben wir auch das Konzept eines Schädlings erfunden und geschaffen.
    .
    Könnten wir transparente (aka ehrliche) Preise für unseren Fleisch- und Milch-Konsum einführen (based on Eco-System Services und Artenvielfalt), würde sich die Fleisch und Milch Nachfrage reduzieren. Ohne Subventionen wäre die Situation schon schwierig, aber das heutige CAP fördert die direkt Zerstörung von Ecosystems. Es hätte große persönliche Vorteile für jeden das zu ändern. Mehr Budget für Jobs, weniger Steuern und mehr Gesundheit und Lebensfreude. Viel mehr Flächen könnten wieder gesundes Wasser, Luft und Nährstoffe liefern. Nach dem zweiten Weltkrieg wurden die CAP Subventionen eingeführt um sicher zu gehen, dass wir eine stabile Zukunft in Europa haben. Viele Ökonomen waren dagegen, da Subventionen im Gegensatz zu Steuern, zu mehr dead-weight loss führen. Heute sollten sich Umweltschützer der Kritik anschließen, da das CAP die Natur zerstört.
    .
    Nicht wegen Autos und auch nicht wegen Gasheizungen sondern wegen Butterbrot und Wurstsemmel. Die Fläche, die fürs Brot und für die Semmel benötigt wird, ist ein kleiner Bruchteil der Fläche für das Bisschen Butter (Almen) oder der Scheibe Wurst (Mono-Kultur Tierfabriken). Der Durchschnittsösterreicher konsumiert 100kg Fleisch und 235kg Milch pro Jahr. Man isst wie ein Junkie, der all sein Geld, Hab und Gut und Erbe in nur eine schädliche Substanz investiert. Wenigsten haben alle anderen Drogen einen sehr kleinen Foot-Print. Wir haben die schädlichste Droge der Welt legalisiert und subventionieren sie sogar. Jede andere Droge wäre für die Welt besser.
    .

  4. Martin Balluch says:

    @Hugo
    Vielen Dank für dieses überzeugende Statement.

  5. Barbara Hable says:

    Evolutionär nicht darauf vorbereitet, zu Tausenden oder Millionen zusammengedrängt zu leben? Es gibt aber nun einmal viele Menschen und viele leben in Städten zusammen. Und sie essen Nahrungsmittel, die am Land produziert werden. Wie soll es funktionieren, wenn rundherum Wildnis ist? Das meinte ich mit Vision. Ich habe in Ihrem Blog gelesen, dass sie gern in der Steinzeit leben würden, in einer kleinen Menschengruppe, klingt gut, aber wenn alle Menschen in kleinen Gruppen in der Wildnis zusammenleben würden, wäre die ganz schön voll – auf einen Quadratkilometer Landfläche kommen heute 50 bis 60 Menschen (je nachdem ob Wüsten und Antarktis dazugerechnet werden oder nicht). Also nehmen wir an, so eine Menschengruppe besteht aus 50 Leuten, dann haben die jeweils höchstens
    1 km2 zur Verfügung, das stell ich mir ganz schön eng vor! Noch dazu, wenn alle was essen wollen – mit der Wildnis und den Wildtieren wär es wohl schnell vorbei, wenn wir uns so über die Erde verteilen, das geht sich einfach nicht aus! Evolution hin oder her, wir müssen uns wohl entscheiden: viele leben in Städten und Land wird zur Ernährung genutzt – oder aber wir müssen wieder weniger werden. Darum meine Frage nach der Vision. Wie könnte/sollte die Zukunft ausschauen?

  6. Martin Balluch says:

    @Hable
    Nein, wir können leider nicht in die Steinzeit zurück. Obwohl, wenn ich mir den Umgang mit dem Klimawandel anschaue, dann ist eine Megakatastrophe wahrscheinlich, die uns vielleicht in die Steinzeit zurück katapultiert. Wir wollen es aber nicht hoffen.
    Zweifellos müssen wir die Anzahl der Menschen reduzieren. Und wir machen das ja bereits in jenen Regionen, in denen Frauen einen gewissen Bildungsgrad erreichen. Und diese Entwicklung ist unumkehrbar. Noch hat kein Land mit rückläufiger Bevölkerung ohne Migration eine Umkehr „geschafft“. Gut so.
    Aber realistisch rede ich doch nie davon, dass wir alle jetzt und hier wie in der Steinzeit leben sollen. Es bleibt nichts Anderes als die Stadt. Aber damit verbunden MÜSSEN wir möglichst viele Naturreservate ohne menschlichen Einfluss schaffen bzw. erhalten, ansonsten geht neben den Wildtier Communities und den Ökosystemen auch noch die Menschheit (psychisch) zugrunde. Davon ist die Rede.
    Und, nein, Almen retten uns da nicht. Sie haben einen deutlich geringeren Erholungsfaktor. Wir sollten auf lange Sicht aus der Nutztierhaltung aussteigen und dann können wir endlich die Almen auflassen und zur Wildnis rückführen.

