Zur Psychologie der Wolfshasser und -hasserinnen

Kommt eine etwa 60 jährige Dame in Wien zu unserem Infostand, sehr bürgerlich, sicher ohne Bezug zur Natur. Schon von 5 m Entfernung schreit sie, wie verrückt wir sind und dass der Wolf weg muss, sofort weg, besser heute als morgen, das sei doch eine Bestie, blutrünstig und brutal usw. Als ich sie kurz unterbrechen und fragen wollte, was sie eigentlich so aufregt, winkte sie ab, rannte förmlich davon und rief uns noch zu, dass wir vollkommen wahnsinnig sind.

Ich frage mich, was einen Menschen dazu treibt, derart radikal irrational zu sein, und gleichzeitig ganz offensichtlich selbst nicht betroffen. Ich wette, diese Frau hat noch nie einen Wolf gesehen, war noch nie in einem Wald mit Wölfen, hat mit Schafen schon gar nichts zu tun und nicht einmal kleine Kinder, die irgendwo in einem Wald leben, in dem vielleicht ein Wolf auftauchen könnte. Also warum ist sie so aufgebracht?

Kürzlich waren wir zu viert bei einer Treibjagd im Nordburgenland. Wir standen nur auf öffentlichen Straßen ganz still und passiv am Straßenrand und filmten aus der Ferne das Geschehen. Wir mussten im Übrigen aus der Ferne filmen, weil die Bezirkshauptmannschaft eine Verordnung erlassen hatte, die sämtliche öffentlichen Straßen in der Nähe der Treibjagd sperrte. Ein Skandal für sich. Aber die Kronenzeitung berichtete von unserer Arbeit mit folgender Überschrift: „Militante Tierschützer von Treibjagd ausgeschlossen“. Im Artikel selbst wurde rein faktisch berichtet, dass wir passiv gefilmt hatten. Aber die Metabotschaft, also das durch die emotionalen Kraftausdrücke vermittelte Gefühl, war, dass wir gewalttätige Störer sind, die unbedingt weg müssen.

Ein intelligenter Mensch, so würde ich meinen, liest die Fakten und lässt sich durch solche Begriffe nicht beeindrucken. Doch leider scheint das nur für eine Minderheit zu gelten. Der Rest liest in erster Linie die Metabotschaft und gerät in die vom Autor oder der Autorin gewünschte Emotion. So könnte man über einen Luftangriff von Israel auf Palästina mit den Worten „Hilflose Frauen und Kinder ausgebombt“ oder „Endlich ein Nest von Terroristen ausgehoben“ berichten, und sich dabei auf exakt dieselben Fakten beziehen. Eigentlich sollten Medien neutral berichten, auch mit neutralem Wortlaut. Eine subjektive Bewertung wäre dann in einem deutlich gekennzeichneten Kommentar zu platzieren. Nur leider sind die meisten Medien im Besitz von Menschen oder Firmen, die eine klare politische Agenda haben, und daher kann man von neutraler Berichterstattung nicht mehr ausgehen.

Ein Beispiel. Jeden Tag werden in Österreich im Mittel 3 Frauen vergewaltigt. Folgt die Polizei der Anweisung unseres Innenministers, dann sollte nur noch dann davon berichtet werden, wenn der Täter ein asylsuchender Ausländer und das Opfer ihm unbekannt war. Mit entsprechender Metabotschaft. Damit macht man Politik.

Zurück zum Wolf. Man kann über das Faktum, dass an einem gewissen Tag und einem Ort einige Schafe gerissen worden sind, berichten, indem man den Wolf als Bestie darstellt. Oder man sagt dazu, dass statistisch gesehen an jedem Tag des Jahres 23 Schafe in Österreich an den schlechten Haltungsbedingungen zugrunde gehen und 250 im Schlachthof sterben. Auch das könnte man zeigen und diese Nachricht jeden Tag wiederholen. Gäbe es dann einen Hass auf Schafhalter_innen? In den Hühnerfabriken sterben sogar 30.000 Tiere pro Tag an den Haltungsbedingungen österreichweit. Das wäre doch einige Krokodilstränen der Halter_innen wert. 30.000 Tiere pro Tag! Soviele könnten Wölfe niemals im Leben an einem einzigen Tag töten. Aber das ist uns keine Aufregung wert, die Bestie Mensch?

Ich denke das ist der Auslöser für diese wütenden Bürger_innen bei unserer Wolfsausstellung. Sie haben die Metabotschaften der Medienhetze gegen den Wolf internalisiert. So funktioniert ja auch Werbung und staatliche Propaganda in jeder Diktatur. Und es funktioniert. Erschreckend gut. Bei jeder unserer Wolfsausstellungen kann man diesen Effekt erneut studieren. Kein gutes Zeugnis für die Menschheit und ihre Intelligenz.

2 thoughts on “Zur Psychologie der Wolfshasser und -hasserinnen

  1. Orwell says:

    Wenn es keinen prinzipiellen Unterschied zwischen Menschen und anderen Tieren gibt, und man es Tieren nicht zum Vorwurf machen kann, dass sie andere Tiere töten, dann kann man auch Menschen nicht zum Vorwurf machen, dass sie andere Tiere töten.

  2. Martin Balluch says:

    Eine Frage, liebe/r Orwell, haben Sie von diesem Stamm gehört, der völlig abseits der Zivilisation lebt und diesen Missionar umgebracht hat, der auf die Insel des Stammes gekommen ist? Es handelt sich um die indischen Andamanen-Inseln und das Volk der Sentinelesen. Interessanter Weise wird dieser Mord von der Gesellschaft ausserhalb als eine Art Notwehr hingenommen – als hätte dort ein Tiger den Missionar getötet. Und niemand aus der Tierrechtscommunity – ich inklusive – regt sich darüber auf, dass diese Ureinwohner_innen dort Tiere jagen. Genauso wie die Wölfe. Das ist einmal eine faktische Beobachtung. Der Grund liegt in meinen Augen darin, dass diese Menschen dort, genau wie die Wölfe, töten müssen, um zu überleben. Sie werden nicht von einer Zivilisation gestützt, sie leben nicht unter Rechten und einem Gewaltmonopol. DAS ist der Unterschied, nicht ob sie Mensch oder Tier sind. In einer technologischen Massengesellschaft können weder Hunde noch Menschen einfach überall hinkacken, und genauso nicht einfach jeden fressen, der ihnen über den Weg läuft. Da müssen Regeln herrschen, deren Exekutierung an das Gewaltmonopol übertragen wird.
    Lustig, Ihr Kommentar umgedreht: Sie sagen offenbar, man kann Wölfen vorwerfen, wenn sie andere Tiere töten, um sie zu essen, und deshalb auch den Menschen. Aber machen wir das? Machen die Wolfshasser_innen das? Leben die alle vegan? Warum sollen Menschen Schafe töten dürfen, um sie zu essen, Wölfe aber nicht? Was ist da die Logik?
    Nicht-vegane Wolfshasser_innen müssen ja offenbar der Meinung sein, Wölfe sollten vegan leben, Menschen brauchen das aber nicht. Ist das nicht ein ganz besonders lustiger Gedanke?

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