  7. Anonymous says:

    Ich bin genau deiner Meinung. Man geht wandern um die Natur zu sehen und nicht eine Kuhherde und lauter Straßen.

  8. Hugo says:

    Wie Martin, lege ich jedem nahe einen Urwald oder zumindest eine Kernzone oder eine Bewahrungszone zu besuchen. Echten Urwald gibt es in Österreich nur noch im Rothwald bei Dürrenstein und im Neuwald am Lahnsattel in Niederösterreich. Ein 30 Minuten Spaziergang reicht um den Unterschied zu den restlichen „Wald“ zu sehen und zu fühlen.
    .
    Im Wienerwald werden 5% seit 2005 vor Nutzung geschützt (Kernzonen). 5% sind also nicht Kulturlandschaft sondern „normaler Wald“. Diese kleinen Wildnis-Inseln sind so groß wie ein Parkplatz und trotzdem trifft man mehr Tiere, wie Feuersalamander, Iltise oder Eulen, an als sonst wo. https://www.bpww.at/en/node/332
    .
    Das „Naturschutzgebiet“ Kalkalpen umfasst über 20,000 Hektar. Die Urwaldreste umfassen 37 Hektar oder weniger als 0.2% „normaler“ Wald. Im Jahr 1992 waren noch 28% „naturnah“, heute sind es nur noch 11%. Und das obwohl die meiste Fläche Steilhang ist.
    https://www.kalkalpen.at/system/web/zusatzseite.aspx?detailonr=222370336-2237&menuonr=222370470
    .
    Wäre ganz Österreich nur Wald, dann wären 0.2-5% zu wenig für gesunde Ecosystem-Services. Die heutigen Normal-Wald Gebiete sind eher mit einer Art Natur-Zoo oder Museum zu vergleichen. Der meiste Wald ist wegen der Viehwirtschaft aka Wurstsemmal verschwunden. Deswegen sind in Österreich und Deutschland 75% aller Insekten in weniger als 30 Jahren verschwunden (und somit Vögel und Säuger). Vieles könnte wieder kommen wenn das Wurstsemmal nicht wär.

  9. Hugo says:

    Es sind nicht Kulturlandschaften und Landwirtschaften, sondern Naturlandschaften, die sich um gesunde Eco-Services kümmern. Wir produzieren nicht unsere eigene Luft und unser eigenes Wasser. Wir bauen nicht unsere eigenen Bakterien und Pilze, die Stickstoff und andere Nährstoffe in die Pflanzen bringen, um dort unsere essentiellen Aminosäuren und Lipide zu formen.
    .
    Kulturlandschaft kann sich langfristig nur dann erhalten, wenn es ausreichend Naturlandschaft gibt. Wir Menschen können langfristig nur dann genug Essen anbauen, wenn es genug Naturlandschaft gibt. Naturlandschaft steht für Produzieren, Kulturlandschaft für konsumieren. Moderne Menschen benehmen sich, als ob sie eine Natur Credit Card hätten, mit der man langfristig mehr ausgeben kann als man einnimmt. Macht sie wer auf das aufmerksam kommt „und wie soll ich sonst essen?“. Die UN meint dieser Tipping Point wurde vor Jahrzehnten erreicht. Wir werden unseren Kindern einen Schuldenberg hinterlassen, aber wir groß der ist, hängt noch immer von uns ab.
    .
    Es gäbe eine leichte Lösung, weniger Fleisch und mehr Bio. Würden wir unseren Fleisch-Konsum um die Hälfte reduzieren, könnte man die Hälfte der Kultur- und Landwirtschaft zur Naturlandschaft machen. Fleisch-Konsum nimmt 3/4 aller Flächen ein und liefert nur 11% der Kalorien. Auch wirtschaftlich, ist das auch völlig verrückt. Mit dem heutigen Fleischkonsum steht Österreich schon im Minus, weil es gar nicht genug Land gibt um selbst zu versorgen. Die hoch geförderten Schweinebauern nutzen unsere Steuergelder um Soja aus dem Südamerikanischen Urwald zu importieren.
    .
    Weniger Fleisch würde zu einem großen wirtschaftlich Aufschwung und mehr Einkommen für all führen. 98% der Bevölkerung müssten nicht mehr die Hälfte ihrer Steuergelder (CAP) an 2% der Menschen schenken, die Natur und Tiere am stärksten und schnellsten zerstören. Die BBC berichtet, dass das weniger Fleisch nicht Millionen oder Milliarden sondern Trilliarden einbringen würde. Geld das wir in Jobs, Ausbildung und Gesundheit investieren könnten.
    http://www.bbc.com/capital/story/20181102-swapping-t-bone-for-tofu—but-does-it-add-up
    .
    PS: Die Stadt kann ich persönlich als ein großes Haus oder einen großen Bau akzeptieren, am Land schmerzt mich was ich sehe am meisten. Das schlimmste für mich sind sogenannte “Dörfer”. Um die Häuser herum nur gemähter Rasen und um den Rasen nur Mono-Kultur Felder ohne auch nur ein einziges Geräusch. Keine Insekten und keine Vögel. In der Nähe sieht man eine Tierfabrik. Die Bio-Services dort sind vergleichbar mit einem Parkplatz oder einer Autobahn, nur sind die Dimensionen viel größer. 1860 schrieb Henry David Thoreau: “I derive more of my subsistence from the swamps which surround my native town than from the cultivated gardens in the village. If it were proposed to me to dwell in the neighborhood of the most beautiful garden that ever human art contrived, or else of a Dismal Swamp, I should certainly decide for the swamp. How vain, then, have been all your labors, citizens, for me!

  10. Zukunftsängstlich says:

    Ja das sind alles sehr schöne Träume…. Aber die Urwaldstiftung wollt Ihr nur in den Bergen oder auch im Flachland? Ganze Landstriche ausser Ertrag nehmen, Landwirtschaft wie Forstwirtschaft? Einfach nur Natur…! Genial!
    Es zeit natürlich gewisse Probleme mit sich, die alleine aus der Gesetzgebung her schon vorprogrammiert sind…
    Aber ich bin mir sicher, wenn der Mammon passt, sind die Land- und Forstwirte die ersten, die Ihre Wälder still legen… Es muss halt nur die Kohle stimmen!
    Aber was essen wir dann in Zukunft? EInfach sehr viel weniger oder importieren wir noch viel mehr?

    Schöne Träume – das Aufwachen ist nur meist sehr brutal! 🙂

    ps. im Waldviertel sind kaum Almen, aber dafür der Wolf… (zum Wandern)

  11. Martin Balluch says:

    @Zukunftsängstlich
    Es wurden in den letzten Jahren 200 Waldflächen, leider recht geringer Größe, außer Nutzung gestellt, z.B. eine beim Kreuzpfäder im Hochschwab nahe der Grießsteine. Finden Sie das schlecht? Ist das auch nur ein schöner Traum?
    Die Nationalparks sollten ja auch außer Nutzung gestelltes Land sein, auch wenn sies leider nicht wirklich sind. Und die wenigen Urwälder, die wir noch haben. In der Situation, in der wir uns jetzt befinden, ist also das Gebot der Stunde möglichst viel außer Nutzung zu stellen. Es wird viel zu viel genutzt, nicht zu wenig.
    Sollten tatsächlich eines Tages relevante Flächen Österreichs außer Nutzung gestellt sein und deshalb eine Hungersnot ausbrechen (was für ein seltsamer Traum ist das denn!), dann können wir ja damit aufhören, bis wir eruiert haben, welche Nutzung welcher Flächen unbedingt notwendig ist. Momentan aber höre ich das Gegenteil, nämlich das die Grundbesitzer_innen unbedingt nutzen müssen, und dass man das doch zu verstehen habe, immerhin gehöre ihnen ja das Land und dass man aus Besitz Gewinn ziehen will, sei doch nachvollziehbar. Dazu sage ich: nein, ist es nicht. Nicht alles muss man nutzen. Gerade die Natur sollten wir so weit wie möglich ungenutzt lassen.
    Das Argument, xy zu machen sei schlecht, weil wenn alle xy machten, dann ginge die Welt unter, ist zu kurz gedacht. Ich weiß nicht was Sie gut finden, vielleicht Fußball spielen? Stellen Sie sich vor, alle würde nur mehr Fußball spielen, dann würden wir alle verhungern. Naja.
    Vielen Dank für den – allerdings offensichtlich nicht ernst gemeinten – Vorschlag, im Waldviertel zu wandern. Habe ich schon gemacht. Ich bin eine Woche mit meinem Hundefreund im Waldviertel gewandert, aber es hat mir viel zu viel gemenschelt. Während ich bei mir zu Hause ganz locker eine Woche mit dem Zelt gehen kann, ohne jemanden zu treffen, gibt es im Waldviertel zwar schöne Flecken, aber eine Wanderstunde später stolpert man schon wieder über Straßen und Häuser und Menschen. Vielleicht sollten die Wölfe zu uns in die Obersteiermark wechseln, da hätten sie vergleichsweise noch eine Wildnis. Und ich würde mich sehr freuen!!

  12. Joerg says:

    Bin absolut Deiner Meinung! Ein gutes Beispiel dafuer, wie es anders gehen kann sind die US National Parks – z.B Yosemite, Kings Canyon, Sequoia – es gibt keine Almen und keine Forstwirtschaft, daher auch keine Forststrassen – daher muss man sich bestenfalls eine Stunde von den Tourismusinseln (z.B Yosemite Valley) wegbewegen, um ein ganz anderes Natur/Bergerlebniss zu haben…

  13. Anonymous says:

    Lieber Martin,
    warum wanderst du überhaupt auf Berge und Almen? Dort ist es ja so unschön?
    Was sollen wir Menschen denn überhaupt noch machen. Um deine Anforderungen zu erfüllen müssen wir alle Suizid begehen?
    Und was ist mit der Artenvielfalt die durch unsere Kulturlandschaft gefördert wird? Wollt ihr die auch nicht?
    Lg Martin

  14. Martin Balluch says:

    @Martin
    Wo soll ich sonst wandern, wenn es (fast) nur Berge mit Almen bei uns gibt? Im Kanalsystem einer Stadt?
    Ich wohne im Wald. Wenn ich einen Schritt mache, wandere ich bereits in den Bergen. Und nicht viel weiter ist die erste Alm. Die Südkarpaten sind auch keine Alternative, dort drängen sich auch die Almen überall. Und selbst in Skandinavien almlts, weil dort die Lappen ihre semidomestizierten Rentiere herum treiben.
    Das ist ja der vermutlich traurigste Aspekt des Lebens, dass der Mensch überall die Welt verschandelt. Das werden Sie doch auch empfinden, falls Sie für die Natur empfänglich sind. Sollten Sie ernsthaft meinen, die Gefühle in einem künstlich gepflanzten Forst mit Fichtenmonokultur oder auf einer brandgerodeten Alm voller Kuhkacke ist mit dem Gefühl, das man in einem Urwald hat, vergleichbar, am besten noch mit abendlichem Wolfsgeheul, dann haben Sie Letzteres noch nicht erlebt, das garantiere ich Ihnen.
    Ja, die Welt wäre mit wahnsinnig viel weniger menschlichem Einfluss unfassbar viel schöner. Ein trauriges Faktum angesichts ständig steigender Bevölkerungsdichte.
    Wenn Sie Orte ohne menschlichen Einfluss kennen, nennen Sie sie mir bitte. Ich bin immer auf der Suche.
    Kulturlandschaft – ich kann das Wort schon nicht mehr hören. Mit dieser Ausrede werden z.B. die großen Beutegreifer ausgerottet. Die Kulturlandschaft kann mir samt und sonders gestohlen bleiben.
    Mein Traum ist eine Art Urwaldstiftung zu gründen, der die Menschen ihre Hinterlassenschaften vererben können, und damit wird ständig neues Land gekauft, das dann zu 100 % aus jeder menschlichen Nutzung genommen wird. D.h. keine Forstwirtschaft, keine Jagd, keine Landwirtschaft, niemand darf dort wohnen – aber alle dürfen nach Herzenslust Winter wie Sommer und Tag wie Nacht drin wandern.

  15. Baha says:

    Es menschelt Ihnen zuviel dort, wo Sie spazierengehen wollen – oder überhaupt?? Sie wollen die Wildnis genießen, ich auch. Wenn alle das wollen, geht sich das aber nicht aus – sollen die einen also zusammenrücken damit die anderen so viel Platz haben? Wie soll das gehen? Mir fehlt hier die Vision. Also vielleicht doch besser Almen und Nutztiere und Kulturlandschaft und wir teilen uns den Planeten, der nun einmal nicht unendlich groß und fruchtbar ist?

  16. Martin Balluch says:

    @Baha
    Evolutionär wurden wir sicher nicht darauf vorbereitet, zu Tausenden oder sogar Millionen zusammengedrängt zu leben. Das stresst und macht depressiv. Da hilft nur die Flucht weg von allem Menschengemachten. Das müsste doch einleuchten.
    Ihre Logik verstehe ich dann nicht ganz. Weil wir sowieso so viele sind, sollen wir gleich die gesamte Natur verbauen, brandroden und mit Nutztieren füllen (deren Hauptaufgabe es zu sein scheint, lebende Pflanzen in umweltverseuchende Gülle zu verwandeln)? Warum soll das besser sein, als möglichst viel Natur unberührt zu lassen? Weil man dann dort auch ab und zu Wanderern begegnet?
    Die naturbelassene, verwildernde Welt hat auch noch einen ganz wichtigen weiteren Vorteil: sie ermöglicht Wildtieren, unabhängig vom Menschen ihr Leben zu organisieren. Ich behaupte, fast alle Wildtiere leiden fast immer unter dem menschlichen Einfluss. Es gibt praktisch keinen guten Einfluss der Menschen auf Wildtiere. Also lassen wir doch bitte möglichst große Teile der Erde unbeeinflusst von Menschen.

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